Es gibt keinen Ausweg aus der Krise ...

Ausser Solidarität

 
Unser Spendenaufruf zum Jahresende widersetzt sich der Rede von Alternativlosigkeit. Für praktische Solidarität und die grenzüberschreitende Verwirklichung der Menschenrechte.

Haifa al-Eid möchte zurück nach Deir ez-Zor, eine Stadt mit 200.000 Einwohnern, gelegen in einer fruchtbaren Region, umgeben von Baumwollfeldern. Die Hängebrücke über den Euphrat ist eine Touristenattraktion. Besser: war es. Denn Deir ez-Zor ist eine umkämpfte Zone des Krieges in Syrien, auf die Regierungsbomben fallen und von der aus islamistische Gruppen Videos von Hinrichtungen in alle Welt schicken. Haifa al-Eid ist diesem Geschehen entflohen und lebt mit ihrer Familie seit vier Jahren im Libanon, in Burj el Barajneh südlich von Beirut. In Deir ez-Zor besaß sie ein mehrstöckiges Haus, hier mietet sie für 200 Dollar einen feuchten Verschlag, bei dem der Putz von den Wänden bröckelt. Burj el Barajneh ist einer der vielen unbekannten Orte auf dem Planeten der Flüchtlinge und Haifa ist eine von über einer Million syrischen Geflohenen im Libanon. Jeder Fünfte ist hier ein Flüchtling. Aber Europa wähnt sich überfordert!

Der 91-jährige Soziologe Zygmunt Bauman, der die Verfolgung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland überlebte, spricht angesichts der Enthumanisierung der Flüchtlinge von der „Sünde der Gleichgültigkeit“. Dieser hält er entgegen: „Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Krise, in der die Menschheit sich befindet, als Solidarität.“ Dieser Idee fühlt sich auch medico international in der Arbeit mit Partnern im Libanon wie in vielen anderen Regionen der Welt verpflichtet. In einer „unheilbar ambivalenten“ Welt widersetzt sich die Solidarität der Rede von der Alternativlosigkeit. Über die praktische Solidarität hinaus geht es medico auch um die grenzüberschreitende Verwirklichung der Menschenrechte. Hannah Arendt, die deutsch-jüdische Philosophin, sprach von dem „Recht, Rechte zu haben“. Menschenrechte als Teil einer rechtlich verfassten Gemeinschaft müssen heute global verwirklicht werden.

Eine wesentliche Voraussetzung für Solidarität ist, dass Menschen nicht Objekte von Hilfe sind, sondern Subjekte, die Rechte besitzen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Viele Arbeiten unserer Partnerorganisationen in aller Welt sind so angelegt. Einige Beispiele hierfür finden Sie hier. Auch Haifa al-Eid, die Syrerin in Beirut, erzählt mit ihren Bildern vom Leben von Geflüchteten. Es sind Bilder gegen die Enthumanisierung. Wir bitten Sie mit diesem Aufruf um eine Spende für medico oder besser noch um eine dauerhafte Fördermitgliedschaft.

medico international und viele Partnerinnen und Partner sind Teil eines globalen Netzwerkes der Solidarität, in dem die Menschenrechte und das Recht auf Rechte eines jeden und einer jeden die leitenden Motive des Handelns sind. Für Ihre Unterstützung danke ich im Voraus.

Mit solidarischen Grüßen
Katja Maurer
Leiterin der Öffentlichkeitsabteilung medico international
 

Nordirak - Eine unvergleichliche Geste

Flüchtlingsfamilie im Camp Arbat im Nordirak. (Foto: Mark Mühlhaus/attenzione photographers)
Flüchtlingsfamilie im Camp Arbat im Nordirak. (Foto: Mark Mühlhaus/attenzione photographers)

Verfolgt zugleich vom IS und schiitischen Milizen bleibt ca. 2 Millionen irakischen Binnenflüchtlingen, viele von ihnen Sunniten, nur die Flucht in den kurdisch besiedelten Norden des Landes. Dessen Bewohner gewähren ihnen Schutz: eine vielleicht unvergleichliche Geste der Solidarität. Denn vor etwas mehr als zwanzig Jahren befahlen Saddam Hussein und das sunnitisch geprägte Regime der Armee, die kurdische Bevölkerung des Irak auszulöschen. 4000 Dörfer wurden zerstört, 100.000 Männer ermordet und irgendwo in Massengräbern verscharrt. Unterstützt vom medico-Partner Haukari haben sich die anverwandten Mütter und Ehefrauen dieser Ermordeten in einem jahrelangen Prozess mit diesen Verbrechen beschäftigt und eine eigene Erinnerungskultur entwickelt. Deshalb sehen sie sich heute in der Lage, die Geflüchteten, insbesondere die Frauen, nicht nur durch humanitäre, sondern auch durch Rechtshilfe zu unterstützen, auch wenn sie fürchten, Täter von einst könnten sich unter ihnen befinden.

