Vortrag

Resilienz & neoliberale »Eigenverantwortung«

medico-Geschäftsführer Thomas Gebauer. (Foto: medico)
Weil Politik kaum noch über ein reaktives Krisenmanagement hinausreicht, gilt Resilienz als zweckmäßigste Waffe gegen die herrschende Krisendynamik.

Gehalten auf dem Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie: Krieg um die Köpfe – Der Diskurs der „Verantwortungsübernahme“ in Berlin, 5.-8. März 2015

I. Resilienz – ein Allheilmittel?

Ein Kongress, der sich mit dem „Krieg um die Köpfe“ beschäftigt und dabei den Diskurs der »Verantwortungsübernahme« hinterfragen will, kann gar nicht anders, als sich einen Begriff vorzunehmen, der – wie kaum ein anderer – derzeit im Diskurs helfender Berufe herumgeistert.

Die Rede ist von Resilienz und damit von einem Konzept, das wie ein neuer Stern am Himmel von Pädagogik und Psychologie, aber auch der Organisationsberatung, in der Entwicklungszusammenarbeit, ja selbst in der Sicherheitspolitik aufgegangen zu sein scheint.

Wer heute das Wort Resilienz googelt, stößt auf bald 480.000 Einträge: Resilienz in der Erziehungsberatung, Resilienz in der Traumabehandlung, Resilienz in den einschlägigen Ratgeberspalten der Yellow Press, Resilienz aber auch in der Frage des Aufbaus von Gesundheitsdiensten in Westafrika, in den Trainingskursen für Führungskräfte, beim Schutz vor Klimawandel und kriegerischer Gewalt. Wo man hinschaut, begegnet einem heute früher oder später die Idee der Resilienz: fast scheint es, als wäre ein Allheilmittel gefunden gegen all die Krisen und Probleme, denen Menschen in der heutigen Welt  ausgesetzt sind.

In die Lobeshymnen auf das Resilienz-Konzept mischen sich aber auch warnende Stimmen  (vgl. u.a. von Freyberg, 2011; Fingerle, 2007). Und darum soll es hier gehen: um eine kritische Betrachtung von Resilienz, die – und das ist meine These – sich zunehmend mehr als Teil jener neoliberalen Hegemonie entpuppt, zu deren Wesen es eben auch zählt, gesellschaftliche Verantwortung in die Sphäre des Privaten abzudrängen.

Sie kennen die monströse Behauptung Margaret Thatchers: „There is no such a thing as society“, mit der in den 1980er Jahren der Prozess der Aushöhlung solidarisch verfasster Gesellschaftlichkeit eingeleitet wurde. Möglich war dies letztlich nur auf der Grundlage einer Ideologie, die sich tief ins Bewusstsein der Menschen eingegraben hat, übrigens auch in die Überzeugungen derjenigen, die darunter am meisten zu leiden haben: die Ideologie einer neoliberal gewendete Idee von Eigenverantwortung.

In der Privatisierung gesellschaftlicher Verantwortung liegt übrigens kein Widerspruch zum Verantwortungsdiskurs der Regierenden. Die Betonung einer gewachsenen sicherheitspolitischen Verantwortung Deutschlands korrespondiert durchaus mit einer zunehmenden Verantwortungslosigkeit im Sozialen. Beides ist Ausdruck einer Politik, die sich voll und ganz der herrschenden kapitalistischen Ökonomie ausgeliefert hat, was – wie es der Bericht der Stiglitz-Kommission formulierte – zu einer fast kompletten Abwesenheit von „political accountabiliy“ geführt hat (Stiglitz u.a., 2009). Accountable sehen sich neoliberale Politikerinnen und Politiker bestenfalls noch gegenüber den Vorgaben der Ökonomie, nicht aber mehr gegenüber den Rechtsansprüchen von Menschen. Was das bedeutet, ist derzeit im Umgang mit Griechenland zu beobachten.

Es ist dieses System sozialpolitischer Verantwortungslosigkeit, das sich zu seiner Rechtfertigung mehr und mehr des Resilienz-Konzepts bedient.

