Interview

Solidarische Nothilfe

FemFund unterstützt feministische, queere und antirassistische Initiativen in Polen und der Ukraine. Wir haben mit Gosia Leszko über die Besonderheit ihrer Hilfe gesprochen.

medico: Was bedeutet es, in Polen Feministin zu sein? In welcher Situation und in welchem Zustand befindet sich die feministische Bewegung in Polen?

Gosia Leszko: FemFund wurde 2018 im Kontext des massiven Widerstands gegen Frauenrechte gegründet. Aber für uns bedeutet Feminismus mehr als nur Frauenrechte. Wir verstehen Feminismus systemischer, als eine radikale Veränderung von Macht- und Herrschaftssystemen. Für uns ist Feminismus eine grundlegende Perspektive, mit der wir den nötigen und überfälligen sozialen Wandel betrachten. Unserer Ansicht nach ist die feministische Bewegung darin mit anderen sozialen Bewegungen verbunden – mit Queer-, Geflüchteten-, Umweltgerechtigkeits-, Arbeiter:innen-, Anarchist:innen- und Umweltbewegungen – die alle intersektionale Ansätze verfolgen.

Wir erkennen an, dass es je nach ihren Erfahrungen und Positionierungen viele verschiedene Realitäten gibt, mit denen Feminist:innen konfrontiert werden, daher legen wir sowohl Wert auf die Autonomie der Gruppen und Projekte wie auf gegenseitige Solidarität. Wir unterstützen unter anderem Frauen in ländlichen Gebieten, Frauen mit Behinderungen und andere Gruppen, die nicht unbedingt als Teil der feministischen Bewegung angesehen und oft vergessen werden. Feminist:in zu sein bedeutet für uns, eine treibende Kraft für Veränderungen zu sein, die sich einerseits der autoritären Regierung, Gesetze und Tendenzen in der Gesellschaft widersetzt. Und die andererseits etwas Neues vorschlägt, neue Arbeitsweisen etabliert, die auf Vertrauen und Beziehungen, nicht-hierarchischen Strukturen und kollektiven Entscheidungen basieren.

Seit vielen Jahren stehen feministische Aktivist:innen buchstäblich in der ersten Reihe, wenn es darum geht, auf Krisen zu reagieren – vom Anstieg des Autoritarismus, den Angriffen auf queere Communities, der Verschlechterung des Zugangs zu Abtreibung, dem Abbau öffentlicher Dienstleistungen bis hin zur unmenschlichen Behandlung von Geflüchteten, die an der Grenze zu Weißrussland von Pushbacks betroffen sind, und natürlich dem Einmarsch Russlands in der Ukraine. Aber eigentlich sind das keine Krisen, sondern so funktioniert der Kapitalismus.

Wir hatten es mit großen Protesten zu tun und mit der Krise an der Grenze zu Weißrussland, wo viele Aktivist:innen monatelang vor Ort waren, um humanitäre Hilfe für die Menschen zu leisten, die im Wald festsaßen und kein Asyl beantragen konnten. Die Art und Weise, wie wir auf Krisen reagieren, dass wir eingreifen, wenn die Regierung versagt, entzieht uns allerdings die Ressourcen für die Arbeit an einem systemischen Wandel. Wir versuchen, Geflüchtete mit Nahrungsmitteln zu versorgen, weil die Regierung es nicht tut. Wie sollen wir aus dieser Situation heraus auf einen Systemwandel drängen? Uns fehlt die Energie und viele feministische Aktivist:innen sind ausgebrannt.

In der Zwischenzeit verfestigen Politiker:innen und rechte Organisationen ihr System der Unterdrückung. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unmittelbar arbeiten und helfen können, ohne dabei die langfristigen Ziele aus den Augen zu verlieren, die wir erreichen wollen. Es ist einfach nicht genug, nur Schritt für Schritt die vielfältigen Brände zu löschen.

Warum habt ihr FemFund gegründet? Könnt ihr uns mehr über eure Gründungsgeschichte erzählen?

FemFund wurde ursprünglich von drei feministischen Aktivistinnen gegründet. Die Massenproteste Ende 2016 und weitere daraus folgende Proteste rund um die Rechte der Frauen, waren Auslöser für die Gründung. In Polen wurde die enorme Mobilisierung zur Verteidigung der reproduktiven Rechte jahrelang nicht ernst genommen. Sie wurde von informellen Gruppen und ganz gewöhnlichen Menschen angeführt, die nicht unbedingt Teil einer Bewegung sind und sich nicht als Aktivist:innen bezeichnen würden.

