Eine Stadt hält den Atem an

Kabul, ein Jahr vor Abzug der ISAF-Truppen

Kabul 2013: Bei allen, die wir in Kabul treffen, ruft die Ungewissheit der nächsten Zukunft die schlimmsten Erinnerungen der Vergangenheit wach. (Foto: medico)

Mohammad Hamayun, medico-Mitarbeiter in Afghanistan, spricht als Erster aus, was alle unsere Gesprächspartner fast wortgleich wiederholen: „Niemand weiß, was im nächsten oder übernächsten Jahr geschehen wird. Ich weiß nicht einmal, wo ich dann sein werde.“ Bei allen, die wir in Kabul treffen, ruft die Ungewissheit der nächsten Zukunft die schlimmsten Erinnerungen der Vergangenheit wach: an das Jahr 1994 zum Beispiel, als sich die Taliban 15 Kilometer vor Kabul sammelten und immer wieder die Stadt bombadierten. Zwei Jahre dauerte es, bis sie Kabul und ihre damals 1, 5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Noch in den 1970er Jahren wohnten gerade eben 400.000 Menschen in Kabul, Hamayun schätzt, dass es heute fünf, vielleicht sogar sechs Millionen sind. Wir stehen auf dem Bibi Mahro, einer Anhöhe inmitten der Stadt, die einen Rundblick über das Kabul-Tal und das Gebirgsrund gewährt, von dem es umschlossen wird. Die Stadt füllt das Tal vollständig aus, wild errichtete Siedlungen erklimmen die Berghänge, zwängen sich durch enge Schluchten hinaus in das weitere Land.

Auf der Anhöhe steht eine riesige Plakatwand mit dem Bildnis Ahmad Shah Massouds, Mujaheddin- Führer und mächtigster Gegner der sowjetischen Besatzung wie der Taliban. Er fiel im September 2001 einem Attentat zum Opfer, sein Bild findet sich heute an vielen Straßenkreuzungen Kabuls. „Mich erinnert es an den größten Fehler der ISAF-Intervention“, sagt Hamayun. „Man hat die Taliban vertrieben, doch die Mujaheddin und Karzai gewähren lassen. Damit wurde die Chance eines Neuanfangs verspielt.“ Auch damit spricht der medico-Kollege aus, was wir von allen anderen hören, mit denen wir sprechen. Zu ihnen gehört Dr. Sharif, der mit uns auf den Bibi Mahro gekommen ist. „Natürlich werden wir nicht aufgeben. Für mich wäre das auch zu spät. Ich war unter den Kommunisten, den Mujaheddin und den Taliban in Haft, ich bleibe hier.“

Der Kampf um den 28. April

Sharif gehörte in den 1970er Jahren zur linken Studentenbewegung, schloss das Medizinstudium ab, konnte den Arztberuf aber nie ausüben. Heute ist er ältester Mitarbeiter des medico-Partners Afghanistan Human Rights and Democracy Organisation (AHRDO). Die Menschenrechtsaktivisten haben gerade eine vielbeachtete Pressekonferenz abgehalten und dabei scharfe Kritik an den am Tag zuvor abgehaltenen Feierlichkeiten zum „Mujaheddin Victory Day“ geübt. „Bizarrerweise wird dieser Tag auch von ihren Feinden gefeiert“, sagt Dr. Sharif. „Am 28. April 1978 haben sich die Kommunisten an die Macht geputscht, am 28. April 1992 zogen die Mujaheddin in Kabul ein. Wir schlagen vor, an diesem Tag der anderthalb Millionen Menschen zu gedenken, die seit Beginn des Kriegs in Afghanistan sterben mussten.“ AHRDO stellt dazu drei Forderungen: Die Warlords sollen ihre Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Die Regierung soll das Recht der Kriegsversehrten und Kriegswitwen auf eine Wohnung, auf Schule und Ausbildung und eine gerechte Entschädigung anerkennen. Kriegsversehrte und Kriegswitwen sollen zusätzlich eine Pension von 400 Afghani bekommen – umgerechnet nicht einmal sechs Euro.

„Dass wir uns auf die Seite der Versehrten und Witwen stellen“, sagt Dr. Sharif, „ist keine humanitäre, sondern eine politische Entscheidung. Wir sammeln Menschen aller ethnischen Gruppen und aller Glaubensbekenntnisse, und wir räumen den Frauen das erste Wort ein. Wir stellen uns gegen die Gewalt, auch die der ISAF.“ AHRDO hat in Kabul, Mazar-e-Sharif und einigen anderen Städten Selbstorganisationsgruppen von Kriegswitwen um sich geschart. Gemeinsam studieren sie Theaterstücke ein, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen auf die Bühne bringen. „Methodisch folgen wir dem Theater der Unterdrückten“, sagt Fatima, mitverantwortlich für die Programmarbeit des medico-Partners. „Das wurde in Brasilien erfunden, im Widerstand gegen die Militärdiktatur. Wir übertragen das auf unsere Verhältnisse.“ Dann zeigt uns die junge Frau die dazugehörigen „Memory Boxes“, bemalte und mit Stoff ausgeschlagene Holzkisten, die von den Witwen mit Erinnerungsgegenständen ihrer getöteten Männer gefüllt werden: Kleidungsstücke, Schmuck, Kämme, Uhren, Bücher, auf Packpapierfetzen geschriebene, aus der Haft geschmuggelte Briefe. In öffentlichen Ausstellungen um diese Kisten herum ausgebreitet, verwandeln sich diese unscheinbaren Dinge in Reliquien tausendfach erlittenen Leids – und in Talismane der Forderungen, mit denen sich die Überlebenden des Krieges auch an die fünf, vielleicht sechs Millionen Einwohner Kabuls wenden. Die Hälfte von ihnen sind noch keine zwanzig Jahre alt. Von mörderischer Gewalt sind sie heute schon alltäglich bedroht. Droht ihnen jetzt die Wiederkehr des Krieges, vor dem ihre Eltern nach Kabul flohen? Kann diese Stadt ihnen Schutz gewähren, vielleicht sogar einen zunächst brüchigen Frieden, einen Vorgriff auf Gerechtigkeit? AHRDO jedenfalls setzt auf diese völlig ungewisse Möglichkeit.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der afghanischen Menschenrechts- und Demokratieorganisation haben ARHDO gegründet, um unabhängig arbeiten zu können. Sie verleihen einer Zivilgesellschaft Ausdruck, die weiß, dass ein anderes Afghanistan nur von unten entstehen kann. Für diese mutige Arbeit ist ARDHO dringend auf Spenden angewiesen.


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