Afghanistan

Erinnern und dokumentieren

In Kabul wurde ein Museum für die Opfer von Krieg und Gewalt eröffnet. Es beruht auf der Erinnerungsarbeit von AHRDO. Die medico-Partnerorganisation hat auch eine vielbeachtete Studie zur Gewalterfahrung Abgeschobener veröffentlicht.

Von Thomas Rudhof-Seibert

Die Afghanistan Human Rights and Democracy Organisation (AHRDO) wurde 2009 von jungen Menschen gegründet, die im Exil aufgewachsen waren und sich nach dem Sturz der Taliban in Kabul eine neue Existenz schaffen wollten. Zuerst arbeiteten sie bei internationalen Hilfswerken, wurden aber bald unzufrieden mit deren ideenlos routiniertem Vor-sich-hinwursteln. Die Gründer*innen von AHRDO wollten mehr – sie wollten den Namen, den sie ihrer Organisation gegeben hatten, wirklich mit Leben füllen: fürs Menschenrecht und für Demokratie streiten. Politisch richteten sie ihre Arbeit deshalb auf die Menschen aus, die in Afghanistan auf den letzten Platz verwiesen sind: Kriegsversehrte und Kriegswitwen. Sie sollten über AHRDO zu einer Gemeinsamkeit finden, die die ethnischen, die religiösen und die Unterschiede der jeweils eigenen Erfahrungen überbrücken könnte.

Heute hat AHRDO landesweit über dreißig Mitarbeiter*innen. Verbunden haben sich die Menschenrechtsaktivist*innen dort mit Selbstorganisationen von Kriegsopfern, aber auch mit Gruppen der Zivilgesellschaft, denen es ebenfalls um „Transitional Justice“ geht, also um Versuche, die gewaltdurchsetzte Vergangenheit auf-, im besseren Fall sogar durchzuarbeiten und so zum Ausgangspunkt einer egalitären und demokratischen Zukunft zu machen. Mit ihren Verbündeten nahmen die Gründer*innen von AHRDO das Wagnis auf sich, sich ausgerechnet auf das Feld des Theaters zu begeben, für Mudschaheddin und Taliban Hort äußerster Verworfenheit. Orientiert haben sie sich dabei an dem Regisseur Augusto Boal, der im Brasilien der 1960er Jahre das „Theater der Unterdrückten“ auf den Weg gebracht hat. Erarbeitet und gespielt wurden und werden die Stücke über Krieg, Gewalt und Zerstörung nicht von Schauspieler*innen, sondern von Menschen, die die Wirklichkeit hinter den Stücken selbst erlitten haben. Ein Jahrzehnt nach der Gründung kann Hadi Marifat, der Geschäftsführer von AHRDO, deshalb sagen: „Der partizipative Ansatz hat sich bewährt, auch bei den vielen Analphabet*innen, mit denen wir zu tun haben. Die Übungen und Spiele schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre, sodass die Menschen schließlich bereit sind, ihre Geschichten und Probleme zu teilen. Das ist sehr wichtig in einem Land, in dem eine lange Geschichte von Kriegen und Konflikten das Fundament des Vertrauens nachhaltig zerstört hat.“

Museum und Theater, Täter und Opfer

In über einem Jahrzehnt haben die AHRDO-Aktivist*innen in zahlreichen Aufführungen und zugehörigen, manchmal zwei Wochen dauernden Workshops eine Vielzahl sogenannter Memory Boxes gesammelt: selbstgeschreinerte und mit Stoff ausgelegte Holzkisten, in denen Hinterbliebene Erinnerungsstücke von Verwandten und Freund*innen ausstellen, die der Gewalt aller Seiten zum Opfer gefallen sind – der Gewalt der einstmals herrschenden Kommunist*innen und der an ihrer Seite kämpfenden sowjetischen Truppen, der Gewalt der Mudschaheddin und Taliban, der der westlichen, auch deutschen Interventionstruppen, der der neuen afghanischen Armee und Polizei, jetzt auch des Terrors des afghanischen Zweigs des „Islamischen Staats“ (IS). Für diese Schreine hat AHRDO lange um ein Museum gekämpft – und es 2019 endlich auch erhalten. Es befindet sich in Kabul, im Stadtteil Kate-je Tschahan. Es ist nicht nur ein Ort der Ausstellung, sondern auch ein Ort des Theaters und des freien, gegenseitigen Austauschs zwischen ganz verschiedenen Überlebenden und Hinterbliebenen der Gewalt, die allesamt Opfer, bisweilen aber auch Täter*innen waren. Untergebracht ist dieser eigentümliche Ort im Keller eines unscheinbaren zweistöckigen Hauses, das sein Innenleben durch keine Aufschrift anzeigt. Ursprünglich stand AHRDO das Haus des verfallenen, aber noch immer legendären Behsad-Kinos in Aussicht. Doch das wurde von „interessierten Kreisen“ verhindert.

