Beharrung und Innovation

Resilienz und Protestkultur

03.12.2015   Lesezeit: 10 min

Die Protestforschung könnte mit Resilienz als Analysekategorie zu einer erneuten Politisierung sozialer Probleme und Ungleichheiten verhelfen.

Von Dr. Sandrine Gukelberger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sozialwissenschaften, Sektion Soziologie der Ruhr-Universität Bochum.

In einem Blog der deutschen Entwicklungsorganisation medico international wird der in den letzten Jahren verstärkt aufkommende Hype um das Konzept der Resilienz in der internationalen Entwicklungspolitik und -planung einer heftigen Kritik unterzogen. Resilienz wird hier als „die Fähigkeit von Menschen und Systemen, Störungen von außen zu überstehen“ dargestellt. In Anlehnung an den Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx als einem „Apologeten der neoliberalen Umgestaltung“ postuliert der Geschäftsführer von medico international, dass das Konzept der Resilienz in den nächsten Jahren das der Nachhaltigkeit ersetzen wird.[1]

Laut Horx stecke mehr Realitätssinn in der Resilienz während Nachhaltigkeit eine alte Harmonie-Illusion suggerieren würde. Beispiele aus dem Krisenmanagement in der EZ untermauern die neoliberale Interpretation von Resilienz, welche den Fokus zunehmend auf Risikomanagement (siehe auch Coaffee/Wood 2006; Innes/Jones 2006) und nicht Risikominderung legt; so sind z.B. Projekte derzeit damit beschäftigt Kleiderfabriken in Bangladesch mit Brandlöschern auszustatten oder Terroranschläge mit israelischen Grundschulkindern zu simulieren, um einen positiven Umgang mit Angst zu erlernen etc.

Medico international schlussfolgert daraus, dass man in Zukunft den Gedanken der Nachhaltigkeit ad acta legt und damit auch das Anliegen, soziale Ungleichheit zu bekämpfen. Resilienz unterstützt dabei vielmehr einen effizienteren und kostengünstigeren Ansatz, die Widerstandskraft von Menschen zu stärken und sich den widrigen Bedingungen anzupassen anstatt sie strukturell zu verändern. Dieser kritischen Lesart von Resilienz ist meiner Meinung nach nichts entgegenzuhalten, da sie von dem Erkenntnisinteresse geleitet ist, die Institutionalisierung, Anwendung und Vermarktung des Konzeptes Resilienz in der (internationalen) EZ in den Blick zu rücken.

Der Resilienz Willen möchte ich den Versuch unternehmen, Resilienz aus einer handlungstheoretischen Perspektive zu betrachten, um diejenigen, die sich Krisen und Risiken anpassen und diese im Alltag bewältigen sollen, aktiver mit in die Betrachtung einzuschließen. Die handlungstheoretische Sichtweise auf Resilienz an sich ist in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen eigentlich nichts Neues. Angefangen von der Entwicklungsforschung, Stadtforschung, Mikrosoziologie bis hin zur Kinderpsychologie und Ethnologie wird Resilienz als kategoriales Gegenstück zu Vulnerabilität ins Feld geführt, „und zwar als Widerstandskraft oder Ich-[kollektiv] Stärke, die eine Gesundung [aus der Misere, Prekarisierung, Katastrophen, sprich krisen- und konfliktgeprägten Situationen] oder Gesunderhaltung“ (Bürkner 2010: S.16ff) bewirkt.

Bürkner, von Haus aus Sozialgeograph, weist darauf hin, dass die Beziehung der beiden Begriffe Vulnerabilität und Resilienz nach wie vor sehr vage in Theorienbildung und Forschungskonzeptionen ausformuliert ist.[2] Der Autor bekräftigt seine These, indem er auf eine anwendungsorientierte Studie von Innes/Jones (2006) aus der Stadtforschung verweist. Diese Studie hat sich als Ziel gesetzt, die Antriebe von Sicherheit und Unsicherheit in den Wohnquartieren britischer Städte sowie Auswirkungen auf die Quartiersentwicklung näher zu bestimmen. Bürkner kritisiert an dieser Studie, dass Vulnerabilität als vorausgesetzt angenommen wird.

