Traumaarbeit im Kontext der internationalen Zusammenarbeit

Vortrag von Usche Merk

Vortrag von Usche Merk (medico international) und kritische Würdigung des Eingangsvortrags auf der Fachtagung "Trauma und Politik" am 24.01.2013 im Haus am Dom, Frankfurt.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

Ich will mit meinem Beitrag aus der Perspektive einer Hilfsorganisation sprechen, die sich seit vielen Jahren mit den verflochtenen Geschichten von Trauma und Politik im sogenannten globalen Süden auseinandersetzt.

medico international, im berühmten Jahr 1968 gegründet, hat sich in den 70er und 80er Jahren mit seiner Projekt- und Kampagnenarbeit aktiv an die Seite von Befreiungsbewegungen gestellt, die gegen Unterdrückung, Diktatur, Rassismus und Vertreibung kämpften, sei es in Lateinamerika, Afrika oder Nahost. Die brutale Repression und Gewalt, die diese Kämpfe mit sich brachten, konfrontierte uns zum ersten Mal damit, dass Hilfe sich auch mit den psychosozialen Folgen traumatischer Erfahrungen auseinandersetzen muss.

In Kooperation mit der politisch engagierten Psychoanalytikerin Marie Langer, die mit ihrer Biographie als Kämpferin im spanischen Bürgerkrieg, verfolgter Jüdin und Emigrantin in Argentinien und Mexiko, selbst eine Geschichte von Trauma und Politik repräsentierte, fingen wir an, psychosoziale Hilfe in Nicaragua nach dem Sturz der Diktatur zu unterstützen. Die Suche nach angemessenen Formen der Hilfe und Therapie war immer von dem Bewusstsein begleitet, dass es die politischen Ursachen waren, die die Menschen hilflos und krank gemacht hatten und dass Heilung nicht unabhängig von der Wahrnehmung und Veränderung des politischen Kontextes gedacht werden kann.

Normale menschliche Reaktionen auf unnormale, unmenschliche Erfahrungen

Wie ambivalent und problematisch das Verhältnis von Trauma und Politik sein kann, wurde uns in unserer weiteren Arbeit auch in Chile bewusst, in der es um Hilfe für Gefolterte ging. So sehr die Betroffenen litten, so sehr wehrten sie sich auch gegen eine Pathologisierung als Traumaopfer. Krank war die Folter und die politische Gewalt, ihre Störungen waren normale menschliche Reaktionen auf unnormale, unmenschliche Erfahrungen. So entstanden Diskussionen darüber, welche therapeutische Haltung und welche Form der Hilfe denn wirklich hilfreich ist und wie gleichzeitig der Folter und Gewalt entgegengewirkt werden kann.

In der Folge haben wir uns in vielen Ländern und Regionen engagiert und mit dieser Ambivalenz auseinandergesetzt. Von Hans Keilson, der Jahrzehnte mit jüdischen Kriegswaisen gearbeitet hatte, lernten wir, dass Trauma kein Symptomkatalog sondern ein sequentieller Prozess ist, in dem das Wechselspiel des äußeren Kontextes und der inneren Erfahrungen darüber entscheidet, wann und in welcher Form Menschen die Folgen traumatischer Erfahrungen quälen. Das heißt in welchem Kontext sich Menschen nach einer Verfolgung wiederfinden, spielt genauso eine Rolle bei der Ausbildung von Störungen wie die Verfolgung selbst.

Argumentative Entkoppelung von Trauma und Politik

Dieser Kontext hat sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge der neoliberalen Globalisierung grundlegend verändert, ohne dass von einer post-traumatischen Situation die Rede sein könnte. Herrschaftsverhältnisse und strukturelle Gewalt werden nicht mehr durch ‚altmodische’ Diktaturen und staatliche Repression abgesichert, sondern durch ‚privatisierte’, diffuse und unpolitisch in Erscheinung tretende (Gewalt)Akteure reproduziert. Die zunehmende Entstaatlichung, die Dynamik der Exklusion großer Teile der Bevölkerung von ökonomischer und gesellschaftlicher Teilnahme, die strukturelle und direkte Gewalt eines ‚Survival of the Fittest’, dem die ‚Globalisierungsverlierer’ ausgeliefert sind, haben die Grenzen zwischen politischer und sozialer Gewalt verwischt und die Welt in einen Zustand extremer Ungleichheit versetzt.

