10.10.2026 | Nürnberg

Wessen Recht zählt?

80 Jahre Nürnberger Prozesse – Aktuelle Kämpfe für Gerechtigkeit & Solidarität

Vor 80 Jahren stand in Nürnberg erstmals ein Regime für Angriffskrieg und Massenverbrechen vor einem internationalen Gericht – ein historischer Bruch, der das moderne Völkerrecht prägte und den Gedanken, dass auch staatliche Macht nicht über dem Recht stehen darf.

Doch wessen Recht zählt heute? Kriege, Grenzregime, geopolitische Interessen und autoritäre Herrschaft bestimmen mit, wessen Leid gesehen wird – und wessen nicht. Wer Nürnberg ernst nimmt, muss genau diese Kräfteverhältnisse in den Blick nehmen.

Zugleich kämpfen Überlebende, zivilgesellschaftliche Organisationen und Staaten des Globalen Südens darum, das Recht als Werkzeug für Gerechtigkeit nutzbar zu machen: Dieses Jahr eröffnete der Internationalen Strafgerichtshof zwei Verfahren, für die Überlebenden-Organisationen aus den Philippinen und geflüchtete Menschen aus Libyen lange gekämpft hatten. In Belgien wird der Mord an Kongos erstem Premierminister Patrice Lumumba aufgearbeitet, und Manager des Baustoffkonzerns Lafarge wurden in Frankreich wegen Terrorismusfinanzierung im syrischen Bürgerkrieg verurteilt.

Wie steht es aktuell um das Völkerrecht, welchen Angriffen ist es ausgesetzt – und welche neuen Wege der Gerechtigkeit entstehen gerade? Diesen Fragen gehen wir gemeinsam nach.

Das detaillierte Programm und Informationen zu unseren Gästen finden Sie weiter unten.

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.
Eine Simultanübersetzung ins Deutsche wird angeboten.

Anmeldung & Eintritt:

Panels
Die Teilnahme an den Panels ist kostenlos.
Bitte registrieren Sie sich über diesen Link.
Ort: CHREN | Andreij-Sacharow-Platz 1 | 90403 Nürnberg

Hinweise zur Barrierefreiheit: Der Raum kann durch einen Fahrstuhl erreicht werden. Wenn Sie eine Verdolmetschung in Gebärdensprache oder sonstige Assistenzleistungen benötigen, sprechen Sie uns bitte an.

Film Mein illegales Leben
Eintritt: € 12,50
Tickets: im CINECITTA' 
Kino: CINECITTA' | Gewerbemuseumsplatz 3 | 90403 Nürnberg

Veranstaltet von: medico international, ECCHR und Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN)
 

Programm:

14:00 – 14:30 Uhr Begrüßung und Eröffnung

Prof. Dr. Markus Krajewski, CHREN

14:30 – 15:30 Uhr Eine Chance auf Gerechtigkeit oder Verfall der Völkerrechtsordnung?

Das Völkerrecht war nie neutral – seine Ordnung trägt bis heute koloniale und imperiale Spuren, und Realpolitik stellt sie immer wieder infrage. Trotz dieser Ambivalenz berufen sich Überlebende schwerster Menschenrechtsverbrechen weltweit auf dieses Recht, gerade aus dem Globalen Süden, wo man sein emanzipatorisches Potenzial ebenso kennt wie seine Schwächen.

Ein Beispiel: Mit dem ECCHR vertritt die Migrant:innenorganisation Refugees in Libya Überlebende der Folterlager in Libyen in einem Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Für die Betroffenen bedeutet dies Anerkennung ihres Leids und macht die Verantwortung europäischer Akteure sichtbar.

David Yambio, Refugees for Libya 
Dr. Miriam Saage-Maaß, ECCHR
Moderation: tbd

15:30 – 16:00 Uhr PAUSE

16:00 – 17:00 Uhr Der politische Auftrag von Nürnberg

Der Angriffskrieg ist das größte Verbrechen“ - mit diesen Worten ging Nürnbergs Chefankläger Benjamin Ferencz in die Geschichte ein, denn er macht erst die anderen Verbrechen wie Mord, Raub und Zerstörung möglich. Das neu geschaffene Völkerstrafrecht sollte Kriege und ihre Verbrechen künftig nicht mehr straflos lassen und Würde und Freiheit der Menschen schützen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 war die logische Konsequenz. Auch wenn sie in der Praxis nie für alle galten, blieben Völkerrecht und Menschenrechte der Maßstab, an dem Rechenschaft eingefordert wird.

Wie lässt sich dieser politische Auftrag von Nürnberg heute verteidigen und fortsetzen – durch welche Selbstorganisationen, welche transnationalen Bündnisse, welche Solidarität jenseits europäischer Selbstbezogenheit? Welche Stimmen werden überhört? Und was hieße es, Nürnberg nicht als moralisches Erbe zu verwalten, sondern als offenen Auftrag zu begreifen: universelle Würde gegen Entrechtung und organisierte Verantwortungslosigkeit zu verteidigen?