Die Studie verzichtet darauf, die Sichtweisen der BewohnerInnen auf ihre angenommene Vulnerabilität sowie deren Handlungs-und Deutungsstrukturen im prekären Alltag zum Gegenstand der Untersuchung zu machen. Bürkner führt weiter aus, dass es sich ähnlich mit dem Erkenntnisgewinn bezüglich Resilienz verhält. Der Autor bemängelt, dass Resilienz laut der Studie in den Wohnquartieren nicht vorzufinden sei und nur extern zu induzieren, und zwar durch Stärkung des sozialen und ökonomischen Kapitals und der sozialen Kohäsion (ibid. 26f).

Bürkner’s Kritik stellt also den Prozess wissenschaftlicher Erkenntnisweisen und policy-relevanter Ergebnisführung zu Vulnerabliltät und Resilienz grundlegend in Frage, da keine partizipativen Forschungsmethoden Eingang in die Untersuchung finden.

Dieser Kritik anschließend, setzt das Verstehen und Erklären von Resilienz als gesellschaftliches Phänomen also voraus, kulturelle Lebenswelten von sozialen Akteuren in Bezug auf krisen- und konfliktgeprägten Situationen zum Gegenstand der Analyse zu machen. Handlungsfähigkeit verstehe ich hier in Anlehnung an A. Giddens und N. Long als „[…] the aptitude of social actors to develop strategies to design, organise and manage their own lives. Social actors always generate some power and are never simply victims of structural constraints or at the mercy of other actors’ subjective will, even in exceedingly unequal positions and under restraints.” (Giddens 1984: 15; siehe auch Long 1992: 23 zitiert in Gukelberger 2013: 5)

Ähnlich dem Forschungsprogramm des Trier SFB[3] konstituiert sich Resilienz als die „Fähigkeit einer sozialen Einheit […] bestandsgefährdenden Veränderungsprozessen standzuhalten. Diese Beharrungskraft wird wiederum als Fähigkeit solcher Einheiten interpretiert, kreativ und innovativ auf die veränderten Anforderungen ihrer Umgebung zu reagieren.“ (Kurzpräsentation SFB Trier 2013: 7, siehe auch S.14).

Des Weiteren stellt der SFB aus ethnologischer Sichtweise die Fähigkeit der Akteure und deren Handlungsrepertoirs im alltäglichen Umgang mit krisen- und konfliktgeprägten Situationen heraus, die sich aus lokalem Wissen, Aktions- und Repräsentationsformen etc. zusammensetzen (ibid. S. 10, 13). Damit werden diejenigen, die sich den schwierigen Umständen anpassen und diese im Alltag bewältigen sollen, aktiv mit in die Analyse eingeschlossen.

Abschließend möchte ich die Eigenschaften von Resilienz, die der Widerstandskraft, Beharrungskraft, kreativen und innovativen Anpassung an und Aneignung von neuen tiefgreifenden Umwälzungen im Kontext von Protest diskutieren. Während in der Forschungsliteratur Protest überwiegend als Reaktion auf verschiedene Formen autoritärer Resilienz zur Sprache kommt (bspw. Jünemann/Zorob 2013), möchte ich den Versuch unternehmen, Protest selbst als Resilienz zu deuten. Um methodologische Anknüpfungspunkte aufzeigen zu können, kläre ich im Folgenden in Kürze wie sozialwissenschaftliche Forschungen Protest analysieren.

Protest wird allgemein als eine spezifische Politikform (Raschke 1988) verstanden, die entweder für oder gegen sozialen Wandel gerichtet ist. In der sozialen Protest- und Bewegungsforschung haben sich seit den 1970er Jahren strukturanalytische (McCarthy/Zald 1977; Tarrow 1989) und sozialkonstruktivistische und wissenssoziologische (Gerhards/Rucht 1992; Goodwin/Jasper/Polletta 2001) Ansätze stark gemacht, um Widerstand zu verstehen und zu erklären. In der einschlägigen Bewegungsforschung zu Gewerkschaften, Feminismus und Frauenbewegungen, Umwelt- und Antiatombewegungen, Indigenenbewegungen und Bewegungen für Landrechte etc. werden eine ganze Reihe von teils sehr verschiedenen Ausprägungen und kollektiven Aktionsformen von Protest herausgearbeitet.[4]

Akzentuiert werden in den Studien Organisationsform, Institutionalisierungsgrad, Ressourcenmobilisierung, Gelegenheitsstrukturen, Temporalität, Positionierung der Akteure in demokratischen und/oder autoritären Kontexten, Identitätskonstruktionen, „framing“ von Problemlagen und Missständen. In den letzten Jahren hat sich die Bewegungsforschung vermehrt auch mit kulturspezifischen Ausprägungen von Protestmodi auseinandergesetzt und – erstmals systematisch – die Beziehungen zwischen Kultur und Protest erörtert (Goodwin/Jasper/Polletta 2001; Johnston 2009; Jasper 2014; Ullrich/Daphi/Baumgarten 2014). Meines Wissens liegen noch keine Studien vor, welche diese Beziehungen zwischen Kultur und Protest unter dem Aspekt der Resilienz als Formen von Widerstandskraft und Innovation erforschen.