Drei Beispiele will ich meinen Ausführungen voranstellen und damit ein erstes Schlaglicht auf meine These werfen und zugleich zeigen, wie weit sich Resilienz bereits unserer Lebensumstände bemächtigt hat.

Wer im Internet unter Resilienz surft, sieht sich schnell mit einem kaum noch überschaubaren Angebot für Resilienz-Trainingsprogramme konfrontiert. Für 25 € kann man seine persönliche Resilienz im Online-Schnelldurchgang testen lassen, für 1.220 € (zzgl. MwSt) das Seminar eines Instituts für Management­entwicklung besuchen, das für seine Leistungen mit dem Hinweis wirbt, „Resilienz - Ihr persönlicher Schutzschild gegen Stress und Burnout“. Resilienz - das Geheimnis der sogenannten “Stehauf-Menschen”, die selbst aus schwierigen Situationen und Niederlagen noch gestärkt hervorgehen (IME, 2015).

Ein zweites Beispiel stammt aus der internationalen Zusammenarbeit. Im April letzten Jahres lud die Europäische Union zum ersten Resilienz-Forum nach Brüssel ein. Dort lobte die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe das Resilienz-Konzept, weil es sich auf "[Krisen-] Bewältigungsmechanismen beziehe, die die Menschen selbst schaffen müssen". Beispielhaft nannte die Kommissarin die Bewohner küstennaher Dörfer in Bangladesch, die – um sich auf kommende Überflutungen vorzubereiten – bereits von Hühner- auf Entenzüchtung umgestellt hätten (Georgieva, 2014). - Dass Enten schwimmen können, ist bekannt, aber ist das auch ein Trost für die Menschen?

Ein letztes Beispiel kommt aus dem Bereich der Militärs und dreht sich um ein „Comprehensive Soldier Fitness“ Programm, mit dem die gut eine Million Soldaten der US-Armee fit gemacht werden sollen. Im Zentrum des 125 Mio. Dollar schweren Programms, das US-Psychologen rund um den Guru der positiven Psychologie Martin Seligman entwickelt haben, steht die Vorbereitung der Soldaten auf traumatische Ereignisse, eben die Förderung ihrer Resilienz (vgl. Seligman u.a., 2011). Die Soldaten sollen lernen, selbst noch extreme Erfahrungen als Herausforderung für persönliche Reifeprozesse anzusehen; als Erfahrungen, die ihnen Selbstbewusstsein und Stärke vermitteln. Das Ziel sei „eine unbezwingbare Armee“, so Seligman wörtlich, eine Armee, die negative Gefühle nicht mehr kennt, an der alles, was die Kampfkraft stören könnte, abprallt.

II. Resilienz – eine immunisierende Persönlichkeitseigenschaft?

Der Begriff Resilienz stammt aus der Physik, genauer aus der Stoffkunde und beschreibt die Fähigkeit eines Werkstoffs, auf Störungen, die von außen auf ihn einwirken, unbeschadet reagieren zu können. „Resilire“, lateinisch, meint übersetzt in etwa: abprallen, zurückfedern.

Wenn Begriffe von einem Wissenschaftsbereich in den anderen übertragen werden, kann es zu erheblichen Missverständnissen kommen. Vor allem besteht die Gefahr, dass komplexe Zusammenhänge plötzlich viel einfacher erscheinen. Nur so scheint mir die fast schon überbordende Verwendung des Begriffs Resilienz erklärbar zu sein.

Dabei waren die Motive, die Pädagogik und Psychotherapie in den zurückliegenden Jahrzehnten über Resilienz nachdenken ließen, durchaus zu begrüßen. Fraglos zielen Psychotherapie und Pädagogik darauf, die gesunden seelischen Kräfte von Menschen zu stärken. Man kann das mit dem Begriff der Resilienz umschreiben; Ziel ist dann die Förderung der Widerstandskraft von Menschen. Psychoanalytiker würden vielleicht von Ich-Stärke sprechen, und das ist ja alles nicht falsch.

Problematisch wird es erst, wenn in der Praxis der Blick für die komplexe Interaktion zwischen Mensch und Umwelt verlorengeht und Resilienz auf eine personale Eigenschaft reduziert wird, - auf eine individuelle Bewältigungskompetenz, die als solches im Individuum existieren soll und dort gefördert werden kann.

