Die Appetitverderber

GENFOOD: Die Ernährung der Zukunft

»Der Mensch ist, was er ißt.«
(Ludwig Feuerbach)

Obwohl für die Bundesbürger Gesundheit ganz oben auf der Wunschliste steht, ist die Kenntnis über Entstehung von Krankheiten ebenso unterentwickelt wie die Bereitschaft, aus der Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen. Über 90 Milliarden, so eine Studie des Gesundheitsministeriums, gehen in Deutschland zu Lasten ernährungsbedingter Krankheiten. Für Ausbildung & Praxis in der pharmaorientierten Schulmedizin hatte dieses Thema bislang nur eine untergeordnete Bedeutung. Aus kaufmännischer Sicht muß das niemanden wundern, denn der Arzt verdient nicht an der Gesundheit, sondern an der Krankheit des Menschen. Mit einem unangemessen hohen Kostenaufwand im Gesundheitswesen (insgesamt rund 450 Milliarden Mark) wird in Deutschland versucht, Schäden zu begrenzen, die häufig durch ernährungsbedingte Krankheiten entstanden sind. Weder Politiker noch Standesvertreter und andere an dem Geschäft Beteiligte zeigen Interesse an Änderungen dieses Systems. Daran hindert sie das »Schweigegeld« in Form von Steuereinnahmen oder Gewinnbeteiligungen. Anstelle des Instinkts als Wegweiser für Appetit auf gesunde Ernährung tritt für Verbraucher heute die Animation der »geheimen Verführer«. Der »schöne Schein« der Produktwerbung für Nahrungs- und Genußmittel – den vielfach denaturierten Surrogaten aus Laborküchen – verschleiert oft den Blick auf den minderen Wert der Inhaltsstoffe. Ebenso künstlich wie die Nahrungsmittel selbst sind die Begriffe, mit der uns die undurchschaubare Kost schmackhaft gemacht werden soll: Food Design, Novel Food, Fast Food, Convenience Food oder Functional Food und nun auch noch Gen-Food, mit dem artübergreifenden Mix. Mit dem Gentransfer werden nicht nur Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Mikroorganismus überwunden, sondern sogar zwischen Nahrung und Pharmaka. Diese Produkte nennt man Health Food oder Nutra- ceuticals. Die so bezeichneten Erzeugnisse haben allerdings nichts gemeinsam mit der therapeutischen Wirkung einer natürlichen Heilkost. Health Food könnte sich vielmehr dazu eignen, etwa Psychopharmaka zur Ruhigstellung der Bevölkerung unterzumischen – oder etwa ein »Akzeptanz-Gen« für Essen aus dem Genlabor? Wenn transnationale Chemiekonzerne mit Saatgut aus dem Genlabor in Zukunft das Feld bestellen, wächst nichts anderes als zumeist herbizidresistente Pflanzen. 850 genmanipulierte Nutzpflanzsorten werden zur Zeit im Freiland getestet. Eine alte Bauernweisheit lautet: »Verkaufe niemals dein Saatgut!« Der Ausverkauf aber und die Enteignung der Bauern hat schon begonnen. Das Landwirteprivileg, das den Bauern bisher erlaubte, selbsterzeugtes Saatgut weiter zu verwenden, wurde bereits durch Hybridsaatgut unterlaufen. Die zweite Form der Enteignung beginnt gerade in unausweichlicher Form mit lizensiertem Saatgut von patentierten Pflanzen.

Wenn wir Nahrungsmittel verzehren, die als Ausgangsprodukt transgene Pflanzen enthalten, dann können Nebenwirkungen mit gesundheitlichen Risiken nicht ausgeschlossen werden. Während Chemiekonzerne, Saatguthersteller, Landwirte, Verarbeiter und der Handel verantwortlich sind für die ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Folgen – sind wir es als Konsumenten für den Konsum und den Verzehr. Bei der Beurteilung der Gentechnik ist es nicht empfehlenswert, sich auf Aussagen interessengeleiteter Betreiber zu verlassen. Denn die Versprechungen der Molekularbiologen in Absprache mit ihren Auftraggebern in der Industrie dienen in der Regel dem Zweck, Forschungsgelder zu beschaffen.

