Gesundheit

Radikal und basisnah

Einer von vielen Workshops auf der Peaople's Health Assembly in Bangladesch. (Foto: medico)
In Bangladesch fand die People’s Health Assembly mit Gesundheitsaktivisten aus 75 Ländern statt.

Von Anne Jung

„Noch nie zuvor in meinem politischen Leben habe ich von einem solchen Ausmaß an Gewalt erfahren, wie es die Frauen in den Camps der Rohingya im Osten von Bangladesch zuvor in Myanmar erlebt hatten.“ Als die feministische Menschenrechtsaktivistin Shireen Huq aus Bangladesch zu ihrem Bericht aus dem größten Flüchtlingslager der Welt anhebt, stockt den über 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörern der Atem. Es ist Tag Zwei der People’s Health Assembly, des größten Treffens von Basisgesundheitsaktivistinnen und -aktivisten aus aller Welt. Shireen Huq berichtet gefasst und klar von sexualisierter Gewalt und davon, wie Entrechtung und der Ausschluss von Bildung und Gesundheit die Gruppe der Rohingya in Myanmar über Jahrzehnte isoliert und gedemütigt hat. Und sie gibt einen Einblick, wie es der Zivilgesellschaft in Bangladesch gelang, im Austausch mit der Regierung und der Bevölkerung die solidarische Unterstützung für die Rohingya zu organisieren.

Menschenrechte im Handgemenge

Wenn es stimmt, dass die Menschenrechte zukünftig nur dann eine Chance haben, wenn sie von unten verteidigt und erneuert werden, war die einwöchige People‘s Health Assembly im Winter 2018 das beste Beispiel dafür. Zum vierten Mal seit seiner Gründung lud das international vernetzte People’s Health Movement zur Generalsversammlung ein und mehr als 1.300 Menschen aus über 75 Ländern reisten an, die große Mehrheit aus dem globalen Süden. Gastgeberin der Versammlung: Gonoshastaya Kendra (GK), die größte Gesundheitsorganisation Bangladeschs, gegründet im Zuge der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan.

Wie umkämpft Gesundheitsarbeit sein kann, wenn sie sich im Kontext von Menschenrechtsarbeit verortet, zeigte sich im Vorfeld der People‘s Health Assembly: Der Veranstaltungsort wurde verwüstet, einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden an der Einreise gehindert, und es kam zu Blockaden von Seiten der Behörden, die mit Sicherheitsproblemen begründet wurden. In Wirklichkeit wollte die Regierung Stärke beweisen gegenüber GK, weil diese mit ihrer Projektpraxis der Regierung den Spiegel vorhält. Indem sie zum Beispiel ein Versicherungssystem für Textilarbeiterinnen entwickelt und kürzlich die größte Dialysestation des Landes im organisationseigenen Krankenhaus eröffnet hat, führt GK vor, was eigentlich Aufgabe des Staates wäre.

Die Aktivistinnen und Aktivisten von GK ließen sich von den Blockaden nicht beeindrucken und überzeugten die Regierung davon, die Großveranstaltung doch stattfinden zu lassen. Sie musste dann innerhalb von 24 Stunden an einen anderen Ort verlegt werden, was GK jedoch ohne spürbare Probleme gelang. Sogar ein neues Programmheft wurde über Nacht in der eigenen Druckerei produziert. Hier bewährte und bewies sich einmal mehr das Leitmotiv von GK, das dazu beiträgt, dass die Organisation noch unter widrigen Umständen handlungsfähig bleibt: „Small is beautiful, but big is necessary“.

Gesundheitsgefahr Kapitalismus

Im international besetzten und von medico organisierten Workshop zu den Kämpfen der Care Worker verständigten sich Community Care Worker aus Simbabwe, Südafrika, Philippinen, Pakistan, Bangladesch, Kenia, Nepal und  Libanon über die gemeinsame Ausgangslage.

Die Careworker verkörpern mit ihrer Arbeit eine Alternative zu einem biomedizinisch geprägten Gesundheitsverständnis. Gerade deshalb müssen sie ihre fundamentale Bedeutung für eine funktionierende Basisgesundheit jeden Tag aufs Neue verteidigen. In Zeiten von Privatisierung und Effizienzdenken schweben sie permanent in Gefahr, als billige Aushilfskräfte ausgebeutet zu werden (siehe den Beitrag auf den folgenden Seiten). „Care Worker sind das Bindeglied zwischen der Community und dem Gesundheitssystem. In Zeiten fragmentierter Gesundheitssysteme ist das schon ein politischer Akt“, stellte Barbara Kaim von Tarsc aus Simbabwe im Workshop fest.

Im Verlauf der People’s Health Assembly wurden zahlreiche politische Faktoren, die die      Gesundheit ruinieren, diskutiert: Freihandels- abkommen, die Klimakatastrophe, das profitorientierte Entwicklungsmodell oder – um es mit einem Begriff zusammenzufassen – der Kapitalismus. Dass dies nicht in unzeitgemäßen Plattitüden endete, war der unmittelbaren politischen Praxis der Anwesenden zu verdanken, die aufklären, sich verbünden, ihre Regierungen verklagen, Gesundheitskomitees gründen, streiken und konkrete Hilfe organisieren.

Im Rückblick ist die Erinnerung an die Generalversammlung überschattet von dem tragischen Unfalltod des indischen Arztes Amit Sengupta, einer der Gründer und wichtigsten Mitstreiter des People’s Health Movement. Über viele Jahre hat medico mit ihm in der Redaktion des alternativen Weltgesundheitsberichts zusammengearbeitet und ihn als einen der klügsten Köpfe der Bewegung erlebt. In einem seiner letzten Interviews beschreibt er eindrücklich das Auf und Ab in den Kämpfen um eine gerechte Gesundheit: „Wir werfen Steine gegen eine Wand aus Stahl. Das wirkt nicht besonders effektiv. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass die Steine mit der Zeit größer werden. Und ich bin sicher, dass wir mit unserer Arbeit auf einer weniger sichtbaren Ebene etwas bewirken. Mit wem wir auch sprechen im Rahmen der WHO oder auf Regierungsebene, wir treffen regelmäßig auf Leute, die unsere Ansichten teilen, auch wenn sich das noch nicht in eine offizielle Politik umsetzt.“
 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2019. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


Veröffentlicht am

    Jetzt spenden!

     

    Wir verwenden Cookies zur Bereitstellung und Verbesserung unserer Website. Weitere Informationen.