Menschenrechte

Eine gegen KiK

Saeeda Khatoon. (Foto: Holger Priedemuth)
Saeeda Khatoon hat im Feuer von Ali Enterprises ihren Sohn verloren. In Deutschland kämpft sie um Entschädigung und Anerkennung.

Von Thomas Seibert

Am 31. August 2016 war die Meldung in allen Tageszeitungen: Das Landgericht Dortmund hat seine lange erwartete Entscheidung getroffen und im Verfahren gegen KiK vier Textilarbeitern aus Pakistan Prozesskostenbeihilfe zugesprochen. Das Gericht hat damit nicht nur bestätigt, für den Fall zuständig zu sein und die Klage ernst zu nehmen. Es hat sich auch auf ein Wagnis eingelassen, für das es bis heute kein Vorbild gibt. Denn Katastrophen wie der Brand beim KiK-Zulieferer Ali Enterprises, bei dem am 11. September 2012 260 Menschen verbrannt und erstickt sind, werden normalerweise nicht dort verhandelt, wo der internationale Auftraggeber sitzt. Wenn überhaupt, wird vor Ort gerichtet, durch Staatsanwälte und Richter, bei denen das Schicksal und das Wort einfacher Arbeiter aus den Slums wenig ins Gewicht fallen. Das ist jetzt anders: Mit der Gewährung von Prozesskostenbeihilfe hat das Gericht den Klägerinnen und Klägern auch die Möglichkeit zugesprochen, aus dem fernen Karatschi nach Dortmund zu reisen, um ihre Sache persönlich vorzutragen.

Für KiK wird das jetzt zum ernsten Problem. Wie andere global aktive Unternehmen behauptet der Discounter, von den konkreten Umständen vor Ort nichts gewusst zu haben. Die Kläger aber können jetzt persönlich beeiden, dass Vertreter des westfälischen Unternehmens die Fabrik Ali Enterprises mehr als einmal besucht und deshalb auch gesehen haben müssen, wie es um die Brand- und Gebäudesicherheit steht.

Besonders gefreut hat die Meldung aus Dortmund Saeeda Khatoon. Sie ist eine der vier Klägerinnen und Kläger und heute Wortführerin der Ali Enterprises Fire Affectees Association (AEFAA). Gegründet mit der Hilfe des medico-Partners National Trade Union Federation (NTUF), haben sich in ihr die Familien der Überlebenden und der Hinterbliebenen zusammengeschlossen. Ihre Vereinigung ist ihnen zunächst ein Ort gegenseitigen Beistands: Mit dem Tod des Vaters oder der Mutter, des Ehemannes oder der Frau, der Tochter oder des Sohnes ging allen auch ein Einkommen verloren, für das kaum jemand einen Ersatz gefunden hat. Darüber hinaus ist die AEFAA zu einer Stimme geworden, die für alle Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter das Wort ergreift: „Wir wollen keine Almosen, wir wollen Gerechtigkeit und wir wollen, dass sich ein solches Unglück nicht wiederholt.“

Von Karatschi nach Westfalen

Beim Brand von Ali Enterprises hat die heute fünfzigjährige Saeeda Khatoon ihren einzigen Sohn Ijaz verloren. Er war erst achtzehn Jahre alt, arbeitete aber schon seit vier Jahren bei Ali Enterprises. Als sie vom Ausbruch des Feuers erfuhr, rannte sie sofort zur Fabrik, harrte wie alle anderen Stunde um Stunde aus: „Ich wollte wissen, wo mein Sohn ist. Die Arbeiter waren in den Flammen gefangen. Einige sprangen vom Dach, um ihr Leben zu retten. Die anderen verbrannten. Wir mussten mit ansehen, wie die Menschen vor unseren Augen starben.“

Wie eindringlich sie für sich und die anderen Hinterbliebenen spricht, zeigt der medico-Film „Wir klagen gegen KiK“. Gedreht wurde er im Juni 2016, als Saeeda mit dem Mitkläger Abdul Aziz und Nasir Mansoor von der NTUF zu einer Rundreise nach Deutschland kam, bei der das Programm kaum dichter hätte sein können: Gespräche im Ministerium für Entwicklung, Treffen mit Bundestagsabgeordneten, eine Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, gut besuchte öffentliche Veranstaltungen in Düsseldorf, Lünen, Frankfurt und Bönen in Westfalen, dem Hauptsitz von KiK, Interviews mit Zeitungen, Radiostationen und TV-Sendern. Im Ministerium, vor den Journalisten wie auf den Veranstaltungen spricht Saeeda von ihrer nicht zu stillenden Trauer, aber auch von den insgesamt drei Klagen, die sie vor verschiedenen Gerichten eingereicht haben: in Deutschland gegen KiK, in Italien gegen die Gutachterfirma RINA und ihr frei erfundenes Zertifikat zur Gebäudesicherheit, in Karatschi gegen die Besitzer der Fabrik.

Wie wichtig die Dortmunder Klage ist, zeigt der Prozessverlauf in Karatschi. Dort ist das Verfahren zum Teil einer Intrige geworden, die mit dem Schicksal der Arbeiter von Ali Enterprises gar nichts zu tun hat, weil es allein um die politische Macht in der 20-Millionen-Metropole geht. Genützt hat das den Besitzern von Ali Enterprises: Sie wurden freigesprochen. Saeeda Khatoon lässt sich davon nicht aufhalten. Sie hat mittlerweile auf ihrer ersten großen Demonstration in den Straßen von Karatschi gesprochen und sich in ihrer Rede direkt an Pakistans Premierminister Nawaz Sharif gewendet, der den Hinterbliebenen von Ali Enterprises eine lebenslange Rente versprochen hat. Der Premierminister hat sein Versprechen so wenig gehalten wie KiK die gleich nach dem Brand gegebene Zusage, eine internationalen Maßstäben entsprechende Entschädigung zu zahlen. Das alles wird jetzt in Dortmund zur Sprache kommen, vor dem Landgericht.
 

Spendenstichwort: Textil

Im Rahmen der langjährigen Zusammenarbeit mit der National Trade Union Federation hat medico auch die Gründung der Ali Enterprises Fire Affectees Association unterstützt. In Vorbereitung und Durchführung der Klage gegen KiK kooperieren wir zugleich mit der Berliner Anwaltsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights.


Dieser Artikel erschien zuerst im Rundschreiben 3/2016. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt bestellen!


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