Prof. Dr. Nikita Dhawan, Universität Dresden
Charlotte Wiedemann, Journalistin
Hadi Marifat, Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO)
Moderation: Dr. Imad Mustafa, medico international

17:00 – 19:00 Uhr Abendempfang

19:30 Uhr Film Mein illegales Leben“ & Gespräch mit Esther Dischereit, Lyrikerin&Essayistin

Winter 1942: Hella Zacharias hält den Deportationsbescheid der Gestapo in den Händen - und taucht mit ihrer 5-jährigen Tochter Hannelore in den Berliner Untergrund ab. Es folgen Monate des Versteckens, Denunziationen und überstürzter Fluchten. 1944, unter falschem Namen in Sorau / Żary im heutigen Polen, rettet sie der Bahnarbeiter Fritz Kittel: Er versteckt Hella in seiner Wohnung und gibt Hannelore also seine Nichte aus – während sein Arbeitgeber, die Deutsche Reichsbahn, Millionen in den Tod schickt.

Nach dem Krieg bekommt Hella Zacharias ein weiteres Kind: Esther Dischereit, die zu einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Schriftstellerinnen nach dem Holocaust wird. Den Namen Fritz Kittel kennt sie aus ihrer Kindheit – begegnet ist sie ihm nie. Gemeinsam mit ihrer Tochter Chana macht sie sich auf die Suche nach dem Retter ihrer Familie und den fehlenden Splittern der eigenen Geschichte.

Unsere Gäste

Prof. Dr. Nikita Dhawan studierte Philosophie und Gender Studies in Mumbai und promovierte 2006 in Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Nach Professuren in Oldenburg, Frankfurt und Innsbruck lehrt sie seit 2021 Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden. Sie leitete das Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies und erhielt 2017 den Käthe-Leichter-Preis für ihre Forschung zu Frauen- und Geschlechtergerechtigkeit.

Esther Dischereit, 1952 in Heppenheim geboren, ist deutsch-jüdische Schriftstellerin und thematisiert in ihrem Werk die Assimilation der Juden in Deutschland. Vor ihrer Schriftstellerkarriere ab 1985 arbeitete sie in der Metallindustrie und als Setzerin. Mit „Joëmis Tisch“ und „Übungen, jüdisch zu sein“ wurde sie zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen unter den Nachkommen der Shoa-Überlebenden. 2009 erhielt sie den Erich-Fried-Preis, 2026 den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Lebenswerk.

Markus Krajewski ist seit 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der FAU Erlangen-Nürnberg und stellvertretender Sprecher des Centre for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN). Er ist Generalsekretär der Deutschen Vereinigung für Internationales Recht und war von 2016 bis 2024 Vorsitzender des Kuratoriums des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Hadi Marifat ist Gründer und Direktor der Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO). Er war Länderanalyst bei the Center for Civilians in Conflict und Human Rights Watch sowie Menschenrechtsreferent der UN-Mission UNAMA in Afghanistan. Er studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der London School of Economics (LSE) und der Erasmus-Universität Rotterdam.

Dr. Imad Mustafa ist Politikwissenschaftler, Autor und Referent für Menschenrechte bei medico international, zuständig für Afghanistan, Nordafrika und Westasien. Er forscht zu antimuslimischem Rassismus, postmigrantischer Gesellschaft und politischen Bewegungen in Nordafrika und Westasien. Er veröffentlichte zuletzt „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ (2023) und ist Mitherausgeber der Buchreihe Racism/Society: Transdisziplinäre Perspektiven bei VS Springer.

Dr. Miriam Saage-Maaß ist Juristin und Legal Director beim European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), wo sie den Programmbereich Wirtschaft und Menschenrechte aufgebaut hat. Sie führte Klagen gegen Unternehmen wegen Arbeitsausbeutung in Bangladesch und Pakistan sowie Strafverfahren gegen Manager wegen Beteiligung an internationalen Verbrechen wie Waffenexporten nach Saudi-Arabien. 2016 erhielt sie den Hans-Litten-Preis; sie sitzt im Beirat des Bonavero Human Rights Institute, Oxford, und der Stiftung Forum Recht.

Charlotte Wiedemann schreibt Bücher, Essays und Reportagen zu internationalen Themen, lange mit Schwerpunkt islamische Lebenswelten, und recherchierte in rund 30 außereuropäischen Ländern von Mali bis Jemen. Sie veröffentlicht u.a. in Geo, Die Zeit und Le Monde Diplomatique und ist Kolumnistin der taz. Seit 2020 sitzt sie im wissenschaftlichen Beirat des Leibniz-Zentrums Moderner Orient, seit 2025 im Kuratorium der medico-Stiftung.

David Yambio ist Menschenrechtsaktivist und Mitbegründer von Refugees in Libya, einer von Geflüchteten selbst geleiteten Organisation, die Menschenrechtsverletzungen in Nordafrika und im zentralen Mittelmeer dokumentiert. Nach Zwangsrekrutierung im Südsudan, Inhaftierung und Ausbeutung in Libyen sowie mehreren gescheiterten Fluchtversuchen gelang ihm 2022 die Flucht nach Italien. Von dort leitet er heute seine globale Kampagne für Migrationsgerechtigkeit.