Migration aus Mali

Kein Meer zu groß

"Wir haben keine Chance hier, wir wollen sie in Europa nutzen." Aus Gabun Abgeschobene in Bamako. (Foto: Christian Gropper)
Allen Gefahren zum Trotz halten MigrantInnen in Afrika an dem Traum von einer Zukunft in Europa fest. Ein Bericht aus Bamako, Mali.

Von Christian Gropper

Victor kam aus einem kleinen Dorf, rund zwei Autostunden von der nigerianischen Hauptstadt Abuja entfernt. Vor vier Jahren hatte er es verlassen. Mit siebzehn. Ein zweites Hemd, eine Hose, seine Papiere und etwas mehr als 1.000 Dollar, sorgfältig mit einem Gummiband umwickelt, steckten in einer Sporttasche. Seine Eltern hatten lange gesammelt, auch andere aus dem Dorf etwas dazugegeben. Beim Abschied weinte die Mutter und der Vater schaute ihm noch lange nach, als er in den klapprigen Bus stieg. Die Reiseroute hatte Victor genau studiert. Über Benin, Burkina Faso und Mali wollte er nach Algerien und Libyen bis an die Küste des Mittelmeeres und von dort aus mit einem Boot weiter bis nach Europa. Er glaubte fest daran, in Italien oder Spanien viel Geld verdienen zu können, für sich, seine Eltern und die Menschen aus seinem Dorf. Victor ist niemals in Europa angekommen. Seit drei Jahren gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Es ist heiß und feucht im Hof der migrantischen Selbsthilfeorganisation ARACEM in der malischen Hauptstadt Bamako. Hier erzählt Emmanuel vom Schicksal seines Cousins Viktor. Auch er ist vor drei Jahren von zu Hause fortgegangen, über Togo und Ghana kam er nach Mali, um etwas für die Weiterreise zu verdienen. Doch einen ungelernten Arbeiter kann man in einem der ärmsten Länder der Welt nicht gebrauchen.

Sein Geld ist längst aufgebraucht und Emmanuel hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Neben ihm sitzen mehrere junge Männer. Einige schauen mit leeren Blicken ins Nichts, andere reden miteinander. Es sind Geschichten von geplatzten Träumen und gescheiterten Lebensläufen. Sie kommen aus Kamerun, Nigeria, Äquatorialguinea, der Elfenbeinküste oder einem der zahlreichen Länder Zentral- und Westafrikas. Alle haben ein besseres Leben gesucht, viele sind Monate oder Jahre unterwegs. Jetzt sind sie hier in Mali gestrandet.

Mit einem knarrenden Geräusch öffnet sich das rostige Hoftor. Rund zwanzig junge Männer in Sporttrikots kommen lachend herein. Angeführt von Roméo Ntamag, Präsident der ARACEM. Sie waren Fußball spielen, haben für einen Augenblick den tristen Flüchtlingsalltag vergessen. ARACEM, das bedeutet übersetzt: Verband der abgeschobenen Zentralafrikaner in Mali. Gegründet wurde er von Roméo Ntamag und seinem Cousin Patrice Bobkar Zinahad, beide aus Kamerun. Vor zehn Jahren sind sie nach ihrer gescheiterten Reise in den Norden in Bamako gelandet. Doch aufgeben wollten sie nicht und gründeten deshalb eine eigene Organisation. Mit der Unterstützung von medico international gelang es ihnen, ein Haus anzumieten, in dem abgeschobene Migranten aus Zentralafrika eine erste Anlaufstelle finden und für ein paar Tage zur Ruhe kommen können. Es gibt medizinische und psychosoziale Hilfe, warme Mahlzeiten und tröstende Worte. Für die Abgeschobenen ist das Team um Roméo und Patrice oft der erste Lichtblick auf ihrer langen Reise. Doch große Hoffnungen können auch sie ihnen nicht machen. An Arbeit ist in der Hauptstadt Malis kaum zu denken, für junge Malier nicht und erst recht nicht für Migranten aus Zentralafrika.

