Grundlinien unserer Arbeit

Psychosoziale Praxis

Ein Beispiel aus der psychosozialen medico-Praxis: Aktivist*innen der Gays and Lesbian of Zimbabwe (GALZ) kämpfen gemeinsam für ihre Rechte. Foto: GALZ 

Wie kann Therapie, wie kann psychosoziale Hilfe, wie kann eine emanzipatorische psychosoziale Arbeit in diesem Kontext aussehen? Wie kann wieder Raum für zugewandte, solidarische Beziehungen geschaffen werden, die Individuen und Gruppen die Möglichkeiten zu eröffnen, sich der Ökonomisierung des Lebens und der Pathologisierung ihres Leidens zu verweigern? Wie lassen sich andere Lebens- und Arbeitsformen kreieren? Wie kann das alte psychoanalytische Junktim von Therapie und Kulturkritik wieder neu begriffen werden? Wie kann die subversive Kraft psychosozialer Praxis, sich in und gegen die Verhältnisse zu bewegen, heute umgesetzt werden?

Seit mehr als 30 Jahren kooperiert medico solidarisch mit Projektpartnern aus aller Welt, die sich in der Tradition von Frantz Fanon, Martin Baró, Steve Biko, Edward Said oder Gayatri Spivak mit den psychosozialen Folgen von Macht und Herrschaft auseinandersetzen. Ging es anfangs um die Auswirkungen von Diktatur und Repression sowie die Hoffnung und Widersprüche von Befreiungsbewegungen, so kamen zunehmend die Folgen sozialer und struktureller Gewalt in den Fokus und die Kämpfe um Würde und Selbstermächtigung. Neben der Organisation materieller Unterstützung haben sich vielfältige Beziehungen, Kommunikationsnetzwerke und Auseinandersetzungen über engagierte psychosoziale Arbeit quer über die Kontinente entwickelt, die alle einen Ausgangspunkt haben: ein empathische Verständnis für die Subjektivität der anderen.

Dazu gehört, sich wirklich berühren zu lassen von der Lebenswirklichkeit derer, die als sogenannte Globalisierungsverlierer in Haiti, Mali, Bangladesch oder als Migranten einem fortgesetzten nicht enden wollenden Schrecken, einer „Landscape of Suffering“, ausgesetzt sind, auf den sich die südafrikanische Psychologin Johanna Kistner bezieht.

Und es gehört dazu, zugleich auch zu sehen, dass Menschen selbst unter solchen Bedingungen nicht passive Opfer sind, die auf Experten von außen warten, sondern auf vielfältige - manchmal kreative, manchmal verzweifelte, manchmal wütende – Weise nach Wegen suchen, ihre Bedingungen zu verändern und die Erfahrungen zu bewältigen. Und damit auch zu politischen Subjekten werden können.

Sich mit solchen lokalen Akteuren und Helfern zu verbinden, Beziehungen aufzubauen, die Empathie, Würde, Vertrauen, Respekt und Solidarität als Haltung ausdrücken und aus der Empörung gemeinsam Handlungsoptionen zu entwickeln, das ist der Kern des medico Bestrebens.

Psychosoziale Arbeit heißt dann:

Sich in den Diskurs einmischen

Mit Hilfe von Publikationen, öffentliche Diskussionen, Veranstaltungen und Kampagnen äußert medico sich gegen die Ausblendung gesellschaftlicher Ursachen für psychisches Leid, gegen Pathologisierungen und Vermarktungsinteressen von Psychopharmaka, gegen die Ökonomisierung von Hilfe, die nur noch standardisierte Module und privat organisierte Angebote kennt. Wir engagieren uns für eine öffentliche, dem Gemeinwohl verpflichtete psychosoziale Versorgung, die nicht Profitinteressen untergeordnet ist.

