Nahostkonflikt

Tod in Dheisheh

Die Kolleg_innen von Sajed Mizher trauern. (Foto: Anne Paq/Activestills)
Am 27. März wurde der 18jährige Sajed Mizher von der israelischen Armee getötet. Er war als Ersthelfer im Flüchtlingslager Dheisheh bei Bethlehem im Einsatz. Von Riad Othman

Als Sanitäter trug er die leuchtend orangefarbene Weste mit reflektierenden Signalstreifen, die auch die anderen Mitglieder seines Teams verwenden. Etwa eine Stunde nachdem er angeschossen wurde, musste er in einem nahegelegenen Krankenhaus für tot erklärt werden. Sajed Mizher stand kurz vor seinem Schulabschluss und hätte dieses Jahr sein tawjihi gemacht. Das entspricht dem Abitur. Laut seinen Freunden und Teamkolleg_innen freute er sich auf die Party, die sie ihm nach den Prüfungen geben würden. Sajeds Vater berichtet im Nachhinein von seiner Sorge, als der Sohn zum letzten Mal das Haus verließ.

Gegenüber seinem Vater, der ihn bat nicht zu gehen, berief sich Sajed auf den Schutz, den medizinisches Personal genieße, den ihm jene orangefarbene Signalweste hätte geben müssen, die er trug, als ihn ein israelischer Soldat tödlich verwundete. Er berief sich darauf, dass er als Ersthelfer genau dafür ausgebildet worden sei: Verletzten zu helfen, ob nach Unfällen, bei Demonstrationen oder Zusammenstößen, anderen gewaltlos beizustehen, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen protestierten, gegen ihr Dasein in den engen Verhältnissen des Flüchtlingslagers, gegen die Vorenthaltung ihrer Rechte.

Auffrischungs- und Fortbildungskurse der Krisenreaktionsteams der Palestinian Medical Relief Society, die unter anderem genau für diesen Zweck trainiert werden, finanziert übrigens auch das Auswärtige Amt. Sajid nahm im Rahmen eines medico-Projekts an solchen Auffrischungskursen teil.

Nur scheinbare Souveränität

Es ist wichtig, dieses Ereignis in den Kontext einzubetten, in den es gehört, weil in manchen Pressemeldungen davon die Rede war, dass ein Ersthelfer „bei gewaltsamen Zusammenstößen“ getötet worden sei. Ein genauerer Blick auf die Ereignisse der frühen Morgenstunden des gestrigen Tages kann dabei helfen: Laut Zeugenaussagen war die Armee gegen 3 Uhr in das Lager eingedrungen, um eine Hausdurchsuchung oder Verhaftungsaktion durchzuführen. Dies ist von israelischer Seite ein gängiges Vorgehen – unabhängig davon, in welcher Zone der Westbank sich das abspielt. Die volle palästinensische Souveränität in Sicherheitsbelangen in den A-Gebieten, zu denen auch das Flüchtlingslager Dheishe gehört, existiert nur auf dem Papier. Die israelische Armee holt sich die Leute, die sie sucht, in jeder Zone, in den A-Gebieten auch oft mit Wissen und Billigung des palästinensischen Sicherheitsapparats.

Bereits dieser erste Einfall ins Camp in den frühen Morgenstunden führte zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der israelischen Armee. Anscheinend zogen sich die bewaffneten Einsatzkräfte dann vorübergehend zurück, um gegen 6 Uhr erneut in das Lager zu kommen. Aus welchem Grund ist unklar. Allerdings ist auch das Erscheinen ohne sicherheitsrelevante Anlässe kein außergewöhnliches Vorgehen. Die israelische Armee weiß sehr gut, dass ihr Auftreten zu Konfrontationen führt. Jugendliche und junge Erwachsene schleudern dem israelischen Militär Steine, ggf. auch Molotowcocktails entgegen. Für die Jugendlichen sind die Zusammenstöße oft die einzige Möglichkeit, jene Staatsmacht zu konfrontieren und herauszufordern, die sie für ihre Lage primär verantwortlich machen. Für die Teammitglieder von PMRS ist klar, dass sie als Ersthelfer_innen verletzten Altersgenossen in so einer Situation beistehen, den Risiken zum Trotz.