Genau davon aber gehen nicht wenige der heutigen Resilienz-Konzeptionen aus: die drei eingangs geschilderten Beispiele beschreiben das auf anschauliche Weise. Resilienz wird darin zu einer „Art immunisierenden Persönlichkeitseigenschaft (…), die es lediglich zu wecken oder zu trainieren gilt“ (Fingerle, 2007). Unter solchen Umständen muss man nicht mehr auf die Welt, wie sie ist, Einfluss nehmen, um Menschen vor negativen Erfahrungen zu schützen; es reicht, ihre  Widerstandkraft zu steigern.   

Aber schauen wir genauer hin! Versuchen wir zu ergründen, warum sich das Resilienz-Konzept so gut für Zwecke instrumentalisieren ließ, die es gar nicht intendiert hatte, - warum die guten Absichten, die Pädagogik und Psycho­therapie verfolgten, als sie sich für ein neues Verständnis für ihre Klienten stark machten, auf so prekäre Weise ins Gegenteil gewendet werden konnten.

Denn natürlich war und ist es richtig, das Augenmerk weniger auf Erziehungsdefizite oder Störungen zu richten, sondern auf jene Ressourcen, die Menschen für eine gute Entwicklung brauchen. Ein solcher Ansatz ist schon deshalb zu begrüßen, weil er um die Gefahr von Stigmatisierungen weiß, die mit der Diagnose von Störungen einhergeht.

Autonomie, Selbstverantwortung, Kompetenz, das ganze eingerahmt von Widerstandsfähigkeit, … was also sollte daran falsch sein?

Der Ressourcenansatz traf hierzulande auf viel Zustimmung. Allerdings, und das hätte bereits stutzig machen können, auch in den Sozial- und Kultus­behör­den, die in dem neuen Konzept auch eine Chance sahen, so die klammer werdenden öffentlichen Kassen entlasten zu können. Wer Mängel beseitigen und am Ende gar für sozialen Ausgleich sorgen will, braucht in der Regel viel Geld; da könnte die Förderung bereits vorhandener Ressourcen billiger kommen (vgl. von Freyberg, 2011).

Und darin liegt die Crux des Ressourcenansatzes; er wurde in dem Maße zum Problem, wie die Sache mit den Ressourcen auf personale Eigenschaften reduziert wurde, während die Bedeutung sozialer Ressourcen, die Menschen für eine positive Entwicklung auch benötigen: ein angemessen ausgestattetes Bildungssystem etwa, gesellschaftliche Anerkennung, soziale Gleichheit etc.,  mehr und mehr aus den Blick geriet.

Statt weiterhin das gesamte Spektrum der Risiken und Schutzfaktoren  zu berücksichtigen, konzentrierte sich der Ressourcenansatz immer mehr auf die Frage einer einseitigen Förderung individueller Bewältigungskompetenz.

Natürlich liegt in einer solchen Engführung auch eine große Verführung. Freiheit und Autonomie sind hehre Ziele, und wenn es nicht mehr gesellschaftliche Umstände sein sollen, die über die Lage von Menschen entscheiden, sind letztlich auch der Pädagogik und der Psychotherapie keine Grenzen mehr gesetzt. Alles, selbst die Bekämpfung gesellschaftlich verursachten Leids, die Frage, warum Menschen am Arbeitsplatz zusammenbrechen, warum sie den Eindruck haben, nicht mehr gebraucht zu werden und wie der im Alltag um sich greifenden Gewalt zu begegnen sei, - all das erscheint mit einem Mal allein durch erzieherische bzw. therapeutische Interventionen abwendbar.

Auch in der Entwicklungszusammenarbeit herrschte viele Jahre lang eine von Allmachtphantasien getragene Vorstellung: „Tausend Fragen, eine Antwort, Helfen“, mit solchen Slogans warben Hilfswerke für ihre Arbeit, ganz so als könne man mit Hilfe die Welt aus den Angeln heben. Eine Mischung aus Hybris und Naivität, die viele höchst fragwürdigen Konzeptionen produziert hat; ich werde darauf später zurückkommen.