Zu dieser Privatisierung von Gewalt gehört eine argumentative Entkoppelung von historischen, ökonomischen und politischen Ursachenzusammenhängen, von Trauma und Politik. Und eine humanitäre Hilfsindustrie, in der Traumaarbeit zum „Herzstück des letzten großen imperialen Kulturprojekts“ geworden ist, wie der Psychologe David Becker das zuspitzend formuliert. Nicht um sinnvolle psychosoziale Hilfe im Kontext humanitärer Krisen geht es dabei, sondern um einen Markt, auf dem sich Traumaexperten nach einem Krieg oder einer Katastrophe möglichst schnell vor Ort zeigen wollen, um sich den ‚Traumatisierten’, die als hilflose Opfer wahrgenommen werden, als Retter anzubieten.

Schon 1997 haben wir diese Problematik in einem kleinen Büchlein unter dem Titel „Schnelle Eingreiftruppe Seele“ öffentlich gemacht, das erstaunliche Verbreitung gefunden hat, aber das Traumageschäft nicht aufhalten konnte. Einen Höhepunkt fand es nach dem Tsunami Unglück 2005, als die Region von einer zweiten Welle von Traumaexperten überschwemmt wurde, die der Autor Ethan Watters als größte internationale psychologische Intervention aller Zeiten bezeichnet.

Das Geschäft mit dem Trauma

Schon zwei Wochen nach dem Unglück waren Hunderte von Therapeuten vor Ort, die nichts taten und nur im Weg waren, weil sie die Sprache nicht sprachen und nicht wussten, was sie tun sollten. Trotzdem schien es, als ob jeder, der irgendetwas mit Trauma zu tun hat, vor Ort sein wollte. Überall wurden Zahlen publiziert, dass mindestens 15% - manche sprachen gar von 50-90% - der Überlebenden posttraumatische Störungen entwickeln würden. Darunter auch die Pharmafirma Pfizer, die sofort ein Symposium über psychosoziale Hilfe organisierte, auf dem sie ihr neues Antidepressivum Zoloft anpries, das nach wenigen Wochen Wut und ‚emotionalen Aufruhr’ beseitigen würde. Mit der „Volksarmee“ von Traumatherapeuten kamen auch die Forscher, wie z.B. Neuropsychologen der Konstanzer Universität, die drei Wochen nach dem Unglück eine Studie über posttraumatische Störungen (PTSD) bei Kindern („zwischen 14 und 39%“) präsentierten, obwohl selbst das DSM Manual erst von PTSD spricht, wenn Symptome länger als 4 Wochen anhalten. All diese Studien und Interventionen waren vollkommen abgetrennt von lokalen Narrativen über die Bedeutung und Auswirkungen des Tsunami und deren Suche nach Bewältigungsformen und genauso abgetrennt von den politischen und sozialen Bedingungen der Überlebenden.

In diesem unkontrollierte Markt, der sich öffentlichkeitswirksam auf Seiten der ‚Guten’, nämlich der Opfer präsentieren kann, haben die Betroffenen weder eine Position, Rahmenbedingungen und Wirksamkeit von Hilfe mitgestalten, überprüfen oder einklagen zu können, noch eine Möglichkeit, übliche professionelle und ethische Auflagen, die für die therapeutische Arbeit und Forschung mit Traumatisierten gelten, zu überwachen. Der Versuch von Hilfsorganisationen, nach der Tsunami-Erfahrung mit Hilfe der IASC Guidelines Richtlinien für gute psychosoziale Praxis zu formulieren, die keinen Schaden anrichten darf, ist sinnvoll und gut gemeint. Er ist aber nur dann relevant, wenn die Einhaltung der Richtlinien auch überprüft und durchgesetzt werden kann. Sonst sind sie nur das moralische Mäntelchen einer weiter interessengeleiteten unkontrollierten Praxis, wie sie sich in Haiti, in Ostafrika und jüngstens in Syrien fortsetzt.

