Interview

Die Ruinen des Finanzkapitalismus

Dr. David McCoy ist Direktor von medact, eines in London ansässigen Netzwerkes von kritischen GesundheitsexpertInnen, die sich durch Studien, Aufklärungsarbeit und öffentliche Stellungsnahmen für das Recht auf Gesundheit einsetzt. (Foto: medico)
Wie lässt sich die globale Erosion öffentlicher Gesundheitssysteme aufhalten? Ein Interview mit dem medico-Partner David McCoy.

Weltweit wird Gesundheit privatisiert, kommerzialisiert und zum Gegenstand von Sicherheitsdiskursen. Gerät das öffentliche Gut Gesundheit, für das sich medico und Medact auch gemeinsam in vielen internationalen Initiativen einsetzen, immer stärker ins Hintertreffen?

Es ist ein Paradox: Während sich die ökonomischen, politischen und umweltspezifischen Bedingungen und damit auch die Determinanten von Gesundheit global verschlechtern, erleben wir gleichzeitig weltweit einen Rückgang in der Geburtensterblichkeit bei Müttern und Kindern. In vielen Ländern steigt die durchschnittliche Lebenserwartung an. Erklären lässt sich das dadurch, dass wir heutzutage besser in der Lage sind, Menschen auch in Armut und sich verschlechternden gesellschaftlichen Bedingungen am Leben zu halten als früher. Sie leben zwar nicht gut, aber sie überleben. Dies ist größtenteils auf medizinisch-technologische Entwicklungen in der Prävention und Behandlung von Krankheiten zurückzuführen. Doch selbst das kann sich wieder ändern.

Welche Gefahren siehst du?

Diese Effekte können sofort wieder verschwinden, wenn die Wirksamkeit von Antibiotika, Impfstoffen oder anderen medizinischer Mittel nachlassen. Bedroht wird die globale Gesundheit meines Erachtens aber vor allem durch zwei dramatische Entwicklungen: Zum einen können vom Menschen verursachte Einflüsse auf das Ökosystem wie Klimawandel und die zunehmende Schädigung der Umwelt direkte Auswirkungen auf die Gesundheit haben, z.B. durch Wetterextreme.

Zusätzlich bestehen jedoch auch Faktoren, die andere Risiken verstärken: wirtschaftliche Rezession, Missernten, Mangelernährung und auch der Brain-Drain, also die Abwerbung und Abwanderungen qualifizierter Fachkräften aus den Ländern des globalen Südens in den globalen Norden. Das zweite große Gefährdungspotential sehe ich darin, dass die Frequenz, das Ausmaß und die Intensität von Kriegen und Konflikten zunehmen. Dies ist teilweise auf die Zerstörung der Umwelt, teilweise auf die Ausweitung von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ungleichheiten zurückzuführen. Die Gefahren können sich gegenseitig verstärken. Wenn wir nicht aufpassen, geraten wir in einen Teufelskreis von ökologischer Zerstörung und bewaffneten Konflikten.

Am stärksten betroffen sind hiervon die Länder des globalen Südens – während der Norden alles dafür tut, sich vor den Gefahren zu schützen anstatt ihre Ursachen zu bekämpfen. Ein konkretes Beispiel: Auf dem G20- Gipfel, der im Sommer in Hamburg stattfindet, droht das Thema Gesundheit mit der Erfahrung der Ebola-Epidemie vor allem als Sicherheitsproblem verhandelt zu werden.

Dem muss man ganz klar widersprechen. Bei der Ebola-Epidemie in Westafrika geht es vor allem um strukturelle Unterentwicklung, um Umweltzerstörung und um zusammengebrochene Gesundheitssysteme. Zugleich hat sich gezeigt, wie groß das Misstrauen der Regierten gegenüber ihren Regierungen ist. Nichtsdestoweniger wurde Ebola schon damals wie auch jetzt auf dem bevorstehenden G20-Gipfel zur Sicherheitsfrage umgedeutet und instrumentalisiert. Es werden Ängste geschürt und eine Perspektive gestärkt, wonach sich Europa und der Westen vor Bedrohungen aus dem globalen Süden schützen müssen. Dies wiederum stützt die Absichten derer, die die Rolle des militärischen, industriellen und Sicherheitskomplex weiter legitimeren oder aber durch Grenzkontrollen und restriktive Migrationspolitiken noch vorantreiben wollen.