Aber blieben wir noch kurz bei den Blüten, die der Resilienzdiskurs in der Pädagogik und der Psychologie getrieben hat. Sie sind heute z.B. in den Auslagen der Buchhandlungen zu bewundern. Ein ganzer Berufszweig scheint sich inzwischen auf Resilienz zu kaprizieren und damit marktförmig auf ein Bedürfnis zu reagieren, dass allerdings existiert und vermutlich sogar noch wachsen wird.  Hier eine kleine Auswahl von Titeln:

  • Resilienz: Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft.
    Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out (14,99)
  • Resilienz – die Kunst wiederaufzustehen (7,99)
  • Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! - Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung (9,99)
  • Resilienz – 7 Schlüssel für mehr innere Stärke, 4. Auflage (14,99)

III. Resilienz und die Privatisierung sozialer Verantwortung

So populärwissenschaftlich diese Titel daherkommen, steckt in ihnen doch viel Wahrheit: deutlich wird, was die Attraktivität des Resilienz-Konzept ausmacht. Es sind vor allem unlustvolle Erfahrungen, auf die es antwortet: Ängste vor Scheitern, das Gefühl, fremden und eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, das Bedürfnis, sich in einer immer unsicher werdenden Welt schützen zu müssen,  mit anderen Worten: ein wachsendes Unbehagen an den Verhältnissen.

Und darin steckt die Zweischneidigkeit des Resilienz-Konzeptes: es antwortet auf dieses Unbehagen und nährt zugleich die Verhältnisse, die eben dieses Unbehagen weiter anwachsen lassen.

Das Unbehagen in der heutigen Welt resultiert aus gesellschaftlichen Verhältnissen, die Heinz Bude in seinem lesenswerten Essay als „Gesellschaft der Angst“ beschrieben hat (Bude, 2014); Lebensbedingungen, die keinen Zweifel daran lassen, dass die großen Freiheits- und Glückversprechen der Moderne für eine wachsende Zahl von Menschen notwendig unerfüllt bleiben.

Tatsächlich haben die zurückliegenden Jahrzehnte nicht eine Zunahme an individueller Freiheit gebracht, sondern die voranschreitende Unterwerfung aller, auch der privaten Bereiche des Lebens unter eine von Marktwirtschaft und Verwaltung vorgegebene Zweckrationalität. Jürgen Habermas hat diese Entwicklung als „Kolonisierung der Lebenswelt“ beschrieben (Habermas, 1985) und in eben dieser Kolonisierung liegt meines Erachtens der Grund für das wachsende Unbehagen.

Wie weit dieser Prozess bereits vorangeschritten ist, zeigt sich auch in der  Ökonomisierung menschlicher Existenz. Längst hat sich der „homo sapiens“ in einen „homo economicus“ verwandelt, der seine Interessen, sein sozialen Beziehungen, sein Verhalten an betriebswirtschaftlichen Überlegungen ausrichtet und dabei selbst vom ökonomischen Kalkül durchdrungen wurde.  Ernsthaft wurde vor einigen Jahren darüber diskutiert, Menschen seien so etwas wie „Ich-AGs“. So bizarr das klingt, so sehr hat sich die Idee eines „unternehmerischen Selbst“ durchsetzen können, eine Idee, die im Rahmen von Entreprenership –Konzepten, von „financial literacy“, Mikrokrediten etc. schließlich auch den Weg in viele entwicklungspolitische Vorhaben fand (Gebauer, 2014).

Mit der Propagierung eines „unternehmerischen Selbst“ aber ist das, worauf sich Menschen stützen können, Richard Sennett sprach von einem  „emotionalen Anker“, abhandengekommen (Sennett, 2005). Weder gibt es heute noch jene soziale Sicherheit, von der heraus sich das eigene Leben angstfrei in die Hand nehmen ließe, noch haben die Einzelnen die Möglichkeit, die strukturellen Vorgaben, innerhalb der sie als Unternehmer in eigener Sache tätig werden sollen: die Vorgaben von Marktwirtschaft und Verwaltungsstaat, wirkungsvoll beeinflussen zu können. Damit ist das Risiko für das gewachsen, was im neoliberalen Lebensentwurfs eigentlich gar nicht vorgesehen ist: das Scheitern.