Im herkömmlichen System der Finanzierungsmöglichkeiten waren diese Mobilisierungen nicht unterstützbar. Da es insgesamt nicht viel Geld für feministische Organisationen gibt, stehen diese zudem unter dem Druck, ihre Prioritäten zu verschieben oder Abstriche zu machen, um Finanzmittel zu erhalten und ihre Rechnungen bezahlen zu können. Initiativen für einen feministischen und generellen fortschrittlichen sozialen Wandel, der das System auch in Frage stellt, stehen vor noch größeren Hindernissen.

FemFund will den Bewegungen ihre Strategien und Prioritäten nicht vorgeben und versucht daher, flexiblere Finanzierungsmöglichkeiten für kompromisslos feministische Anliegen anzubieten. Dabei bemühen wir uns, Ressourcen für Mitglieder der Bewegung bereitzustellen, die weniger wahrgenommen und repräsentiert werden.

Warum leistet ihr humanitäre Hilfe aus einer, wie ihr sagt, eindeutig, feministischen Perspektive? Warum nicht – wie viele kritische Organisationen – "nur" aus einer Menschenrechtsperspektive?

Wir betrachten feministische Perspektiven als Teil der Menschenrechtsperspektive. Menschenrechte sind auch Frauenrechte und Rechte für queere Menschen. Frauen und LGBTIQ-Personen sind sehr stark von Kriegen, allen Arten von humanitären Krisen und mangelnder sozialer Gerechtigkeit betroffen. Aber ihre Situation wird nicht berücksichtigt, weil führende Politiker:innen in der Regel Männer sind. Obwohl Frauen die ganze Arbeit im Hintergrund machen, werden ihre Stimmen und Perspektiven nicht wirklich gehört.

Eine feministische Perspektive im Kontext von Krieg einzunehmen, bedeutet für uns anzuerkennen, dass Frauen und Queers diesen Krieg nicht begonnen haben, aber diejenigen sind, die von physischer und sexueller Gewalt betroffen sind. Es bedeutet aber auch, die Führungsrolle und Handlungsfähigkeit von Frauen anzuerkennen, also wer die Arbeit macht. In der Ukraine versuchen Frauen, das Leben zu bewahren, in Polen mobilisieren sie die sehr aktive ukrainische Diaspora. Sie sind diejenigen, die die meiste Arbeit leisten, auch wenn sie vom System nicht anerkannt werden.

Aber natürlich zielen wir mit unserem Feminismus nicht nur darauf, dass Menschenrechte innerhalb des derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Systems anerkannt werden. Wir glauben einfach nicht, dass dies in einer patriarchalischen und kapitalistischen Gesellschaft, die auf Ungleichheiten aufgebaut ist, wirklich möglich ist. Während wir für Verbesserungen und die Rechte von Frauen kämpfen, müssen wir uns für einen umfassenderen feministischen Ansatz stark machen, der soziale Gerechtigkeit für alle Menschen und Lebewesen in den Mittelpunkt stellt.

Nach unseren Erfahrungen als NGO ist Hilfe auch immer gekoppelt an Fragen der Macht – wie versteht ihr eure Hilfe und wie definiert ihr Solidarität?

Für uns ist die wichtigste Frage, wer über die Bedürfnisse und Prioritäten der Hilfe entscheidet. Wir versuchen Organisationen zu unterstützen, die von Migrant:innen oder Geflüchteten geleitet werden. Und wenn sie nicht von Geflüchteten geleitet werden, sollten sie zumindest an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein und die Arbeit mit Geflüchteten sollte auf einer partnerschaftlichen Basis organisiert sein. Für uns ist es von großer Bedeutung, wer und was die Prioritäten für Hilfe bestimmt. Wir sind da sehr vorsichtig. Zu Beginn der Ukraine-Unterstützung haben wir beispielsweise große Zuschüsse an Organisationen vergeben, die mit Migrant:innen arbeiten und eine menschenrechtliche und feministische Perspektive haben, oder an Organisationen, die ursprünglich nicht mit Geflüchteten gearbeitet haben, aber durch ihre anti-rassistische, anti-ableistische und queere Grundhaltung diese Arbeit übernommen haben.

