Revolte der Würde

Ein neues Evangelium

Yvan Sagnet führte 2011 einen ersten Streik der Sklavenarbeiter*innen Materas an und wurde zum politischen Aktivisten, der sich bis heute für die Rechte der Rechtlosen einsetzt. (Foto: IIPM)
Jesus ist als papierloser Sklavenarbeiter auf italienischen Gemüsefarmen auferstanden. Von Thomas Seibert

Das Theater des Regisseurs und Autors Milo Rau spielt auf der gewundenen, manchmal abrupt die Richtung wechselnden Linie, die Kunst und Politik trennt. Wer eben noch glaubt, im Theater zu sein, findet sich im nächsten Augenblick mitten in einer politischen Aktion – oder andersherum.

Ende 2017 rief Rau 60 Aktivistinnen und Aktivisten sowie Intellektuelle aus aller Welt zur ersten „Generalversammlung des Globalen Dritten Standes“ in die Berliner Schaubühne. Im Namen schon nahm die Versammlung Bezug auf die Revolution, in der Frankreichs „Dritter Stand“ seine état général einberief. Die Versammlung stürzte den König und verabschiedete die erste Erklärung der Menschen- und Bürger*innenrechte.

Die Berliner Versammlung tagte drei Tage und verabschiedete eine „Charta des 21. Jahrhunderts“. In der Versammlung und zu dieser Charta meldeten sich damals auch medico-Partner aus Pakistan und Simbabwe zu Wort, um dort ihre Spuren zu hinterlassen. Doch auch wenn Milo Rau die Versammlung als Vorgriff auf etwas inszenierte, das von der Bühne auf die Straße zu bringen sein wird: Eine globale Revolution hatte sie bislang nicht zur Folge.

Das könnte morgen anders werden. Aktuell drehen der Regisseur und sein „Internationales Institut für politischen Mord“ im italienischen Matera ihren Film „Das Neue Evangelium“: ein Drama um die Kreuzigung Christi und die ihr folgende christliche Mission – eine Mission von allerdings weltgeschichtlicher Tragweite. Matera ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas, es ist auch der Ort, an dem Mel Gibson und Pier Paolo Pasolini ihre berühmten Christusfilme drehten: die Pasolini-Familie hat Rau das Drehbuch überlassen. Am 28. September kommt es zum ersten Akt des Dramas, dem Einzug Jesu‘ nach Jerusalem: dargestellt von einigen wenigen Laienspielern der beiden früheren Filme – und von sehr viel mehr Laienspieler*innen aus dem ungezählten Heer der migrantischen Sklavenarbeiter*innen, die in der Gegend von Matera für den Export von Obst und Gemüse in die EU schuften. Raus Christusdarsteller heißt Yvan Sagnet und war selbst einmal ein Geflüchteter ohne Papiere. 2011 führte er einen ersten Streik der Sklavenarbeiter*innen Materas an und wurde dann zum politischen Aktivisten, der sich bis heute für die Rechte der Rechtlosen einsetzt.

Protestmarsch nach Matera

Die Arbeiter*innen hausen in ebenso wilden wie armseligen Ghettos im Süden Italiens, die meisten von ihnen sind Geflüchtete ohne Papiere. Eines dieser Ghettos trägt den Namen „La Felandina“. Als dort während eines Brandes eine junge Frau ums Leben kam, erklärte Italiens damals noch amtierender faschistischer Innenminister Salvini das Ghetto zum „nationalen Problem“. Vor wenigen Tagen, am 28. August, wurden seine 400 Bewohner*innen von prügelnden Polizist*innen aus ihren Häusern vertrieben: nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal. Die brutale Räumung nahm die von Sagnet gegründete Bewegung „Rivolta della Dignità“ (Revolte der Würde) zum Anlass eines Protestmarschs nach Matera – also zu genau dem Ort, an dem Sagnet erstmals als Christus das Wort ergreifen wird.

Das von der Bewegung verabschiedete Manifest (siehe unten) wird dann auch das Manifest des Films und seines „Neuen Evangeliums“ sein. Dabei folgt dem Einzug nach Jerusalem am 5. und 6. Oktober die Kreuzigung des Messias. Auf sie folgt am 10. Oktober im Teatro Argentina in Rom die Wiederauferstehung und schließlich am 10. November der erste große Akt der Mission in Form einer von der NGO European Alternatives ausgerichteten und von medico unterstützten Konferenz in Palermo. Der Regisseur Milo Rau, sein Hauptdarsteller Yvan Sagnet und die Bewegung „Revolte der Würde“ haben den Papst aufgefordert, den wiedergekehrten Christus zu empfangen und auf seine Fragen zu antworten: „Was ist übrig geblieben von den Werten der Aufklärung und des Christentums in der Realpolitik der EU? Wie lässt sich das heutige Europa überhaupt noch mit den ‚abendländischen‘ Werten vereinbaren?“ Dabei wird Sagnet den Papst auch auf die Worte ansprechen, die er in seinem Sendschreiben Evangelii Gaudium zum globalen Kapitalismus fand: „Diese Wirtschaft tötet“.

