Gaza

Nach dem jüngsten Krieg

Gespenstische Normalität

Von Riad Othman

Nach rund sieben Wochen Krieg, der in Israel offiziell nicht „Krieg“ heißt, sind über 2.100 Palästinenser tot, die Mehrheit von ihnen Zivilisten, darunter fast 500 Kinder. Auf israelischer Seite starben 66 Soldaten, ein Sicherheitskoordinator und fünf Zivilisten, darunter ein thailändischer Gastarbeiter und eine Beduine. Das sind die nackten Zahlen. Das israelische Kabinett hat beschlossen, das Ganze nicht als „Krieg“, sondern als „Operation“ zu klassifizieren. Die Einordnung hat direkte Auswirkungen auf ggf. fällige Entschädigungszahlungen. Die Behausungen von rund 100.000 Menschen in Gaza sind zerstört oder so stark beschädigt worden, dass sie erst einmal obdachlos sind. Viele campieren neben den Ruinen ihrer zerstörten Häuser. Andere sind bei Verwandten oder in Massennotunterkünften untergekommen.

In diesen sieben Wochen war ich im ständigen Kontakt mit unseren Partnern in Gaza. Schon zwei Kriege haben sie in den letzten fünf Jahren hinter sich: 2009 – drei Wochen und mehr als 1.300 Tote; 2012 wenige Tage. Diesmal wiegen auch die persönlichen Verluste bei den medico-Partnern im Gazastreifen schwer: Keine Organisation, in der nicht Mitarbeiter Angehörige, Freunde oder ihre Häuser verloren hätten. Bei der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) hat allein ein Physiotherapeut 17 Verwandte bei einem einzigen Angriff verloren. Zwei weitere beklagen ebenfalls den Tod Angehöriger. Ein Kollege im Menschenrechtszentrum Al Mezan kam durch eine israelische Drohne ums Leben, zwei Brüder eines anderen wurden getötet, als sie in einem klar gekennzeichneten UN-Fahrzeug unterwegs waren. Die Liste ließe sich fortführen.

Und wofür? Netanjahu hat weder die Hamas zerschlagen noch den Beschuss aus Gaza ein für alle Mal gestoppt, wie er es bei Kriegsbeginn angekündigt hatte. Die Ereignisse der letzten drei Monate haben die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen Hamas und Fatah beschädigt, was die innerpalästinensische Aussöhnung erschwert und den Interessen der israelischen Regierung nützt. Die Hamas hat keine israelische Zusage erhalten, dass die Blockade aufgehoben oder gelockert wird. Die Klärung aller wesentlichen Forderungen ist auf kommende Verhandlungen vertagt worden. Nicht einmal die Einfuhr dringend benötigter Materialien für den Wiederaufbau ist geregelt (wie noch im Waffenstillstand vom November 2012).

Schon während der Bombardements, als ich wiederholt mit Issam Younis und Mahmoud Aburahma von Al Mezan, mit Majeda al-Saqqa von der Culture & Free Thought Association (CFTA) in Khan Younis, mit Bassam Zaqout, Maha al-Banna und Aed Yaghi von PMRS telefonierte, war für mich nur schwer vorstellbar, wie man in einer solchen Extremsituation so gefasst sein kann. Vielleicht kommt das von selbst, wenn man begreifen muss, dass man entweder durchdrehen oder versuchen kann, bei sich zu bleiben. Von verschiedenen Seiten habe ich gehört, dass sich leider kein Gewöhnungseffekt einstelle. „Denke nicht, dass uns die Bombardements weniger ausmachen, nur weil es für uns nicht das erste Mal ist. Du würdest damit nicht anders oder schlechter umgehen als wir, nur weil es für dich das erste Mal wäre.“

Dann der erste Besuch in Gaza seit dem Ende der Feindseligkeiten: Die Fahrt von Erez nach Gaza ist in ihrer Normalität gespenstisch. Es herrscht Verkehr wie immer. Hie und da sieht man ausgebrannte, zerbombte, mitunter vollständig eingestürzte Häuser. Schnell lernt man zwischen den Einschlägen der größeren, von Kampfflugzeugen abgefeuerten Raketen und denen durch Artilleriebeschuss der Haubitzen, Panzer und Kriegsschiffe zu unterscheiden. „Blinde Panzer“ werden sie im Gazastreifen genannt, weil die Einschläge so ziellos erschienen und der Eindruck vorherrschte, man könne jederzeit zufällig von so einem Geschoss getroffen werden.

