Simbabwe

Haltloses Geröll

Zu einem Fluss aus Geröll ist die Lawine erstarrt, die den Ort Copa überrollte. (Foto: medico)
Wirbelsturm Idai hat die schleichende Katastrophe nur verschärft. Besuch in einem zerstörten Dorf. Eine Reportage.

Von Anne Jung

Die Wassermassen waren im März 2019 ohne Vorwarnung gekommen und hatten Copa überspült. Von den Bergen rauschten Schlammlawinen über den kleinen Ort hinweg. Mehr als 100 Häuser wurden fortgerissen oder schwer beschädigt, Geröll und Felsbrocken haben den wertvollen Ackerboden unter sich begraben. Rund drei Monate nach der verheerenden Sturmnacht kommt es hier, im bergigen Osten Simbabwes nahe der mosambikanischen Grenze, zu einer Begegnung, die einem epischen Theaterstück gleicht. Die Szenerie: vorne rechts eine riesige Geröllfläche, unwirklich anmutend wie eine Mondlandschaft; linkerhand ein notdürftig errichtetes Zeltlager für die Überlebenden. Es treten auf: Überlebende der Katastrophe und der Sprecher des Lagers, eine Regierungsbeamtin und Mitarbeiter*innen von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen aus Deutschland und Simbabwe.

Als erstes ergreift Peter Mutisi das Wort. Er spricht ruhig und klar, als könnte die Präzision der Beschreibung ihm etwas von dem Halt zurückgeben, der in der Katastrophennacht vor seinen Augen fortgeschwemmt wurde. Er hat zusehen müssen, wie seine Frau und zwei seiner drei Kinder sich nicht mehr an dem Seil halten konnten, mit dem die Dorfbewohner*innen versuchten sich zu retten. Kurz darauf seien auch sein Haus und die Häuser seiner Verwandten, Nachbar*innen und Freund*innen in den Fluten verschwunden. Auch die Schulen wur

den zerstört. Rund 100 Tage ist das her und noch immer sind Menschen in Copa der Erbarmungslosigkeit ausgesetzt, irgendwie durchzukommen und weiterzumachen. Peter Mutisi ist ihr Sprecher. Die Nächte sind kalt, berichtet er, die sanitären Anlagen ein einziger Krankheitsherd. Eine einzige Toilette steht den Menschen zur Verfügung, In dieser gespenstisch erstarrten Situation ist nichts vorhersehbar. Niemand weiß, wann Lebensmittel verteilt werden; mal kommt Öl, mal Reis, oft gar nichts. Das provisorische Lager könnte jederzeit geräumt werden. Die Perspektivlosigkeit und die Willkür des Staates münden in Ohnmacht.

Welche Zukunft?

Andere Dorfbewohner*innen pflichten Peter Mutisi bei und ergänzen. Nicht einmal die psychosoziale Versorgung für die oft schwer traumatisierten Menschen, die ohnmächtig dem Verlust ihrer Liebsten zuschauen mussten, trägt dazu bei, wieder Vertrauen gewinnen zu können, im Gegenteil: „Fast jedes Mal kommt jemand Neues“, berichtet eine der Überlebenden. „Immer wieder müssen wir von vorne über die schlimmen Ereignisse sprechen.“ Die Unberechenbarkeit des täglichen Überlebenskampfes paart sich mit der Unsicherheit, die durch die Katastrophe ausgelöst wurde. Wie die Menschen sich in Zukunft schützen können? Wie es weitergehen oder gar besser werden kann? Hierauf gibt es keine Antwort. Nach den Fluten sind die Menschen längst wieder der Trockenheit ausgesetzt. In Simbabwe schlägt der Klimawandel schon seit Jahren in Form fortgesetzter Dürre zu, nur war diese keine Meldung in den Medien wert. 2019 ist das regenärmste Jahr seit 40 Jahren. Idai hat nun auch noch die wenigen verbliebenen Vorräte mit sich gerissen und Saatgut zerstört. Die leise Katastrophe der Hungersnot wird schwer aufzuhalten sein.

Tafadzwanashe Nkrumah und Edgar Mutasa, zwei Mitglieder der medico-Partnerorganisation Community Working Group on Health (CWGH) treten zu der Gruppe um Peter Mutisi hinzu, machen sich Notizen und hören den Berichten aufmerksam zu. Nachdem Idai den Distrikt Chimanimani verwüstet hatte, setzt sich die medico-Partnerorganisation für eine gemeindenahe Nothilfe ein. So hat die CWGH die Verteilung von Nahrungsmitteln, Solarlampen und Hygieneartikeln an rund 100 Haushalte in notdürftigen Camps koordiniert. Systeme zur Wasseraufbereitung und Moskitonetze haben zur Cholera- und Malariaprävention beigetragen. Besonders wichtig für die Menschen seien Töpfe gewesen, weil sie dadurch wieder selbst Essen zubereiten konnten. Handeln können, statt erdulden müssen – darum geht es. 

