Klischees in den Köpfen

Deutsche Medien über Ägypten

11.04.2011   Lesezeit: 3 min

Ein Artikel von Markus Bickel

Als der Kreis arabischer Revolten Ende Februar in Tunis zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrte, war wieder nur ein Sender live dabei, der sich ohne Arabischkenntnisse verfolgen ließ: Al Jazeera English. Rund um die Uhr berichtete der Nachrichtenkanal aus Qatar über die Fortsetzung der von vielen mit der Flucht Zine Abidine Ben Alis Mitte Januar schon beendet geglaubten „Jasmin-Revolution“. Auf Beiträge deutschsprachiger Journalisten hingegen, die vor Ort über den Rücktritt Ministerpräsident Mohammed Ghannouchis und die von Sicherheitskräften getöteten Demonstranten informiert hätten, wartete man in Radio und Fernsehen vergebens; selbst in den großen überregionalen Tageszeitungen fanden sich nur Agenturmeldungen. Die Karawane der Krisenreporter war zu dem Zeitpunkt längst weitergezogen nach Kairo oder, Ende Februar dann, ins von Aufständischen befreite libysche Benghasi. Allein die „Berliner Zeitung“ hatte nochmal einen eigenen Mann nach Tunis geschickt.

Das Manko der meisten deutschen Medien, in Nordafrika, wenn überhaupt, nur mit einem Korrespondenten vertreten zu sein, tritt in diesen Tagen arabischen Aufruhrs deutlich zutage. Die festen Mitarbeiter in Kairo sind mit der Berichterstattung aus einem Brennpunkt völlig ausgelastet. Ohnehin richtet sich ihr Augenmerk meist nach Osten, auf die traditionellen Krisenherde des arabischen Mashregh: Israel/Palästina also, Irak und Libanon. Den Maghreb haben sie kaum im Blick; nur sporadisch widmeten sich die Kollegen aus Madrid oder den Redaktionen in Berlin, München und Frankfurt in den vergangenen Jahren Tunesien, Algerien, Libyen und Marokko. Dass kontinuierliche Berichterstattung möglich ist, zeigen „Le Monde“, „Figaro“ und „Libération“: In Frankreich sorgten Medienberichte über ihren von Ben Ali gesponserten Tunesienurlaub sogar zum Rücktritt der Außenministerin Michèle Alliot- Maries.

In Deutschland undenkbar. Innenpolitische Debatten lösen Entwicklungen in Nordafrika hier allenfalls aus, wenn von „Flüchtlingsströmen“ Richtung EU-Europa berichtet wird. Und seien es nur 5.000 auf Lampedusa, wie im Februar, als sich ein ZDF-Spezial mit dem Titel „Was nun, Nahost?“ den arabischen Aufständen widmete. Die Sendung geriet zum abschreckenden Beispiel eurozentrischer Betrachtungsweise: „Die Probleme der arabischen Welt könnten zu unseren Problemen werden, dazwischen liegt nur das Mittelmeer“, gab ein Sprecher den Ton vor. Als der einzige Studiogast arabischer Herkunft, der Schriftsteller Hamed Abdel-Samad, darum bat, „die millionenfachen Hoffnungen“ der Menschen in Tunesien und Ägypten stärker zu berücksichtigen, unterbrach ihn ZDF-Chefredakteur Peter Frey mit Verweis auf die Gefahren für Europas Sicherheit. Nur um dem gerade vom Kairoer Tahrir-Platz zurückgekehrten Abdel-Samad später paternalistisch das Recht zuzugestehen „stolz zu sein mit allem, was Sie mitgemacht haben“.

Allzuoft in den vergangenen Wochen erzählte der verunsicherte Blick in die Ferne mehr über die Klischees in den eigenen Köpfen als über die Gründe für den arabischen Aufruhr. Das findet auch der Berliner Büroleiter Al Jazeeras, Aktham Suliman. So seien die Ängste vor Ägyptens Muslimbrüdern und anderen Islamisten letztlich „durch mediale Darstellung“ erzeugt: Angesichts der ungewissen Entwicklungen hielten Journalisten lieber an vertrauten Vorstellungen fest – die von „Freund-Feind-Denken“ geprägte westliche Sichtweise verleihe ihnen und den Zuschauern Sicherheit.

Markus Bickel ist Politik-Redakteur der F.A.Z. Von 2005 bis 2008 arbeitete er als Nahostkorrespondent in Beirut.


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