Ein Gesetz für uns – und eines für die Anderen

Ilija Trojanow über kulturelle Differenz und visionäre Humanität

In der zweitgrößten Stadt meines Herkunftslandes Bulgarien, in Plovdiv, erhalten die Bürger seit ungefähr einem Jahr völlig übertriebene Rechnungen für Strom, Wasser und Heizung. Nur die so genannten Zigeuner haben sich gegen die Überteuerungen gewehrt. (In Bulgarien werden die Sinti und Roma immer als Zigeuner bezeichnet.) Sie haben eine Art Bewegung des zivilen Ungehorsams ins Leben gerufen. Der gesamte Stadtteil, das Ghetto der Sinti und Roma, hat sich geweigert, die Rechnungen zu bezahlen. Auch die Bulgaren schimpfen insgeheim immer über die Rechnungen und sie sind oft gar nicht imstande zu zahlen. Den zivilen Ungehorsam der Sinti und Roma haben sie aber keineswegs als einen Aufruf zur gemeinsamen Aktion und als Zeichen von Solidarität aufgefasst.

Im Gegenteil, es begann eine unglaublich starke Medienkampagne, die die Zigeuner beschimpfte. Sie argumentierte ungefähr so: Die Zigeuner, also die Anderen, die nicht Anpassungsfähigen, die, die nicht bereit sind, nach den Regeln der Gesellschaft, also nach den Regeln der ökonomischen Unterwerfungen zu handeln, stünden der Entwicklung Bulgariens im Wege. Am Ende dieser Kampagne drangen verschiedene, teilweise bezahlte Gruppen in das Ghetto der Zigeuner ein, zündeten Häuser an und verprügelten Menschen. Das ist ein Beispiel dafür, wie kulturelle Differenz instrumentalisiert wird – ein Thema meiner Betrachtungen.

Ein zweites ist die Humanität. Die unmittelbare, direkte Humanität funktioniert häufig sehr gut. Die visionäre Humanität dagegen liegt meiner Ansicht nach sehr im Argen. Die visionäre Humanität hat sehr viel mit kultureller Differenz zu tun. Denn nur wenn es gelingt, visionäre Humanität zu entwickeln, kann aus unserer Empathie, unserer Solidarität, die sich im Katastrophenfall unmittelbar äußert, ein Kampf gegen die institutionalisierte Gewalt und gegen die fundamentalen Probleme werden, die Katastrophen verursachen oder verschärfen.

Ich glaube, dass die kulturelle Differenz dabei ein wesentliches Problem darstellt. Denn der so genannte Westen – Europa und Nordamerika – wirft einen Blick auf die außereuropäischen Länder, Regionen, Kulturen, Religionen, der maßgeblich vom 19. Jahrhundert geprägt ist. Die ganze Geisteshaltung und die Terminologie sind nach wie vor durch und durch imperial. Das fängt schon mit der Sprache an. Wir – und ich sage wir, obwohl ich mich nicht dazugehörig fühle – benennen die Fremden mit einer Sprache aus dem 19. Jahrhundert. Das ist politisch von entscheidender Bedeutung, weil man die gesamte mediale Reflektion eines Konfliktes vor diesem Hintergrund analysieren kann.

Das jüngste Beispiel dafür ist Kenia. Bei den Auseinandersetzungen nach den Wahlen ging es offensichtlich darum, dass die Opposition gewonnen hatte und die bestehende Regierung trotzdem nicht zurücktreten wollte. In Deutschland, aber auch in England und Frankreich wurden diese Auseinandersetzungen als Stammes-Konflikte beschrieben. Der Schriftsteller Wole Soyinka hat diese europäische Wahrnehmung kürzlich ironisch so kommentiert: Konflikte in Europa seien Konflikte auf hohem Niveau, Konflikte nämlich zwischen verschiedenen politischen Interessen. Afrikaner hingegen trügen in der europäischen Wahrnehmung Konflikte als "primitive tribale Kriege" aus. Die Afrikaner seien offenbar noch nicht entwickelt genug, um Konflikte auf hohem Niveau zu haben.

