Trauma und Resilienz

Die Verletzlichkeit verteidigen

Al Hol-Flüchtlingscamp Syrien Rojava
Der Bedarf an psychosozialen Hilfen wächst, wie hier im Flüchtlingscamp Al Hol in Rojava, Syrien (Foto: medico)
Eine transnationale Konferenz zu psychosozialen Fragen brachte im Herbst 2018 Fachleute aus elf Ländern im medico-Haus zusammen. Sie verteidigten die solidarische und empathische Unterstützung von Menschen in Not. Von Usche Merk.

Sie kamen aus Irak, Libanon, Türkei, Afghanistan, Ägypten, Marokko, Kongo, Mexiko, Polen, Italien und Deutschland, um vom 19. bis 20. Oktober 2018 an einer von medico gemeinsam mit HAUKARI, BAfF und FATRA organisierten Tagung teilzunehmen: Kolleginnen und Kollegen, die sich in der psychosozialen Arbeit mit Geflüchteten und/oder in Kriegs- und Krisengebieten engagieren. Neben dem Austausch über Praxisansätze ermöglichte das Treffen eine Bestandsaufnahme über den problematischen Umgang mit Konzepten wie Trauma und Resilienz: Die zunehmende Thematisierung von Trauma führt nicht zu einer wachsenden Sensibilisierung und Verhinderung von Gewalterfahrungen, im Gegenteil: Gezielte Angriffe auf die psychische Integrität und Handlungsfähigkeit von Menschen und auf solidarische, empathische Strukturen nehmen in vielen Regionen und Bereichen zu.

Die Kolleginnen und Kollegen aus Syrien, Irak und Afghanistan berichteten aus ihrer täglichen Erfahrung, wie die systematische Traumatisierung der Zivilbevölkerung explizit Teil von Kriegs- und Terrorstrategien geworden ist. Ähnliches lässt sich für Repressionsstrategien alter und neuer autoritärer Regime in Palästina, Ägypten oder der Türkei sagen, die auf systematische Folter und Einschüchterung ebenso setzen wie auf Willkür und öffentliche Demütigung. Und nicht zuletzt im Europa der Abschottungs- und Abschreckungsstrategien gehen Ausgrenzung und Empathielosigkeit einher mit zunehmend rassistischem und rechtem Terror auf der Straße und im Internet.

Vor diesem Hintergrund wächst der Bedarf an psychosozialen Hilfen; gleichzeitig nimmt ihre Instrumentalisierung zu. Kolleginnen und Kollegen aus Krisenregionen berichten, wie Hilfe zu einem Feigenblatt wird für real stattfindende Ausgrenzungsprozesse und für die Verweigerung von politischen Lösungen zur Verhinderung von Gewalt. Zudem gehen Programme zur Resilienzförderung häufig einher mit Mittelknappheit und dienen in der Praxis der Verhinderung von stabilen, langfristigen Hilfsangeboten. Stattdessen werden die Menschen möglichst schnell sich selbst überlassen. In Europa wird Traumatisierung bei Geflüchteten zunehmend als Sicherheitsproblem konstruiert: Betroffene gelten als potenziell gefährlich. So wurden in Deutschland Menschen aus der Psychiatrie heraus abgeschoben.

Die psychosoziale Arbeit gerät dabei unter Druck, zu einem Kontrollinstrument zu werden. Auf der Tagung herrschte weitgehend Konsens darüber, dass der Resilienzdiskurs inhuman geworden ist, indem er von Menschen verlangt, mit jedweder Krise alleine fertig zu werden. Statt auf eine Logik der Zerstörung mit „Resilienzstärkung“ zu antworten, forderten die Kolleginnen, die Verletzlichkeit von Menschen zu verteidigen, die eben nicht alles ertragen, aushalten, überwinden können. Trauma ist nicht gut behandelbar. Am Ende waren sich die Fachleute einig, dass psychosoziale Arbeit mit menschenrechtlichem und politischem Engagement verbunden sein und gegenüber den verletzenden Bedingungen Stellung beziehen muss. Das würde zum Beispiel eine Beteiligung an Abschottungs- und Abschiebungsmaßnahmen ausschließen.

medico fördert im globalen Süden beständig die psychosoziale Projektarbeit. Wir bitten um Spenden unter dem Stichwort: Psychosoziale Hilfe


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