Politische Psychologie

Die "Djihadisten" aus westlichen Ländern

Kolonialismus und Rebellion, Religion und Depression

Einschusslöcher zeugen vom Kampf mit dem Islamischen Staat. Bei Kobanê, Dezember 2014. (Foto: Mark Mühlhaus, attenzione)
Der Soziologe Helmut Dahmer über Hintergründe und Attraktivität des Djihadismus für marginalisierte muslimische Jugendliche in Westeuropa.

Von Helmut Dahmer, Wien

„It is hard to read tales of everyday Western youth dropping everything to join ISIS and not conclude that there is something to the idea that postmodern anomie and libertinism leave a secret part of us craving an all-embracing, confident, life-shaping creed.“ P.-E. Gobry

Menschen sind das Produkt widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnissen, durch die sie geprägt werden und denen sie widerstreben. Ihre luxurierenden Bedürfnisse opponieren dem Arrangement der jeweils von ihnen geforderten Verzichte und der ihnen zugestandenen, klassenspezifischen Kompensationen. Beschreibung und Analyse der objektiven Verhältnisse und ihrer Dynamik bedürfen darum einer Ergänzung durch „Psychologie“, durch die Lehre von den Reaktionsweisen der Individuen und Gruppen, die den Kampf um eine Verschiebung der Grenzen zwischen dem, was bereits möglich ist, und dem, was noch als unmöglich gilt, sowohl in ihrem Inneren als auch politisch ausfechten.

Europäischer Sonderweg

Innerhalb der europäischen Feudalgesellschaft entwickelten sich seit dem Hochmittelalter Tausende von untereinander vernetzten, städtischen Handwerks- und Handelszentren mit einem wehrhaften Bürgertum.[1] Das waren die Keimzellen einer neuartigen Form indirekter, geldvermittelter Marktvergesellschaftung, die sich nur in Europa entwickelt hat und die sich in der Folge, im Laufe von Jahrhunderten, mit Hilfe von Eroberungs- und Landnahmekriegen, Handel und „Mission“ über die ganze Welt verbreitet hat.

An die Stelle von persönlichen Herr-Knecht-Beziehungen trat unpersönliche, sachlich vermittelte Abhängigkeit. „Gemeinschaften“ (Familien, Stände, Glaubensgemeinschaften) verloren allmählich an Bedeutung für die Individuen, die sich in der modernen Markt-Gesellschaft behaupten mussten.[2] Die Umwandlung direkter in indirekte Vergesellschaftung führte zur formalen Gleich-Berechtigung der freigesetzten, verselbständigten Individuen, die sich nun als Tauschpartner auf Märkten gegenübertraten.

Die schrittweise Trennung der Bevölkerungsmehrheit von ihren „Produktionsmitteln“ war die Voraussetzung und bildet das „Ziel“ der Entwicklung der Marktwirtschaft im nationalen und internationalen Maßstab. Dieser globale Enteignungsprozess, die der expandierenden kapitalistischen Gesellschaft eigene „Katastrophe als Daseinsform“[3], ist noch immer im Gange.

Ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung

Wurde schon in Europa die Umwandlung der traditionellen Agrarwirtschaften in moderne Industriegesellschaften politisch in zahllosen Aufständen, Revolutionen und Gegenrevolutionen ausgekämpft, so ist auch die von den europäischen Staaten und Handelsgesellschaften ausgehende Kolonialisierung der außereuropäischen Welt immer wieder auf erbitterten Widerstand gestoßen.[4] In diesen Kriegen, die auf beiden Seiten mit entsetzlicher Grausamkeit geführt wurden, siegten die unterworfenen und dezimierten Völker und Stämme zwar in einzelnen Schlachten, scheiterten aber mit dem Versuch, sich der Einbeziehung in die moderne Wirtschaftsweise zu entziehen. Die von den Kolonisatoren vorgefundene sozioökonomische Struktur der unterworfenen Länder wurde von ihnen ruiniert.

Doch die gewaltsam dem Weltmarkt angeschlossenen Kolonien zogen nur geringen Nutzen aus der Implantation bestimmter europäischer „Errungenschaften“. Die Kolonien wurden nur insoweit „modernisiert“, als das den europäischen Mächten zur Ausbeutung von Mensch und Natur notwendig schien. Prekäre Mischgebilde waren die Folge: Durch die Moderne erschütterte Stammesgesellschaften mit Populationen, die sich an prä- und antimoderne Religionen klammern und in denen sich Priester, Imame und Schamanen die Seelsorge teilen; Gesellschaften extremer Ungleichheit, in denen privilegierte Minderheiten in Wolkenkratzern und gut bewachten Luxusvierteln leben, während andere in Slums und Nomadenzelten hausen; „Entwicklungsländer“, in denen Parlamente, Despoten, kriminelle Banden und Warlords mit Raketen, Panzern und Macheten um die Macht kämpfen…

Nur wenigen außereuropäischen Staaten gelang es, hatten sie einmal die politische Unabhängigkeit erkämpft, eigene Entwicklungspfade zur Moderne zu entwickeln, den ökonomischen Abstand zu den alten imperialistischen Staaten zu verringern, mit ihnen in Konkurrenz zu treten und – darüber hinaus – wenigstens Teile ihrer Bevölkerung am politischen Prozess und an der Kontrolle über Bodenschätze und Staatsgewalt zu beteiligen.

