Flucht & Migration

Gefangen in Libyen

Die Frauen in Surman sind ihren Wächtern ausgeliefert. Sie wagen es in deren Gegenwart kaum, zu sprechen oder sich zu bewegen. (Fotos: Moises Saman / Magnum Photos / Agentur Focus)
Um Flüchtlinge und Migranten von der Überfahrt nach Europa abzuhalten, kooperiert die EU mit Milizen und Warlords. Von Michael Obert

Seit zehn Tagen sind wir an der libyschen Küste unterwegs, am Südufer des Mittelmeeres, der gefährlichsten Grenze der Welt. Bis zu einer Million Flüchtlinge und Migranten halten sich nach Angaben der deutschen Bundesregierung derzeit in Libyen auf, dem mit Abstand wichtigsten Transitland auf dem Seeweg von Afrika nach Europa. Die EU will sie schon in Libyen stoppen. Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer trafen auf ihrem Gipfel in Malta im Februar 2017 eine Vereinbarung mit dem nordafrikanischen Land: Die libysche Küstenwache soll das Mittelmeer abriegeln, Flüchtende abfangen und in Aufnahmelager in Libyen bringen. Diese Küstenwache besteht westlich der Hauptstadt Tripolis, wo viele Hochburgen der Schleuserbanden liegen, aus einem Boot und 37 Mann. Ihr Anführer: Commander Al Bija, ein gefürchteter Warlord. Der 30-jährige hat eine verstümmelte Hand, die er benutzt wie eine Kralle. „Ich musste eine Menge Menschen töten“, sagt er.

Alternativen zu Warlords wie Al Bija gibt es für Europa nicht. Sieben Jahre nach dem Sturz und dem Tod des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Zuge des Nato-Einsatzes im Jahr 2011 ist die Euphorie des Arabischen Frühlings längst verflogen; kaum jemand hofft in Libyen mehr auf einen Übergang zur Demokratie. Die Volksbrigaden, die sich während der Revolution unter dem Jubel der westlichen Welt gegen die Diktatur erhoben, haben nach Gaddafis Fall ihre Waffen nicht niedergelegt. Sie plünderten Militärarsenale, besetzten leere Ministerien und bauten Milizen auf. Die „Regierung der Nationalen Einheit“, auf die sich die Pläne der EU stützen, hat kaum Kontrolle über Libyen. Der Premierminister Fayiz as-Sarradsch, ermächtigt von den Vereinten Nationen und seit dem 30. März 2016 im Amt, soll einen neuen Staat aufbauen. Doch das Parlament, das im 1.000 Kilometer östlich von Tripolis gelegenen Tobruk tagt, hat Sarradschs Einheitsregierung nicht anerkannt. Im Osten des Landes weigert sich der mächtige General Haftar, mit ihm zu kooperieren. Und die Terrororganisation Islamischer Staat erobert ganze Städte.

1.700 militante Gruppen, schätzen Expertinnen und Experten, bekämpfen sich in Libyen in einem undurchsichtigen Bürgerkrieg entlang von Clan-, Stammes- und Glaubensgrenzen und in den Territorien lokaler Warlords. Rivalisierende Milizen kontrollieren Städte, Überlandstraßen, Raffinerien, Ölfelder – und das millionenschwere Geschäft mit Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa wollen. Die Vereinten Nationen gehen von Dutzenden Banden aus, die an der libyschen Küste in einem Netzwerk organisiert sind. Flüchtlinge und Migranten, die das Geld für die Überfahrt nach Europa nicht aufbringen können, halten sie oft monatelang in sogenannten Ghettos fest, Privatgefängnissen, in denen geschlagen, vergewaltigt, gefoltert und gemordet wird. Hier, im Schattenreich der Warlords, der Milizen und des organisierten Menschenschmuggels, will Europa „Grenzmanagement“ betreiben, um die Zuwanderung aus Afrika zu stoppen.

Niemand wagt, sich zu bewegen

Im Surman-Camp, eine halbe Autostunde westlich von Zawiya, kauern in einer Halle mit rostigen Fenstergittern mehr als 200 Frauen am Boden, viele mit Babys. Ihre Knie haben sie an die Brust, die Kopftücher vor das Gesicht gezogen, die Augen starr auf ihre Füße gerichtet. Niemand wagt, sich zu bewegen. Nicht das leiseste Flüstern ist zu hören. Erst als der Wächter, ein Mann in Tarnuniform mit verwahrlostem Bart, geröteten Augen und Alkoholfahne, kurz hinausgeht, nimmt eine junge Frau ihren Mut zusammen, um mit uns zu sprechen. Sie sei aus Nigeria, seit mehr als zehn Monaten im Surman-Camp gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Niemand wisse, wo sie sich befinde, ihre Familie glaube sicher, sie sei tot. Sie geht vor uns in die Knie, faltet die zitternden Hände. „Sie vergewaltigen uns!“, flüstert sie und zeigt uns ihre Arme. Sie sind mit blauen Flecken bedeckt, die Abdrücke einzelner Finger erkennbar. „Helft uns! Bitte!“ Sie hebt ihr Tuch. Ihr Trainingsanzug ist zwischen den Beinen bis zu den Knien mit Blut verschmiert. Wer hat das getan? „Alle von denen. Nacheinander.“

