Mord an einem Unbestechlichen

»Metical trauert. In Trauer sind auch die mosambikanischen Medien. In Trauer ist die fragile Demokratie Mosambiks. Sie haben Carlos Cardoso ermordet«.
Editorial von Metical, 23.11.2000

Der Name des von seinen journalistischen Freunden betrauerten Carlos Cardoso stand obenan in den Listen der Geheimdienste, der korrupten Politiker, der Mafia. Die ihn fürchteten, weil er für Transparenz kämpfte, für Pressefreiheit, für die Demokratie in einem der ärmsten und am meisten geschundenen Länder dieser Welt. Sein Freund und Mitkämpfer, der weltweit bekannte skandinavische Krimi-Autor Henning Mankell, der in Mosambik lebt und arbeitet, schrieb ihm einen Nachruf.

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DIE TAGE SIND SCHWER, DIE TRÄUME UNRUHIG

Rede auf einen toten Freund in Mosambik

von Henning Mankell

»Ich schreibe über einen toten Helden. Einen toten Journalisten. Über einen guten Freund, der vor einigen Monaten in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, von kaltblütigen Mördern niedergemäht wurde. Über die Trauer und die Wut, die ich nach dem Mord empfand und die mich erschütterte wie ein inneres Erdbeben.

In der westlichen Welt spricht man über die Krise des Journalismus. Zu viele Autoren verschwenden ihr Können auf einen verkrüppelten Journalismus, der zu nichts verpflichtet. Sie liefern Nachrichten als Unterhaltung. Und es gibt zu viele Journalisten, die sich zu Bütteln der Macht haben machen lassen, zu Stimmen ihrer Herren. Das ist nichts Merkwürdiges, so war es seit Entstehung der Presse. Doch stets hat es nachforschende, detektivisch arbeitende Journalisten, gegeben, die verstanden hatten, daß ihre Arbeit von entscheidender Bedeutung ist. Journalisten, die sich die wichtigste Frage gestellt hatten: Kann die Demokratie fortbestehen, ohne daß es diesen unablässig arbeitenden, investigativen Journalismus gibt? Manchmal geschieht etwas, das einen auf dramatische Weise aus den gewöhnlichen Bahnen des Lebens wirft. Der 22. November, ein Mittwoch, war ein solcher Tag für mich. An diesem Tag wurde einer meiner besten Freunde ermordet, der Journalist Carlos Cardoso, vor der Redaktion seiner Zeitung in der Innenstadt von Maputo. Er wurde hingerichtet, kalt und geplant. Innerhalb von wenigen Sekunden war er tot. Sie hatten mit Maschinenpistolen auf seinen Kopf gezielt. Seitdem denke ich an diesen Tag. Heute, einige Monate später, bin ich immer noch aufgewühlt. Die Tage sind schwer, die Träume unruhig. Es fällt mir schwer, mich an den Schreibtisch zu setzen. Schon von früher weiß ich, was tiefe Trauer bedeutet. Ich erkenne die Symptome wieder. Und ich weiche ihnen nicht aus. Die Trauer ist wichtig. Man muß sie fühlen, man darf sie nicht wegschieben: Carlos wird mir fehlen, ich werde um ihn trauern, solange ich lebe. Sein Tod wirft jedoch auch auf einer anderen Ebene, Fragen auf, Fragen die ich oben schon genannt habe. Natürlich vergleiche ich mich mit ihm. Menschen, die uns inspirieren, werden auch Menschen, mit denen man sich vergleicht. Carlos hatte vor vielen Jahren einen Entschluß gefaßt. Er wollte sein Leben dazu benutzen, als investigativer Journalist zu arbeiten, er wollte den Risiken dieses Berufs nicht ausweichen, keine persönlichen oder auf andere Weise belastenden Rücksichten nehmen müssen. Das tat er auch nicht. Er fragte, suchte und schrieb, kam mit immer neuen Fällen von Korruption und Betrug. Aber es ging nicht allein um die Dokumentation solcher Fälle. Mit Carlos konnte man reden, immer. Er hatte Ideen für ein neues Mosambik, ein Land, in dem die Armut nach wie vor das größte Problem darstellt. Ein Land, in dem man das Rad neu erfinden muß, weil importierte Ideen nichts helfen. Doch die kritische Art, mit der er seinem Beruf, nachging bedeutete auch, daß er während der vergangenen 10 Jahre ständig vom Tod bedroht war. Angst habe ich indessen nie bei ihm gespürt. Jetzt, da er nicht mehr da ist, verstehe ich, daß er mir ein größeres Vorbild war, als ich eigentlich hätte wahrhaben wollen: Für viele ist zum Beispiel Nelson Mandela eine der großen Heldengestalten dieser Zeit. Ich teile diesen Glauben an große Menschen, die den Lauf der Welt verändert haben und verändern. Doch häufiger trifft man Helden unter Menschen, die nicht auf den ersten Seiten der Zeitungen auftauchen. »Helden des Alltags«, wie man sagt. Hartnäckige Lehrer, Kommunalpolitiker, die ihren Auftrag ernst nehmen und nicht als Alibi für weitschweifige Repräsentationskünste mißbrauchen. Es gibt viele. Carlos ist vermutlich einer der Menschen in meinem Leben, für die ich mich sofort entscheiden würde, wenn es darum ginge, sich zu einem persönlichen Helden zu bekennen. Doch wichtiger ist es, daß er, auf seine ganz eigene und kompromißlose Weise, durch die Kraft seines, eigenen Beispiels, uns alle vor eine entscheidende Frage stellte: Wie sollen wir die Demokratie lebendig erhalten, wenn wir keine Journalisten haben, die nicht aufhören, mit ihren Taschenlampen in die dunkelsten Winkel zu leuchten. Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn diese mutigen Journalisten ihre Arbeit nicht machen würden? – Die Frage, die Carlos ohne Unterlaß in mein Ohr flüstert, kann man die Frage nach dem Zugriff nennen. Wieviel Kraft verwende ich auf meine Bemühungen? Welche Risiken bin ich bereit einzugehen? So sollte das auch sein. Der Held, der tote Journalist, hört nicht auf, seine Forderungen zu stellen«. (Gekürzt)

Henning Mankell, dessen gesellschaftskritische Krimis in Deutschland und der Welt auf den Hitlisten stehen, hat eben auch über ganz andere Dinge noch geschrieben, über die Flutkatastrophe in Mosambik, »die nicht vom Himmel fiel«. Für die medico-Arbeit in Mosambik, die der Demokratie, den Menschen und ihrer Freiheit gilt, senden wir Ihnen gern weitere Informationen und führen das Spendenstichwort: »Mosambik«.

Veröffentlicht am 01. März 2001

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