Eine Beamtin der Regierung aus der Provinzhauptstadt Mutare steht auch in der Runde und strahlt aggressive Teilnahmslosigkeit aus. Nur wenn ihr Handy klingelt oder sie angeregt auf ihrem Telefon tippt, kommt Leben in ihr Gesicht. Von einem Staat, der nach einem kurzen Frühling der Post-Mugabe-Ära längst wieder zum politischen Alltag der Einschüchterung zurückgekehrt ist und der einen Großteil der Staatseinnahmen für die Erhaltung des eigenen Machtapparats aufwendet, ist in diesen Zeiten nichts Gutes zu erwarten. Tatsächlich ist die Regierungsvertreterin nur aus einem einzigen Grund nach Copa gekommen: um mit kritischen Ohren die Arbeit der Hilfsorganisationen zu überwachen und jedes längere Gespräch zwischen Überlebenden und Hilfsorganisationen zu verhindern. In ihrer Empathielosigkeit steht die staatliche Repräsentantin in dieser Runde auch stellvertretend für die schwere sozioökonomische Krise des Landes und der politischen Elite. Die Preissteigerungen für Lebensmittel und Benzin erschweren nicht nur das Leben eines Großteils der Bevölkerung – selbst die Ärztinnen und Ärzte des Landes geraten in ökonomische Notlage –, sie erschweren auch die Hilfstätigkeit für die Überlebenden des Wirbelsturms. Auf soziale Proteste reagiert die Regierung wie jüngst in der Hauptstadt Harare mit dem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas.

Doch nicht alle Vertreter*innen des Staates begegnen dem Krisengeschehen des Landes so gleichmütig. Es gab diesen Moment in dem ebenfalls von Idai betroffenen Bergort Chimanimani, als der zuständige District Officer des Ortes sich die Zukunft der Überlebenden, die auch hier in Zeltlagern leben, ausmalt. Es werde gute Häuser geben, versichert er, Schulen, ein Krankenhaus. Die Toiletten werden Wasserspülung haben. Er selbst wusste in diesem Moment, dass dies niemals eintreten wird, dennoch war dies ein wahrhaftiger Moment voller Empathie für die Opfer und Verzweiflung über die Ohnmacht der eigenen Handlungsunfähigkeit in dem politischen System.

Stärke der Gemeinden mobilisieren

Zurück in Copa. Von einem Lastwagen werden Kartons voller Reis abgeladen. Gespendet hat sie Strive Masiyiwas, Gründer der Telekommunikationsfirma Econet und einer der reichsten und berühmtesten Menschen Simbabwes. Privatwirtschaftliche Hilfe wie diese lindert allenfalls die Symptome der Bedürftigkeit. An den Ursachen ändert sie nichts. Genau darauf kommen Tafadzwanashe Nkrumah und Edgar Mutasa von der CWGH jetzt zu sprechen. Sie fordern die Verantwortung des Staates ein – angesichts der akuten Krise, aber auch über den Tag hinaus. Hierfür setzen sie auf die Mobilisierung von unten, in den Dörfern und Gemeinden. Am Vortag war es CWGH gelungen, in Mutare rund 100 Vertreter*innen von Überlebenden der Idai-Katastrophe, aus den Gemeinden und von zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammenzubringen. Gemeinsam suchten sie nach Wegen, wie sich die Ohnmacht überwinden lässt, und formulierten Forderungen an die Regierung.

Humanitäre Organisationen, so der Philosoph Georgio Agamben, können das menschliche Leben nur noch in der Figur des nackten Lebens erfassen und unterhalten deshalb gegen ihre Absicht eine geheime Solidarität mit den Kräften, die sie bekämpfen sollten. Die Community Working Group on Health tut alles dafür, dass genau das nicht geschieht. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Stimmen der Betroffenen in Notfallsituationen mundtot gemacht werden“, hatte die CWGH schon bei dem Treffen in Mutare eingefordert.

Peter Mutisi macht noch einmal deutlich, was die Menschen in Copa brauchen, von Verlässlichkeit bei den Hilfslieferungen bis zur Kontinuität bei der psychosozialen Unterstützung. Außerdem müsse das traditionelle System, in dem Verwandte dabei helfen, das Vertrauen in die Welt wiederherzustellen, gestärkt werden. Es geht um Auswege aus der Ohnmacht. „Man muss doch die Möglichkeit bekommen, das eigene Leben zu gestalten“, sagt Peter Mutisi zum Abschluss des Gesprächs.

Die Community Working Group denkt über die Katastrophe hinaus. „Es ist fatal“, sagt Itai Rusike, der Direktor der CWGH, „dass die Gemeinden bei jeder Choleraepidemie, einem Typhusausbruch oder durch Idai aus dem Tiefschlaf geweckt werden.“ Um Katastrophen wie diese zu verhindern, bedarf es einer grundlegenden Verbesserung der Infrastruktur. Dass diese jedoch nur gegen Widerstände durchzusetzen ist, davon zeugt ein Schild im Büro der CWGH. Auf ihm steht: „Eure gebrochenen Versprechen bringen uns um.“
 

medico weitet die Arbeit in Simbabwe aus und kooperiert mit gemeindebasierten Organisationen in den betroffenen Regionen, die Wiederaufbauarbeit leisten und die Folgen des Klimawandels und psychosoziale Gesundheit thematisieren. In dem massiv von Idai getroffenen Mosambik stärken die Projektpartner*innen die kleinbäuerlichen Gemeinden bei der Durchsetzung von Landrechten und setzen sich für eine gerechte Ressourcennutzung ein.

Spendenstichwort: Wirbelstürme Südostafrika


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 3/2019. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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