In Erinnerung an die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich

Empathie und Provokation

Margarete Mitscherlich  

Margarete Mitscherlich ist tot. Die bedeutende Psychoanalytikerin und couragierte Autorin starb am 12. Juni 2012 kurz vor ihren 95. Geburtstag in Frankfurt. Über viele Jahre hinweg stand uns Margarete Mitscherlich als Ratgeberin und Mitglied im Kuratorium der Stiftung medico international zur Seite.

Ihre lebensbejahende Offenheit, ihr wacher Geist und ihre ungebrochene Lust an der Provokation, die sich von keiner Konvention schrecken ließ und oft bis an die Grenzen ging, hat uns in all den Begegnungen tief beeindruckt. Immer wieder mahnte sie uns, dass bei all der notwendigen Kritik an den Verhältnissen die Chance auf Veränderung dann verloren geht, wenn die Neugier auf die Anderen und die Fähigkeit zu selbstironischer Distanzierung abhanden kommen. Solange der Widerspruchsgeist der Menschen durch die psychische Verleugnung der Realität blockiert ist, mache es auch keinen Sinn, die Ursachen des Elends nur in den politischen Institutionen zu suchen.

Zeit ihres Lebens hat Margarete Mitscherlich für einen solchen Bewusstseinswandel als Voraussetzung für die Demokratisierung der Demokratie gestritten. Herausragend dabei ist ohne Frage das 1967 erschienene Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“, das sie gemeinsam mit ihrem 1982 verstorbenen Mann Alexander verfasst hat. Das Plädoyer der Mitscherlichs, endlich mit der kollektiven Verleugnung der nationalsozialistischen Verbrechen und der Verdrängung der Schuld, sei sie durch aktive Handlung oder durch Duldung zustande gekommen, Schluss zu machen, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Es hat den damaligen mit der Studentenbewegung verbundenen gesellschaftlichen Aufbruch, in den auch die Gründung von medico international fällt, maßgeblich beeinflusst. Prägend für die damals sich herausbildende emanzipatorische Lebenspraxis, die antiautoritäre Erziehung, den Feminismus war nicht zuletzt die psychoanalytische Einsicht, dass Menschlichkeit sich nur dort entwickeln kann, wo „ein Individuum der Einfühlung in ein anders Individuum fähig ist".

Den millionenfachen Mord an den Juden könne man nicht „bewältigen“, das haben die Mitscherlichs immer wieder betont. Die „intellektuelle und moralische Einstellung“ der Deutschen, die zu Hitler führte, aber könne und müsse durchaus radikal überwunden werden: Durch ein zuverlässig im Bewusstsein verankertes Wissen, eines, das zunächst peinigen muss. Denn das, was geschah, konnte nur geschehen, weil dieses Bewusstsein korrumpiert war. Erst wenn es gelingt, das falsche und eingeengte Bewusstsein zu korrigieren, unserer Fähigkeit zum Mitleiden mit Menschen aufzufinden, die wir hinter unseren entstellenden Projektionen zuvor nie wahrgenommen haben, gibt die Fähigkeit zu trauern wieder zurück.

Margarete Mitscherlich wird uns fehlen. Die Erinnerung an sie aber wird bleiben. Gemeinsam mit dem unterdessen ebenfalls verstorbenen Paul Parin rief sie 2003 zur Gründung der Stiftung medico international auf. "Angesichts einer Welt, die von zunehmender Gewalt bedroht ist, gilt es, Inseln der Vernunft zu schaffen", lautet der erste Satz des Appells.

Thomas Gebauer, Geschäftsführer der Stiftung medico international


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