Gegen den Willen des Großteils der Bevölkerung wird mit Steuermitteln eine Technologie forciert, deren Auswirkungen niemand verbindlich beurteilen kann. Obwohl die Verfassung den Bürgern das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verspricht, stehen heute mit dem Essen aus dem Genlabor elementare Überlebensgrundlagen auf dem Spiel. Noch steht es in der Macht der Verbraucher zu entscheiden, was serviert wird: Biotechnologie oder Biogemüse? Da Kennzeichnungen lückenhaft bleiben werden, kann allenfalls nur bei einer Positivkennzeichnung für »gentechnikfreie« Lebensmittel davon ausgegangen werden, von Gen-Food verschont zu bleiben. Bevor wir vollends fremdbestimmt von Chemie- oder Nahrungsmittelkonzernen zwangsernährt werden, sollten kritische Fragen wie diese erlaubt sein:

  • Brauchen wir nach dem Scheitern einer Grünen Revolution eine Neuauflage einer Revolution mit der Grünen Gentechnologie?
  • Wem nützt sie wirklich, und was soll uns glauben machen, wem sie nützen soll?
  • Wird unser Saatgut gemeinsames Erbe der Menschheit bleiben oder an Chemie-Multis für patente Geschäfte verramscht?
  • Wird die Grüne Gentechnik einen positiven oder negativen Beitrag zur Welternährung leisten?
  • Schafft die Gentechnologie Arbeitsplätze oder bereitet sie den Weg zum Abbau der Arbeitsplätze?

GENiale Geschäfte mit dem Monopol auf Pflanzen

»(…) Unserer Ansicht nach sind wir darum gut gerüstet, unser Insektizidgeschäft nicht nur gegen ökotechnisch bedingte Einbrüche zu schützen, sondern in Verbindung mit der Biotechnologie sogar auszubauen. Genetisch verändertes Saatgut wird erheblich teurer sein als die traditionellen Sorten. Um so wichtiger wird es sein, dieses teurere Saatgut noch besser gegen Krankheiten und Schädlinge zu schützen. Bayer ist in dem mit hohen Gewinnspannen arbeitenden Geschäft der Saatgutbehandlung Marktführer. Mit unserem bestehenden und künftigen Produktsortiment sind wir bestens ausgestattet, von den zukünftigen Entwicklungen in hohem Maße zu profitieren.« (Dr. Jochen Wulff, Leiter des Geschäftsbereiches Pflanzenschutz der Bayer AG.)

Die schönen grünen Zutaten vom Acker sind den Hochertragssorten mit dem Einheitsgeschmack gewichen. Ingredienzien neuer Art sind nun in aller Munde: Becquerel in Pilzen, Blei, Quecksilber und Cadmium auf Obst, Gemüse und Salat, bestrahlte Früchte, BSE, Hormone, Arznei und Salmonellen in Fleisch, Pestizide in Feldfrüchten, Enzyme aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen in einer Unzahl von Fertigprodukten und nun auch noch Antibiotika- und Herbizidresistenz-Gene in transgenen Pflanzen. Die Nahrungsmittelallergien und andere ernährungsbedingte Krankheiten entwickeln sich zu einem bedrohenden Kostenfaktor unserer Zeit. Auf der Grundlage von §3 des Bundesseuchengesetzes wurden im Jahr 1996 allein 109 500 Salmonellosenintoxikationen verzeichnet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, daß wir heute mit 60 000 Chemikalien in Berührung kommen können – 5000 davon sind in der Nahrung versteckt. Die Beantwortung der Frage, welche es sind, wo und in welchen Mengen sie versteckt sind, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis. Wenn Verbraucher wüßten, was sich hinter den E-Nummern auf den Verpackungen an von der EG zugelassenen künstlichen Lebensmittelzusatzstoffen verbirgt, würde der Absatz dieser Produkte gefährdet sein. Denn die Nebenwirkung dieser Zusatzstoffe geht von den Schädigungen des Immunsystems, der Leber und der Niere bis zu allergischen Reaktionen, Asthma, Kopfschmerzen, Übelkeit, Fruchtbarkeits- und Wachstumsstörungen und der Begünstigung von Krebs. Mit der Gentechnik können sich die Wirkungen synergistisch verstärken.

Mit festem Blick auf in Aussicht stehende Forschungsgelder haben Gentechniker erkannt, wie unvollendet die alte Schöpfung ist. Mit Hilfe der Gentechnik wollen sie nun vollenden, was dem Schöpfer ihres Erachtens nur unzureichend gelungen ist. Handlungsbedarf für den Griff nach dem Erbgut sehen sie, der wirtschaftlichen Bedeutung wegen, in erster Linie bei den rund 10 der etwa 30 000 Kulturpflanzen, die 2/3 der Welternährung decken. Nach dem Prinzip Manipulieren, Patentieren, Konfiszieren betrachten sie die Produkte ihrer Genmanipulationen, den artübergreifenden Mix von Tier, Pflanze und Mikroorganismus als von ihnen kreiertes Eigentum. Mit Patentanmeldungen reklamieren sie ihren Besitzanspruch an gentechnisch veränderten Organismen. Bei dem Versuch, für die neuen Tech- nologien und Produkte zu werben, scheuen sie weder Kosten noch Mühen.