So bildete sich die heutige Welt-Unordnung heraus, in der einige Staaten und Staatenblöcke mit hoch entwickelter Arbeitsproduktivität und luxuriösem Lebensstandard (bei fortbestehender innerer Ungleichheit) mit einer Reihe von Staaten mit „kombinierter Entwicklung“ und mit Elendsregionen und „failed States“ koexistieren, in denen etwa ein Fünftel der gegenwärtig lebenden Menschen vegetiert. Keiner der Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung hat bisher die Produktivität der höchstentwickelten Wirtschaftsgesellschaften erreicht und ein parlamentarisches Regierungssystem etablieren können, das jedermann gleiche Menschen- und Bürgerrechte garantiert.[5]

Das mit dem europäischen vor 150 Jahren vergleichbare Bevölkerungswachstum in vielen außereuropäischen (postkolonialen) Staaten, in denen Massenarbeitslosigkeit herrscht, hat in den letzten Jahrzehnten Millionen von Menschen zur Flucht aus den von Kriegen verwüsteten Armutsländern getrieben. Im Zuge einer ungeheuren „Abstimmung mit den Füßen“ suchen sie in den kapitalistischen Wohlstandoasen Zuflucht, die Sicherheit und Luxus bieten. Deren Regierungen tun alles, um die ungeliebten Zuwanderer, die oft ihr Leben aufs Spiel setzen, um in die gelobten Länder, in denen Milch und Honig fließt, zu kommen (und die die Europäer und Nordamerikaner an die Ungleichheit der Lebenschancen im Weltmaßstab erinnern), fernzuhalten und abzuschrecken.

Antiwestliche Ressentiments und Rebellionen

Die muslimischen Migranten, die aus dem Maghreb, aus dem Jemen, aus Somalia oder Tschetschenien nach Frankreich, Deutschland, Belgien oder Österreich kommen, wollen teilhaben am Lebensstandard der höchstentwickelten Gesellschaften, sind sich aber nur vage dessen bewusst, dass sie in eine „andere Welt“ kommen, in der Individuum und Staat sich weitgehend der Kontrolle durch die überlieferte(n) Religion(en) entzogen haben. Die Lebensweise der „ungläubigen“ Mehrheit halten glaubenstreue Muslime (ob sie sich das eingestehen oder nicht) im Grunde für eine sündhafte, unmoralische (für „haram“).
 

Stammesführer am afghanischen Khyber-Pass, 1878. (Foto: John Burke)

Um dem Anpassungsdruck, dem die Flüchtlinge und Immigranten ausgesetzt sind, standzuhalten, klammern sie sich – und in der Folge dann mehr noch ihre Kinder, die zweite oder dritte Generation der Zuwanderer – an das Eigene, an ihr kulturelles Gepäck, an die religiöse, Gott wohlgefällige, disziplinarische Regelung des Alltagslebens, die zu der Lebensweise in der alten Heimat so gut passte und zu der in den Gastländern praktizierten so gar nicht stimmen will. Aus dieser Dissonanz speist sich ein schwer erträglicher, schwelender moralischer Konflikt, der unter bestimmten Umständen durch eine rigide Wendung gegen die „Verführung“ zum westlichen „way of life“ , nämlich durch eine „Konversion“ zum einzig wahren Glauben der Väter (und Erzväter) gelöst werden kann. Fortan wird das Verlockende in Gestalt von ungläubigen „Westlern“ und lauen Muslimen guten Gewissens attackiert.

Die Wirtschaft der Gastländer benötigt (qualifizierte) Zuwanderer, nicht aber Armutsflüchtlinge; ein Teil der Mehrheitsbevölkerung fühlt sich durch die Anwesenheit der „Fremden“ provoziert und gefährdet. Wer nicht gebraucht wird, wird leicht zum Stein des Anstoßes. Darum werden junge Fremde wie alte Einheimische marginalisiert und ghettoisiert. Das weckt das Ressentiment und den Hass der aktivistischen Minderheit der Zugewanderten, die ihr Ohnmachtsgefühl abschütteln und endlich einmal gegen ihre Misere protestieren und auftrumpfen wollen. Von Tunesien bis Usbekistan, von Nigeria bis Indonesien gibt es gegenwärtig Aufstandsbewegungen radikaler Muslime, die sich gegen imperialistische Unterdrückung, „unislamische“ Regierungen und die westliche Welt richten, deren Kommunikations- und Waffentechnik sie gern adoptieren und deren Lebensform sie ablehnen. Sie sind die Nachfolger sowohl der älteren, ethnisch und religiös (oder „millenaristisch“) motivierten antikolonialen Rebellionen[6] als auch der „sozialistisch“, also weltlich orientierten Befreiungsbewegungen.[7]