medicos Grenzgang zwischen Hilfe, Politik und Kunst

Wie schon an der Berliner Generalversammlung beteiligt sich medico auch an den Aktivitäten rund um den Film „Das Neue Evangelium“, zu denen nach Matera und nach Rom eine für den November geplante internationale Konferenz in Palermo gehört. Der Grund für unseren eigenen Grenzgang zwischen Hilfe, Politik und Kunst liegt in dem größten Problem, auf das wir in unserer Öffentlichkeitsarbeit stoßen. Dieses Problem resultiert aus dem ungeheuren, auch ungeheuerlichen Umstand, dass unsere Gesellschaft eigentlich bereits alles über das grenzenlose Elend der Welt und der Gegenwart weiß – dass sie zum Beispiel weiß, unter welch‘ entsetzlichen Bedingungen ein Großteil des Obstes und des Gemüses in unseren Supermarktketten hergestellt wird. Doch fehlt es unserer Gesellschaft und allen Gesellschaften Europas an dem Glauben an das eigene Wissen, dem Glauben also, der sie – uns alle – darauf verpflichten würde, diese Welt schon im Kleinen und zuletzt im Ganzen zu verändern. Das wird es sein, was Yves Sagnet und seine Leidens- wie Kampfgenoss*innen uns zu sagen haben: in Milo Raus Film „Das Neue Evangelium“ und auf der Straße. Wem das nicht deutlich genug ist, dem sei gesagt, dass es uns bald sehr viel deutlicher, vielleicht sogar unerträglich deutlich werden wird.


Manifest der Revolte der Würde

Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. (Matthäus 5, 17)

Die europäische Idee steht vor ihrem Ende. Eine Politik der Angst, der Ausgrenzung und der Ausbeutung ist an den Platz der Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit und der Menschenwürde getreten, auf die sich Europäische Union in ihrem Gründungsvertrag bedingungslos verpflichtet hat.

Um des Profits willen zerstören europäische Unternehmen ganze Lebensräume, zwingen ihre Bewohnerinnen und Bewohner in die Flucht und schaffen so Millionen von Land- und Obdachlosen. Mit Spekulationen auf Land und Bodenschätze und zur Eroberung von Absatzmärkten treiben sie lokale Produzenten in den Ruin. Die Opfer dieser globalen Ausbeutung werden illegalisiert.

Darüber hinaus kooperieren die europäischen Regierungen mit Staaten, in denen Menschen der Folter, der Sklaven- und Sexarbeit ausgesetzt sind. Sie blieben untätig, wenn bisher über 30'000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Sie lassen zu, dass Millionen Geflüchtete mitten in Europa für die Produktion von Billigprodukten ausgebeutet werden. Sie verweigern ihnen das Recht auf Selbstbestimmung, auf eine faire Arbeit und damit auf die Würde, die allen Menschen zusteht.

Geduldet von den anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union hat die Regierung Italiens nun erstmals sogar die Rettung ertrinkender Menschen kriminalisiert. Wir sagen: Es ist eine Grenze überschritten!

Wir erklären:

1) Die Freizügigkeit ist ein Menschenrecht. Wir fordern ein globales Reise- und Niederlassungsrecht innerhalb und außerhalb Europas. Ein Reisedokument für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft!

2) Kein Mensch ist illegal. Wer europäischen Boden betritt, muss mit seiner Ankunft über alle Rechte verfügen, wie sie im Europäischen Gründungsvertrag festgelegt sind.

3) Alles Menschen müssen Zugang zu einer angemessenen Unterkunft haben. Ungenutzte Infrastruktur und verlassenes Land sind Gemeingut. Wir rufen zu ihrer Besetzung auf!

4) Jeder Mensch hat das Recht auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen fairen Lohn, ohne alle Diskriminierung. Wir fordern die strafrechtliche Verfolgung aller Unternehmen, die diesen Grundsatz nicht respektieren, einschließlich ihrer weltweiten Liefer- und Produktionsketten.

5) Die Preise von Produkten müssen den fairen Wert der Arbeit widerspiegeln. Wir lehnen den Konsum von Waren ab, die auf menschlicher Ausbeutung basieren, in Europa und überall auf der Welt.

6) Menschenwürde ist die Würde der Natur. Schluss mit zerstörerischen Monokulturen, Düngemitteln und Herbiziden! Die Nahrungsmittelproduktion dient nicht dem Profit, sondern dem Gemeinwohl heutiger und zukünftiger Generationen.

Wir erklären alle Verordnungen und Regelungen, die den hier skizzierten Grundsätzen zuwiderlaufen, für ungültig. Solidarität statt Ausgrenzung, Recht statt Diskriminierung, Nachhaltigkeit statt Ausbeutung!

Wenn wir jetzt nicht handeln, machen wir uns mitschuldig an der fortlaufenden Verletzung der Menschenrechte, dem daraus resultierenden millionenfachen Unglück und der unwiderruflichen Zerstörung unseres Planeten.

Erheben wir uns, im Namen der Würde des Menschen und im Namen unserer und aller kommenden Generationen! Denn wenn Ungerechtigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht!


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