Interview

Mehr Selbstbestimmung durch regionale Vernetzung

Rollenspiel auf einem EQUINET-Workshop: Rene Loewenson (rechts im Bild, hinten) versucht, an den Tisch der Entscheidungsträger zu gelangen. (Foto: EQUINET) 

Dr. Rene Loewenson ist Direktorin der medico-Partnerorganisation Training and Research Support Centre (TARSC) in Simbabwe und Koordinatorin von EQUINET, einem regionalen Zusammenschluss von Organisationen aus dem östlichen und südlichen Afrika zur Stärkung sozialer Teilhabe an Gesundheitssystemen.

medico: Gesundheitskompetenz ist nicht nur in Bezug auf den eigenen Körper und die eigene Psyche wichtig. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Förderung von health literacy?

Loewenson: Es geht darum, Menschen über Gesundheitsangelegenheiten zu informieren und sie zu ermächtigen, für ihre Gesundheitsinteressen einzutreten. Dazu sind wir in verschiedenen Ländern im südlichen und östlichen Afrika aktiv. In Simbabwe unterstützen wir zusammen mit der Community Working Group on Health Gemeinden darin, sich Wissen anzueignen und zu nutzen, um gesundheitsgefährdende Bedingungen zu verändern. Gewiss sind nicht alle problematischen Bedingungen von der lokalen Ebene aus beeinflussbar, aber wenn es beispielsweise um Abfallentsorgung oder Umweltbelange geht, kann die Lokalbevölkerung durchaus Einfluss nehmen. Unser Anliegen ist es, die Gemeinden so zu stärken, dass sie diese Einflussmöglichkeiten auch tatsächlich wahrnehmen.

Hat dieses Engagement auf Gemeindeebene auch Einfluss auf die nationale Gesundheitspolitik?

Es wird zunehmend anerkannt, dass die Lokalbevölkerung in die Gestaltung des Gesundheitssystems einbezogen werden muss. Sowohl in Simbabwe als auch in Sambia wurde unser Programm zur Ermächtigung von Gemeinden in Gesundheitsangelegenheiten von den Gesundheitsministerien aufgegriffen und in staatliche Programme integriert. Die Leute im Ministerium haben verstanden, dass gut informierte Gemeinden, die in Entscheidungsprozesse involviert sind, den Kern eines funktionierenden Gesundheitssystems darstellen. Allerdings sind Menschen, die wissen, worüber sie reden und die mitentscheiden wollen, auch eine Herausforderung. Daher sind sie nicht in allen Ländern willkommen, in denen wir arbeiten.

Mit EQUINET bringen Sie Organisationen und Institutionen aus verschiedenen Ländern des südlichen und östlichen Afrikas zusammen, die alle im Gesundheitsbereich oder in angrenzenden Bereichen arbeiten. Mit welchem Ziel?

Die verschiedenen Institutionen, die sich zu EQUINET zusammengeschlossen haben, bringen Expertise auf ganz unterschiedlichen Gebieten mit. Zum Beispiel sind die einen in ökonomischen Fragen führend in der Region, während die anderen über herausragende juristische Kompetenzen verfügen. Je nach Spezialgebiet übernehmen die jeweiligen Institutionen die inhaltliche Verantwortung für einen Bereich bei EQUINET und stellen ihr Wissen zur Verfügung, so dass es in der Region Verbreitung findet. Zudem sind sowohl zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure Teil von EQUINET als auch Regierungsvertreterinnen und -vertreter.

Um soziale Ungleichheit zu bekämpfen, muss man auf allen Ebenen ansetzen und Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und in verschiedenen Positionen einbeziehen. Auf der regionalen Ebene zu arbeiten, ermöglicht es uns aber nicht nur, uns über Erfahrungen in den jeweiligen Ländern auszutauschen und über Ländergrenzen hinweg Daten zu erheben. Wir können darüber hinaus auch als Region auftreten, wenn es um Belange geht, die die Region insgesamt betreffen, zum Beispiel die Migration von Gesundheitsarbeiterinnen und -arbeitern. Außerdem haben wir Programme zu Gesundheitsdiplomatie, mit denen wir als Region Einfluss auf die globale Ebene nehmen.