Der Wächter kommt zurück. Sie verstummt und sieht uns flehend an. Wir spüren Ohnmacht. Wir können nichts für die Frauen tun. Im Gegenteil: Ein falsches Wort von uns, ahnen wir, und sie müssten dafür bezahlen. Vielleicht mit dem Leben. Draußen wartet Colonel Ibrahim Ali Abdusalam, der Direktor des Frauenlagers. Offiziell untersteht er dem Innenministerium, in Wahrheit wird das Camp von lokalen Milizen kontrolliert. „Sehen Sie, wie still sie sind“, sagt er und lächelt. „Das bedeutet, dass sie sich bei uns wohlfühlen.“

Warum hält er die Frauen monatelang unter diesen erbärmlichen Umständen fest? „Europa will diese Frauen nicht haben“, sagt er ruhig und ohne lange nachzudenken. „Gut, wir behalten sie hier.“ Aber es werde höchste Zeit, dass Europa endlich für sie bezahle: „Mobile Toiletten und Duschen, Schaukeln und Rutschen, Tampons, Windeln, Babymilch.“ Allmählich begreifen wir: Je mehr Afrikaner sie zusammenpferchen und je schlechter es diesen Menschen geht, desto besser die Verhandlungsposition der Milizen gegenüber den europäischen Staaten. Längst ist ja auch in Surman angekommen, dass Europa seinen Grenzschutz nach Libyen verlagern und im großen Stil investieren will. Die libysche Küstenwache soll abgefangene Flüchtlinge und Migranten künftig in „angemessenen Aufnahmekapazitäten“ abliefern, so besagt es der Aktionsplan von Malta. Libyen soll die Menschen dann versorgen und eine Bürokratie aufbauen, um völkerrechtskonforme Asylverfahren durchzuführen. Anerkannte könnten in „Kontingenten“ auf europäische Länder verteilt werden. Abgelehnte will die EU bei der „freiwilligen Rückkehr“ in ihre Heimatländer unterstützen.

Als Gaddafi noch für Ruhe sorgte

Schon einmal wurde Libyen zum Flüchtlingsgefängnis, finanziert von Europa. 2010 beteiligte sich die EU an einem Deal zwischen Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi und stellte Gaddafi, der wegen seiner Unterstützung des internationalen Terrorismus seit den Siebzigerjahren geächtet war, jährlich fünf Milliarden Euro in Aussicht, damit er Flüchtlinge und Migranten zurückhalte. Gaddafi ließ damals keine Missverständnisse aufkommen: Ohne ihn werde Europa sich durch illegale Migration „schwarz färben“. Im Auftrag Europas ließ er im Mittelmeer aufgegriffene Menschen zurück nach Libyen schaffen und hielt sie auf unbestimmte Zeit in geschlossenen Haftlagern gefangen, ohne ihren Anspruch auf Asyl zu prüfen. Menschenrechtsorganisationen prangerten schon damals Schläge, sexuelle Misshandlungen und Folter an.

Die heutige Einheitsregierung betreibt laut den Vereinten Nationen 24 Internierungslager für Migranten in Libyen, viele noch aus Gaddafis Zeiten. Europa will die bestehende Infrastruktur nutzen und zu menschenwürdigen Auffanglagern ausbauen. Nicht tragbare Camps sollen geschlossen werden. Wie die EU die Milizen dazu bringen will, ihre Camps aufzugeben, bleibt unklar.

Zur Überfahrt gezwungen

„Sie lassen uns hier verfaulen“, flüstert uns ein Mann aus seiner Zelle im Annasser Camp zu, das in einer ehemaligen Reifenfabrik in Zawiya untergebracht ist. Durch das winzige Sichtfenster in der Stahltür ist nur das Weiß seiner Augen zu erkennen. Ein beißender Geruch schlägt uns entgegen. Dann werden drinnen Streichhölzer angezündet, immer mehr verängstigte Gesichter leuchten in der Dunkelheit, nackte Oberkörper, übersät mit Hautkrankheiten und Wunden. Dicht gedrängt kauern die Männer am Boden. Weil es zu eng ist, um sich auszustrecken, schlafen sie im Sitzen. Es gibt keine Dusche, keine Toilette. Unter ihren Decken urinieren sie in kleine Wasserflaschen, die sie zuvor ausgetrunken haben. Ihren Stuhlgang verrichten sie in Plastiktüten.