Als solche erleben wir auch die rasante Expansion eines standardisierten Interventionsverfahrens in der humanitären Hilfe – der narrativen Expositionstherapie kurz NET genannt.

Das Paradigma der standardisierten Kurzinterventionen

NET, das von den vorher erwähnten Konstanzer Neuropsychologen um Neuner, Schauer und Elbert entwickelt wurde, ist eine Kurztherapie zur Traumabehandlung im Rahmen von vier bis sechs Sitzungen, die eine rasche detailgetreue Konfrontation der Klientinnen und Klienten mit den schlimmsten traumatischen Ereignissen beinhaltet. Sie behaupten, in Kontrollstudien (RCT), die sie mit Überlebenden des sudanesischen Bürgerkriegs in einem Flüchtlingslager in Uganda durchgeführt haben, die Wirksamkeit der Methode nachgewiesen zu haben und verwerfen die Forderung, dass der Konfrontation mit dem Trauma eine Stabilisierungsphase vorausgehen muss. Selbst Beziehungsaufbau und Kontinuität scheinen ihnen vernachlässigbar, denn die einzelnen Sitzungen können durchaus von verschiedenen Therapeuten durchgeführt werden. Hintergrund ist das neuropsychologische und symptomfokussierte Verständnis von Trauma der NET Vertreter, das als universell gesehen wird und das daher weder Kultursensibilität noch soziale Stabilisierung für nötig hält.

Die Traumatherapeuten Christian Pross, Adrian Mundt und andere Kritiker bezeichnen das NET Verfahren nicht nur als kulturunsensibel und dessen Wirksamkeitsnachweis als fragwürdig, es erscheint ihnen auch ethisch problematisch und mit seiner Fixierung auf PTSD wenig angepasst an die Bedürfnisse vor Ort und den Standards guter psychosozialer Arbeit . Bei der Kritik an der NET Therapie geht es nicht um einen abseitigen Streit unter Experten sondern um einen mit Folgen: Die Konstanzer Gruppe ist inzwischen so einflussreich geworden, dass sie auf die Formulierung der deutschen Behandlungsleitlinien zur Traumabehandlung einwirken konnte und dabei die Bedeutung der Stabilisierung abgeschwächt wurde.

Auch das Bundesamt für Flüchtlinge bezieht sich auf die Konstanzer Forschung, wenn es behauptet, nach fünf bis zehn Therapiestunden seien traumatisierte Flüchtlinge behandelt und könnten dann abgeschoben werden. Ähnliches gilt für die Praxis der humanitären und psychosozialen Hilfe: Mit zahlreichen Publikationen und Debatten auf internationalen Tagungen versuchen Neuner, Schauer und Elbert, ihre Position eines – wie sie es nennen – Paradigmenwechsels in der humanitären Hilfe zu präsentieren und Veränderungen bei Geldgebern und Ausbildungen von humanitären Helfern durchzusetzen.

Eine andere Traumaarbeit ist möglich

Doch Traumaarbeit hat zwei Gesichter, wie David Becker es nennt. Sie ist auch das spätkapitalistische Produkt der Einsicht in die subjektiven Dimensionen der Zerstörung, in die Existenz extremen sozialen Leids, in die tiefgreifenden Folgen von Traumatisierungsprozessen, die zur Kenntnis genommen werden müssen. Und sie beinhaltet das Engagement derjenigen, die diese Entwicklungen nicht hinnehmen, sondern etwas dagegensetzen wollen.