Es gibt drei Dinge, die wir als Gesundheitscommunity dagegen tun können: Erstens können wir das gängige Ebola-Narrativ in Frage stellen oder verändern. Zweitens können wir kritischer darüber nachdenken, warum Ebola als Sicherheitsfrage dargestellt wird und wer dieses Narrativ fördert. Drittens müssen wir eine alternative Perspektive auf Ebola fördern, bei der die Sicherheit der Menschen in Westafrika im Vordergrund steht und die den Westen dazu bringt, die Sicherheit der anderen als Vorbedingung für die eigene Sicherheit anzuerkennen.

Wie ist es zu erklären, dass die Politik hierauf keine Antworten jenseits von weiterem Wachstum und massivem Ressourcenverbrauch findet, ja nicht einmal wirklich sucht?

Eine Erklärung ist, dass wir uns an die Vorstellung eines andauernden Wirtschaftswachstums und Fortschritts gewöhnt haben. Die Politiker wie auch die breite Öffentlichkeit sind darauf konditioniert, die ökologischen Auswirkungen unseres Konsums zu ignorieren. Eine andere Erklärung ist, dass der allgemeine Aufschwung an materiellem Wohlstand viele Leute entpolitisiert hat. Solange der Lebensstandard steigt, werden wachsende Ungleichheiten und die Aushöhlung der Demokratie toleriert.

Jetzt, da auch hier der Lebensstand vieler Menschen bedroht ist, reagieren sie. Leider wenden sie sich dabei nicht gegen die undemokratischen Institutionen und die Instanzen der Weltökonomie, sondern gegen die Schwachen und „Fremden“, gegen Migrantinnen, Flüchtlinge und Ausländer. Das liegt meines Erachtens daran, dass sich das neoliberalen Narrativ – die große Erzählung von Individualisierung, wirtschaftliches Wachstum, Materialismus, Privatisierung und der Unfehlbarkeit des Marktes – weltweit erfolgreich verankert hat.

Spezifische Annahmen, Wertvorstellungen und Ideologien werden dafür eingesetzt, die Zustimmung all jener zu gewinnen, die den Regeln der Macht unterliegen. Sie wurden internalisiert und sind in unser Denken und Fühlen übergegangen. Das meinte Gramsci mit dem Begriff Hegemonie: Die große Herausforderung liegt darin, diese Hegemonie aufzubrechen und dem neoliberalen Narrativ alternative Erzählungen gegenüberzustellen – Narrative von Nachhaltigkeit, Fairness und Frieden. 

Hat sich beim Referendum in Großbritannien das Ressentiment durchgesetzt?

Mit dem Brexit ist es wie mit der Wahl Donald Trumps: Wir sind immer noch dabei zu verstehen, was genau passiert ist und warum. In Großbritannien hat es eine üble Mischung aus anti-europäischem und anti-migrantischem Populismus und Nationalismus geschafft, die verheerenden Folgen einer Austeritätspolitik und den Vertrauensverlust in das politische Establishment zu nutzen. Im Phänomen des Brexit taucht allerdings eine weitere Problematik auf, nämlich die eines gespaltenen Landes. Im Großraum London gibt es eine enorme Konzentration von Wohlstand. Gleichzeitig liegt der Lebensstand in 26 von 30 Regionen Englands unter dem EU-Durchschnitt.

Welche Folgen wird der Brexit für das Gesundheitssystem in Großbritannien haben?