Nach Hunderten von vergeblichen Aufständen, nach so vielen gescheiterten, verratenen, bürokratisierten, niedergeschlagenen und kollabierten Revolutionen, suchen Rebellen gegen den Status quo gegenwärtig ihr Heil nicht mehr in der Änderung der kapitalistischen Institutionen (Privateigentum an Produktionsmitteln, Markt, Staat und Familie), sondern (wieder) in der Heilsgeschichte und in der kriegerischen Errichtung eines Gottesstaats. In den neunziger Jahren orientierten sich islamistische Glaubenskämpfer in aller Welt vor allem an den Taliban, die nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen (1989) in den Jahren 1996-2001 große Teile Afghanistans beherrschten und der international agierenden Terrororganisation „Al Qaida“ eine Basis boten. Inzwischen haben die zu Djihadisten mutierten Offiziere der früheren Armee Saddam Husseins in den zerfallenden Staaten Irak und Syrien ein großes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht und dort im Sommer 2014, einige frühere Ansätze überholend, ein neues Kalifat unter dem Namen „Islamischer Staat“ ausgerufen.

 

Mudschahedin an der pakistanisch-afhganischen Grenze, 1985. (Foto: Erwin Franzen, CC BY-SA 1.0)

Dieser parasitäre Raubstaat finanziert sich vor allem aus Öl- und Antiken-Verkäufen, Steuereinnahmen, Spenden und Lösegeldern und verfolgt das Fernziel, die von Muslimen bewohnten Länder dereinst in einer transnationalen Theokratie zusammenzufassen.[8] Das „Kalifat“ unterstützt nicht nur diverse Bürgerkriegsparteien und bewaffnete Terrorgruppen, sondern rekrutiert unter europäischen und nordamerikanischen Muslimen Einzelkämpfer, die sowohl zur Teilnahme am Krieg in Syrien als auch zu Attentaten in westeuropäischen Städten (London, Madrid, Frankfurt, Toulouse, Brüssel, Paris…) animiert werden. Einige Tausend westeuropäische Glaubenskrieger sind im Laufe des vergangenen Jahres (über die Türkei) nach Syrien aufgebrochen, darunter auch etliche junge Frauen sowie Konvertiten; Dutzende von ihnen sind umgekommen, Hunderte sind inzwischen auch (enttäuscht, traumatisiert oder fanatisiert) zurückgekehrt.

Islam und Djihad

Die radikal islamischen, „salafistischen“ Gruppen in den muslimischen Gemeinden Westeuropas verstehen sich als Missionare im Land der Ungläubigen, als Rächer des Propheten und aller Unbill, die Muslime jahrhundertelang von christlichen Herrschern und Kolonisatoren erduldet haben. Zugleich wollen sie mit ihren Schreckenstaten die lauen Muslime aufrütteln. Bestimmte Moscheen, in denen radikal antiwestliche Prediger zum Heiligen Krieg aufrufen, dienen ihnen als Vorposten und Brückenköpfe einer missionarisch-terroristischen Kolonisation, der sie, in Umkehrung der europäischen Expansion, die Bevölkerung der westlichen Gesellschaften (und Feindstaaten) unterziehen wollen.

Der Pariser Soziologe Khosrokhavar schreibt, vier Schritte seien für die Karriere eines (französischen) Djihadisten entscheidend: „Die Entfremdung von der herrschenden Kultur, die unter anderem durch Arbeitslosigkeit und durch Diskriminierung seitens einer feindseligen Nachbarschaft befördert wird; der Übergang zur Kleinkriminalität, die ihn ins Gefängnis bringt, und dann noch mehr Kriminalität und wieder Gefängnishaft; religiöse Erweckung und Radikalisierung; schließlich eine Initiationsreise in ein muslimisches Land wie Syrien, Afghanistan oder Jemen, um für den Djihad zu trainieren.“[9] Andere Autoren weisen ergänzend auf die Rolle, die fanatische Prediger in Moscheen und in Syrien-Hilfskomitees spielen, und auf die Bedeutung von Peer-Groups hin, in denen marginalisierte Jugendliche zusammenkommen, denen die Videobotschaften der Djihadkämpfer ein neues, heroisches Leben verheißen.[10]

Die „abrahamitischen“, monotheistischen Weltreligionen weisen eine strukturelle Gemeinsamkeit auf, die einer doppelten Bindung. Sie verpflichten die Gläubigen zum Gehorsam gegenüber dem (jeweiligen) exklusiven Gott und seinen Geboten, die er Propheten (wie Moses und Mohammed) oder durch einen Messias (wie Christus) „offenbart“ hat. Der Gehorsam gegenüber Gott und Gottes „Wort“ verbindet die Gläubigen; als (auserwählte) Gotteskinder solidarisieren sie sich mit Ihresgleichen in weltweiten, imaginären Gemeinschaften (Judentum, Christenheit, „Umma“) und grenzen sich dadurch von Un- und Andersgläubigen ab.

