(Re)Construction of the World

Noch einmal von der Revolution sprechen

Wer bemerkt, wie die Welt zerbricht, ist aufgerufen, sie neu zu bauen. Vom Gebrauchswert der Konferenz, zu der wir Sie und Euch einladen.

Von Thomas Rudhof-Seibert

Wer jeden Morgen neu ums Überleben kämpfen muss, hat oft nicht einmal die Zeit, meist auch nicht die Gelegenheit, vom eigenen Elend auch nur zu reden. Wer für das Elend in der Welt und für das der Welt selbst verantwortlich ist, muss beides verbergen: das Elend und die eigene Verantwortung. Er oder sie wird das immer mit der Lüge, notfalls mit Gewalt versuchen. Deshalb ist ihm oder ihr nicht zu trauen. Anders steht es um die, die den Elenden zu helfen versuchen, die ihnen zur Seite stehen, sie in ihrer Gegenwehr und Selbstbehauptung unterstützen wollen. Die zur Hilfe Bereiten und Entschlossenen müssen das Elend benennen, müssen versuchen, es zu verstehen, müssen es erklären können. Dabei dürfen sie beim Elend nicht stehenbleiben. Um andere, um Sie und euch auf ihre und auf die Seite der Elenden zu bringen, muss die Hilfe auch von der Welt sprechen, die besser wäre als die bestehende. Deshalb muss die Hilfe sich und anderen Rechenschaft über die eigenen Erfahrungen und das eigene Tun geben, und deshalb muss sie Zeugnis ablegen vom Möglichen und Besseren. Sie muss das auch um ihrer selbst willen tun: denn das Elend ist nicht bloß das der Anderen, es ist immer auch das eigene Elend.

Die Welt bewohnbar machen

Darum soll es auf dieser Konferenz gehen. Darum wollen wir unsere Erfahrungen politisch zur Diskussion stellen, und darum kann es dabei nicht nur um die Krise, sondern muss es stets auch um deren Lösung gehen: zumindest um Versuche einer Lösung. Deshalb machen wir eine Konferenz nicht nur zur miserablen Lage der Welt, sondern auch und vor allem zu den Möglichkeiten ihrer (Re-)Konstruktion. Das (Re-) haben wir in Klammern gesetzt, weil wir wissen, dass die Welt noch nie das war, was sie werden kann und werden soll: der Ort, den zu bewohnen sich endlich lohnen wird, für uns alle. In der Erfahrung der Hilfe zeigt sich das vielleicht nirgends eindringlicher als in Haiti und in Moria: zwei Inseln, die heute schon kaum noch bewohnbar sind, in denen von einem Wohnen eigentlich gar nicht mehr gesprochen werden kann. Deshalb fangen wir mit diesen Erfahrungen an.

Aus den Versuchen der Hilfe, solche Erfahrungen der Unbewohnbarkeit der Welt aufzulösen, wissen wir immerhin, dass sie global sein müssen, dass sie Lösungsversuche für ausnahmslos alle sein müssen, wenn sie gerecht und deshalb tragfähig sein sollen. Und die erste Frage, die von uns allen zu beantworten ist, ist die Frage nach den Möglichkeiten, eine Politik zu beenden, die das Ende von Politik bedeutet, weil sie die Bearbeitung der globalen Probleme aufgibt und Hilfe als Müllabfuhr für die globalen Verwüstungen des Kapitalismus instrumentalisiert. Politik soll wieder das werden, was sie in ihren großen historischen Augenblicken war: ein Streit der Vielen, in dem Freiheit und Gleichheit zu den Bedingungen werden, unter denen allein die Welt der Ort werden kann, den alle bewohnen können.

Im Angesicht des unabweislichen Elends unserer Zeit bedeutet das einerseits, diese Welt noch immer als kapitalistische Welt begreifen zu müssen. Kapitalismus aber war immer schon mehr und anderes als nur das gesellschaftliche Verhältnis, in dem Kapital und Arbeit sich selbst reproduzieren. Er war immer schon ein kolonial begründeter Kapitalismus der ökologischen Verwüstung. Er ist heute deshalb ein immer schon postkolonialer Kapitalismus. Und: Er war immer schon ein Kapitalismus des Patriarchats. Deshalb versucht diese Konferenz, diesen Kapitalismus als das Weltsystem zu verstehen, das letzten Endes überwunden werden muss, hier und überall auf der Welt.

