Videodokumentation

Die umkämpfte Psyche

 

Ringvorlesung zur Rekontextualisierung psychischen Leids im Kapitalismus von medico international in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der Universität Frankfurt und Sigmund-Freud-Institut (SFI) im Sommersemester 2014 in Frankfurt

Die Weltgesundheitsorganisation meldet seit einigen Jahren einen starken Anstieg psychischer Erkrankungen. Bis zum Jahr 2020 – so prognostiziert es die WHO – wird die Depression die zweithäufigste Krankheit weltweit sein.

Marginalisierte Menschen im globalen Süden leiden vielfach unter massiven psychischen Gesundheitsproblemen und haben dabei nur selten Zugang zu öffentlichen Versorgungsstrukturen. Dort, wo Versorgung angeboten wird, vor allem im globalen Norden, werden psychische Erkrankungen immer häufiger mit Medikamenten oder Therapien behandelt, denen eine kurzfristige Effizienzlogik innewohnt.

Mit der Entwicklung therapeutischer Techniken, die darauf abzielen, Menschen möglichst schnell wieder ökonomisch zu integrieren und Psychotherapierichtlinien, die durch Modularisierung und Standardisierung ihrer Methodik und Diagnostik den Anspruch auf universelle Gültigkeit und Berechenbarkeit reklamieren, droht psychosoziale Hilfe zum Dienstleister einer profitorientierten Gesundheitsindustrie zu werden. Zugleich wird die Verantwortung für Ängste und psychische Erkrankungen privatisiert und dem Individuum die Verpflichtung zur Selbstoptimierung übergeben. Aus dem Recht auf Gesundheit wird mehr und mehr eine Verpflichtung, der individuell nachgekommen werden muss.

Doch wer definiert psychische Erkrankungen und was prägt die Bedingungen psychotherapeutischer und psychosozialer Hilfe? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der diskursiven und statistischen Zunahme psychischer Störungen und gesellschaftlichen Subjektivierungsprozessen? Werden die Menschen überall auf der Welt auch deshalb kränker, weil ihre Lebenswelten zunehmend dem Diktat der globalisierten Ökonomie unterworfen werden? Und droht die massenhafte Diagnose von Depression, Burnout oder Aufmerksamkeitsdefizitstörung zum lukrativen Geschäft zu werden?

Die interdisziplinäre Kooperation zwischen der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, dem Sigmund-Freud-Institut und dem Institut für Soziologie eröffnet Diskussionsräume für eine politische Debatte über die Umkämpfte Psyche. Die Vorlesungsreihe hat das Ziel, die Bedingungen psychischen Leidens und psychosozialer Hilfe wieder in einen globalen gesellschaftlichen und politischen Kontext zu stellen.

In der Traumatherapie offenbart sich derzeit die wachsende Bedeutung neurowissenschaftlicher Erklärungsansätze – inwieweit fördert dies die Rückkehr von biologistischen Menschenbildern, die anstelle von sozialem Kontext und individuellen Beziehungen allein auf physiologisch bestimmbare Prozesse im Gehirn fokussieren? Gerade im Kontext der humanitären Hilfe hat sich ein unkontrollierbarer Markt neuropsychologisch begründeter Therapien entwickelt. Mit der Begründung, es handele sich um universelle, evidenzbasierte Konzepte, werden Forschungs- und Therapieexperimente mit marginalisierten Menschen durchgeführt. Das Ergebnis sind oft Kurztherapien ohne Stabilisierungsphase, ohne Beziehungsaufbau und Kontinuität, ohne kulturellen und politischen Kontext. Nicht nur gibt es keinen Raum mehr für eine zugewandte, solidarische Beziehung mit den Leidenden, die Notwendigkeit der Beziehung selbst wird in Frage gestellt.

Bezugnehmend auf die Geschichte engagierter psychoanalytischer und psychosozialer Praxis möchte die Ringvorlesung gemeinsame Diskussionsräume und Handlungsoptionen entwickeln, die wieder nach der subversiven Kraft psychosozialer Arbeit und Psychotherapie fragt.


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Programm

Ringvorlesung Die umkämpfte Psyche – Zur Rekontextualisierung psychischen Leids im Kapitalismus
Veranstalter: medico international in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der Universität Frankfurt und Sigmund-Freud-Institut Frankfurt Montags 20-22h Campus Westend (im PEG 1.G 191), Die Veranstaltung ist für alle Interessierten offen!

28.04.2014
Soziales Verhalten im Kapitalismus - das Subjekt zwischen Anpassung und Widerstand
Referent: Prof. Klaus Ottomeyer, Klagenfurt
Begrüßung: Universität Frankfurt
Einführung in die Ringvorlesung und Moderation: Usche Merk, Frankfurt

12.05.2014
Breaking the walls of trauma councelling – Finding agency in an ongoing landscape of struggle
Referentin: Mpumi Zondi, Johannesburg
Moderation und thematische Rahmung: David Becker, Berlin

19.05.2014
Trauma- und Gewaltforschung kontextualisiert - Für eine kritische Neurowissenschaft
ReferentInnen: Leonie Teigler, Susanne Löhne, Prof. Dr. Jan Slaby, Arbeitsgruppe Critical Neuroscience, Berlin
Moderation: Anne Jung, Frankfurt

26.05.2014
Extremes Trauma, Kultur, Szenisches Erinnern der Shoah
Referent: Dr. Kurt Grünberg, Frankfurt
Einführung und Moderation: Dr. Nadine Teuber, Frankfurt

02.06.2014
Die Politik der Resilienz – Die psychische Stärkung des Westens nach 9/11
Referent: Prof. Dr. José Brunner, Tel Aviv
Moderation: Dr. Sabine Flick, Frankfurt
Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung Frankfurt statt.

16.06.2014
Die Kälte des Marktes – Ökonomisierung in den Heilberufen
Referenten: Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, Frankfurt und Jürgen Hardt, Wetzlar
Moderation: Katja Maurer, Frankfurt

30.06.2014
Irre Diagnosen – Die Pathologisierung sozialen Leidens im globalen Kontext
Referent: Stefan Ecks, Edinburgh
Moderation: Usche Merk, Frankfurt
(Die Vorlesung findet – anders als im Programmheft angekündigt – in deutscher Sprache statt)

07.07.2014
Das Unbehagen in der Globalisierung - Eine Debatte über die Kultur der Auflehnung
mit Dr. Sabine Flick, Franfurt , Markus Brunner, Wien und Thomas Gebauer, Frankfurt
Moderation: Dr. Nadja Meisterhans, Frankfurt


Kontakt

Anne Jung und Usche Merk
medico international, Burgstraße 106, 60389 Frankfurt, Tel. 069 9443827
jung@medico.de / merk@medico.de
www.medico.de

Dr. phil. Sabine Flick
Institut für Soziologie, Goethe Universität Frankfurt
s.flick@em.uni-frankfurt.de

Dr. phil. Nadine Teuber, Dipl. Psych.
in Kooperation mit der Frankfurter Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft TSH (e.V).
nadine.teuber@gmx.net


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