Globale Gesundheit

Gleicher Zugang weltweit

Eine südafrikanische Gesundheitshelferin befragt Bewohnerinnen zu ihren Lebensverhältnissen im Township.
Eine südafrikanische Gesundheitshelferin befragt Bewohnerinnen zu ihren Lebensverhältnissen im Township. (Foto: Eric Miller(
Die Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit ist eine Agenda mit utopischem Überschuss. Verschiedene Netzwerke, denen medico angehört, arbeiten an Alternativen.

Dem globalen Kapitalismus, meint der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, könne man sich nur mit einem neuen universalistischen Projekt widersetzen. „Alle unsere heutigen Probleme erfordern eine universale Antwort“, so Žižek. Weise gesprochen. Nur, was bedeutet das konkret? Im Kampf für das Recht auf Gesundheit versucht medico, hierauf praktische Antworten zu finden.

Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern in Netzwerken wie dem gesundheitsaktivistischen People´s Health Movement, der wissenschaftlichen Go4Health-Initiative oder der Plattform für Globale Gesundheit bezieht medico kritische Positionen. In diesen Netzwerken arbeiten die Beteiligten an emanzipatorischen und demokratischen Alternativen, die den gleichen Zugang aller zu Gesundheit ermöglichen.

Armut und Gesundheit

Schon traditionell beteiligt sich medico international alljährlich an der Konferenz „Armut und Gesundheit“ in Berlin, auf der sich vor allen Dingen diejenigen austauschen, die im Bereich Gesundheitsförderung in Deutschland tätig sind. In den medico-Debatten ging es dabei um die globalen Fragen von Gesundheitsförderung. Zum Beispiel, ob die innerhalb der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diskutierte Universal Health Coverage, also allgemeine Gesundheitsabsicherung, ein Weg zu gleichem Zugang sein kann.

Die offizielle Diskussion schwankt zwischen diesem menschenrechtlichen Ansatz und einer Minimalabsicherung. Letzteres, so der britische PHM-Kollege Dave McCoy, helfe, „Menschen am Leben zu erhalten“. Zum Verständnis einer „Gesundheit für alle“, einst Leitlinie der WHO, gehört aber weit mehr als nur das Überleben, zu ihm gehört auch das Recht auf Rechte und demokratische Teilhabe als Voraussetzung für Gesundheit.

Wie weit die Positionen auseinanderliegen, zeigte sich in der Debatte mit Dagmar Reitenbach, der Leiterin des Referats Globale Gesundheitspolitik im Bundesgesundheitsministerium, die das Regierungspapier zum gleichnamigen Thema verteidigte. Das Papier beschreibt Globale Gesundheitspolitik aus der Sicht deutscher Sicherheitsinteressen. Dass man zusammensaß und offen diskutierte, war immerhin ein Signal der Gesprächsbereitschaft.

Go4Health

Das Forschungskonsortium Go4Health, dem medico als zivilgesellschaftlicher Partner angehört und das Gesundheitswissenschaftler aus allen Regionen der Welt versammelt, arbeitet an qualitativen Indikatoren für einen universellen Zugang zu Gesundheit, aber auch an Indikatoren, die über das „Überleben“ hinausgehen.

In Berlin traf es sich im Sommer 2014 zu einem ganztägigen Workshop, der eine ernüchternde Zwischenbilanz des Stands der globalen Debatte zog. Es gebe, so Gorik Ooms vom Tropenmedizinischen Institut Antwerpen, zwar einen erklärten Willen im Rahmen der UNO, die Ungleichheiten zwischen den Staaten zu reduzieren. Die einzige konkrete Maßnahme, die man aber vorschlage, bestehe in „mehr Handel“. Handfeste Regularien, darin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops einig, die die Gesundheitsrechte verpflichtend machten und die Staaten zu ihrer Einhaltung zwängen, seien dringend notwendig, um das Recht auf Gesundheit durchzusetzen. Dem stehe zurzeit aber ein Denken entgegen, das die Lösung nicht in der Gewährleistung von Rechten sehe, sondern im Philanthrokapitalismus, wie ihn die Bill-Gates-Stiftung aktuell am deutlichsten verkörpert.

Deutsche Plattform für globale Gesundheit

Wer krank ist, wäre, statt zum Arzt zu gehen, bisweilen besser beraten, einer Gewerkschaft beizutreten oder sich für die Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheit einzusetzen. Denn viele Gesundheitsprobleme sind allein medizinisch nicht zu lösen und in erster Linie ein Problem von extrem ungerecht verteilten politischen und ökonomischen Ressourcen.

Die innerhalb und zwischen den Ländern dieser Erde beständig anwachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, der Klimawandel, die Liberalisierung der internationalen Finanz- und Warenströme, das Wirken transnationaler Konzerne, der Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Welt: all das hat erheblichen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen und macht zugleich globales Handeln unumgänglich.

Daher versteht sich die Deutsche Plattform für globale Gesundheit, in der Gewerkschaften, Sozial- und Wohlfahrtsverbände, entwicklungs- wie migrationspolitische Organisationen, Wissenschaft, soziale Projekte und Bewegungen mitwirken, als übergreifende Initiative mit dem Ziel, die sozialen und die politischen Bedingungen von Gesundheit stärker in den Mittelpunkt der nationalen und internationalen Gesundheitsdebatte zu rücken.

Außerdem will die Plattform dazu beitragen, die bisher bestehende Trennung zwischen innenpolitischer und globaler Gesundheitspolitik zu überwinden. Deshalb trafen auf Einladung der Deutschen Plattform für globale Gesundheit im September 2014 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Vertretern von Politik, Gewerkschaften und Hilfsorganisationen zusammen, um über Handlungsoptionen zu debattieren.

Dies sollte dazu beitragen, das medizinisch-technische Verständnis von Gesundheit zu überwinden und erste Ideen für ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen einer Gesundheitspolitik in Deutschland und im globalen Maßstab zu entwickeln.

Anne Jung/Katja Maurer


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