Eine selbstreflexive psychosoziale Haltung entwickeln

Auch unter den schwierigsten Umständen wie zum Beispiel nach dem Erdbeben in Haiti geht es uns um Projektkooperationen, die auf Würde und Selbsthilfe zielen, die von den Betroffenen selbst entwickelt und umgesetzt werden. Wo eine respektvolle, gleichberechtigte Kommunikation und Beziehung mit den Projektpartnern ebenso wichtig ist wie die Umsetzung von praktischen Hilfsangeboten. Indem die Autonomie immer bei den Überlebenden selbst bleibt und medico nicht stellvertretend zum paternalistischen Akteur wird, der nur Ohnmachtserfahrungen weiter verstärkt, versuchen wir eine Haltung umzusetzen, die sich der eigenen Grenzen bewusst ist. Die sich nicht narzisstischen Helferphantasien hingibt sondern die Kreativität und Kompetenz der Anderen anerkennt und ihren Entwicklungsmöglichkeiten vertraut.

Kontextspezifisch arbeiten statt standardisieren

Das subjektive Erleben wie die kulturellen und sozialen Bedeutungsnarrative von seelischem Leid sind so vielschichtig und einzigartig wie die Menschen und Gesellschaften, in denen sie leben. Kreative Unterstützungsformen wie sie die Organisation Nashet im Libanon organisiert, innovative Methoden wie das Zentrum Antonio Valdivieso sie in Nicaragua erprobt hat und lebendiger Widerstand, den Selbsthilfeorganisationen wie Khulumani in Südafrika oder M3 in Mexiko repräsentieren, entwickeln sich nur in und bezogen auf einen spezifischen Kontext - Aktivitäten, die andere inspirieren können, aber die nicht als ‚best practice‘ Interventionen übertragbar sind. Nicht um bessere oder schlechtere Methoden geht es, sondern um Misstrauen gegenüber Standardisierungen selbst, die das Lebendige und Subjektive kontrollierbar machen.

Das Schaffen von geschützten Räumen

Ein wichtiger Schritt psychosozialer Praxis ist die Unterstützung bei der Schaffung von sicheren Räumen, und sei es nur für befristete Zeiten, in denen Vertrauen, Empathie und Solidarität erfahren werden kann, um die eigene Situation begreifen und über sie reflektieren zu können. Das können Gruppentreffen und Beratungsangebote - auch Therapie - sein, aber auch gemeinsame Theater- und Kulturprojekte wie z.B. das Freedom Theatre mit Jugendlichen in Palästina oder die Menschenrechtsorganisation AHRDO mit Frauen in Afghanistan, in denen das Unsagbare sichtbar gemacht wird.

Selbstermächtigung und Vernetzung

Indem nicht nur das individuelle Leid sondern auch der soziale Kontext gesehen und berücksichtigt wird, indem Verbindungen und Beziehungen zwischen Menschen hergestellt werden, die ähnliches erfahren haben, entstehen Möglichkeiten, sich aus der Privatisierung von sozialen Gewalterfahrungen zu lösen und Zusammenhänge herzustellen. Dies kann durch gemeinwesenorientierte psychosoziale Ansätze mit konfliktgeprägten Gemeinden in Südafrika (Sinani) oder von Ehrenmord bedrohten Frauen in Kurdistan (Khanzad) ebenso geschehen wie durch Selbsthilfegruppen von zum Beispiel LGBT Betroffenen in Simbabwe (GALZ).

Anerkennung und das Recht erstreiten, Rechte zu haben

Wichtiger Teil von psychosozialer Arbeit ist die Solidarität mit dem Kampf um Anerkennung (Honneth) auf der emotionalen, sozialen und rechtlichen Ebene. Wenn Opfer von menschlicher und struktureller Gewalt ihr Leid entprivatisieren und Rechenschaft, Strafverfolgung und Entschädigung einklagen, dann machen sie sich als Subjekte sichtbar, die das Recht beanspruchen, Rechte zu haben.

Gerechtigkeit ist Glück

In einer Welt der extremen Ungleichheiten kann niemand auf Dauer glücklich werden. Die eindrucksvolle Studie von Kate Pickett und Richard Wilkinson hat gezeigt: In Gesellschaften mit einem hohen Grad an Ungleichheit werden mehr Menschen psychisch krank. Sich für eine andere Welt mit gerecht verteilten Besitzverhältnissen einzusetzen, für einen normativen Begriff des guten Lebens, das keinen zurücklässt, die Subjektivität wieder zu erobern, um solidarisch handeln zu können, das gehört in unserem Verständnis ebenfalls zur psychosozialen Arbeit.

 

 


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