Wie auch die vorigen Rednerinnen ausgeführt haben, ist der erste Schritt, wieder politischer über Trauma zu sprechen und auf dem Unterschied zu beharren zwischen einer pathologisierenden, entmündigenden affirmativen Hilfe und einer emanzipatorischen, die die Ambivalenz von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und individuellem Hilfeanspruch nicht ausblendet. Nicht um die Anpassung des Menschen an traumatische Verhältnisse durch ein biologistisches Traumaverständnis und verkürztes Resilienzmodell geht es, sondern um die Veränderung der Verhältnisse, die Menschen krank machen. Neben einer offensiven Kritik an Ansätzen wie zum Beispiel dem NET, über dessen Formen wir gerne auch hier diskutieren würden, geht es ferner darum, Alternativen sichtbar zu machen.

Sprechende, Reflektierende, Handelnde: Traumatisierte sind Subjekte

Anhand eines Beispiels möchte ich kurz erläutern, was dies in der Praxis bedeutet: Vermittelt über einen sierra leonischen Sozialwissenschaftler nahm im letzten Jahr eine Gruppe von Sierra Leonern Kontakt mit uns auf, die alle auf sehr brutale Weise aus Deutschland abgeschoben wurden und sich nun völlig mittellos, von ihren Familien und Gemeinden abgelehnt und psychisch labil in Sierra Leone wiederfanden. Einige wurden schwer depressiv und suizidal, andere mussten mit psychotischen Symptomen in die einzige Psychiatrie Sierra Leones eingewiesen werden, in der die Patienten zum Teil noch angekettet werden. Doch gab es auch einige, die sich als Selbsthilfegruppe der Ex-Asylum Seekers organisieren und um Unterstützung suchen wollten. Statt einen Traumatherapeuten zu schicken, begannen wir einen längeren Dialog mit der Gruppe darüber, was sie glauben, was hilfreich für sie sein könnte. Dabei wurde das Bedürfnis sichtbar, öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen zu können, um der Ausgrenzung und Stigmatisierung in der sierrra leonischen Gesellschaft als ‚Kriminelle’ und ‚Versager’ entgegentreten und ihre wahre Geschichte erzählen zu können.

So begann ein Prozess, in dem sie sich (bei einem begleiteten Story-telling workshop) zuerst untereinander von dem berichteten, was sie quälte und gemeinsam überlegten, was und wie sie öffentlich darüber sprechen könnten. In einem zweiten Schritt begannen sie öffentliche Veranstaltungen und Radiodiskussionen zu organisieren, in denen sie über ihre Erfahrungen berichteten und Appelle an die sierra leonische Gesellschaft aber auch an Politiker und Botschaften richteten, integriert und unterstützt zu werden. Über die elektronische Dokumentation ihrer Aktivitäten wollten sie nicht nur in Sierra Leone, sondern auch in Deutschland sichtbar werden – als Menschen, denen Gewalt angetan wurde und die darum kämpfen, in Würde weiterzuleben.

Dieser Prozess hat in Sierra Leone viele Menschen berührt und mobilisiert und eine Dynamik ausgelöst, die von den Betroffenen so beschrieben wird: „Ich bin sehr glücklich, dass ich an diesen Veranstaltungen teilgenommen habe. Ich fühle mich erleichtert, dass ich meine Geschichte erzählen und erfahren konnte, dass ich nicht alleine damit bin und es Menschen gibt, auf die ich zählen kann.“

Dies ist nur der Anfang eines Kooperationsprozesses, der sich über Jahre fortsetzen kann und aus dem heraus sich alternative, emanzipatorische Konzepte entwickeln können. Dazu gehören auch begleitende Menschenrechtskampagnen über die europäische Abschottungs- und Migrationspolitik.

Worum es mir hier geht, ist eine politische und professionelle Haltung, die wir wieder offensiver verteidigen müssen. Nicht um Abwehr vom Schrecken der globalen Lebenswirklichkeiten durch standardisierte Interventionsverfahren, sondern um Empathie und Solidarität mit den Betroffenen und ihrer Suche nach Veränderung. Um Anerkennung, dass es nicht um psychiatrische Diagnosen sondern um Menschen geht, denen schweres Unrecht angetan wurde. Das ist dann möglich, wenn Menschen mit Respekt begegnet wird und sie als Sprechende, Reflektierende, Handelnde nämlich als Subjekte wahrgenommen werden.

Veröffentlicht am 07. Februar 2013

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