Pakistan/Deutschland - Wegweisende Klage

Opfer des Brands in einer Textilfabrik in Pakistan verklagen KIK. (Foto: medico)
Opfer des Brands in einer Textilfabrik in Pakistan verklagen KIK. (Foto: medico)

Drei Jahre lang hat sich der deutsche Discounter KiK dagegen gewehrt, Entschädigungen an die Opfer des Brands in einer Textilfabrik in Pakistan zu zahlen, und sich so der Verantwortung entzogen, die er als Auftraggeber für den mangelhaften Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter vor Ort hat. Im September 2016 war KiK dann plötzlich doch zu Zahlungen bereit – bewies damit allerdings nur, dass er einer globalen Solidarität nicht gewachsen ist. Unmittelbar vorher nämlich hatte das Landgericht Dortmund die Klage von vier Überlebenden gegen KiK angenommen und ihnen sogar Prozesskostenbeihilfe gewährt: ein erster Erfolg der Kooperation zwischen der Selbstorganisation der Hinterbliebenen, der pakistanischen Gewerkschaft NTUF, der Anwaltsorganisation ECCHR und medico. Gemeinsam haben sie die Klage vorbereitet, die zum Präzedenzfall für Unternehmenshaftung in einer globalen Produktion werden könnte. Wegweisend ist sie schon heute.

Syrien/Griechenland - Geflüchtete unterstützen Geflüchtete

Jafra-Zentrum im griechischen Flüchtlingslager Lagadikia. (Foto: medico)
Jafra-Zentrum im griechischen Flüchtlingslager Lagadikia. (Foto: medico)

Wie lädt man eine Batterie ohne Strom? Wie stellt man einen sterilen Blutbeutel her? 500 Freiwillige der medico-Partnerorganisation Jafra haben in den eingeschlossenen, einst wesentlich von Palästinensern bewohnten Städten des syrischen Bürgerkriegs Antworten auf solche Fragen gegeben, die dort Überlebensfragen sind. Trotz Hungerblockade und Dauerbeschuss organisieren sie Schulunterricht für die Kinder. In einer apokalyptischen Welt verteidigt Jafra die Vernunft der Solidarität.

Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich angesichts des syrischen Dramas auf den Weg nach Europa gemacht, manche sitzen in griechischen Flüchtlingslagern fest. Doch auch hier folgen sie der Idee einer Selbsthilfe, die die Würde jedes Einzelnen noch in den unwürdigsten Situationen retten will. Inmitten einer Verwaltung, die aus Menschen Hilfsempfänger macht, haben sie z.B. auch hier einen Raum für Kinder und Jugendliche geschaffen. Der erste Schritt, um wieder mit eigener Stimme zu sprechen.

Westafrika - Das Recht auf Freizügigkeit

"Wir haben keine Chance hier, wir wollen sie in Europa nutzen." Aus Gabun Abgeschobene in Mali. (Foto: Christian Gropper)

Das europäische Grenzregime wirkt weit über Europa hinaus. Dadurch ist nicht nur die Migration nach Europa mühevoller und gefährlicher geworden. Auch die Mobilität innerhalb Afrikas wird mehr und mehr eingeschränkt. Mitverantwortlich für das Leiden und Sterben auf den Migrationsrouten sind die Regierungen Europas, aber auch Afrikas, die sich zum Nachteil ihrer eigenen Bevölkerung auf Abkommen und Verträge mit der EU und ihren Mitgliedstaaten einlassen. medico unterstützt die Vernetzung und Solidarisierung von Partnerorganisationen in Mali, Mauretanien, Sierra Leone und Togo, die für die Rechte von Migrantinnen und Migranten kämpfen. Bei internationalen Treffen und Recherchereisen entwickeln sie gemeinsame Positionen und Forderungen gegenüber ihren Regierungen und der Afrikanischen Union. Ihr und unser gemeinsames Ziel: das Recht auf Freizügigkeit.


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