Und eben das löst Angst aus; Angst die abgewehrt werden muss bzw. auf Entschädigung drängt. Der rastlose Konsum fetischisierter Waren kann eine solche illusionäre Entschädigung bieten, aber auch die Suche nach Identität, für die es freilich kaum noch feste Bezugspunkte mehr gibt.

Was aus dieser Suche resultiert, ist ein flackerndes Bewusstsein: eines, dessen innerstes Gesetz die Unruhe selbst ist. Und eben diese Unruhe ist hochgradig systemkonform. Auf perfekte Weise korrespondiert das Gefühl einer inneren Getriebenheit mit der Allgegenwart eines Marktes, dessen flüchtige Bilderwelt eine ebenso flüchtige, aber permanente Bewegung erfordert (Türcke, 2011). 

Unter solchen Umständen kann es nicht verwundern, dass sich Erschöpfung breit macht und das „unternehmerische Selbst“ in einem „erschöpften Selbst“ mündet: in Depression.

Was aber passiert mit Menschen in einer Welt, die beständig Ideale propagiert, die für die meisten unerreichbar bleiben? Wie reagieren Leute, wenn Selbstverwirklichung und Teilhabe an realer oder phantasierter Perspektivlosigkeit, am Gefühl des Ausgeschlossen-Seins und des Nicht-Ernst- Genommen-Werdens scheitern? Wenn dumpfe Verlust- und Versagensängste zu einem alles bestimmenden Lebensgefühl werden?

Was passiert mit Menschen, die zur Aufrechterhaltung ihres Selbstgefühls narzißtische Allmachtphantasien wiederbeleben? Die Scham und Schuldgefühle ausschalten, indem sie sich in hochfliegende Ideale retten? Deren Ich sich – psychoanalytisch gesprochen – mit einem narzißtischen Ich-Ideal gegen aus dem Über-Ich kommende Gewissennöte und Vorwürfe verbündet, um das Leben wieder erfüllt erscheinen zu lassen?

Liegt im Ausschalten von Skrupeln und dem Eins-Werden mit dem gesellschaftlich propagierten Ideal des Siegertyps nicht jene Idee von Resilienz, die die eingangs erwähnten Trainingsprogramme für Manager und Soldaten zum Ziel haben?  

Ist nicht in Soldaten, denen jede menschliche Regung abtrainiert wurde und die selbst noch in traumatischen Erfahrungen eine Chance zur Selbstfindung sehen sollen, der Prototyp eines vollends resilienten Menschen auszumachen? An dem selbst noch die extremsten Lebensumstände abprallen? Dessen Widerstandskraft total ist.

Wilhelm Reich sprach in diesem Zusammenhang von Charakterpanzern. Wobei für Reich das therapeutische Ziel im Aufbrechen solcher Panzerungen lag, während es in vielen der heutigen Resilienzprogramme offenbar darum geht, eben diese aufzubauen. Aus sog. „thin-skin“, dünnhäutigen narzisstischen Charakteren die verängstigt und voller Selbstzweifel sind (beschrieben von Kohut), sogenannte „thick-skin“ Narzissten (Kernberg) zu machen, in denen sich alles um den Erhalt eines hochfliegenden Ich–Ideals dreht.

Wenn ich hier überzeichne, dann nicht, um jedwede pädagogische und therapeutische Praxis, die sich auf Resilienz bezieht, solche Absichten zu unterstellen, sondern um deutlich zu machen, wie das Konzept der Resilienz im Kontext der neoliberalen Transformation von Gesellschaftlichkeit missbraucht werden konnte und wird.

Denn die Vorstellung, man könne traumatischen Erfahrungen über Resilienz-Training präventiv begegnen, hat längst den Weg aus der Militärpsychologie ins zivile Leben gefunden.

Heute bieten auch Universitäten Workshops zur Frage an, wie man in einer von Karrieredruck, Konkurrenz und Zurückweisung geprägten Welt ein resilienter Forscher werden kann. Seligman, der schon erwähnte Autor des „Comprehensive Solidier Fitness“ Programm, nutzt die im militärischen Kontext gewonnenen Erkenntnisse, um sie nun auch in Schulen anzuwenden. Schon früh sollen Kinder lernen, wie sie schwierige Lagen überstehen können.