Jetzt sehen wir, dass neue Initiativen entstehen, weil einige der Geflüchteten schon länger hier sind. Sie engagieren sich selbst und sind oft federführend bei den Protesten und Aktivitäten dabei. Unserer Meinung nach müssen Geflüchtete in Entscheidungsfindungsprozessen zum Thema Integration als auch bei direkten Unterstützungsmaßnahmen einbezogen werden und als diejenigen anerkannt werden, die sich innerhalb ihrer Community solidarisch zeigen. Deshalb freuen wir uns darauf, nicht nur größere NGOs, sondern auch kleine Gruppen und kleinere selbstorganisierte Kollektive zu unterstützen. Wir versuchen, der Handlungsfähigkeit dieser Kollektive Rechnung zu tragen, die aus vielen Gründen nicht institutionalisiert sind oder es nicht sein wollen, deswegen aber nicht in der Lage sind, große Summen anzunehmen.

Einer unserer Partner hat das Finanzierungssystem der NGOs mit einer Oligarchie verglichen: Die Reichen bekommen Förderung und werden immer reicher, während die Marginalisierten dazu keinen Zugang haben und immer ärmer werden. Wir müssen also sehr genau darauf achten, wie die Mittel verteilt werden, um dieses Szenario zu vermeiden. Darüber hinaus sollten wir auch darauf achten, wie sich große Summen für humanitäre Hilfe langfristig auf aktivistische Gemeinschaften auswirken. Wenn Organisationen wachsen, brauchen sie ein größeres Team, sprich Mitarbeiter:innen. Verständlicherweise stellen sie Aktivist:innen ein, die somit Teil des Systems von Nichtregierungsorganisationen werden. Dies kann zwar als etwas Positives angesehen werden, da es Bewegungen und NGOs miteinander verbindet, aber inwieweit verändert es die Kapazität und Herangehensweise dieser Aktivist:innen, in politischer Arbeit weiterhin einen radikaleren Wandel herbeiführen zu wollen?

Könnt ihr beschreiben, wie ihr zu euren Kooperationspartner:innen kommt und wie ihr entscheidet, in welcher Form ihr Unterstützung leistet?

Unsere Herangehensweise bei den Ukraine-Projekten unterscheidet sich ein wenig von unserer üblichen Arbeitsweise. Im Wesentlichen sind wir und arbeiten wir als ein partizipativer Fund, das heißt unsere Unterstützer:innen selbst sind einbezogen in die Entscheidungen über Finanzierungen. Leider war schnell klar, dass die partizipative Vergabe von Zuschüssen im Fall der Ukraine so kurzfristig nicht funktionieren würde, weil es zu viel Zeit und Energie kostet und so wurden die Entscheidungen von unserem internen Team getroffen. Wir versuchen dabei, sehr behutsam zu sein und das zu reflektieren: Wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen, ist Macht nicht unbedingt etwas Schlechtes – es kommt darauf an, wie man sie einsetzt.

Der wichtigste Ankerpunkt für uns ist, dass FemFund ein Teil der Bewegung ist. Wir positionieren uns nicht als eine Organisation, die außerhalb, neutral, objektiv über der Bewegung steht, sondern als Teil von ihr. Wir selbst sind feministische Aktivist:innen. Wir haben also Beziehungen zu Gruppen, wir kennen Aktivist:innen und Akteur:innen in der feministischen Szene. So konnten wir die Bedürfnisse schnell erkennen und unsere Entscheidungen treffen.

Der zweite Teil unseres Zugangs ist, dass wir weder eine eigene Agenda noch die Last von Papierarbeit mitbringen. Wir fragen lieber, was unsere Partner:innen brauchen und helfen dann. Bei unserer Reaktion auf den Krieg gibt es nicht einmal eine Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen, wir treffen uns einfach mit den Organisationen, führen ein Gespräch und prüfen dann die erhaltenen Informationen. Wir bieten flexible Zuschüsse an, weil das gerade notwendig ist. Wir fragen nicht nach bestimmten Budgetposten, das Budget ist Teil des Berichts. Anstatt ein Budget im Förderantrag anzugeben, fragen wir sie erst im Nachhinein danach, wenn sich die unmittelbaren Fragen klären konnten.