Aus meiner eigenen empirischen Forschung in den südafrikanischen Townships habe ich verschiedene Formen von Handlungsfähigkeiten (agencies) herausgearbeitet, unter anderem im Kontext von Protestmodi. “[…] differing types of agency. Hence, processes of democratization lead to diversification of agency in the sense that political and social actors are positioned differently within competing knowledge systems and relevant power structures in the urban governance arena.” (Gukelberger 2013: 5).

Diese verschiedenen Typen von kulturspezifischen Handlungsfähigkeiten äussern sich in der lokalpolitischen Arena in Form von alten (Beharrung) und neuen (Innovation) Protestmodi. Gewaltsame Protestformen gegen unzulängliche staatliche Dienstleitungen in den Townships werden in der Literatur als Relikt der Anti-Apartheidbewegungen diskutiert (Mathekga/Buccus 2006; Williams 2006a; Mattes 2002). Dagegen haben Aktivistinnen vor dem Hintergrund ihres ‚anti-apartheid-Aktivismus-Handlungsrepertoire‘ neue Handlungsmodi hervorgebracht, die sich einerseits an die formal-politische demokratische Ära in den Townships anpassen, indem sie bspw. eine eigene NRO gründen.

Gleichzeitig kreieren sich aber neue Formen des Protests gegen Gewalt gegen Frauen, Kriminalität etc., die ihren Niederschlag im Aufbau von frauenspezifischen Foren finden, die gegen den Staat agieren bzw. diesen herausfordern (Gukelberger 2013). Diese Aktivistinnen sind in ihrer Handlungsfähigkeit flexible und kreativ, in dem sie assimilative und confrontational strategies kombinieren, um den sozial und ökonomisch prekären und von Gewalt geprägten Alltag zu bewältigen und längerfristig zu verändern. Hier könnte man argumentieren, dass sich ausgehend vom tiefgreifenden Wandel von der Apartheid zur formal politischen Demokratie ein Handlungsfeld eröffnet, in dem sich verschiedene Formen von Resilienz auf der lokalen Ebene manifestieren, als Beharrung einerseits und Innovation andererseits.

Resilienz als verschiedene Formen von Handlungsfähigkeit im Spektrum zwischen Beharrung und Innovation in die Protestforschungen mit einfließen zu lassen und theoretisch zu reflektieren, ist ein möglicher Schritt für die weitere Ideenentwicklung. Meiner Meinung gilt es bei diesem Schritt insbesondere, die Vielfältigkeit von Resilienz auf der lokalen Ebene empirisch herauszuarbeiten und nicht im Kontext von angenommener Vulnerabilität zu verharren. Dieser akteurszentrierte Blick auf Resilienz würde zudem den eingangs beschriebenen Blog von medico international erweitern – denn auch hier scheint Passivität und Handlungsunfähigkeit der Betroffenen durch.

Während der Blog Resilienz als ein entpolitisiertes und entwicklungsrelevantes Konzept in der EZ entlarvt, könnte die Protestforschung dazu beitragen, Resilienz als Analysekategorie einer erneuten Politisierung sozialer Probleme und Ungleichheiten (in und außerhalb der Sozialwissenschaften) zu verhelfen.

Referenzen

Bürkner, Hans-Joachim (2010): Vulnerabilität und Resilienz: Forschungsstand und sozialwissenschaftliche Untersuchungsperspektiven / Hans-Joachim Bürkner. Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS). - Erkner: IRS.

Coaffee, Jon und Murakami Wood (2006): The Everyday Resilience of the City. ISP/NSC Briefing Paper 06/1.

della Porta, Donatella und Mario Diani (1999): Social Movements: An Introduction, Oxford: Blackwell.

della Porta, Donatella und Hanspeter Kriesi (2009): “Social Movements in a Globalising World: An Introduction.” In: Donatella Della Porta, Hanspeter Kriesi und Dieter Rucht (Hrsg.): Social Movements in a Globalising World, Houndmills u.a.: Palgrave Macmillan, S. 3-22.