Noch einmal von der Revolution sprechen

Angesichts der uns aufgegebenen Überwindung des Elends heißt das andererseits, noch einmal von der Revolution sprechen zu müssen. Diese Revolution kann heute allerdings nicht mehr als ein Sprung in eine lichte Zukunft gedacht werden. Sie muss stattdessen als Versuch, als die Vielzahl aller Versuche verstanden werden, die vom postkolonialen und patriarchalen Kapitalismus an den Rand ihrer ökologischen und sozialen Zerstörung gebrachte Welt zu reparieren, um sie wieder bewohnbar zu machen. Die Welt reparieren zu wollen heißt dabei zunächst einmal, für ihre Zerstörungen Reparationen leisten zu müssen, Reparationen im wortwörtlichen Sinn. Dabei handelt es sich um Reparationen, die der globale Norden dem globalen Süden zu leisten hat. Mit ihrer Erstattung erst wird beginnen, was wir auf dieser Konferenz als Revolution, als (Re-)Konstruktion der Welt zu denken versuchen. Als Versuch, zugleich den globalen Süden wie den globalen Norden so zu verändern, dass diese beiden Weltregionen, getrennt und verbunden in der Beherrschung, der Ausbeutung und der Missachtung des globalen Südens durch den globalen Norden, zu einer einzigen, zu der einen Welt zusammenfinden. Zu der Welt, die wir alle frei und gleich bewohnen können. Es wird dies, wie schon im dreifachen Beginn der modernen Revolutionen in Amerika (1776), in Frankreich (1789) und in Haiti (1791), eine Revolution des Menschenrechts sein, also eine Revolution, in der wir uns gegenseitig unsere Menschenrechte erklären. Die (Re-)Konstruktion der Welt wird deshalb eine (Re-)Konstruktion des Menschenrechts sein.

Die Diskussion der in der Hilfe gesammelten Welterfahrung spürt deren Anfänge in den Politiken der Autonomie und der Solidarität auf, die in den globalen Protesten für Klimagerechtigkeit, den transnationalen feministischen und antirassistischen Bewegungen, den lokalen Aufständen für Demokratie und ein würdiges Leben aufscheinen. In diesen Politiken meldet sich heute schon zurück, was wir hier als „Politik“ im eigentlichen Sinn bezeichnen, als den Streit der Vielen für Gleichheit und Freiheit. Aus ihm heraus und von ihm her will unsere Konferenz das Verhältnis von Hilfe, Solidarität und Politik aus dem Versprechen bestimmen, das wir uns in der Erklärung der Menschenrechte selbst gegeben haben: Das Versprechen einer globalen und sozialen Ordnung, in der die uns allen zuerkannten Rechte voll verwirklicht wären.

Weil es uns damit ernst ist, werden wir das Verhältnis des Elends der Welt zur Möglichkeit seiner Überwindung als ein problematisches Verhältnis diskutieren, das heißt als ein Verhältnis, das wir heute eben noch nicht verstehen, das wir noch nicht aufzulösen wissen. Noch ist die koloniale, die patriarchale, die kapitalistische Verwüstung der Welt übermächtig, mächtiger als alle Versuch ihrer Reparatur und (Re-)Konstruktion. Noch können wir nicht wissen, ob diese Verwüstung uns nicht in den Untergang reißen wird. In diesem Sinn kommen der ökologischen Krise und den Politiken ihrer Überwindung in der Vielzahl der Krisen ein Vorrang zu: ein Vorrang, der uns lehrt, dass die Zeit, die uns zur Reparatur und (Re-)Konstruktion der Welt bleibt, eine befristete Zeit ist.

Veröffentlicht am 19. Januar 2021
Thomas Rudhof-Seibert

Autor Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert ist in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de

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