Stimme der Ungehörten

Das People´s Health Movement knüpft an die Traditionen politischer Gesundheitsbewegungen an – aber im globalen Kontext

Als Ende 2000 aus aller Welt Menschen in Bangladesh zur erstem People’s Health Assembly (PHA) zusammenkamen, war den Beteiligten eines klar: Dies war der Start einer globalen Bewegung für das Recht auf Gesundheit, die sich in ähnlicher Weise konstituierte wie die zeitgleich entstandenen Weltsozialforen. Beiden gemeinsam war der Impuls, den ausgeschlossenen und ausgegrenzten Menschen in der „schönen neuen Welt“ Foren zu geben, auf denen die „Stimmen der Ungehörten“ zu hören sein würden und Alternativen eingefordert werden konnten. Die Gesundheitscharta der Menschen wurde auf der ersten PHA verabschiedet und fordert Bedingungen, die ein Leben in Gesundheit erst ermöglichen: gerechter Zugang zu Ressourcen und Wohlstand, ein Leben ohne Krieg und Gewalt, ohne Naturzerstörung und Diskriminierung kultureller, sozialer und ethnischer Minderheiten. Die Gesundheitscharta fordert die Menschen auf sich einzumischen und die Verhältnisse zu ändern, die ein gesundes Leben verhindern.

 

Global denken – lokal handeln

Doch die globalisierte Solidarität muss sich in lokalen Kämpfen manifestieren. Das People’s Health Movement konnte dies auf den verschiedenen Kontinenten erreichen: Die massenhafte Mobilisierung des indischen People’s Health Movement in der Kampagne für das Recht auf Gesundheit bildete den Rahmen breiter gesellschaftlicher Bündnisse zwischen linken Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die den Horizont über eine auf Fachthemen bezogene Lobbyarbeit hinaus öffneten und das „Recht auf Gesundheit“ aus den konkreten Erfahrungen struktureller Vernachlässigung der Armen und Marginalisierten ableiteten. In Lateinamerika entstanden ebenfalls solche Bündnisse; in Ecuador etwa verbanden sich die Themen globaler Rohstoffraub, Gesundheitsschäden durch verstärkten Ressourcenabbau und Zerstörung indigener Lebenswelten zu starken Mobilisierungen gegen die Folgen einer einseitig auf Rohstoffausbeutung setzenden Wirtschaftspolitik vieler südamerikanischer Länder.

Flankierend hierzu kann sich das People’s Health Movement auf supranationaler Ebene Gehör verschaffen. Am stärksten war der Einfluss auf die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzte Kommission für Soziale Bedingungen der Gesundheit, die unter diesem Druck einen ungewohnt radikalen Bericht ablieferte, der zu dem Ergebnis kommt: „Soziale Gerechtigkeit ist eine Sache von Leben und Tod. – Ungleichheit tötet Menschen im großen Maßstab.“

Seit 2005 findet an wechselnden Orten die International People’s Health University (IPHU) statt. In Weiterbildungskursen und Diskussionsforen – einer Art Sommeruniversität für Gesundheitsaktivistinnen aus der ganzen Welt – entstand ein Hunderte Teilnehmerinnen umfassendes „Alumni- Netzwerk“, das gemeinsam über die politische Ökonomie der Gesundheit diskutiert und konkrete Erfahrungen aus den Gesundheitskämpfen in ihren jeweiligen Ländern und weltweit austauscht.

medico ist Mitglied des PHM und unterstützt die vielfältigen Aktivitäten durch finanzielle Absicherung und aktive Beteiligung an den Debatten um die Steuerung der globalen Gesundheitspolitik.

GLOSSAR DES PEOPLE’S HEALTH MOVEMENT

People’s Health Movement (PHM): Mit dem Ziel eine globale Bewegung für das Recht auf Gesundheit „von unten“ zu stärken und zu vernetzen gründete sich im Jahr 2000 das People’s Health Movement. Heute ist es in über 70 Ländern der Welt vertreten – z.B. in Gabon, Sri Lanka, Brasilien und Großbritannien – und auf verschiedenen Ebenen aktiv: lokal, national und global: www.phmovement.org

People’s Health Assembly (PHA): Zur Weltgesundheitsversammlung „von unten“ kamen in Bangladesch im Jahr 2000 und Ekuador im Jahr 2005 über 1300 Menschen aus aller Welt. Mit der dritten PHA in Kapstadt/Südafrika im Juli 2012 soll insbesondere auch die Vernetzung der Gesundheitsaktivist_ innen auf dem afrikanischen Kontinent gestärkt werden.

People’s Health Charter (PHC): Das Basisdokument des PHM entstand in einem kollektiven Prozess auf der ersten Weltversammlung. Es ist der Aktionskonsens aller Menschen, die sich zum PHM zugehörig fühlen. Einzelpersonen oder Organisationen können ihn unterzeichnen, wollen sie dem Netzwerk beitreten.

International People’s Health University (IPHU): Die 10-tägigen Kurse dienen zur Bildung von Multiplikator_innen. Bis jetzt konnten mehr als 20 IPHUs in 15 Ländern der Welt verwirklicht werden: www.iphu.org

Global Health Watch (GHW): Der alternative Weltgesundheitsbericht ist im Jahr 2011 zum dritten Mal erschienen und kann online kostenlos heruntergeladen werden: www.ghwatch.org

WHO-Watchers: Die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu analysieren und zu beeinflussen ist ein zentrales Element der Arbeit des PHM. Junge Gesundheitsaktivist_innen aus aller Welt erhalten eine Schulung über Aufbau der WHO und Ablauf der Versammlungen.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2013

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