Spätestens mit den ersten Lieferungen der Gen-Tech Sojabohnen aus den USA nach Europa und Asien Anfang November 1996 und der Berichterstattung darüber wurde deutlich, wie plötzlich, global und unausweichlich »Essen aus dem Genlabor« Alltagsrealität werden kann. Vergleichbar mit Zucker aus genmanipulierten Zuckerrüben, sind Bestandteile der bearbeiteten Sojabohne in etwa 30 000 Industrienahrungsprodukten enthalten, wie beispielsweise in Babynahrung, Keksen, Suppen, Wurst, Speise- öl, Mayonnaise, Salatsaucen, Margarine, Kartoffelchips, Fischkonserven, Tofuburgern. Wohl wissend, daß die Abneigung der Verbraucher in Europa gegenüber Gen-Food groß ist, weigerten sich amerikanische Exporteure aus strategischen Gründen, die Sojaernten aus konventionellem Anbau und Gen-Tech-Soja getrennt zu vermarkten oder gar zu kennzeichnen. Die Produkte, die daraus entstehen, bleiben laut Novel-Food-Verordnung der EU von der Kennzeichnungspflicht verschont. Schon jetzt ist die Liste der Kulturpflanzen lang, in die bereits ein Transfer eines oder mehrerer Fremdgene gelungen ist.

In Erwartung einer Chance für eine »feindliche Übernahme« der pflanzlichen Gen-Ressourcen kauften Chemie-Multis bereits in den 70er Jahren Saatgutfirmen auf. In Deutschland hält der Chemiekonzern Hoechst AG bzw. die Hoechst/Schering-Tochter AgrEvo eine Beteiligung an Deutschlands größtem Saatguthersteller, der Kleinwanzlebener Saatzucht AG. Weltweit sind es nur wenige transnationale Konzerne, die den Biotechnologiemarkt beherrschen und die Bedingungen dieser Technologie diktieren. Das GENiale Geschäft setzt voraus, daß Nahrungs- und andere Nutzpflanzen zunächst gentechnisch verändert und patentiert werden, um dann Pflanzen und Saatgut monopolistisch vermarkten zu können. Das Saatgut der in der Regel herbizidtoleranten Pflanzen verhilft der Chemieindustrie mit dem Verkauf im Dreierpack mit Pestiziden und Mineraldünger zu einer zusätzlichen Wertschöpfung. Wirtschaftliche Zwänge oder eine höhere Gewinnerwartung können den Landwirt veranlassen, auf das Koppelgeschäft einzugehen. Die Grüne Gentechnologie wird den internationalen Trend verstärken, kleine bäuerliche Betriebe zugunsten industriell bewirtschafteter Großbetriebe sterben zu lassen, die von der Chemieindustrie abhängig bleiben.

Patentierung von Tierarten und Pflanzensorten war bis 1980 von der Patentierung ausgeschlossen. Ein Patent auf »Leben« widerspricht dem Sinn nach einer Patentierung eines Gegenstandes oder Verfahrens, die eine erfinderische Tätigkeit voraussetzt und nicht lediglich eine Entdeckung. Geändert wurde das im Pionierland USA: 1980 entschied der Supreme Court, daß Patente auch auf Lebewesen erteilt werden können. Damit waren die Claims für die Biotechniker abgesteckt – indem ein entscheidender Vorsprung für die monopolistische Vermarktung transgener Pflanzen höchstrichterlich beschlossen war. Diese pragmatische Vorgehensweise der Amerikaner erinnert an die Verabredung der Harvard-Ad-hoc-Kommission, 1968 den anwendungsgerechten Hirntod als Geschäftsgrundlage für die Transplantationsmedizin zu installieren. Obwohl das eigene Regelwerk (EPU) dies ausschließt, begann auch das Europäische Patentamt (EPA) in München mit der Patentierung von Pflanzen und Tieren. Hier entschied nicht ein oberstes Gericht, sondern ein kleiner terminologischer Trick: Tierarten wurden zu Tieren und Pflanzensorten zu Pflanzen. Patente für transgene Pflanzen – so die Logik des EPA –, die keine Pflanzensorten im Sinne des § 53 b EPU darstellen, können danach erteilt werden. Das Interesse der Industrie an Patenten für lebende Organismen war ebenso groß wie das Interesse des EPA an neuen Gebühren. Im Gegensatz zum Sortenschutzrecht sichert ein Patent einen umfassenderen Rechtsschutz für transgene Pflanzen als der Sortenschutz für den Züchter, bei gleichzeitig weniger strengen Anmeldevoraussetzungen. Wenn transgene Pflanzen auch als Pflanzensorte zugelassen werden sollen, müssen sie in Deutsch- land allerdings auch noch die Kriterien des Sorten- und Saatgutrechts erfüllen. Sobald diese Hürde genommen ist, wird für eine patentierte Sorte das unlizensierte Weiterzüchten durch einen konkurrierenden Pflanzenzüchter auf der Grundlage dieser Sorte, wie es der »Züchtervorbehalt« erlaubt, nicht mehr gestattet. Dieses Ausschlußrecht für Patentinhaber wird für die Befürchtung verantwortlich gemacht, daß das Kapital in Zukunft von der konventionellen Pflanzenzüchtung hin zur Grünen Gentechnologie wandern wird.