Das daraus resultierende Wir-Gefühl ist in der heutigen Christenheit vergleichsweise am schwächsten ausprägt, doch auch bei Christen (verschiedener Richtung) meldet es sich – so zuverlässig wie das Nationalgefühl –, sobald irgendwo auf der Welt Glaubensgenossen von Natur- oder Sozialkatastrophen betroffen sind. Ahmad Mansour, ein arabisch-israelischer Psychologe, macht die latente Solidarität aller Muslime, unbeschadet ihrer religiösen und politischen Fraktionierungen, für das eigentümliche Zögern vieler islamischer Geistlicher und Laien verantwortlich, öffentlich gegen fanatische Prediger, djihadistische Attentäter und fundamentalistisch (salafistisch) orientierte Monarchien (wie die saudiarabische) Front zu machen:

„Wir haben es immer noch mit einem gespaltenen Weltbild bei vielen, vielen Muslimen zu tun. Wir hören, wie Imame und Vorstände von muslimischen Verbänden […] in Deutschland und in Europa die Taten von Paris [im Januar 2015] verabscheuen. Dieselben Prediger verlieren jedoch kein Wort darüber, dass in fast der gesamten islamischen Welt, von Pakistan über Iran bis zum Maghreb, Tausende von Karikaturisten, Regisseuren, Dichtern, Journalisten, Schriftstellern bedroht, verhaftet, misshandelt, mundtot gemacht werden.

In dieser Welt gehören Märtyrer der Meinungsfreiheit, wie der Blogger Raif Badawi, der in Dschidda, Saudi-Arabien, öffentlich ausgepeitscht wurde, zur geheiligten Tradition. Dass dies zugelassen, toleriert und gutgeheißen wird, dazu trägt auch der aktuelle Umgang mit dem Islam in Europa bei, wo darüber 'tolerant' geschwiegen wird. Statt diese Praxis kritisch ins Auge zu fassen, produzieren Imame Tausende Predigten, halten Tausende Unterrichtsstunden ab, in denen sie schreiend und weinend die Muslime dazu aufrufen, die beleidigte Ehre des Propheten zu verteidigen."[11]
 

"Demokratie ist ein gescheitertes System". Demonstration für die Einführung der Sharia auf den Malediven 2014. (Foto: Dying Regime, CC BY 2.0)

Mansour führt die aus Unsicherheit und Orientierungslosigkeit resultierende Neigung viel zu vieler islamischer Jugendlicher, sich mit djihadistischen Attentätern und den Kampfgruppen des neuen Kalifats zu solidarisieren, auf deren familiale, religiöse Sozialisation zurück:

„Verlässt man die oberflächliche Analyse und gräbt etwas tiefer, zeigt sich, dass Taten wie die in Paris erst möglich wurden, weil wir Muslime Generationen von Kindern entmündigt haben. Sie durften, dürfen nicht denken, sie dürfen nicht hinterfragen – Fragen werden als Anmaßung, als Frechheit geahndet. […] Ein Allah wird den Kindern geschildert, der zornig ist, keinen Zweifel zulässt, keine Selbstentfaltung duldet, eine schreckliche Hölle schafft.[12] […] Das ist ein brutaler und furchterregender Fundamentalist, der mit Allah, dem Barmherzigen, kaum etwas gemein hat. Aber er passt exakt zum realen autoritären Vater, der seine Macht mit 'Ehre', mit Kontrolle und Strafen sichert. Jugendliche, die mit diesem Gott-Vaterbild aufwachsen, sind in demokratischen Strukturen oft überfordert, verloren und orientierungslos. Auch das macht sie anfällig für Radikalisierung, für Verschwörungstheorien und Gewalt, solche Jugendliche sind dauerbeleidigt.“[13]

„Dauerbeleidigt“ sein heißt, dass „alles“ in ihrem Milieu sie kränkt, weil sie, im Niemandsland zwischen der familial vermittelten Glaubenswelt und der gottverlassenen Moderne alleingelassen, nirgendwo wirklich zuhause sind, sich überall missachtet fühlen. Der Islamwissenschaftler Montasser AlDe’emeh[14] sagt in einem Spiegel-Interview:

„Wir leben in einem zerrissenen Land.“ „Vielen jungen Muslimen fehle eine Identität, sie fühlten sich nicht als Belgier, weil es Belgien als Nation gar nicht gebe. Flamen, Wallonen und deutschsprachige Minderheit lebten hier nebeneinander her. Die klaren Strukturen eines islamischen Gottesstaates sind für viele daher attraktiv. In der Politik […] fühlten die meisten Muslime sich nicht repräsentiert. […] Die rechtspopulistische flämische Partei Vlaams Belang macht [in Brüssel] seit Jahren Stimmung gegen die Muslime im Land. Die Jugendlichen finden auch im Islam hier keinen Halt. Es gibt in Flandern 150 Moscheen, in fast allen sprächen die Imame nur Arabisch, sodass die Jugendlichen sie nicht verstehen. Auf YouTube hören sie dann saudi-arabische Hassprediger, sehen Menschen in Syrien leiden. Sie fahren nach Syrien, um sich zu heilen.“[15]

Depression und Manie

Die gesellschaftlichen Konflikte einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Milieus werden nicht nur in Familien, auf dem Forum und am Stammtisch besprochen (oder beschwiegen), in Kabinetten und Parlamenten verhandelt, vor Gerichten und auf Schlachtfeldern ausgetragen, sondern immer auch im Seelenleben der vergesellschafteten Individuen. Der Widerstreit der Interessen und Kulturen erscheint hier als Konflikt zwischen verschiedenen psychischen Instanzen. Dem bewussten Ich obliegt, der Freudschen Theorie zufolge, sowohl die (anti-illusionäre) „Realitätsprüfung“ als auch die Zensur des Wahrgenommenen und Gedachten. Es gilt als eine schwache Instanz, die zwischen (überbordenden) Triebwünschen und gesellschaftlichen Verbotsnormen brüchige Kompromisse finden muss, die die Selbsterhaltung gewährleisten. Dass einer „dauerbeleidigt“ ist, heißt, dass er außerstande ist, eine für ihn selbst befriedigende – und auch für seine Bezugsgruppen halbwegs überzeugende – Kompromisslösung für seine widerstreitenden Interessen zu finden.