Gerhards, Jürgen und Dieter Rucht (1992): “Mesomobilization: Organizing and Framing in Two Protest Cam-paigns in West Germany.” In: American Journal of Sociology 98 (3), S. 555-596.

Gukelberger, Sandrine (2013): Whose Rainbow Nation? Local Politics und Belonging in Cape Town. Unveröffentlichte Dissertation, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld.

Giddens, Anthony (1984): The constitution of society. Outline of the theory of structuration. Berkeley: University of California Press.

Goodwin, Jeff, James M. Jasper und Francesca Polletta (2001): Passionate Politics: Emotions and Social Move-ments, Chicago: The University of Chicago Press.

Kurzpräsentation des geplanten Sonderforschungsbereichs Resilienz Beharrung und Innovation von der Antike bis zur Gegenwart, Universität Trier (Stand Oktober 2013).

Innes, Martin und Vanessa Jones (2006): Neighbourhood Security and Urban Change: Risk, Resilience and recovery. University of Surrey 2006, veröffentlicht von der Joseph Rowntree Foundation.

Jasper, James M. (Hg.) (2014): Protest: A Cultural Introduction to Social Movements, Polity.

Jünemann, Annette und Anja Zorob (Hg.) (2013): Arabellions, Zur Vielfalt von Protest und Revolte im Nahen Osten und Nordafrika Editors: Wiesbaden: VS Springer Verlag.

Johnston, Hank (Hg.) (2009): Protest Cultures: Performance, Artifacts, and Ideations, in: Culture, Social Movements, and Protest, Ashgate, S. 3-32.

Long, Norman und Ann Long (1992): BattleVelds of knowledge. The interlocking of theory and practice in social research and development. London; New York: Routledge.

Mathekga, Ralph und Imraan Buccus (2006): The challenge of local government structure in South Africa: Securing community participation. Centre for Public Participation. Critical dialogue- Public Participation in Review: IDASA.

Mattes, Robert (2002): South Africa: Democracy without the people? In: Journal ofDemocracy 13 (1), S. 22-36.

McCarthy, John D. und Mayer N. Zald (1977): “Resource Mobilization and Social Movements: A Partial Theo-ry.” In: American Journal of Sociology 82, 1212–41.

Raschke, Joachim (1988): Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriß, 2. Neuauflage. Frankfurt a.M.: Campus Verlag, S. 84-123.

Tarrow, Sidney (1989): Democracy and Disorder: Protest and Politics in Italy 1965-1975, Oxford: Clarendon Press.

Ullrich, Peter, Daphi, Priska und Britta Baumgarten (Hg.) (2014): Protest and Culture: Concepts and Approaches in Social Movement Research – An Introduction, in: Conceptualizing Culture in Social Movement Research, London: Palgrave Macmillan, S. 1-22.

Williams, John J. (2006a): Community Participation. Lessons from Post-apartheid South

Africa. In: Policy Studies 27 (3), pp. 197-217.

Das Paradox der Resilienz: <link blog artikel das-paradox-der-resilienz>www.medico.de/blog/artikel/das-paradox-der-resilienz/


[1] Das Paradox der Resilienz: <link blog artikel das-paradox-der-resilienz>www.medico.de/blog/artikel/das-paradox-der-resilienz

[2] Am Stärksten sei die Verknüpfung in der strukturalistischen Vulnerabilitätsforschung (Livelihood-Konzepten) vorhanden sowie in Ansätzen, die versuchen im Kontext von Sozialkapital Verbindungen aufzuzeigen (bspw. Bourdieu). Am Schwächsten sei sie in der ökologischen Anthropologie, der Raumplanung/Goveranceforschung sowie in Teilen der Humanökologie und der Stadtforschung durchdacht (ibid. 25f). 

[3] Kurzpräsentation des geplanten Sonderforschungsbereichs Resilienz, Beharrung und Innovation von der Antike bis zur Gegenwart, (Stand Oktober 2013). 

[4] Della Porta und Diani (1999, 2009) erweitern die soziale Bewegungsforschung, indem sie Interaktionszusammenhänge im Kontext von Globalisierung und Transnationalisierung untersuchen. 


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