Die "Marvi-Workers" im Slum von Karatschi, Pakistan

Psychosoziale Unterstützung in prekären Verhältnissen

Eine Marvi-Arbeiterin bei der Übergabe erhält nach der Ausbildung ihr offizielles Zeugnis. (Foto: Hands) 

Die Health and Nutrition Development Society (HANDS) ist eine der größten NGOs Pakistan. Die von HANDS initiierte und durchgeführte Community Mental Health Initiative ist ein gemeindebasiertes Programm zu psychosozialer Gesundheit und arbeitet hauptsächlich in Korangi, einem nah an einem großen Industriegebiet gelegenen Stadtbezirk der 20-Millionen-Metropole Karatschi.

Auf der Suche nach Arbeit kommen viele Menschen aus den armen ländlichen Gebieten Pakistans, aber auch illegale Einwandererinnen aus Bangladesch und Myanmar nach Korangi. Viele leben unter äußerst prekären sozialen und ökonomischen Bedingungen, die Ärmsten verschlägt es in den Slum Bhitai Colony, der sich mit 30.000 Einwohnerinnen zur Größe einer deutschen Kleinstadt ausgewachsen hat. HANDS hat diesen Slum zum Fokus der eigenen Arbeit gemacht und seine Bewohner_innen zunächst einmal zu ihrer Lebens-, Arbeits- und Gesundheitssituation befragt. Dabei gab über die Hälfte der Befragten an, nicht nur einer äußerst unsicheren ökonomischen Situation, sondern auch Familien- und Beziehungsprobleme ausgesetzt zu sein.

Genau da setzt das gemeindebasierte psychosoziale Unterstützungsprogramm von HANDS an. Bewohnerinnen des Viertels, die mit der Lebenswirklichkeit der Bhitai Colony gut vertraut und unter ihren Nachbarn anerkannt sind, wird die Möglichkeit eröffnet, sich durch ein einmonatiges Training bei der pakistanischen Association of Mental Health und fortlaufend daran anschließende Trainingskurse zu einer „Marvi-Workerin“ ausbilden zu lassen. Eine Marvi-Workerin ist im Prinzip einer Gemeindegesundheitsarbeiterin vergleichbar, sie ist Ansprechpartner_in für psychosoziale Probleme und besucht die Familien regelmäßig auch zu Hause. Indem sie neben der Betreuung im Einzelgespräch auch die Gründung von Selbsthilfegruppen von fünf bis zehn Mitgliedern anregt, verbindet sie die Entwicklung jeweils individueller Lösungsstrategien mit der Enttabuisierung der letztlich die ganze Gemeinde bedrängenden psychosozialen Probleme bei. Indem sich die Selbsthilfegruppen nicht nur aus jeweils gegebenem Anlass, sondern über längere Zeit treffen, bilden sie soziale Zusammenhänge, die ihren Mitgliedern und deren verwandtschaftlichem und nachbarschaftlichem Umfeld dauerhaft Hilfe gewähren können.

Nicht selten jedoch treffen die Marvi-Workerinnen auf Menschen, die professionelle ärztliche Hilfe benötigen. In solchen Fällen vermitteln sie die Betroffenen an die erfahrenen Psychologinnen und das Fachpersonal des Korangi Community Psychiatric Centre. HANDS hat mit der Klinik verabredet, dass die von den Marvi-Workerinnen überwiesenen Patientinnen zu Sondertarifen, wo nötig auch kostenlos behandelt werden.

Die psychosoziale Arbeit von HANDS hat medico im vergangenen Jahr mit rund 20.000 Euro gefördert. Wir bitten um Ihre Unterstützung unter dem Spendenstichwort Pakistan.


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