Er ist ein „Zerrissener“, verschiedene Seelen wohnen in seiner Brust. Die großen Religionen, auch der Islam, definieren den Menschen als sündhaft; er ist ihren Geboten nicht gewachsen und verstrickt sich stets wieder in Schuld (gegenüber Gott und den Menschen); darum bieten sie den Gläubigen Rituale der Unterwerfung, der Reue, der Buße und der (periodischen) Entsühnung an. Der muslimisch erzogene Jugendliche hat den strengen Vater-Gott als „Gewissen“ (oder „Über-Ich“) verinnerlicht. Das Leben unter Ungläubigen setzt ihn enormen Versuchungen aus. Passt er sich deren „hedonistischer“ Lebensweise an, teilt er die Vergnügungen seiner nichtmuslimischen Alterskollegen, verstößt er gegen die Tabus seiner Religion. Die Folge sind Gewissensbisse, und wem sein Gewissen das Leben vergällt, der weiß auch, dass er nichts taugt. Zwischen dem „Ich“ (der seelischen Instanz, die für Anpassungsleistungen zuständig ist) und dem „Über-Ich“ (der innerseelischen Religionspolizei) baut sich eine unerträgliche Spannung auf.[16] Einen Ausweg bietet die Konversion (oder „Erleuchtung“) – die Kapitulation des Ichs vor der verinnerlichten väterlichen Gewalt, der es sich unterwirft, indem es ein für allemal den Verlockungen der Welt der Ungläubigen entsagt und sich vornimmt, seine Schuld zu tilgen. Dazu genügt es ihm nicht, selbst ein „reines“, Gott wohlgefälliges Leben zu führen; vielmehr muss er der unreinen Welt, in der er aufgewachsen ist, den Krieg erklären, also den aus dem Schuldgefühl resultierenden Selbsthass nach außen kehren. Lust bereitet ihm künftig nicht mehr die Sünde, sondern die Verfolgung der Sünder, und die kann nicht grausam genug sein. So lockt der Djihad seine neuen Konvertiten mit Bildern von verängstigten, demütigen Gruppen von Sklavinnen ebenso wie mit Videos von Geisel-Enthauptungen, Verstümmelungen und Kreuzigungen. Der Reuige wird nicht nur zu einem „Frommen“, sondern zum Berserker.[17]

Die Konversion, die manische Verschmelzung von Ich und Gewissen, führt zur Freisetzung seelischer Energien, die zuvor zur Abwehr von Trieb- und Über-Ich-Anforderungen benötigt wurden.[18] Die neu erlangte Teilhabe an der Macht des Gewissens – also an verinnerlichter sozialer Gewalt – kommt einem „narzisstischen Triumph“ gleich, einer enormen Steigerung des Selbstwertgefühls; sie wird durch die Aufnahme in den kriegerischen Männerbund der „wahrhaft Gläubigen“ stabilisiert. Dem Konvertiten scheint mit einem Mal „alles“ möglich; „es ist, als sei das Leben unglaublich intensiviert worden“.[19] Freilich hat die „manische Regression“ (die Tilgung der Differenz zwischen Ich und Über-Ich) ihren Preis: Die Ich-Funktion der Realitätsprüfung wird reduziert, „Offenbarungen“ aller Art wird Glauben geschenkt, fortbestehende Herrschaftsverhältnisse werden verleugnet, wüste Projektionen werden unkontrolliert für bare Münze genommen. Otto Fenichel schreibt:

„Es ist, als habe [die manische Regression den Konvertiten] aus einer verpönten und gefährlichen Welt in eine angenehme Welt der Wunscherfüllung versetzt“; „eine Fülle zumeist oraler Triebregungen [tritt] auf, die […] das Leben im Gegensatz zu der bedrückenden Leere während der Depression [als] erfüllt erscheinen lassen“; wie bei Festen wird es den real nach wie vor „Machtlosen […] gestattet, sich eine Teilhabe an der Macht vorzuspielen. Das versetzt sie in [gehobene] Stimmung und ermöglicht es ihnen, ein weiteres Jahr nur zu gehorchen.“[20]
 

Kurdischer Kämpfer bei Kobanê, nach der Vertreibung des IS aus der Stadt. (Foto: Mark Mühlhaus, attenzione)