Die Europäische Union war weit davon entfernt, den öffentlichen Dienstleistungssektor angemessen vor dem neoliberalen Angriff von Privatisierung und Kommerzialisierung zu schützen. Noch vor dem Brexit haben wir eine Schwächung der Effektivität und Effizienz der öffentlichen Hand beobachtet. Der Brexit wird die Situation verschlechtern, da das hiesige Gesundheitssystem (National Health System, NHS) in hohem Maße von Arbeitskräften aus der EU und anderen Ländern abhängig ist. Doch schon jetzt können viele Krankenhäuser offene Stellen nicht mehr besetzen.

Zu befürchten ist, dass die Ungleichheit im Zugang zur Gesundheitsversorgung wächst, während der Anspruch auf Gesundheitsleistungen und Sozialfürsorge sinkt. Hinzu kommt die Demoralisierung der Gesundheitsfachkräfte, die mit immer weniger immer mehr leisten sollen. Gleichzeitig gibt es jedoch auch eine starke Gegenbewegung gegen den Ausverkauf des Gesundheitssystems. Es gibt soziale Kämpfe, die darauf zielen, das NHS zumindest wieder auf den Standard zu bringen, den wir einmal hatten. Diese Kämpfe werden andauern und meines Erachtens ist das Gesundheitssystem eines der Schlüsselfelder im Kampf um die Zukunft.

Wir reagiert Medact als progressive Stiftung im Gesundheitswesen auf die jetzige Situation?

Medact beschäftigt sich schon länger mit den Entwicklungen, die Internationalismus und Solidarität, schwächen. Durch den Brexit müssen wie weder unsere Strategie noch unseren Zweck verändern. Wir glauben weiterhin, dass wir eine überzeugende Alternative zum Neoliberalismus entwickeln müssen. Und wir machen damit weiter, Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Fairness, Transparenz und Demokratie zu fördern. In diesem Sinne versuchen wir die Gesundheitscommunity über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Politik, Wirtschaft oder Klimaforschung zu informieren. Wir wollen dazu beitragen, dass sie sich fundiert äußern können, und sie ermutigen, ihre Stimme zu erheben.

Es geht euch also um eine Basisbewegung?

Auch, aber nicht nur. Wir sind überzeugt, dass man auch die Spitze mobilisieren muss. Deshalb versuchen wir, medizinische Führungskräfte zu erreichen und sie anzuregen, die ungerechten Zustände zu hinterfragen – was auch bedeutet, einflussreichen Kapitalinteressen die Stirn zu bieten. Wenn wir überzeugende Akteure für Veränderungen sein wollen, müssen wir evidenzbasiert arbeiten und hochwertige Analysen vorlegen. Ansonsten wird man schnell abgestempelt. Daher unser medizinischer und wissenschaftlicher Fokus. Wir sind Aktivisten und Wissenschaftler gleichermaßen.

Ähnlich wie beim Brexit war auch bei Trumps Wahlkampf ein antielitärer Diskurs wirksam. Nun hat er führende Manager in die Regierung oder in seinen Beraterstab geholt. Ein Widerspruch?

Ich bin der Meinung, dass die Wahl von Trump das Ergebnis einer 30 bzw. 40 Jahre währenden neoliberalen Entwicklung ist, in der Konzepte von Solidarität stetig ausgehöhlt und demokratische Prinzipien nach und nach untergraben wurden. Trump errichtet seine Macht auf den sozialen Ruinen des Finanzkapitalismus und der Einflussnahme globaler Unternehmen. Paradoxerweise könnte seine Wahl jedoch auch das Ende der neoliberalen Globalisierung einläuten. Denn wenn man Faschismus als Verschmelzung der Macht privater Konzerne mit staatlicher Politik versteht, dann ist das genau das, was jetzt in den USA augenscheinlich beginnt. Die Ernennung eines ehemaligen Vorsitzenden eines Ölgroßkonzerns zum Außenminister ist schlichtweg erschreckend. Möglicherweise erleben wir gerade den Übergang von einer indirekten Einflussnahme der Wirtschaft auf die Politik hin zu einer Verschmelzung von wirtschaftlichen Interessen und staatlicher Macht.

