Von nun an ging‘s bergab

Blick zurück: das rundschreiben 3/2001

„‚Eine andere Welt ist möglich!‘. Der zentrale Slogan der Globalisierungsbewegung geht um die Welt. Kein world-event mehr ohne dass die beteiligten Wirtschaftler und Politiker in Grund und Boden denunziert werden. Eine manifeste Legitimationskrise des neoliberalen Wirtschaftssystems. Eine neue Verweigerung gibt den Ton an“, heißt es im medico-rundschreiben 3/2001, in dem auf die „Empire“-Theorie von Michael Hardt und Antonio Negri verwiesen wird und wo Naomi Klein ihren globalisierungskritischen Bestseller „No Logo“ vorstellte. In den Jahren zuvor hatte sich im Norden wie im Süden eine Bewegung erhoben, die der neoliberalen Globalisierung den Kampf ansagte. 1999 kam es auf der WTO-Konferenz zur „Schlacht von Seattle“, 2001 fand in Porto Alegre das erste Weltsozialforum statt. medico stellte eigens einen Mitarbeiter ab. 

Dann kam Genua. Am 18. und 19. Juli 2001 trafen sich im Palazzo Ducale die G8: Wladimir Putin, Silvio Berlusconi, Gerhard Schröder und George W. Bush noch in trauter Eintracht. Doch sie waren nicht alleine. In Genua versammelten sich auch 300.000 Aktivist:innen. Ihr Slogan: „Ihr G8, wir sechs Milliarden.“ Allerdings waren da auch 20.000 italienische Sicherheitskräfte. Die Staatsgewalt drehte frei. Der junge Demonstrant Carlo Giuliani wurde von einem Carabinieri erschossen, unzählige weitere schwer verletzt, misshandelt, gefoltert. Die faschistische Gewalt der Carabinieri traumatisierte eine ganze Bewegung. „Genua“ begann als Höhepunkt des Widerspruchs – und wurde zum Wendepunkt. Wenige Wochen später folgten der Terroranschlag des 11. September und der Afghanistan-Krieg. Das neue Zeitalter des „War on terror“ begann. In den Worten von Hildegard Knef: „Von nun an ging’s bergab.“ 

Am 18. Juli 2026, genau 25 Jahre später, findet im Palazzo Ducale, das heute ein Kulturzentrum ist, wieder eine Art Forum statt. Sogar eine medico-Mitarbeiterin ist wieder vor Ort, wenn auch in privater Mission. Unter dem Titel „No Kings“ versammeln sich Kriegsgegner:innen aus ganz Italien. Und wieder geht es auf die Straße. Etwa 10.000 Menschen erinnern an die Gewalt von Genua und fordern gleichzeitig ein Ende der heutigen Kriege. Wir waren mal mehr. Die Gewalt hat bis auf weiteres die Oberhand.

 

Das rundschreiben erscheint seit 1982. Die vergangenen 25 Jahre lassen sich digital nachlesen: medico.de/rundschreiben-archiv