Der belgische Djihadist Abaaoud, der später die Pariser Anschläge vom 13. November 2015 organisierte und dabei ums Leben kam, posierte in einem (in der Nähe der syrischen Stadt Hraytan aufgenommenen) Video am Steuer eines Dodge-Pickups, der Leichen über ein Feld zog. In einer später (ebenfalls in Syrien) gefilmten Video-Botschaft rief er die Muslime in Europa und anderswo auf, ihm nach Syrien in den Djihad zu folgen, wo Genüsse ihrer warteten, die sie daheim nie haben würden: Als ich in Europa lebte, habe ich nie Speisen bekommen, wie ich sie hier gekostet habe, sagte er, hinter Sandsäcken kauernd, unter dem Geknatter des Gewehrfeuers. Ich bin in Villen und Paläste gekommen, die, Gott sei gelobt, durch den Willen Allahs hier für uns vorgesehen sind.“[21] Den Bildern manischer Horden junger Krieger, die auf erbeuteten Pickups mit aufgebocktem Maschinengewehr unter schwarzer Fahne querfeldein rasen, um neue Untaten zu begehen, Sklaven einzufangen, Beute zu machen, Dörfer niederzubrennen, Kirchen und Moscheen in die Luft zu sprengen, folgt hier die Verheißung, dass die Letzten aus den Banlieues die Ersten im Kalifat sein werden, dass nicht nur die Märtyrer ins Elysium eingehen, sondern auch die überlebenden Gotteskrieger schon im irdischen Paradies des Kalifats herrlich und in Freuden leben können.[22]

Was ist zu tun?

Was ist – abgesehen von dem, was ohnehin geschieht: der Kriegserklärung der Koalition der 60 Staaten und den Luftangriffen auf IS-Truppen zur Unterstützung der kurdischen Kämpfer zu tun? Die Minderheit der Vernünftigen, die es weder mit den imperialistischen Mächten, noch mit den Gotteskriegern hält, kann nur versuchen, die Regierungen und die schweigende Mehrheit der Bevölkerung der imperialistischen Mächte davon abzubringen, sich auf destruktive Interventionskriege (wie die gegen Afghanistan, Irak und Syrien) einzulassen, und dafür plädieren, die frei werdenden Kriegs-Milliarden darauf zu verwenden, die Lebensverhältnisse der Mehrheit in den Diktatur- und Elendsländern zu verbessern. (Das ist freilich ein Jahrhundert-Projekt…)

Sie kann weiterhin innenpolitisch die Binsenweisheit publik machen, dass die Terrorismus-Bekämpfung mit Hilfe von Polizei, Geheimdienst und Armee allenfalls dazu taugt, ein Symptom (die Parteinahme für den Djihad) zu unterdrücken, nicht aber dessen „Ursache“ zu beseitigen: die Marginalisierung und Diskriminierung eines Großteils der eingewanderten Muslime. Um dieser entgegenzuwirken, bedarf es in den Einwanderungsländern einer kostspieligen Neuorientierung: Zum einen müssen viele Milliarden Steuergelder für den sozialen Wohnungsbau, für Bildungseinrichtungen („kompensatorische Erziehung“; Djihad-Prophylaxe) und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aufgewandt werden, soll es nicht beim wohlfeilen Gerede über „Inklusion“ oder „Integration“ bleiben.

Zum anderen muss endlich in Kindergärten, Schulen, Polizeischulen, Universitäten und Parlamenten der Kampf gegen die Diskriminierung von Menschen, die anderen Glaubens sind und aus anderen Ländern stammen, aufgenommen werden.

Zum dritten muss an die Stelle des respektvollen Beschweigens der Indoktrinierung durch muslimische Fanatiker (unter dem Vorwand der „Religionsfreiheit“) die öffentliche Kritik von deren Ideologie treten. Den aufgrund ihrer Situation für Djihad-Propaganda anfälligen Jugendlichen muss laut und deutlich gesagt werden, dass die Flucht aus ihrem bedrückenden Milieu in das derzeit vom „Islamischen Staat“ gehaltene Gebiet eine Flucht ins Elend des modernen Kriegs, eine Reise ins Nichts ist; dass sie, ohne militärische Ausbildung und unzureichend bewaffnet, als Kanonenfutter in Konflikten, die sie nicht überschauen, verheizt werden; dass sie nicht nur danach fragen müssen, wer die Muslime in den Ländern des Nahen Ostens mit wessen Hilfe unterdrückt, sondern wer deren selbsternannte Befreier, den neuen Kalifen und seine Truppen kontrolliert; dass die Untergangspropheten, denen sie vertrauen, ihre militärischen und geistlichen Führer, selbst nur Schachfiguren im globalen Stellvertreterkrieg der Randstaaten Syriens und der Großmächte sind, von denen sie, je nach Opportunität, alimentiert oder im Stich gelassen werden; dass die Kalifats-Krieger, von allem anderen abgesehen, auch deshalb keine Chance haben, weil sie nicht nur gegen den „Westen“ und die Regime der „Abtrünnigen“ Krieg führen, sondern weil sie die Mehrheit der Muslime gegen sich haben, die keineswegs von der ihnen mit Terror und Massakern aufgenötigten asketischen Lebensführung begeistert sind, die im „Kalifat“ für sie vorgesehen ist.

