Industrial 9/11

"Wir klagen gegen KiK"

Saeeda Khatoon und Nasir Mansoor berichten vom Leid und vom Kampf der Betroffenen des Fabrikbrandes in Pakistan. (Foto: Holger Priedemuth)
Hinterbliebene des Fabrikbrandes in Pakistan berichten von ihrem Kampf um Entschädigung und Anerkennung. Mit Film.

Am 11. September 2012, beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi, haben Saeeda Khatoon und Abdul Aziz Khan ihre Söhne verloren: Saeedas Sohn Ijaz war 18, Abduls Sohn Attaullah 17 Jahre alt. Beide mussten mit ansehen, wie die Fabrik niederbrannte, mussten die verkohlten Leichname ihrer Kinder identifizieren.

Als der pakistanische Staat die inhaftierten Fabrikbesitzer wieder freiließ, und als der deutsche Textildiscounter KiK, Hauptauftraggeber von Ali Enterprises, die Entschädigungsverhandlungen verschleppte, gründeten Saeeda und Abdul die „Vereinigung der Überlebenden und Hinterbliebenen“, in der sich die betroffenen Familien selbst organisiert haben. Unterstützt von der Gewerkschaft NTUF, von medico und den Anwälten des ECCHR aus Berlin reichten sie 2015 beim Dortmunder Landgericht Klage gegen den Discounter ein - im September soll endlich das Urteil verkündet werden.
 

Die Katastrophe von Ali Enterprises darf sich nicht wiederholen

Ende Juni reisten Saeeda und Abdul eine Woche durch Deutschland, mit von der Partie war Nasir Mansoor von der NTUF. Das Programm hätte dichter kaum sein können: Gespräche im Ministerium für Entwicklung, Treffen mit Bundestagsabgeordneten, eine Konferenz der Friedrich Ebert-Stiftung in Berlin, gut besuchte öffentliche Veranstaltungen unter anderem in Düsseldorf, Lünen, Bönen (hier sitzt KiK) und Frankfurt, Interviews mit Zeitungen, Radiosendern und TV-Sendern.

Immer wieder erzählen beide ihre Geschichte, sprechen von ihrem Leid, ihrer Trauer, ihrem Zorn, ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Sie tragen ihren Bericht auf Urdu vor, schlagen die ZuhörerInnen schon in Bann, bevor die ÜbersetzerInnen das Wort ergreifen. Das gelingt ihnen auch, weil sie ihre Forderungen stolz und unmissverständlich vortragen: „Wir wollen kein Mitleid, und wir wollen keine weiteren ‚freiwilligen Selbstverpflichtungen der großen Handelsunternehmen. Wir verlangen rechtlich verbindliche Regelungen unserer Arbeitsbedingungen, unserer Löhne, der Sicherheit unserer Fabriken. Wir wollen, dass sich nicht wiederholt, was uns zugestoßen ist.“

Lünen liegt bei Karatschi

Die dreihundert Schülerinnen und Schüler der Geschwister Scholl-Schule in Lünen hören den Worten Saeedas, Abduls und Nasirs gespannt zu. Der Beifall währt lange. Die Schulsprecherin versichert den Gästen aus Pakistan, dass sie und ihre MitschülerInnen nicht vergessen werden, was sie gehört haben. Dass sie verstanden haben, dass ihre westfälische Kleinstadt der pakistanischen Millionen-Metropole sehr viel näher verbunden ist, als sie bisher dachten. Der Discounter KiK unterhält in Lünen drei Einkaufsläden. Fragen die Bürger beim Einkauf nach den Arbeitsbedingungen in Karatschi, und binden sie ihren Einkauf an eine positive Antwort, wird das nicht nur Saeeda und Abdul helfen, sondern all denen, die unsere Jeans und T-Shirts herstellen. Vielleicht nicht gleich morgen, aber doch auf längere Sicht.


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