Pressemitteilung, 20.01.2026

Klimaklage aus Pakistan: Bäuer*innen verklagen RWE und Heidelberg Materials

20.01.2026  

Pakistanische Kleinbäuer*innen klagen Deutschlands Großemittenten RWE und Heidelberg Materials an. medico unterstützt sie gemeinsam mit den pakistanischen Partnerorganisationen NTUF und HANDS, sowie der Berliner Menschenrechtsorganisation ECCHR.

Berlin/Frankfurt a.M./Karatschi, 20. Januar 2026. Am 22. Dezember 2025 haben 39 Bäuer*innen aus der pakistanischen Provinz Sindh einen weiteren entscheidenden Schritt im Kampf um Klimagerechtigkeit unternommen: Sie reichten beim Landgericht Heidelberg Klage gegen zwei der größten deutschen CO2-Großemittenten, RWE und Heidelberg Materials, ein. Sie fordern eine anteilige Entschädigung für die massiven Schäden, die sie durch die verheerenden Überschwemmungen in Pakistan im Jahr 2022 erlitten haben. Die Fluten zerstörten Häuser, Felder und Lebensgrundlagen im ganzen Land.

Der Fall ist ein bedeutender Meilenstein in der wachsenden globalen Bewegung, Großemittenten für die durch ihre Emissionen verursachten Klimaschäden rechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Für Abdul Hafeez Khoso, ein 42-jähriger Landwirt aus Jacobabad, dessen Felder vollständig überflutet wurden, geht es in dem Verfahren um mehr als wirtschaftliches Überleben: „Der Schaden, den die verheerenden Überschwemmungen 2022 angerichtet haben, hat uns in eine Spirale aus Armut, Schulden und Verzweiflung gestürzt. Für uns ist die Klimakrise keine ferne Zukunft, sondern eine bittere Realität. Wir sind nicht bereit, die Angst vor zerstörerischen Extremwetterereignissen als ständigen Begleiter in unserem Leben zu akzeptieren. Mit dieser Klage fordern wir nicht nur Entschädigung, sondern Gerechtigkeit. Wir verlangen, dass die Welt von uns Kenntnis nimmt und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Bereits am 28. Oktober 2025 hatten die Betroffenen beide Unternehmen offiziell darüber informiert, dass sie Schadensersatzansprüche geltend machen würden, und sie zu einem Dialog- und Mediationsverfahren eingeladen. Nachdem sich RWE und Heidelberg Materials weigerten darauf einzugehen, reichten die Bäuer*innen Klage ein. Das nun eingeleitete Verfahren wird von 39 Kläger*innen geführt.

Wissenschaftler*innen belegen, dass der menschengemachte Klimawandel – zu dem RWE und Heidelberg Materials durch ihre Emissionen erheblich beigetragen haben – sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Intensität der extremen Regenfälle von 2022, deutlich erhöht hat. Ohne den menschengemachten Klimawandel hätte es dieses konkrete Ereignis so nicht gegeben. Seit 1965 wissen beide Unternehmen um die Folgen von Treibhausgasemissionen.

Karin Zennig, Klimareferentin von medico international, erklärt: „Während die Bundesregierung wirksame Klimapolitik fahrlässig aufgibt, kämpfen unsere Partner in Pakistan buchstäblich ums Überleben. Ihr Einsatz für Gerechtigkeit ist der Kampf David gegen Goliath unserer Zeit – pakistanische Bäuer*innen gegen deutsche Energiekonzerne. Noch bevor das Gerichtsverfahren begonnen hat, findet dieser Kampf bereits Widerhall in Brasilien, Kenia und auf den Philippinen. Der Globale Süden blickt nach Deutschland und setzt auf globale Gerechtigkeit.“

Die 39 Kläger*innen fordern eine anteilige Entschädigung für die Schäden, die durch beispiellose Regenfälle im Sommer 2022 entstanden, als ihre Felder überflutet und mindestens zwei Ernten zerstört wurden. Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund eine Million Euro.

Miriam Saage-Maaß vom ECCHR ergänzt: „Der Klimawandel ist kein zukünftiges Risiko mehr, sondern eine gegenwärtige Ungerechtigkeit. Weltweit machen Menschen an den Frontlinien der Klimakrise eine einfache Wahrheit geltend: Wer jahrzehntelang von Umweltzerstörung profitiert hat, darf die menschlichen Kosten seines Geschäftsmodells nicht länger externalisieren. Die Entscheidung im Fall Lliuya gegen RWE und die jüngste Entscheidung in der Schweiz zur Zulässigkeit der Klimaklage gegen Holcim zeigen, dass sich große Emittenten der gerichtlichen Auseinandersetzung nicht länger entziehen können. Die Zeit der Straflosigkeit ist vorbei.“

 

Hintergrund

Der Fall wurde am 22. Dezember 2025 beim Amtsgericht Heidelberg eingereicht. Im Kern geht es um ein einfaches, aber fundamentales Rechtsprinzip: Wer Schaden verursacht, muss dafür haften. Die Klage stützt sich auf zwei rechtliche Grundlagen: § 906 BGB, der den Schutz vor Einwirkungen auf Eigentum regelt, sowie § 823 BGB, die grundlegende Norm aus dem Recht der unerlaubten Handlung (Deliktsrecht).

Die Kläger*innen argumentieren, dass Unternehmen, die wissentlich und in erheblichem Umfang zur Klimakrise beigetragen haben, nicht vor Verantwortung geschützt werden dürfen, wenn die Folgen dieser Krise Lebensgrundlagen tausende Kilometer entfernt zerstören.

Der Fall knüpft an das wegweisende Urteil im Verfahren Lliuya gegen RWE vom 28. Mai 2025 an, in dem ein deutsches Gericht erstmals feststellte, dass Großemittenten grundsätzlich für klimabedingte Schäden im Ausland haftbar gemacht werden können.

Pakistan trägt weniger als ein Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei, gehört jedoch zu den am stärksten von der Klimakrise betroffenen Ländern. Allein 2022 waren über 30 Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen. Für ländliche Gemeinden bedeutet der Verlust einer Ernte nicht nur einen finanziellen Schaden, sondern Hunger, Verschuldung und den Verlust jeder realistischen Perspektive auf Wiederaufbau.

 

Hinweise für Redaktionen

  • Weitere Informationen zu dem Fall finden Sie unter www.climatecostcase.org
  • Die Klage wird von den Menschenrechtsorganisationen medico international und ECCHR sowie den pakistanischen Organisationen HANDS Welfare Foundation und der National Trade Union Federation (NTUF) unterstützt.
  • Die Kläger*innen werden von den Rechtsanwält*innen Roda Verheyen und John Peters von Rechtsanwälte Günther Partnerschaft, Hamburg, vertreten.

     

Kontakt:

Medico international: Timo Dorsch, presse@ medico.de, +49 160 40 66 331

ECCHR: Maria Bause, presse@ ecchr.eu, +49 176 437 56 334


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