 

 

Fussnoten

[1] „Die okzidentale Stadt in ihren Anfängen ist zunächst Wehrverband, Vereinigung der ökonomisch Wehrhaften, die imstande sind, sich selbst auszurüsten und ausbilden zu lassen.“ „Der typische Bürger der mittelalterlichen Zunftstadt ist Kaufmann oder Handwerker; Vollbürger ist er, wenn er Hausbesitzer ist.“. Weber, Max (1924): Wirtschaftsgeschichte. München, Leipzig (Duncker & Humblot), Kap. IV, § 7 („Das Bürgertum“), S. 275 und S. 283. Vgl. dazu auch Kulischer, Josef (1928): Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1971, Bd. I, Kap. 17 („Die Stadt“).

[2] Die Marktgesellschaft „ist die unpersönlichste praktische Lebensbeziehung, in welche Menschen miteinander treten können. […] Der Markt ist in vollem Gegensatz zu allen anderen Vergemeinschaftungen, die immer persönliche Verbrüderung und meist Blutsverwandtschaften voraussetzen, jeder Verbrüderung in der Wurzel fremd.“ Weber, Max (1921): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen (Mohr-Siebeck) 1956, 1. Halbband, 2. Teil, Kapitel VI, S. 382 f.

[3] Luxemburg, Rosa ([1915] 1919): Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik. In: Luxemburg (1975): Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin, S. 521.

[4] „Die Kolonialerwerbungen der europäischen Staaten haben bei ihnen allen zu einer riesenhaften Vermögensakkumulation innerhalb Europas geführt. […] Diese Vermögensakkumulation ist ausnahmslos und von allen Ländern durch Gewalt gesichert worden.“ Ebd., S. 256.

[5] Darum ist der Islam „zur Religion der Wahl für die Stigmatisierten und Unterdrückten geworden. Im Unterschied zum Christentum hat er eine antiwestliche und antiimperialistische Tendenz“, schreibt der Pariser Soziologe Farhad Khosrokhavar. Khosrokhavar (2015): „The mill of Muslim radicalism in France.“ International New York Times, 26. 1. 2015, S. 8.

[6] In Europa ist zum einen der aus dem Widerstand gegen die zaristische Eroberung des Nordost-Kaukasus in den Jahren 1840-1857 entstandene, vergleichsweise moderne islamische, tschetschenisch-dagestanische Staat des Imam Schamil in Erinnerung, zum andern der gegen ägyptische und britische Truppen gerichtete Aufstand des „Mahdi“ Muhammad Ahmad, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Sudan ein Kalifat (mit der Hauptstadt Omdurman) errichtete, das bis 1898 bestand (und dann militärisch zerschlagen wurde).

[7] Der Djihad ist „die einzige weltumspannende Sache, sozusagen der letzte globale Grund, den es noch gibt, für etwas zu kämpfen“, sagt der französische Politologe und Islamexperte Olivier Roy in einem Interview mit Julia Amalia Heyer: „Der Kommunismus ist verschwunden, genau wie die extreme Linke. Die [deutsche] RAF war die erste Gruppe, die Gewalt globalisiert hat, die an einem Tag für die Palästinenser gekämpft hat und am nächsten Tag gegen einen Bankdirektor. Was früher, in den Sechziger- und Siebzigerjahren Che Guevara, die RAF oder die Weltrevolution war, ist heute der Dschihad.“ „Hauptsache, Held sein“, Spiegel-Gespräch mit O. Roy. Der Spiegel, 17. 1. 2015, S. 92.

[8] Im Nordosten Nigerias versucht die Terrortruppe „Boko Haram“ (was etwa „Westliche Bildung ist unrein“ bedeutet), ein afrikanisches Pendant zum „Islamischen Staat“, gleichfalls ein „Kalifat“ zu etablieren. „Der Terror hat [hier] seither über 13.000 Menschenleben gekostet […]. Die Vereinten Nationen schätzen, dass insgesamt rund anderthalb Millionen Nigerianer aus der Krisenregion geflohen sind.“ Einer der Flüchtlinge erzählt, wie eine „Boko Haram“-Horde im Juni 2014 über sein Dorf herfiel: „Sie kamen auf Motorrädern und nagelneuen Geländewagen und wüteten wie wilde Bestien. Die Terroristen plünderten, brannten Häuser nieder und töteten die Bewohner, vermutlich starben 300 Menschen. […] Boko Haram verbietet Fußball, freizügige Kleidung, Musik, Tanz und Alkohol.“ Grill, Bartholomäus (2015): „Die Mörder im Haus.“ Der Spiegel, 31. 1. 2015, S. 75 ff.

[9] „Für Chérif Kouachi, Amedy Coulibaly und andere Hauptfiguren des französischen Djihadismus der letzten Jahre (Mohammed Merah, Mehdi Nemmouche und Khalede Kelkal) waren Gefängnisaufenthalte folgenreich, sie waren ein Passage-Ritus und [öffneten ihnen] das Tor zum Radikalismus.“ Khosrokhavar (2015), a. a. O. (Anm. 7).