Auch Emmanuel weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Noch hofft er, mit ein paar Jobs am Straßenrand Geld für eine weitere Etappe in den Norden zusammenzubekommen. Dann will er durch die große Wüste, um sich in Algerien oder Marokko genug für die Fahrt über das Meer zu verdienen. Natürlich weiß er, dass Europa nicht auf ihn wartet und wie mühsam und gefahrenvoll der Weg ist. Aber überall sei es besser als hier, weit weg von zu Hause, weit weg von seiner Familie. „Es gibt keine Mauern und keine Barrieren“, sagt Roméo, „die die jungen Männer zurückhalten können. Solange sich die Verhältnisse in den Heimatländern nicht verändern, werden sie es weiter versuchen. Keine Schreckensnachrichten über Ertrunkene oder angezündete Flüchtlingsheime werden daran etwas ändern.“

Wenn Roméo mit den Abgeschobenen spricht, hören sie aufmerksam zu, denn er weiß, wovon er redet. Schließlich hatte er sich selbst einmal auf den Weg gemacht, mit den gleichen Träumen, an die hier fast alle glauben. Geld verdienen, als Händler oder in den Gewächshäusern Spaniens, vielleicht sogar als Profi in einem Fußballclub oder als Sänger. Roméos Weg verlief anders: Seit ein paar Jahren lebt er zwei Leben. Eines in Bamako als Präsident der ARACEM, das andere als Migrant in Südfrankreich, wo er eine Ausbildung zum Solaranlagentechniker macht und sich ein wenig Geld bei einem Fußballverein verdient. Sein Wissen will er später in Mali anderen vermitteln. Nur so gebe es Hoffnung für die Menschen in West- und Zentralafrika. Denn es braucht gut ausgebildete Menschen für eine lebenswürdige Zukunft.

Der nächste Morgen um 10 Uhr auf dem Hof des Zivilschutzes in Bamako. Es wird hektisch, ein Soldat mit einem Funkgerät ruft etwas über den Platz. Ein Vertreter der Regierung ist da, Journalisten halten ihre Kameras bereit. Kurz darauf ertönt eine Art Sirene und zwei Busse fahren auf den Hof. Die Passagiere, die herausklettern, wirken abgespannt und müde. Es sind 129 junge Malier. Über 3.700 Kilometer waren sie unterwegs. Abgeschoben aus Libreville, der Hauptstadt von Gabun. In langen Reihen stehend und mit leeren Blicken warten sie auf ihre Registrierung. Keiner weiß, wohin es nach der Erstaufnahme gehen soll. Idrissa ist ein neunzehnjähriger Junge aus einem Dorf bei Kayes. Fast ein Jahr, so erzählt er, war er in Gabun. Vor ein paar Wochen geriet er in eine Kontrolle und kam ins Gefängnis. „Was haben wir denn getan? Wir sind keine Verbrecher, wir suchen doch nur Arbeit.“ Idrissa besitzt keinen einzigen Franc mehr, kann sich nicht einmal ein Busticket für eine Rückkehr in sein Heimatdorf kaufen. Doch er will ohnehin nicht zurück. Dort erwarten sie einen Rückkehrer mit Geld in der Tasche – und keinen Abgeschobenen mit leeren Händen.

Auch Keita Mahamadou, Souadou Touré und Amadou Coulibaly, drei Mitarbeiter der Organisation AME sind auf dem Hof. Sie sprechen mit den Neuankömmlingen, notieren sich ihre Handynummern und laden sie ein, zum Büro der AME zu kommen, der Malischen Vereinigung der Abgeschobenen. Amadou war selbst einmal als Migrant in Frankreich, bis er ausgewiesen wurde und in Bamako auf die AME traf. Jetzt kann er die Ratschläge geben, die ihm selbst einmal geholfen haben. Am nächsten Tag sitzen im Gebäude der AME sechs junge Malier, die vor kurzem aus Spanien abgeschoben wurden. Amadou eröffnet eine Gesprächs-runde, die jedem die Möglichkeit gibt auszusprechen, was in ihm vorgeht. Viele erfahren hier, dass sie Leidensgenossen haben, denen es ähnlich ergangen ist, und dass es Möglichkeiten gibt. Bakary erzählt, dass er in Spanien jahrelang Sozialversicherungsbeiträge gezahlt hat und sich jetzt betrogen fühlt. Die Mitarbeiter der AME schreiben alles auf, geben Tipps und raten den Abgeschobenen aus Spanien, sich zusammenzuschließen, um gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen. Gleich morgen will Amadou mit einem Anwalt sprechen, um die Sozialbeiträge geltend machen zu können.

Am anderen Ende von Bamako, im Hof der ARACEM, überlegt Emmanuel, nun doch nach Norden weiterzuziehen. Roméo Ntamag wird ihn nicht aufhalten können. Auch wenn alle wissen, dass er ohne Geld und Kontakte kaum eine Chance haben wird, nach Europa zu gelangen. „Ich muss es versuchen“, sagt Emmanuel. „Oder hast du eine andere Idee für mich?"

medico unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit der migrantischen Selbsthilfeorganisationen AME und ARACEM in Mali. Spendenstichwort: Mali.

Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 3/2015. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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