Ziele solcher Programme ist nicht mehr die Gestaltung menschenwürdiger Lebensumstände, sondern die Anpassung der Menschen an eine mehr und mehr versagende Welt – durch Selbstoptimierung, durch den Aufbau von Schutzschilden, durch Schaffung individueller Bewältigungskompetenz.

Und wer zu solcher Selbstoptimierung nicht bereit ist, dem muss dann halt nachgeholfen werden, z.B. mit Pflichtenheften, die längst nicht mehr nur im „Fördern und Fordern“ der Jobvermittlung auftauchen, sondern auch in der Pädagogik Einzug gehalten haben (vgl. von Freyberg, 2011).

Die Idee, die sich in den Resilienz-Diskurs eingeschlichen hat, ist einfach: wer bereit ist zu lernen und ein wenig Training in Kauf nimmt, kann resilient werden. Ich-Stärke ist dann keine biographisch gewachsene, im Zuge der psychischen Entwicklung geformte und so immer auch konfliktive psychische Eigenschaft mehr, sondern eine Technik, die gelehrt und gelernt werden kann.  Klappt die Anpassung nicht, können vielleicht noch Pädagogen oder Therapeuten zur Verantwortung gezogen werden, aber im Prinzip geht auch der Misserfolg zu Lasten der Individuen selbst.

Was das heißt, ist in der Boulevard-Presse zu studieren. Dort gelten Armut, Bildungsferne, Flucht, aber auch nur Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen gelten mehr und mehr als selbst verschuldet: die Leute haben es halt verabsäumt, ihre Ressourcen zur Geltung zu bringen.

Wer so argumentiert, übersieht, dass der Appell zur Eigenverantwortung just in dem Augenblick erging, als die Voraussetzungen für Eigenverantwortung systematisch unterhöhlt wurden, als die „capabilities“, die Verwirklichungschancen, von Menschen mit den Einschnitten in der Sozial- und Bildungspolitik nicht größer, sondern kleiner wurden.

Gegen mehr Selbstbestimmung ist gewiss nichts einzuwenden, schon gar nicht aus emanzipatorischer Sicht. Die Älteren erinnern sich, wie wir früher mit der Forderung nach Autonomie auf die Straße gegangen sind. Nun sieht es ganz danach aus, dass mit der Kolonisierung der Lebenswelten eben diese Forderung, die Forderung nach Autonomie gegen uns selbst gewandt wurde. Aus der Zurückweisung staatlicher Gängelung wurde sozusagen eine von oben durchgesetzte Freisetzung, eine Form von repressiver Emanzipation, die vielen Menschen nichts anders brachte als Vogelfreiheit.

IV. Resilienz als Knotenpunkt einer neoliberal transformierten Welt 

Unter solchen Umständen nimmt es nicht wunder, dass Resilienz zu einer Art Schlüsselwort für die heutigen Verhältnisse geworden ist. Auch aus den globalen Bemühungen um Krisenbewältigung, um Katastro­phen­schutz und Entwicklungszusammenarbeit ist Resilienz nicht mehr wegzudenken. Weil Politik kaum noch über ein reaktives Krisen­management hinaus­reicht, gilt Resilienz als zweckmäßigste Waffe gegen die herrschende Krisendynamik.

Selbstverständlich ist es notwendig, Menschen dabei zur Seite zu stehen, sich vor Katastrophen und Krisen besser schützen zu können. Absurd aber wird es, wenn das Bemühen um „Disaster Preparedness“ zur Rechtfertigung dafür herhalten muss, nichts mehr gegen die Ursachen von Krisen z.B. gegen den Klimawandel oder die wachsende soziale Ungleichheit tun zu müssen.