[10] Vgl. dazu den Bericht über den Djihad-Kämpfer Abdelhamid Abaaoud, der im Brüsseler Distrikt Molenbeek eine Terrorzelle gebildet hatte und sich in einer Videobotschaft aus Syrien wie folgt an europäische Muslime wandte: „Seid Ihr etwa mit dem Leben zufrieden, das Ihr führt, einem Leben der Demütigung, gleichviel, ob Ihr in Europa, Afrika, in arabischen Ländern oder in Amerika seid?“ Einzig die Gewalt des Djihad könne ihren Stolz und ihre Ehre wiederherstellen: „Ihr könnt das nur in Eurer Religion finden, nur im Djihad. Gibt es Besseres als den Djihad oder das Märtyrertum?“ Higgins, Andrew (2015): „Tracing jihadists to Brussels.“ International New York Times, 24./25. 1. 2015, S. 3 f.

[11] Mansour, Ahmad (2015): „Jetzt mal unter uns.“ Der Spiegel, 17. 1.2015, S. 133.

[12] Beim Lesen dieses Textes fragt man sich, ob die „Freiheit eines [gewöhnlichen] Christenmenschen“ groß genug ist, um ihn in dem Spiegel, den ihm Mansour hier vorhält, auch die eigene, verblasste Glaubensdoktrin erkennen zu lassen…

[13] A. a. O.

[14] AIDe’emeh wurde als Sohn palästinensischer Eltern in einem jordanischen Flüchtlingslager geboren, wuchs im Brüsseler Distrikt Molenbeek auf und arbeitet an einer Dissertation über „Westliche Kämpfer im Kontext des internationalen Dschihadismus“.

[15] Kuntz, Katrin, und Gregor Peter Schmitz (2015): „Paradies statt Lasagne.“ Der Spiegel, 24. 1. 2015, S. 88. – Entsprechend schreibt Lamya Kaddor, die als Kind syrischer Eltern in Deutschland aufgewachsen ist und in Dinslaken-Lohberg Islam-Unterricht erteilt: „Entscheidend ist die Bereitschaft der Jugendlichen, aus ihrem alten Leben zu fliehen. […] Der Unmut über die Verhältnisse zu Hause treibt Jugendliche ebenso um wie der Frust über die sie ausgrenzende Mehrheitsgesellschaft, in der sie leben, und die Wut über die eigene, unklare Identität. Wenn muslimische Jugendliche die Rebellion suchen, finden sie sie im Salafismus.“ (Frau Kaddor berichtet, dass sich zu ihrem Schrecken fünf ihrer ehemaligen Schüler der islamistischen, etwa zwanzig Personen umfassenden „Lohberg-Brigade“ anschlossen, die nach Syrien in den Djihad zog; einer von den Fünfen sei noch immer dort...) Kaddor (2015): „Der Dschihad und der Islam.“ Der Spiegel, 31. 1. 2015, S. 104-107.

[16] „Die Schüler sehen sich häufig in einer Art Bringschuld Gott gegenüber, der sie hoffnungslos ausgeliefert sind. Während er unsere Geschicke bestimmt, haben wir Menschen eigentlich nur zu parieren oder zu reagieren.“ Kaddor, a. a. O.

[17] „Durch Aussagen junger Rekruten, die sich den Dschihadisten angeschlossen haben, ist bekannt, dass einige der Gedanke gelockt hat, den eigenen Gewaltphantasien, der eigenen Wut und den eigenen Rachegelüsten freien Lauf lassen zu können. Ungefährdet von Recht und Gesetz mit einem anderen Menschen machen zu können, was man will. Ihn zu verprügeln, zu quälen, ihn auch zu töten. Sich eine Frau zu nehmen, wie man will. Sich am Hab und Gut der Opfer zu bereichern. Kaddor, a. a. O.

[18] „Der Triumph hat die Bedeutung einer wiedererlangten Selbstmächtigkeit und wird desto intensiver empfunden, je plötzlicher der Wechsel von der Machtlosigkeit zur Macht aufgetreten ist. […] Ein Mensch ist gehobener Stimmung, wenn er sich einer bisher bestehenden Verpflichtung, Verantwortlichkeit oder allgemeinen Abhängigkeit ledig weiß (rebellischer Triumph) oder wenn er äußere bzw. innere Vergebung erlangt, wenn er wieder geliebt wird und das Gefühl hat, etwas Rechtes getan zu haben (anbiedernder Triumph).“ Fenichel (1945), a. a. O. (Anm. 1), Bd. II, Kap. XVII („Depression und Manie“), S. 300.

[19] Ebd., S. 299.

[20] Fenichel, Otto (1945): Psychoanalytische Neurosenlehre. Olten, Freiburg (Walter-Verlag) 1974, Bd. I, Kapitel II und Kapitel IX., Bd. II, Kap. XVII und XVIII. Zitate auf den Seiten 320 und 301.

[21] Higgins (2015), a. a. O. (Anm. 12).

[22] Um die Verhältnisse für Gotteskrieger in ihrem Herrschaftsbereich um Mossul „paradiesisch“ zu gestalten, hat der IS im August 2014 (als seine Truppen die Jesiden im nordirakischen Sindschar-Gebirge überfielen) unter Berufung auf Koran und Sunna formell die (Sex-)Sklaverei wieder eingeführt. Vgl. dazu Callimachi, Rukmini (2015): „Isis enshrines a theology of rape.“ International New York Times, 14. 8. 2015, S. 1 und S. 5.


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