Tom Price, der neuernannte Gesundheitsminister der US-Regierung hat angekündigt, Obama Care wieder rückgängig zu machen.

Man darf nicht übersehen, dass es in den USA eine breite Unterstützung für die Prinzipien von Obama Care gibt. Das zeigte sich nicht zuletzt in der erfolgreichen Kampagne von und für Bernie Sanders bei den Vorwahlen. Es gibt den Wunsch nach einer fundamentalen Gesundheitsreform in der Art, wie Obama sie vorgelegt hat. Allerdings gibt es eben auch eine einflussreiche Maschinerie, die die Prinzipien eines staatlichen Gesundheitssystems fortwährend zu untergraben versucht. Diese Maschinerie wird durch die privatmedizinische und pharmazeutische Industrie sowie durch private Gesundheitsversicherungsunternehmen finanziert. Ihre Lobby reicht bis in die Flure der politischen Macht in Washington, aber auch in die Chefetagen der Medienkonzerne.

Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter mit einer extremen Konzentration von Macht. Wir müssen also verstehen, wie Macht funktioniert, und Wege finden, diese Machtkomplexe wieder zu entflechten – und zwar durch eine weitreichende Mobilisierung auf allen Ebenen. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass wir uns immer weiter in Richtung einer dystopischen Zukunft mit mehr Autoritarismus, Militarismus und sogar Faschismus bewegen.

Ein Blick voraus: Für welche Perspektive streitet Medact?

Es geht uns darum, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die jede und jeden so gut wie möglich vor Krankheit, vor ihren sozialen Folgen und vor den Kosten für die medizinische Versorgung schützt. Eine medizinische Versorgung, die sich die Leute nicht leisten können oder die sie in Schulden und Armut treibt, ist ihren Namen nicht wert. In diesem Sinne geht es uns um eine universelle Abdeckung der gesundheitlichen Risiken.

Mir gefällt allerdings der Begriff „universelle Gesundheitsversorgung“ (Universal Health Care Coverage) nicht. Denn eine Gesundheitsversorgung garantiert keineswegs, dass alle gleich gut versorgt sind. Es kann auch eine Versorgung geben, zu der nicht alle in gleichem Maße Zugang haben. Es kann verschiedene Versorgungsstufen geben, gute und schlechte. Zudem birgt das Konzept die Gefahr, dass die Gesundheitsversorgung nicht effektiv ist. Mich erinnert der Begriff an die gegenwärtige internationale Gesundheitspolitik, die sich darauf beschränkt, dem globalen Süden einige lebensrettende und kostengünstige Technologien zu liefern, mit denen sich zwar Sterblichkeitsraten reduzieren lassen, die aber nichts mit einem Recht auf Gesundheit zu tun haben.

Eine universelle Gesundheitsversorgung ist ein Minimalkonzept, mit dem sich Ungleichheiten fortschreiben lassen. Darum ziehe ich den Begriff eines universellen Gesundheitssystems (Universal Health System) vor. Dieser macht deutlich, dass wir über ein einheitliches Gesundheitssystem für alle – mit gleichen Rechten und Zugängen – sprechen. Er schließt ein Finanzierungskonzept ein, bei dem Subventionierungen und eine effektivere Risikoverteilung quer durch die Gesellschaft Gesundheit für alle ermöglichen. Solch ein universelles Gesundheitssystem lässt sich jedoch nur in Staaten aufbauen, die nicht von den oben beschriebenen Machtkonzentrationen beherrscht sind, sondern in denen demokratische Prozesse die Politik bestimmen.

Interview: Anne Jung
Transkription und Übersetzung: Julia Manek

Dieses Interview erschien in gekürzter Form im medico-Rundschreiben 1/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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