Afghanistan

Theater der Unterdrückten

Im Theater der Unterdrückten finden Kriegsopfer Raum, ihre eigene Geschichte zu erzählen und aufzuarbeiten. (Foto: AHRDO) 

Nach der militärischen Intervention intervenieren jetzt internationale Nichtregierungsorganisation in Afghanistan mit ihren Konzepten für Post-Konflikt-Situationen. Die afghanische Menschenrechtsorganisation AHRDO geht einen anderen Weg. Sie bietet Kriegsopfern mit dem Theater der Unterdrückten ein Forum, um die eigene Geschichte zu erzählen und selbst Wege zu suchen, das Vergangene zu überwinden.

Bisharat, Zaman und Fatima sind in Pakistan aufgewachsen, als Flüchtlinge aus ihrem vom Krieg zerschundenen Land. Als sie nach Afghanistan zurückkehrten, fanden sie Anstellung bei internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGO). Das Berufsleben ihrer Wahl geriet zur bitteren Enttäuschung. Sie hatten Glück, als Flüchtlinge dem Krieg entronnen zu sein und wollten sich mit ihrer Arbeit für Menschen einsetzen, die solches Glück nicht hatten. Gemeinsam mit ihnen wollten sie den mühsamen Weg gehen, Vergangenes aufzuarbeiten, um die Basis für eine neue Gesellschaft zu begründen. Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Einfallslose Routine beherrschte den NGO-Alltag, man spulte die eigenen Programme nach Regeln ab, die Geldgeber fernab der Städte und Dörfer Afghanistans aufgestellt hatten. Den Nöten ihrer Bewohner entsprachen sie nicht.

Den Taliban und Mudschaheddin zum Trotz

Bisharat, Zaman und Fatima fanden sich damit nicht ab. Verstärkt durch vier Gleichgesinnte kündigten sie ihre Jobs und gründeten die Afghanistan Human Rights and Democracy Organisation (AHRDO). Politisch richteten sie ihre Arbeit an den Menschen aus, die in Afghanistan auf den letzten Platz verwiesen sind: Kriegsversehrte und Kriegswitwen. Den größtmöglichen Abstand zum NRO-Geschäft erreichten sie durch das Wagnis, sich ausgerechnet mit diesen Menschen auf das Feld des Theaters zu begeben, das für Mudschaheddin und Taliban der Hort äußerster Verworfenheit ist. Dabei bezogen sie sich auf den Regisseur Augusto Boal, der im Brasilien der 1960er Jahre die Tradition des „teatro do oprimido“, des Theaters der Unterdrückten, begründet hatte. Schon ein Jahr später fand die Aufführung ihres ersten Stücks statt. Heldinnen und Helden waren keine Schauspieler, sondern die Betroffenen selbst: Frauen, die ihre Männer verloren hatten, Männer, die unter der sowjetischen Besatzung, unter den Mudschaheddin oder unter den Taliban zum Opfer brutaler Folter geworden waren.

„Das Theater der Unterdrückten ist der Ort, wo ich sagen kann, dass man mir die Stimme nicht hat nehmen können“, sagt Dr. Sharif. Inhaftiert wurde er erstmals in den 1970ern, weil er als linker Student gegen die prosowjetische Regierung demonstrierte; danach haben ihn auch die Mudschaheddin und später die Taliban ins Gefängnis gesperrt. Den Doktortitel führt er, weil er sein Medizinstudium trotzdem abgeschlossen hat – als Arzt praktizieren aber konnte er nie. Bei AHRDO ist er heute mit Abstand der Älteste. Fast 200 Aufführungen hat das Team mittlerweile betreut, begleitet von einer Vielzahl von Workshops, in denen der Stoff der Stücke erarbeitet wird: Geschichten unerhörten Leids, aber auch des Muts, den nur Verzweifelte aufbringen können. Geschichten, in denen die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan, in dem jedeR seine Stimme erheben kann, mitschwingen.

Arbeit mit Kriegsopfern in Afghanistan

AHRDO zählt heute über dreißig MitarbeiterInnen. Zum Büro in Kabul ist eines in Mazar-e-Sharif hinzugekommen. Regelmäßige Besuche statten die Aktivisten Herat, Jalalabad, Parwan und Bamyan ab. In allen diesen Orten hat sich AHRDO eng mit Selbstorganisationen von Kriegsopfern zusammengeschlossen, die sich nach islamischer Tradition als „Schura“ bezeichnen. Das Theaterspiel wird durch Alphabetisierungskurse und eine tägliche Praxis gegenseitiger Hilfe ergänzt. Verbunden hat sich AHRDO außerdem mit anderen afghanischen NROs, für die „Transitional Justice“, also der Versuch die Vergangenheit des gewaltsamen Konflikts aufzuarbeiten, ebenfalls kein Standardbegriff ist, um Fördergelder aus internationalen Töpfen abzurechnen. Für sie ist ihre Arbeit eine immer neu übernommene und nach Lage der Dinge noch immer lebensgefährliche Verpflichtung für die Verwirklichung der Menschenrechte.

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