Der Mann am Sichtfenster der Zelle, Mohamed Moseray, 25, Informatikstudent aus Sierra Leone, trägt noch den salzverkrusteten Trainingsanzug, den er anhatte, als er vor Wochen halb ertrunken aus dem Mittelmeer gefischt wurde. Darunter ist seine Haut verätzt vom Benzin, das im leckgeschlagenen Schlauchboot trieb. In Sierra Leone, erzählt er, musste er sein Studium abbrechen, weil er nebenher keine Arbeit fand und seine Familie ihn nicht unterstützen konnte. Er sah einfach keine Perspektive mehr. „Mein großes Ziel ist ein Universitätsabschluss“, sagt Moseray, beginnt zu zittern, weint, fängt sich wieder. „Deshalb will ich nach Italien – und weiter nach Kanada.“ Dort werde sein Studium vom Staat finanziert.

Nach einer fünf Jahre langen Odyssee quer durch Westafrika und die Sahara, erzählt Moseray, schoben libysche Schleuser am 19. März 2017 kurz nach Mitternacht das Schlauchboot ins Mittelmeer, das Moseray nach Italien bringen sollte. Mehr als 150 Menschen zwängten die Schleuser hinein. „Wenn du nicht einsteigst, erschießen sie dich.“ Keine zwei Stunden waren sie auf dem Meer, da kenterte das Boot. „Schreie, Gebete, Menschen, überall im Wasser, schwangere Frauen, Kinder, Babys – sie können doch nicht schwimmen!“ Er zählt seine Freunde auf: „Mohamed Focus Diallo – ertrinkt. Amadou Melodiba – ertrinkt. Mohamed Bah – ertrinkt.“ Einen nach dem anderen sah er neben sich im Wasser untergehen. Was danach kam, weiß Mohamed Moseray nicht mehr. Nur an das Schiff, das kurz nach Sonnenaufgang zu ihnen kam und sie zurück nach Libyen brachte, erinnert er sich. Und an die Hand, die sein Retter ihm entgegenstreckte. „Wie eine Kralle“, sagt Mohamed Moseray. „Ein paar Finger fehlten.“

Verhandlungsmasse Flüchtlinge

Solange Flüchtlinge und Migranten in Libyen Folter, Vergewaltigungen und Entführungen erleben, ist die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer, ihre einzige Chance, Elend und Gewalt zu entkommen. Bis zu 2.500 Dollar kostet derzeit die Reise von Libyen nach Italien. Legt man diesen Betrag um auf die 181.000 Menschen, die 2016 nach Europa durchkamen, und auf mehr als 5.000 Ertrunkene, haben libysche Schleuser im vergangenen Jahr über 465 Millionen Dollar verdient. Die wichtigsten Pfeiler des EU-Deals mit Libyen – die libysche Küstenwache und die Internierungslager in Libyen – wackeln. Die Küstenwache ist von dubiosen Akteuren durchsetzt. Expertinnen wie die italienische Journalistin Nancy Porsia, die seit Jahren aus Libyen berichtet, sind sich sicher: „Die Küstenwache der libyschen Marine ist am Menschenhandel beteiligt.“ Und die sicheren Auffanglager sind derzeit nichts weiter als von Milizen gemanagte Lagerhallen für wehrlose Menschen, eine Ressource im Krieg um Libyen – und um die Millionen aus Europa. 
 

Für eine sichere Reise

Nachdem andere Migrationsrouten durch die europäische Migrations- und Sicherheitspolitik weitgehend dichtgemacht wurden, führt die Hauptroute für Flüchtlinge und Migranten aus West- und Zentralafrika derzeit vor allem über Libyen und das zentrale Mittelmeer Richtung Europa. medico unterstützt das Watch the Med Alarm Phone, ein transnationales Netzwerk von Aktivistinnen und Aktivisten, das im Oktober 2014 ins Leben gerufen wurde, um Notrufe von Flüchtlingen und Migranten entgegenzunehmen, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Auch in den Nachbarländern Libyens Ägypten und Niger sowie in Marokko, Mali, Mauretanien und Sierra Leone sind medico-Partnerorganisationen in der Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten aktiv. Sie betreiben Notunterkünfte für subsaharische Frauen und ihre Kinder auf der Durchreise, betreuen Abgeschobene nach ihrer Rückkehr und fördern mit künstlerischen, theaterpädagogischen und einkommensschaffenden Maßnahmen die gesellschaftliche Teilhabe von zum Teil schwer traumatisierten Flüchtlingen und Migranten. So wie im Mittelmeer Migranten ertrinken, sterben auch immer mehr Flüchtende auf ihrem Weg durch die nordafrikanische Wüste. Daher unterstützt medico ein Notruftelefon, das sich aktuell in der Pilotphase befindet und zur Rettung von Menschenleben in der Sahara beitragen soll.

Spendenstichwort: Migration 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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