Meine Hauptkontakte bei unseren Partnerorganisationen wirken fast wie immer. Nur Majeda al-Saqqa spricht darüber, wie wütend und frustriert sie ist. „Für mich ist dieser Krieg nicht vorbei. Solange die Blockade nicht aufgehoben wird, dauert der Kriegszustand an.“ Ein Krieg der lange vor dem 7. Juli 2014 begann. Sie erzählt von verfehlter Hilfe, von einem internationalen Geber, in dessen Auftrag ihre Organisation CFTA Pakete an Binnenflüchtlingsfrauen verteilen sollte, für die sie sich geschämt hat, weil weder CFTA noch die Frauen gefragt wurden, was sie eigentlich brauchen.

Es ist nicht die einzige Enttäuschung, von der Majeda berichtet. CFTA, Al Mezan und PMRS können auch die Haltung der Europäischen Union und insbesondere der Bundesregierung während des Krieges nicht nachvollziehen. Sie wissen, was die erklärte Staatsräson Deutschlands ist. Menschen in Gaza sind darüber enttäuscht und wütend, wenn Regierungen politische Stellungnahmen und Schuldzuweisungen wiederholen, ohne die Realitäten vor Ort zu berücksichtigen, von denen sie doch Kenntnis haben müssten. Nicht Demokratie und Menschenrechte verlieren so an Glaubwürdigkeit, sondern die Regierungen, die meinen, sie seien die glühendsten Verfechter dieser Werte, während sie andauernd mit zweierlei Maß messen.

Ein kurzer Besuch in Shuja’iya macht das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Zahlen werden hier anschaulich. Ein Straßenzug ist weitgehend intakt, man biegt um die Ecke, und es steht kaum noch ein Haus. Ich sehe Trümmerlandschaften. Ein Teil einer großen Schule ist eingestürzt. In einem Haus liegen verkohlte Alltagsgegenstände: ein zerbeulter Ventilator, etwas Nähzeug, eine Sandale, ein zerbeulter Kochtopf. Neben den Ruinen campieren Bewohner der ehemaligen Häuser. Sie wollen nah an ihrem ehemaligen Zuhause sein, vor allem müssen sie aber dafür sorgen, dass ihnen ihr Grundstück erhalten bleibt.

Wie all der Schutt weggeräumt werden soll, weiß niemand. Eine Familie hat versucht, sich etwas Privatsphäre zu schaffen, indem sie eine rechteckige Grundfläche provisorisch mit Teppichen abgehängt hat. Aus diesem „Raum“ kommt ein junger Mann. Er erzählt, wie die israelischen Panzer auf der Straße standen und aus nächster Nähe Granaten in die Häuser geschossen haben. Wände und Mauern sind mit Einschusslöchern großkalibriger Munition übersät. Auf manchen Ruinen haben die Menschen die palästinensische Flagge gehisst, als wollten sie sagen: Seht, wir sind immer noch da.

medico-Hilfe für Gaza

Der israelische medico-Partner Ärzte für Menschenrechte hat während des Krieges mehrfach, aus Spendengeldern von medico finanziert, Lastwagen mit Medikamenten in den Gazastreifen geschickt. In mobilen Kliniken versorgt der palästinensische medico-Partner PMRS Binnenvertriebene. Für 330.000 Euro (Spenden, Mittel des Auswärtigen Amtes und Kinderhilfe Schweiz) konnten die medico-Partner Medikamente und Hilfsmittel beschaffen sowie notfallmedizinische Nachbetreuung leisten.

Angesichts eines überforderten Gesundheitssystems senden die Ärzte für Menschenrechte – Israel Mediziner für Operationen nach Gaza und helfen, Ausreisegenehmigungen für Patienten zu erwirken, die auf dringende Behandlungen angewiesen sind. Damit wollen sie zeigen, dass weiterhin Teile der israelischen Gesellschaft für einen gerechten Frieden einstehen.

Unsere Partner vom Menschenrechtszentrum Al Mezan in Gaza-Stadt dokumentieren die Umstände des Todes Hunderter Menschen und die Zerstörung ziviler Infrastruktur, damit Zivilisten Schadenersatz einklagen können. Die Dokumentation soll zudem als Grundlage für die künftige internationale Untersuchungskommission dienen.


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