Erwähnenswert ist auch, dass wir neben den Zuschüssen für die Unterstützung von Geflüchteten nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine auch begonnen haben, mit sogenannten Rapid Response Grants zu arbeiten. Sie sind Teil unserer regulären Zuschussoptionen und stehen das ganze Jahr über im Rahmen einer offenen Ausschreibung zur Verfügung. Sie sind sehr klein, für NGOs und informelle Kollektive, wobei die Entscheidung über die Gewährung des Zuschusses nur ein paar Tage dauert. Sie waren bereits Teil der FemFund-Strategie für mehr als ein Jahr. Es war irgendwie logisch, sie auch für die Ukraine an zu wenden. Wir haben uns dafür in mehreren Sprachen (Ukrainisch, Russisch und Englisch) an verschiedene Kollektive gewandt, damit sie von dieser Möglichkeit erfahren. Auf diese Weise konnten wir vielen Gruppen eine kleine Finanzierung ermöglichen.

Könnt ihr euer Verständnis von Intersektionalität und Solidarität näher erläutern?

Es ist wichtig zu sehen, dass es in Polen nicht viele feministische Geldgeber:innen gibt. Im Moment fließen viele Hilfs- und Unterstützungsgelder, aber es gibt nicht viele Finanzierungen, die eine feministische Perspektive oder einen Fokus auf Gender haben. Wir versuchen, Gruppen zu unterstützen, die von Frauen oder trans- und nicht-binären Menschen geleitet werden und sich als feministisch verstehen. Zum Beispiel Feminoteka, eine der größten Organisationen in Polen, die sich für Frauenrechte einsetzt. Diese Organisation war eine der ersten, die auf Fälle von sexuellem Missbrauch und Gewalt gegen Flüchtlinge reagiert hat. Vor allem an der Grenze. Obwohl es sich um eine große Organisation handelt, fehlt es ihr immer an finanziellen Mitteln.

Ein weiteres Beispiel ist Nomada, die Geflüchtete unterstützt und eng mit anderen sozialen Bewegungen und queeren Organisationen verbunden ist. Nomada arbeitet auch mit Rom:nja-Gemeinschaften zusammen, die mit einem unsäglichen Ausmaß an Gewalt und Diskriminierung seitens der Behörden, aber auch von anderen Aktivist:innen und Freiwilligen zu kämpfen haben – das ist erschütternd. Deshalb unterstützen wir auch eine polnisch-rumänisch-ukrainische Gruppe, die mit einer von Rom:nja geführten Organisation, dem "Center Towards Dialogue" zusammenarbeitet.

Außerdem haben wir Alliance for Black Justice finanziert, ein Kollektiv, das sich auf People of Color konzentriert. Die Diskriminierung von nicht-ukrainischen Staatsangehörigen ist besonders hart, da sie viele Dimensionen hat – zum einen gibt es leider ein hohes Maß an Rassismus an den Grenzen in Polen und der Ukraine, zum anderen gibt es rechtliche Diskriminierung durch das polnische Gesetz, das Menschen mit und ohne ukrainische Staatsangehörigkeit beim Zugang zu Unterstützung und Hilfe unterscheidet.

Zu der Frage unseres solidarischen und intersektionalen Ansatzes: Wir denken gut darüber nach, welche Gruppen keine Mittel aus anderen Quellen erhalten würden. Wir wollen ihnen Stabilität und Sicherheit für ihre Arbeit bieten. Dabei steht für uns kontinuierliches Wachstum und Nachhaltigkeit anstelle eines explosiven Anwachsens im Vordergrund.

Eine weitere Partnerorganisation ist RegenerAkcja, die sich darauf konzentriert, Aktivist:innen dabei zu helfen, ausgeglichener zu arbeiten, Burnout zu verhindern und eine regenerative Kultur rund um den Aktivismus zu schaffen, was wir ebenfalls als einen Schlüsselaspekt unserer Finanzierung betrachten. Mit dem Geld und den Krisen kommt auch die Arbeit, und das führt sehr schnell zu Burnouts. Das haben wir schon ein paar Wochen nach Beginn der Invasion gesehen, da waren schon einige Leute ausgebrannt. Einige von ihnen waren zum Beispiel an der Grenze zu Weißrussland, und das ununterbrochen über viele Monate. Sie waren psychisch wirklich erschöpft.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen mit Burnout, die vorher nicht einmal Aktivist:innen waren, dann aber über Nacht zu Vollzeit-Freiwilligen wurden, zum Beispiel viele Mitglieder der ukrainischen Diaspora in Polen. Nachdem sie viele Stunden an ihrem täglichen Arbeitsplatz gearbeitet hatten, halfen sie abends am Bus- und Bahnbahnhof. Da sie nicht mit aktivistischen Bewegungen verbunden und vernetzt sind, haben viele von ihnen nicht einmal Zugang zu Wissen über Burnout im Aktivismus. Jetzt spüren sie die psychologischen Auswirkungen des Umgangs mit dem Trauma. Wir überlegen, wie wir als Bewegung diese Menschen so unterstützen können, dass sie ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden erhalten können.

