Solidarität in der Krise. Annäherungen. Der Erinnerung Frantz Fanons.

Dokumentation des Symposiums 2009 der stiftung medico international

Im Fortschritt der Globalisierung wird die Welt erstmals in der Geschichte wirklich zu einer Welt. Nicht verschwunden sind die empörenden Unterschiede in der einen Welt. Immer größer, immer weniger auch nur zu fassen wird die Zahl der, die noch immer „die Verdammten dieser Welt“ genannt werden müssen. Vor Jahrzehnten schon verwies Frantz Fanon auf die Schwierigkeit, mit „denen da“ solidarisch sein zu wollen, bestand darauf, dass auch dieses Verhältnis ein Gewaltverhältnis sei und sein müsse. Umso mehr, umso bedrängender, wenn dieses Verhältnis wirklich in einer einzigen Welt statt hat. Auch deshalb, weil die, um die es da geht, hier her wollen und hier her kommen, ungefragt. Wenn an den Grenzen, die es immer noch gibt, Jahr für Jahr Tausende derer sterben, die man noch immer „Flüchtlinge“ nennt. Das Symposium ging der Frage nach, was hier Solidarität heißt und heißen kann, in erster Annäherung.

Programm

Begrüßung durch Brigitte Kühn, Vorsitzende der stiftung medico international

Eröffnungsvortrag Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international

Die Krise, die Solidarität, ihr „subjektiver Faktor“. Zur Globalität des nordafrikanischen Syndroms

Einleitung in die Debatten des Symposiums mit ausdrücklicher Würdigung des Werks von Frantz Fanon. Der 1961 verstorbene Arzt und Psychiater war zugleich ein prominenter Sprecher des algerischen Befreiungskampfs, seine Bücher sind für einen angemessenen Begriff von Solidarität noch heute grundlegend. Der Titel des Vortrags nimmt den Titel eines seiner Bücher auf.

Tsafrir Cohen, medico-Repräsentant in Israel und Palästina

Unter Feinden, unter Gleichen. Strategien der Verweigerung in einem nahezu geschlossenen System von Ein- und Ausschluss

Tsafrir Cohen führt kurz in die aktuelle Situation in Gaza und der Westbank ein. Seit der 2007 durch Israel verhängten Wirtschaftsblockade und der Abriegelung der Grenzen von Gaza verschlechtert sich die wirtschaftliche und gesundheitliche Situation zusehends. Die palästinensische Bevölkerung der Westbank wird durch die israelische Besatzung und Besiedlung in kleinen Enklaven eingeschlossen. Im nur noch die eigene Sicherheit thematisierenden israelischen Diskurs rückt „die andere Seite“ immer weiter aus dem Blickfeld und wird nur noch als Sicherheitsrisiko wahrgenommen.

Mahamadou Keita, Generalsekretär der Association Malienne des Expulsés (AME), Mali/Westafrika.

Die Freiheit, die wir meinen. Wie man mit kärglichen Ressourcen großen Ambitionen folgt.

Mohamadou Keita lebte bis zu seiner Ausweisung 2005 14 Jahre als sans papiers in Frankreich und trat nach seiner Rückkehr der AME bei, einer Selbsthilfeorganisation von Migrantinnen und Migranten, die wie er zwangsweise nach Mali zurückkehren mussten. AME hilft anderen Ausgewiesenen materiell wie durch psychosoziale Unterstützung in der ersten Zeit nach der meist plötzlichen Rückkehr, engagiert sich aber auch auf politischer Ebene. Vortrag und Diskussion kreisen um die Arbeit der AME, die Folgen des europäischen Abschieberegimes und die Auswirkungen der aktuellen Krise.

Dieter Müller, medico-Repräsentant in Mittelamerika.

Zwischen Emanzipation und Autoritarismus. Die Befreiungserfahrung als Ressource für fortgesetzte Veränderung.

Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation Nicaraguas erinnert Dieter Müller die Geschichte der sandinistischen Revolution vor 30 Jahren und der damals begonnenen, noch heute fortdauernden medico-Projektarbeit. Vortrag und Diskussion nähern sich so einer Neubestimmung solidarischen Handelns im Bezug auf das prominenteste Beispiel von internationaler Solidarität der jüngeren Vergangenheit. Auch hier wird der „subjektive Faktor“ wesentlicher Bezugspunkt.

Podiumsdiskussion mit Bettina Gaus, Publizistin, Berlin; Parinas Parhisi, Juristin, Goethe-Universität Frankfurt und Katja Maurer, medico international

Die Verdammten dieser Erde sichtbar machen.

In der Abschlussdiskussion geht es um die Frage, wie für und mit den „Verdammten dieser Erde“ eine auch wirksame Öffentlichkeit geschaffen werden kann, wenn man sich bewusst ist, dass weder bloße Appelle noch zusätzliche Informationen dazu ausreichen.


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