Nach Camp David

Was wird aus den palästinensischen Flüchtlingen im Libanon?

Brief an die Spenderinnen & Spender:

Am Ende der Verhandlungen von Camp David möchte ich Sie auf die Situation palästinensischer Flüchtlinge im Libanon aufmerksam machen. medico international unterstützt dort seit Beginn der 80er Jahre Projekte zur Basisgesundheitsversorgung in den Flüchtlingslagern und kulturelle Initiativen. medico international ist eine der wenigen verbliebenen NGOs, die Projekte im Libanon unterstützt.

Palästinensische Erinnerung und Identität

Ich möchte Sie insbesondere auf die Arbeit von ARCPA (Arab Resource Centres for Popular Art) hinweisen. Die Projekte dieser NGO beschäftigen sich im weitesten Sinn mit dem Problem palästinensischer Identität. Um der »Kultur des Fatalismus, der Hilflosigkeit und der Marginalisierung entgegenzuwirken«, sammelt ARCPA Märchen und Sagen, Volkslieder und Tänze, landwirtschaftliche und handwerkliche Praktiken ebenso wie Augenzeugenberichte und biographische Erinnerung an das Leben vor 1948 in Palästina. Komplexe Themen wie Erinnerung und Identität und ihr Wandel im Laufe von 50 Jahren Flüchtlingsdasein sind dabei die Eckpunkte ihrer Arbeit. Längst geht es nicht mehr allein darum, die Erinnerung an Palästina wachzuhalten, sondern auch um die Reflexion der Realität in den Flüchtlingslagern. Gerade in dem von medico geförderten ARCPA-Projekt »Images and Testimonies of Palestinian Children« wird dies deutlich. In Zusammenarbeit mit erfahrenen Medienarbeitern, darunter auch der renommierten Filmemacherin Mai Masri erkunden die Kinder und Jugendlichen ihre Umwelt, führen Interviews, machen Foto- und Videoreportagen. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart palästinensischer Existenz im Libanon begeben sie sich auf die Suche nach Optionen und Perspektiven für ihr eigenes Leben.

Stimmen zu den Verhandlungen

Die Verhandlungen in Camp David und die sich abzeichnenden Szenarien für die Flüchtlinge im Libanon, die unter anderem eine Auflösung der Lager und eine weitere Verschiebung der Flüchtlinge in verschiedene Länder vorsieht, lösen bei unseren Projektpartnern Skepsis aus. So hoffen sie zwar auf baldige Lösungen: »Viele Menschen in den Lagern wollen den Libanon verlassen, der für sie die Hölle auf Erden geworden ist. Die, die bleiben wollen, erwarten dafür entsprechende Bedingungen: die Möglichkeit in Würde zu leben, ihre Kinder auf eine gute Schule zu schicken, Zugang zu guter medizinischer Versorgung und zu Arbeit in einer nichtrassistischen Atmosphäre.« Dr. Moufid al Shawa von der sozialmedizinischen Organisation NAMSC, fürchtet jedoch eine Verschlechterung für die Flüchtlinge. »Denn die ganze Welt würde sagen, daß das Flüchtlingsproblem gelöst ist. Ähnliche Reaktionen gab es bereits nach dem Osloer Abkommen. Alle NGOs, die die palästinensischen Flüchtlinge unterstützten, sahen nun die Palästinenser-Frage auf einem guten Weg und erklärten, daß sie ihre Projekte nun in der Westbank und im Gaza-Streifen durchführen würden. Es gab einen für uns verheerenden Rückzug der Hilfsorganisationen aus dem Libanon und auch die UNRWA reduzierte ihre Unterstützung für die Palästinenser im Libanon.« Shawa beharrt auch auf der politischen Dimension des Problems, das nicht auf humanitäre Fragen reduziert werden dürfe: »Die Menschen leben nicht in den Lagern, weil sie vor einer Hungersnot flüchteten, sondern weil sie aus ihren Heimatdörfern in Israel vertrieben wurden. Sie brauchen das Recht auf Rückkehr, nicht mehr Lebensmittel oder mehr Geld.«

Mit freundlichen Grüßen

Katja Maurer

Ausführliche Hintergrundinformationen über unsere Projekte und die Arbeit unserer Partner im Libanon finden Sie hier auf unserer Website. Dort dokumentieren wir auch deren aktuelle Stellungnahmen zu den Verhandlungen. Wir vermitteln Ihnen gerne Kontakt zu den Partnern und stehen Ihnen selbstverständlich auch selbst für weitere Informationen und Gespräche zur Verfügung. Ansprechpartner bei medico: Andreas Wulf, Projektkoordinator für den Libanon 069-944 3835 und Katja Maurer 069-9443829.


Veröffentlicht am

    Mehr zum Thema

    Annexion oder schlechter Status Quo?
    Es zeichnet sich eine Formalisierung des Rechts der Stärkeren ab, in dem die Besatzungsmacht und nicht mehr das Völkerrecht entscheidet. Von Mariam Puvogel, Ramallah Weiterlesen

    "Die agieren hier straffrei"
    Angesichts von Siedlergewalt und fortschreitender Enteignung unterstützt medico den zivilen Widerstand gegen die Besatzung im Westjordanland. Von Mariam Puvogel Weiterlesen

    Sehnsucht in zwei Worten: Leben wollen
    In Gaza protestiert die Zivilgesellschaft: nach Außen gegen die Blockade und Entrechtung durch Israel, nach Innen gegen die Entmächtigung durch die Hamas. Von Riad Othman. Weiterlesen

    Jetzt spenden!

     

    Wir verwenden Cookies zur Bereitstellung und Verbesserung unserer Website. Weitere Informationen.