Nicht alle ausgestellten Memory Boxes bewahren das Gedenken an länger zurückliegende Gräuel. Eine Vitrine präsentiert den Besucher*innen verkohlte Jeans, Hemden, Jacken und Schuhe. Sie gehörten Menschen, die sich an der letzten von zwei großen Demonstrationen beteiligt hatten, die 2016 von einer letztlich nur kurzlebigen Demokratiebewegung organisiert wurden. Zu den Träger- organisationen gehörte AHRDO. Der Anschlag kostete 80 Menschenleben, die Bewegung kann es seither nicht verantworten, zu ähnlichen Kundgebungen aufzurufen. Die Vitrine im AHRDO-Museum aber hält der Demokratiebewegung zumindest einen Ort des Andenkens frei: den Ort zugleich eines Zurück- und Vorausdenkens.

Gewalt, die aus Europa kommt

Afghanistan gehört fraglos zu den Ländern, in die Menschen wirklich auf gar keinen Fall abgeschoben werden dürfen. Das hält den deutschen Staat und andere EU-Länder nicht davon ab, genau das zu tun: wider besseres Wissen und unter offenem Bruch des Menschenrechts. Die infame Lüge der Regierungen in Berlin und anderswo: es gäbe im unsicheren Afghanistan vereinzelte „sichere Gebiete“ wie die Hauptstadt Kabul. Dass dort aktuell so viele Anschläge mit erschütternd vielen Toten verübt werden wie seit Jahren nicht mehr, kann jene nicht beirren, die neben den zwangsweisen Abschiebungen auf „freiwillige Rückkehr“ setzen. Beide, Abgeschobene und Rückkehrer*innen, bilden für AHRDO deshalb eine eigene Bezugsgruppe: Es sind Überlebende einer Gewalt, die nicht von Mudschaheddin, Taliban oder dem IS, sondern von den Innenministerien der Europäischen Union ausgeht.

Mit Unterstützung medicos hat AHRDO deshalb die Lage dieser Gewaltüberlebenden untersucht und in einer Studie dokumentiert, die auf Interviews mit 50 Betroffenen in den vier Provinzen Balkh, Kabul, Herat und Nangahar sowie mit Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft und Regierung beruht. 78 Prozent der Befragten sind aus Angst vor Gewalt und erst dann auch aus ökonomischen Gründen geflohen. Den Rückkehrer*innen wurde die von der EU versprochene Unterstützung vorenthalten, sie sind auf sich allein gestellt und deshalb besonders gefährdet. Mehr als zwei Drittel der Befragten haben auf der Flucht nach Europa fast ihr Leben eingebüßt. Ihr Scheitern hat den Schrecken, der sie tagaus tagein beherrscht, noch tiefer in ihr Dasein eingesenkt. Über die Hälfte der Befragten lebt nicht am Herkunftsort, sondern weiter in der Fremde. Vier von fünf sagen, dass sie stark verschuldet sind, ebenso viele sind einkommenslos. Fast alle sehen sich in aussichtsloser Lage und denken deshalb an eine erneute Flucht. „Die Rückkehrer und ihre tiefsitzende Verbitterung sind eine bedeutende Quelle der Destabilisierung Afghanistans“, sagt Hadi. „Sie sind empfänglich für Rekrutierungsversuche durch terroristische Gruppierungen und kriminelle Netzwerke.“ Das zähe Ringen von AHRDO um Demokratie betrifft nicht nur Afghanistan, sondern auch Europa. Es ist ein Streit fürs Menschenrecht nicht nur in Kabul, sondern auch in Berlin und Brüssel.

Veröffentlicht am 12. Mai 2020
Thomas Rudhof-Seibert

Autor Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert ist in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa Luxemburg-Stiftung; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de

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