Laut Sajeds Kollegen und dem palästinensischen Gesundheitsministerium wurden gestern früh beim erneuten Anrücken der Armee in Dheisheh mehrere Personen verletzt. Als Sajed zu einer von ihnen eilte, um medizinische Erstversorgung zu leisten, wurde er von der tödlichen Kugel getroffen.

Keine Ausnahmen im Ausnahmezustand

Wenn ein Ausnahmezustand wie im Westjordanland oder dem abgeriegelten Gazastreifen auf Permanenz gestellt ist, werden die Ausnahmen zur Regel. Der Fall Sajeds im Camp Dheisheh muss wohl ebenso dazu gezählt werden wie die Erschießung des 22jährigen Muhammad Habali, der am 4. Dezember 2018 in Tulkarem durch einen Schuss in den Hinterkopf starb, obwohl er für keinen der anwesenden israelischen Soldaten die geringste Gefahr darstellte.

Unsere Kolleginnen und Kollegen bei der PMRS müssen innerhalb von 10 Monaten zum zweiten Mal einen ihrer Ersthelfer betrauern. Anfang Juni 2018 hatte ein israelischer Scharfschütze die 21jährige Razan Al-Najjar durch einen Schuss in die Brust getötet, während sie im Rahmen der Proteste am Zaun zwischen Gazastreifen und Israel Demonstranten medizinisch versorgte. Sie befand sich etwa 110 Meter vom Zaun entfernt.

Der unlängst veröffentlichte Bericht der Unabhängigen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über die Geschehnisse rund um den „Großen Marsch der Rückkehr“ im Gazastreifen belegt eindrücklich, dass es sich nicht um isolierte Einzelfälle handelt. Bis Jahresende 2018 tötete die israelische Armee drei klar als medizinisches Personal kenntlich gemachte Personen mit scharfer Munition. Eines der Opfer, der 35jährige Musa Abu Hassainen, stand etwa 300 Meter vom Zaun entfernt, als er getroffen wurde. 40 weitere Personen, alle als medizinisches Personal erkennbar, wurden durch den Einsatz scharfer Munition verletzt. „Die Kommission hat Grund zu der Annahme, dass israelische Scharfschützen absichtlich auf Gesundheitspersonal schossen, obwohl sie klar als solche markiert waren“, heißt es im Abschlussbericht. Zum selben Ergebnis kommt die Untersuchungskommission hinsichtlich der beiden erschossenen und der 39 durch scharfe Munition verwundeten Journalisten im Gazastreifen. Auch sie waren klar als Presse-Vertreter_innen markiert und erkennbar.

Für die Freitagsproteste am 29. März, also am Vortag des eigentlichen Jahrestags des Protestbeginns, und für den 30. März wird mit weiteren Opfern zu rechnen sein.


Veröffentlicht am

    Kommentare (2)

    Asad Bata vor 1 Woche

    Ther is no way to peace, peace is the only way!

    Katja vor 1 Woche

    Ich habe eine Freund in Palästina. Er sagt, dass tötliche Angriffe durch israelische Soldaten alltäglich sind. Ich habe viele Videos gesehen, die das beweisen. Kinder werden ermordet auf offener Strasse. Israelis behaupten dann, dass sie sich angegriffen fühlen. Warum dringt das Geschehen nicht nach draussen? Medizinisches Personal wird oft angegriffen. Giftgas wird absichtlich in die Augen gespüht, wenn sie am Unfallort 1.Hilfe leisten oder sie werden mit Panzern überfahren. Wann hört endlich dieser Völkermord auf? Europa muss was tun. Ich macht das was ich gesehen habe wütend und traurig zu gleich. Ich habe jeden Tag angst, dass meinem Freund etwas passiert.

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