Beispiel Ebola: Zu den Lehren, die aus der Krise zu ziehen sind, zählt auch die Erkenntnis, wie wichtig leistungsfähige Gesundheitssystems sind. Nun, wo aus solchen Einsicht konkrete Handlungen werden sollen, taucht in der Debatte die Idee von „resilient health systems“ auf, ganz offenbar, weil man davon ausgeht, dass sich die Ursachen, die zum Ausbruch der Epidemie geführt haben, eh nicht verändern lassen: darunter die anhaltende Zerstörung traditioneller Lebensräume durch das Agrobusiness und international tätige Rohstoffunternehmen. Nicht deren Regulierung scheint nun angesagt, sondern der Aufbau lokaler Bewältigungskapazitäten, um die Folgen einer ungebremsten Zerstörungspraxis künftig besser abfedern zu können.

Resilienz auch in der Ökonomie, nicht zuletzt in der globalen Finanz- und Wirtschaftspolitik. In den letzten Jahren sind unzählige Publikationen erschienen, die sich allesamt darum drehen, wie sich angeschlagene Ökonomien durch Aufbau von Resilienz möglichst rasch wieder erholen. Selbst Low-Income Countries sollen sich auf diese Weise vor den Folgen von Finanzkrisen schützen können. Nur ein wenig Training sei dazu notwendig, und vielleicht hier und da ein paar Ratschläge und Motivationshilfen. Das Beispiel Griechenland spricht Bände.

Besonders aufschlussreich aber ist, wie der Resilienz-Begriff inzwischen in der Sicherheitspolitik Fuß gefasst hat. Den Wendepunkt dabei markieren ohne Frage die Terroranschläge auf das World Trade Center in den USA. Nach 9/11 ist Resilienz zum festen Bestandteil sicherheitspolitischer Strategie geworden. Die „National Strategy for Homeland Security“ der USA scheint von Resilienz regelrecht besessen. Alles, die kritische Infrastruktur des Landes, der Zugang zu Schlüsselressourcen, das System als solches, selbst die Volksseele: The American Spirit, wird unter dem Stichwort der Resilienz diskutiert (US-NSC, 2007).

Grundlage all dieser Überlegungen ist die Überzeugung, dass die heutigen Verhältnisse extrem störanfällig und nicht eigentlich mehr zu kontrollieren sind. Mit Zwangläufigkeit produzieren solche Verhältnisse Krisen, die - dank Resilienz - dennoch bewältigt können werden. Auf diese Weise gerät Resilienz zu einer Art „nachgelagerte Sicherheit“.

Beispiel Israel, wo heute Millionen von Schulkindern lernen, von Gewalt nicht mehr überrascht zu werden. Unter dem Eindruck simulierter Terroranschläge üben sie, wie Angst durch Atemübungen und positive Gedanken bekämpft werden kann. Fragen, wie die Konfliktlage im Nahen Osten politisch zu lösen wäre, sind nicht Teil des Lehrplans.

Letztlich liegt darin ein furchtbares Eingeständnis! Das Eingeständnis, dass künftig Unsicherheit keine Ausnahme mehr, sondern die Regel sein wird. Resilienz, so der britische Sozialwissenschaftler Mark Neocleous, sei vergleichbar mit einem „besorgten Blick in die Zukunft“ (Neocleous, 2013). Und so müssten Stadtplaner bei jedem neuen Vorhaben immer auch das Risiko künftiger Terroranschläge berücksichtigen, Gesundheitsexperten die Zunahme von Pandemien, Entwicklungspolitiker den Anstieg des Meeresspieles.

Solche Überlegungen, so zweckrational sie scheinen, bleiben nicht ohne Konsequenz für das Bewusstsein. Denn wenn alle davon ausgehen, dass die Katastrophe unvermeidbar ist, bleibt nur, sich immer und immer wieder vorzustellen, wie sich die Katastrophe schließlich ereignen könnte. Derart tendiert Resilienz, so Mark Neocleous, zur Kolonisierung der letzten noch verbliebenen Sphären von Freiheit, zur Kolonisierung der menschlichen Vorstellungskraft, die nun ihrerseits in den Dienst eines „business as usual“ gestellt wird (Neocleous, 2013).