Lokale Gesundheitsprojekte, regionaler Austausch und Einsatz für globale Gesundheit. Wie lassen sich all die Ebenen vereinbaren?

Die regionale Ebene ist sehr wichtig, um das Lokale und das Globale zusammenzubringen. Wenn es eine nationale Ebene gibt, die die Lokalbevölkerung ernst nimmt, und wenn es möglich ist, auf regionaler Ebene die Vielfalt der verschiedenen nationalstaatlichen Bedingungen zu managen, dann kann der bottom-up-Einfluss auf die globale Ebene sehr effektiv sein. Aber das funktioniert nicht immer. Beispielsweise haben wir festgestellt, dass die Europäische Union sich im Rahmen des Wirtschaftspartnerschaftsabkommens mit der Region einzelne Länder rauspickt und nicht alle Länder zusammen als Region behandelt. Das kann zu Spannungen und sogar zu Konkurrenzdenken zwischen einzelnen Ländern und der Region führen.

Außerdem haben manche Organisationen stärkere Verbindungen zu internationalen Organisationen als zu ihren Partnerorganisationen in der Region, was auch mit dem Kommunikationssystem zu tun hat. Manchmal ist es leichter für jemanden aus Uganda mit jemandem aus dem Vereinigten Königreich zu sprechen als mit jemandem aus Tansania. Dadurch werden bottom-up-Prozesse aus der Region geschwächt. Wir wollen die Kommunikation innerhalb der Region stärken, um das zu verhindern.

Wie wichtig sind Entwicklungshilfegelder für die Region?

Unser Problem sind weniger fehlende externe Gelder, sondern dass die Länder des südlichen und östlichen Afrikas viele vorhandene Ressourcen verlieren und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. Damit müssen wir uns beschäftigen. Wir müssen die vorhandenen Ressourcen in der Region besser kontrollieren und für die Menschen vor Ort nutzbar machen. Dabei geht es um deutlich höhere Geldbeträge als über externe Finanzmittel ins Land kommen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir exportieren unsere Nahrungsmittelbestände. Unsere Produktionsmuster sind auf den Export und auf Bedürfnisse außerhalb unserer Region und außerhalb unseres Kontinents ausgerichtet. So kommt es, dass die Bevölkerung unserer Region sogar in Gegenden mit starker landwirtschaftlicher Produktion unter Mangelernährung leidet.

Um dieses Problem zu lösen, brauchen wir keine Nahrungsmittelhilfe von außen, sondern wir müssen die Kapazitäten der Region zur Nahrungsmittelproduktion wieder für die eigene Bevölkerung nutzbar machen. In unserer Gesundheitsagenda geht es daher auch nicht in erster Linie darum, externe Geldmittel aufzutreiben, sondern darum, die vorhandenen Ressourcen für die Verbesserung der Gesundheit und der ökonomischen Situation der Bevölkerung zu nutzen. Dazu müssen wir die Selbstbestimmung darüber stärken, was mit den Ressourcen passiert.

Was erwartet EQUINET von der Zusammenarbeit mit medico?

EQUINET und medico verfolgen nicht unbedingt in allen Bereichen die gleichen Interessen, weil wir uns in verschiedenen Gegenden der Welt unterschiedlich zur Globalisierung zu verhalten haben, aber wir teilen bestimmte Werte und fordern universelle Gültigkeit für bestimmte Rechte. In der Zusammenarbeit mit medico geht es darum, unsere unterschiedlichen Perspektiven zu nutzen, um gemeinsame Strategien zur globalen Durchsetzung dieser Werte und Rechte zu entwickeln.

Das Interview führte Ramona Lenz


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