Ich bin in Kenia groß geworden. Ich kann mich an alte Menschen erinnern, die noch ohne das Bewusstsein aufgewachsen sind, dass sie einem Stamm, etwa dem der Kalenjin angehören. Sie waren sich der Zugehörigkeit zu den Kalenjin nicht bewusst, weil es diesen Identitätsbegriff nicht gab. Er entstand erst durch britische Kolonialbeamte. Denn schließlich mussten die Menschen in Kategorien eingeordnet werden, die in London festgelegt wurden. Man befragte die Bewohner: Wer seid ihr? Es kamen unterschiedliche Antworten. In Tansania zum Beispiel antworteten die Leute: Wir sind Menschen, allerdings in unterschiedlichen Sprachen. So könnte man schließen, dass die westliche Erklärung für Konflikte in Afrika darin besteht, dass Menschen sich deswegen bekämpfen, weil sie in ihren Sprachen ein unterschiedliches Wort für "Mensch" haben.

Aus dem 19. Jahrhundert haben wir im Umgang mit außereuropäischen Kulturen und Religionen eine Rhetorik der Heuchelei übernommen. Sie steht am Anfang dessen, was man uns in der Schule als das große liberale Projekt beibrachte. Einer der Vordenker des Liberalismus war John Stewart Mill. Er propagierte die Universalität der Menschenrechte. Allerdings wies er in anderen Texten darauf hin, dass sie natürlich nicht für Inder gilt. Und so besteht ein Widerspruch vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute: Ein Gesetz für uns, ein anderes für die Anderen. Damit nicht genug, wird die Differenz als etwas Anhaltendes, tief Verwurzeltes, Homogenes und damit Unüberwindbares dargestellt. Der dynamische Prozess kultureller Begegnungen, der in sich die Möglichkeit der Anverwandlung und Vermischung birgt, wird aufgrund hermetischer Kategorien und einer Sprache der Ausgrenzung als unbeweglich und erstarrt beschrieben.

In meinem Buch "Kampfabsage", das ich gemeinsam mit Ranjit Hoskote verfasst habe, versuchen wir zu beweisen, dass das, was wir als das typisch Eigene betrachten, aus unzähligen, über Jahrhunderte hinweg vollzogenen Vermischungen mit dem so genannten Fremden entstanden ist. Wenn wir unser Zeitverständnis nur etwas ausdehnen, verwischt sich der Unterschied zwischen dem Eigenen und dem Fremden. So betrachtet, haben wir eigentlich nur noch eine momentane Differenz.

Doch wir stehen einer Rhetorik, einer Ideologie, einer Propaganda gegenüber, die die Differenz verabsolutiert. Dabei ist Differenz nichts anderes als eine momentane Trennung, eine momentane Unterscheidung, die sich abhängig von den Idealen, Energien, Absichten und Visionen der beteiligten Menschen in alle möglichen Richtungen verändern kann. Die unglaubliche Chance einer visionären Humanität besteht in der Erkenntnis, dass das, was uns wichtig ist, nur in einem fortwährenden, fruchtbaren, dynamischen Austausch entsteht. Der aber kann sich nur durch Verschmelzung mit dem momentanen Fremden vollziehen. Nicht in der Überfremdung liegt im 21. Jahrhundert die Gefahr, sondern darin, dass uns die Fremde ausgeht.

Die Rhetorik vom Status quo behauptet dagegen, dass wir die beste aller Welten entwickelt haben und dass wir von den anderen nichts lernen können. Ich hingegen glaube, dass eine wirkliche Veränderung der kulturellen Wahrnehmung und der kulturellen Haltung ein ganz zentrales Moment zur Entwicklung einer visionären Humanität ist.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow ist u.a. Autor des mehrfach ausgezeichneten Buches "Der Weltensammler", gemeinsam mit Ranjit Hoskoté veröffentlichte er jüngst das Buch "Kampfabsage".

Veröffentlicht am 26. Juni 2008

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