Höchst bemerkenswert ist, wie im Resilienz-Diskurs der Bezug auf staat­liche Institutionen durch Anrufungen von informellen »Gemeinschaften«, von Familie und Nachbarschaften ersetzt wird. Staatliche Institutionen sind vielleicht noch für die Sicherung von macht- und wirtschaftspolitischer Interessen zuständig, nicht aber mehr für die Gewährleistung sozialer Ansprüche. Letztere werden an  gesellschaftliche Subsysteme delegiert, die zwar Menschen hilfreich und schützend zur Seite stehen können, an die sich aber keine Rechtansprüche mehr richten lassen. Informelle Gemeinschaften sind ihren Mitgliedern eben nicht mehr formell verpflichtet.

Derart schwingt in der Betonung von Resilienz ein komplett neues Staatsverständnis mit. Eines, das sich von der Idee in öffentlicher Verantwortung zu realisierender und schützender Menschenrechte immer weiter entfernt und so letztlich jenen Gesellschaftsvertrages aufkündigt, auf den sich moderne Staaten gegründet haben (Brunner, 2014).

Zieht man all das in Betracht, entpuppt sich Resilienz als eine Art Knotenpunkt zwischen deregulierter Ökonomie, neoliberal zugerichteter  Subjektivität und einem bourgeoisen Staatsverständnis, das nur noch den Rahmen für die Verteidigung von Besitzständen, von Privilegien und die Chancen der Mächtigen zu sichern hat.

Psychologisch gesprochen soll Resilienz mit Verhältnissen versöhnen, die in ihrer krisenhaften Entwicklung notwendig auch zu wachsender sozialer Ungleichheit führen.

Und so ist die Konzeption von menschlicher Widerstandskraft, die im Resilienz Konzept aufscheint, in hohem Maße problematisch: ist ein Widerstand, der sich zwar an den Verhältnissen entzündet, aber am Ende dazu beiträgt, eben die Verhältnisse, gegen die er Sturm laufen müsste,  zu stabilisieren. Einem solchen Widerstandsbegriff sollten wir widerstehen.

Literaturverzeichnis

Brunner, J. (2014). Die Politik des Traumas, Berlin

Bude, H. (2014). Gesellschaft der Angst, Hamburg

Fingerle, M. (2007). Der „riskante“ Begriff der Resilienz – Überlegungen zur Resilienzförderung im Sinne der Organisation von Passungsverhältnissen. In Opp/Fingerle (Hrsg), Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz (S. 299-310), München/Basel

v. Freyberg, Th. (2011). Resilienz – mehr als nur ein problematisches Modewort. In M. Zander (Hrsg.), Handbuch der Resilienzförderung (S. 219-239), Wiesbaden

Gebauer, Th. (2014). Jenseits der Hilfe: Von der Wohltätigkeit zur Solidarität. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 59. Jg. Heft 4/2014, (S. 73-80)

Georgieva, K. (2014). Adressing the first EU Resilience Forum. Zit nach: http://www.euractiv.de/sections/entwicklungspolitik/eu-verspricht-mehr-unterstuetzung-fuer-klima-resilienz-301927 (16.03.2015)

Habermas, J. (1985). Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2, 3. Aufl., Frankfurt a.M. 

IME - Institut für Management-Entwicklung (2015). Seminar: Resilienztraining für Führungskräfte. http://www.ime-seminare.de/seminare/resilienztraining-fuer-fuehrungskraefte/ (16.03.2015)

Neocleous, M. (2013). Resisting Resilience. In: Radical Philosophy 178, March/April 2013 (p. 2-7), Kingston-upon-Thames, UK

Seligman, M.; Fowler, R. (2011). Comprehensive Soldier Fitness and the future of psychology. American Psychologist, Vol 66(1), Jan 2011, 82-86

Sennett, R. (2005). Die Angst, überflüssig zu sein - Zwang zur Anpassung: Warum der neue Kapitalismus unsere Freiheit nicht vermehrt hat.
In: DIE ZEIT Nº 21/2005, 19. Mai 2005  

Stiglitz, Joseph (2009). Report of the Commission of Experts of the President of the United Nations General Assembly on Reforms of the International Monetary and Financial System

Türcke, Ch. (2011). Konzentrierte Zerstreuung. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 62, S. 31-50.

US National Security Council (2007). National Strategy for Homeland Security, Washington DC, Oct. 2007


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