In euren Texten erklärt ihr aus einer feministischen Perspektive, warum ihr gegen den Krieg in der Ukraine seid und schreibt, dass er eine Manifestation des Patriarchats und systemischer Unterdrückung ist. Könnt ihr diesen Zusammenhang etwas näher erläutern?

Wenn man sich die Mechanismen ansieht, mit denen Frauen bei geschlechtsspezifischer Gewalt konfrontiert sind und man sich die systemische Ebene ansieht, wie Krieg funktioniert, ist es eigentlich sehr ähnlich. Es geht um Kontrolle, physische und symbolische Gewalt auf individueller sowie gesellschaftlicher Ebene und um die Einschränkung fundamentaler Menschenrechte. Aber es geht auch darum, welche Prioritäten wir setzen, wie wir die Ziele für ein Leben in einer gesunden und gerechten Gesellschaft definieren.

Krieg ist ein Machtkampf um Ressourcen. In einer feministischen Gesellschaft betrachten wir Ressourcen als etwas, das gerecht geteilt und kollektiv verwaltet wird und nicht von der einen oder anderen Seite gewonnen werden sollte. Krieg ist nicht nur mit dem Patriarchat verbunden, sondern auch mit dem Kapitalismus, denn es ist ein Krieg um Ressourcen.

Als Feminist:innen sind wir gegen den Krieg, das ist für uns ganz klar, und wir sind zutiefst davon überzeugt, dass es viel notwendiger ist, Leben zu erhalten als Waffen zu finanzieren, die den Tod bringen. Wir hören aber auch sehr genau die Stimmen unserer ukrainischen Kolleg:innen und Feminist:innen, die sagen, dass das unter westlichen Feminist:innen weit verbreitete Anti-Kriegs-Narrativ der Sache der ukrainischen Frauen schaden kann und das Problem zu sehr vereinfacht. Für sie sind die ukrainischen Soldat:innen und Milizen keine Aggressoren, sondern Verteidiger:innen. Wir dürfen diese Perspektive nicht aus den Augen verlieren.

Auch wenn FemFund finanziell keine militärischen Dinge unterstützt, müssen wir anerkennen, dass es ein Privileg ist, aus der Sicherheit unserer Häuser heraus zu entscheiden, was wir für richtig und falsch halten, während in der Ukraine der Krieg tobt. Können wir die Leben von Menschen ohne Waffen verteidigen? Bei allen Widersprüchen sind wir der Meinung, dass die Menschen in der Lage sein sollten, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen. Und die ukrainischen Frauen und Feminist:innen müssen in dieser Hinsicht besser angehört werden.

Eure Arbeit stößt in Polen auch auf Widerspruch seitens der Regierung. Wart ihr auf Grund eurer Arbeit bisher mit Repressalien konfrontiert?

Bis jetzt ist FemFund ziemlich sicher. Wir laufen immer noch ein bisschen unter dem Radar der Regierung. Es gab einige Ermittlungsverfahren, als wir gegen die Situation an der Grenze zu Belarus protestierten. Wir waren die Organisator:innen von Demonstrationen und es wurde offiziell gegen uns ermittelt, weil wir während der Pandemie angeblich gegen die Corona-Vorschriften verstoßen hätten.

Auf individueller Ebene sind wir als Aktivist:innen einigen geringfügigen Repressionen ausgesetzt, zum Beispiel müssen wir Bußgelder wegen Protesten während des Lockdowns zahlen. Das ist eher ärgerlich als wirklich bedrohlich. Als FemFund sind wir bisher noch nicht verfolgt worden. Aber die Regierung versucht, die Kontrolle über Mittel, die nicht aus Polen kommen, zu verschärfen. Es gibt Versuche die Finanzierung aus dem Ausland juristisch einzuschränken. Es wurde ein ähnliches Gesetz wie in Russland und Ungarn eingeführt, das eine Organisation, die Geld aus dem Ausland erhält, als ausländische:n Akteur:in markiert und abstempelt. Das könnte Folgen für uns haben.

Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass nur weil wir als Fund noch nicht mit Verfolgung konfrontiert waren, dies nicht auf viele unserer Partner:innen und Aktivist:innen zutrifft. Viele von ihnen werden aufgrund ihres Aktivismus belästigt, bedroht oder verfolgt. Wir versuchen, füreinander da zu sein – wir wissen, dass Solidarität alles bedeutet und stärker ist als Unterdrückung.

Interview: Kerem Schamberger, Übersetzung: Rebeca Renz

Initiativen, die von FemFund unterstützt werden:

Alliance for Black Justice – ein Kollektiv Schwarzer und antirassistischer Aktivist:innen, das sich auf unmittelbare Unterstützung (Lebensmittel, Unterkunft, finanzielle Hilfe) für Geflüchtete of color und  Geflüchtete mit nicht-ukrainischer Staatsangehörigkeit konzentriert. Es bietet psychologische Unterstützung an, um Traumata zu lindern, die durch die rassistische Behandlung zusätzlich verstärkt werden. Es unterstützt auch bei formellen Angelegenheiten bezüglich des legalen Status von Geflüchteten in Polen, hilft bei der Arbeitssuche, bei der Vermittlung von Wohnraum und bei der Fortsetzung der Ausbildung.

Mudita Association – vor der Invasion arbeitete die Organisation hauptsächlich mit Müttern von Kindern mit Behinderungen. Seit Februar organisiert Mudita die Evakuierung, medizinische Hilfe und humanitäre Unterstützung für Menschen mit Behinderungen, die aus der Ukraine nach Polen fliehen. Es betreibt ein barrierefreies Übergangswohnheim, da viele Aufnahmestellen und Privatunterkünfte nicht den Mindestanforderungen an Barrierefreiheit entsprechen. Mudita unterstützt außerdem Familien mit behinderten Familienmitgliedern beim Zugang zu medizinischer Versorgung und Ausstattung und hilft Geflüchteten, sich in den komplizierten und überlasteten Sozialleistungssystemen für Menschen mit Behinderungen in Polen zurechtzufinden.

Roma-Poland-Ukraine & Foundation Towards the Dialogue – ein Zusammenschluss von Rom:nja-Aktivist:innen und Verbündeten, der auf die Bedürfnisse der aus der Ukraine geflohenen Rom:nja-Community eingeht. Aufgrund der weit verbreiteten Rom:njafeindlichkeit haben viele Geflüchtete Diskriminierung, Gewalt und mangelnde Unterstützung sowohl durch die staatlichen Institutionen als auch durch Aktivist:innen und Freiwillige erfahren. Die Gruppe leistet Soforthilfe (Lebensmittel, Medikamente, Transportmittel usw.) für Rom:nja, betreibt eine Notunterkunft für Geflüchtete mit Rom:nja-Herkunft und unterstützt sie bei ihren Integrationsbemühungen (Arbeitssuche, Bildung, Rechtsfragen).

Feminoteka – eine der größten feministischen Organisationen in Polen, die sich vor allem auf den Kampf gegen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt konzentriert. Seit Beginn der Invasion hat Feminoteka eine ganzheitliche Strategie für Opfer und Überlebende von Kriegstraumata sowie für Geflüchtete, die geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt erfahren haben, entwickelt. Dazu gehören nicht nur Interventionsmaßnahmen, rechtliche und psychologische Beratung, sondern auch soziale Dienste und Entspannungsaktivitäten, zum Beispiel Yoga für Überlebende von Gewalt.

Seit Beginn des russischen Angriffs engagiert sich FemFund von Polen aus zusammen mit kleineren Organisationen mit medico-Unterstützung für den Schutz und die Rechte von Frauen und Mädchen, Trans-Personen, BIPOC, Menschen mit Behinderungen und marginalisierte Gruppen in der Ukraine, die mit Nothilfemaßnahmen unterstützt werden. In Polen werden Flüchtende versorgt, psychosoziale und rechtliche Hilfe bereitgestellt und den Menschen langfristig ein Ankommen in Polen ermöglicht.

Veröffentlicht am 25. Mai 2022

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