Gaza

Müll und Scheisse

Ohne Strom ist das ohnehin mühsame Leben im Gazastreifen noch schwerer. (Foto: REUTERS/Mohammed Salem)
Die permanente Energiekrise und ihre Folgen. Von Riad Othman

Seit Jahren leidet die Bevölkerung des Gazastreifens unter einer schwerwiegenden Energiekrise. Die Stromversorgung schwankt zwischen vier und sechs Stunden täglich. Zu seinen Glanzzeiten konnte das Elektrizitätswerk von Gaza der Einwohnerschaft acht, manchmal gar zehn Stunden Strom am Tag liefern, allerdings auch dies nur in Kombination mit Stromimporten aus Israel und Ägypten. Nicht zum ersten Mal wurde das E-Werk während des Krieges im Sommer 2014 schwerstens beschädigt. Die Stromversorgung brach zusammen und wurde bis auf den heutigen Tag nicht wieder im alten Umfang hergestellt, obwohl das Kraftwerk repariert worden ist. Dies liegt daran, dass der Betrieb völlig von Treibstofflieferungen abhängt, die primär aus Israel, zu einem geringeren Teil aus Ägypten importiert werden müssen. Ägypten aber beteiligt sich aktiv an der Blockadepolitik.

Die israelische Regierung drosselt regelmäßig ihre Lieferungen oder stellt sie im Rahmen von Strafmaßnahmen gegen die Hamas immer wieder vollständig ein. Seit 2017 hat sich auch die palästinensische Autonomiebehörde (PA) in Ramallah dieser Boykott-Strategie angeschlossen. PA-Chef Mahmoud Abbas bat Israel, die Treibstofflieferungen zu reduzieren, um die Hamas auf Einheitskurs zu bringen. Diese Maßnahmen sind völkerrechtswidrige Formen von Kollektivbestrafung mit desaströsen Folgen. Das Leben wird noch teurer. Alternative Energiequellen müssen gefunden werden. Das fängt bei der Beleuchtung zum Lesen oder Schulaufgaben machen an und setzt sich über die Aufladung elektronischer Geräte fort. Waschmaschinen kosten zu viel Strom. Die Frauen waschen mit der Hand, weil die Spannung nicht ausreicht. Lebensmittel müssen in kleinen und damit teuren Portionen gekauft werden, weil sie nicht zuverlässig gekühlt werden können. Kochen ist unweigerlich mit der Jagd nach der nächsten Gasflasche verbunden.

Die Treibstoffknappheit hat auch für große Einrichtungen drastische Folgen. Anfang August 2018 warnten die Vereinten Nationen beispielsweise, dass 40 der 132 Wasser- und Abwasseranlagen nur noch Treibstoff für 1-2 Tage hätten und 1,2 Mio. Menschen akut von Überschwemmungen durch Abwässer bedroht seien. Um die Überflutung von Wohngegenden zu vermeiden, hat die Stadtverwaltung von Gaza täglich über 10.000 Kubikmeter Abwasser in eine Sturmwasserlagune im Norden der Stadt gepumpt. Nun sind die Anrainer dort dem erhöhten Flutrisiko ausgesetzt. Das Hauptklärwerk von Gaza musste seinen Betrieb stark reduzieren und auch die Müllabfuhr funktioniert nicht mehr richtig. Derzeit türmen sich etwa 15.000 Tonnen Müll in Gazas Straßen.


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 3/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


Veröffentlicht am

Kommentare (0)

Bisher keine Kommentare.

Neuen Kommentar schreiben

Mehr zum Thema

Virtuell frei
Die Jugend in Gaza kann nur im Netz die Grenzen überwinden. Ein Gespräch mit den palästinensischen Menschenrechtlern Issam Younis und Mahmoud Aburahma. Weiterlesen

Stunde der Wahrheit in Khan al-Ahmar
Manchmal ist das letzte Wort am letzten Verhandlungstag nicht gesprochen. Von Hagai El-Ad Weiterlesen

Gaza und die Folgen
Die Debatte um den Einsatz der israelischen Armee gegen palästinensische Demonstranten. Von Riad Othman Weiterlesen

Jetzt spenden!

 

Wir verwenden Cookies zur Bereitstellung und Verbesserung unserer Website. Weitere Informationen.