Mit der gentechnischen Manipulation von Lebensformen und ihrer Patentierung wird eine weitere Stufe der Industrialisierung unserer Nahrungsgrundlagen gezündet. Das monopolistische Eigentum an patentierten Lebensformen wird in den meisten Teilen der Welt zur Vernichtung familiärer bäuerlicher Betriebe führen. Während die Vermarktung von Nahrungsmitteln, die aus transgenen Organismen hergestellt wurden, erst begonnen hat, hielten klammheimlich und von Verbrauchern unbemerkt Riesenmengen gentechnisch hergestellte Enzyme Einzug in die Lebensmittelindustrie.

Was in Zukunft serviert werden soll, beschreibt ein Vertreter der Firma, die zu den Gewinnern der Grünen Gentechnologie zählen möchte, Vorstandschef Gerhard Prante der AgrEvo GmbH, eines Gemeinschaftsunternehmens von Hoechst und Schering: »Sie müssen davon ausgehen, daß in wenigen Jahren praktisch bei allen auf lebenden Organismen basierenden Herstellungsverfahren die Biotechnologie bei der Weiterentwicklung eingesetzt wird.« Was hier so pauschal prognostiziert wird, muß bei näherer Betrachtung relativiert werden. Dabei sind drei Hauptgruppen gentechnisch hergestellter oder gentechnisch veränderter Nahrungsmittel zu unterscheiden:

  • Nahrungsmittel, die aus gentechnisch veränderten Pflanzen oder Tieren hergestellt wurden
  • Nahrungsmittel, die mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen hergestellt wurden
  • Nahrungsmittel, deren Zusatzstoffe mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen gewonnen wurden.

In der Tat zählen jetzt schon unzählige Nahrungsmittel zu allen 3 Kategorien, ohne jedoch in der Regel gekennzeichnet zu sein. Eine lückenlose Kennzeichnung von Nahrungsmitteln, bei deren Herstellung Gentechnik eine Rolle spielte, würde das Aus dieser Produkte bedeuten, weil die Akzeptanz für Essen aus dem Genlabor gegen Null tendiert. Gentechnisch veränderte Organismen gelangen über die Nahrung in das Rindersteak, Schweineschnitzel oder in das Suppenhuhn. Das Tier-Mischfutter kann Anteile von Mais, Ölschrote aus Raps und Soja und aus Ernten von Pflanzen enthalten, die zu den Favoriten für gentechnische Manipulation zählen. Mit der Schweinehaxe können in Zukunft auch Arzneimittelrückstände von gentechnisch hergestellten Pseudorabisimpfstoffen gegen die Aujeszkysche Krankheit bei Schweinen mitverspeist werden. Für gleich 3 dieser Impfstoffe wurde ein Inverkehrbringen in der Europäischen Union beantragt und für 2 inzwischen die Genehmigung erteilt. Während der europäische Import von Rohstoffen pflanzlicher Herkunft made in USA steigen soll, läßt eine europäische Produktion größeren Umfangs noch auf sich warten.

Richard Fuchs


Kleinwüchsige fürchten Gentechnik

STUTTGART, 21. Mai (dpa). Kleinwüchsige Menschen in Deutschland fürchten durch Gentechniken eine weitere gesellschaftliche Diskriminierung. »Durch die Gentechnik kann man uns bald ausrotten«, sagte die Sprecherin des Bundesselbsthilfeverbandes Kleinwüchsiger Menschen, Sabine Popp. Sie fürchtet, daß vermehrt Schwangerschaften abgebrochen würden, wenn das für Kleinwuchs verantwortliche Gen lokalisiert ist.
(Frankfurter Rundschau, 22. Mai 1988)


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