Bericht über die Situation im Gazastreifen

Spendenaufruf für medizinische Hilfe

29.12.2008 - In diesem aktuellen Bericht geben medico international, seine israelische Partner-Organisation Ärzte für Menschenrechte, sein palästinensischer Partner Palestinian Medical Relief Society, sowie Al-Mezan aus Gaza eine momentane Bestandaufnahme der Situation im Gazastreifen.

Darüber hinaus machen die Organisationen darauf aufmerksam, dass der gegenwärtige Angriff auf den Gazastreifen ein Gesundheitssystem trifft, das durch die anderthalb-jährige Blockade und vorhergehender Komplettsperrungen ohnehin kurz von dem Zusammenbruch steht. Jetzt müssen Menschen versorgt werden, die hoch komplexe Behandlungen durch Spezialisten benötigen. Dies ist in der derzeitigen Lage nicht möglich.

Der Angriff auf Zivilisten und medizinische Einrichtungen stellt, so die vier Organisationen, eine Verletzung des internationalen Menschenrechts dar. Das israelische Militär zielte auch auf eindeutig zivile Einrichtungen. Als Besatzungsmacht, die den Gazastreifen gegenwärtig kontrolliert, trägt Israel die Verantwortung für die durch seine Bombardements Verwundeten und muss ihnen den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung in Krankenhäuser ermöglichen. Die Besatzungsmacht muss die Neutralität medizinischer Einrichtungen schützen und die Einfuhr sämtlicher benötigter medizinischer Güter aller Art genehmigen.

Gemeinsamer Bericht von medico international e.V., Ärzte für Menschenrechte – Israel, Palestinian Medical Relief Society (Ramallah), Al-Mezan Center (Gaza):

  • Die Gesundheitssituation in Gaza kollabiert
  • Ein Lager für medizinische Hilfsgüter wurde bombardiert
  • Krankentransporte aus dem Gazastreifen werden unterbunden

Seit dem Beginn der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen und bis zum Sonntag 16 Uhr sind 282 Tote, darunter 20 Kinder und 9 Frauen, und ca. 700 verwundete Personen (darunter 130 Kinder und 28 Frauen), von denen 100 schwerverletzt sind, wie von den Krankenhäusern in Gaza festgestellt werden musste.

Aufgrund örtlicher Schätzungen werden Dutzende Menschen vermisst, von denen angenommen wird, dass sie unter zerstörten Gebäuden verschüttet sind. Das Gesundheitsministerium in Gaza geht davon aus, dass die Zahl der Toten noch höher ist. Das Gesundheitssystem in Gaza kollabiert und kann auf die wachsenden Bedürfnisse nicht adäquat reagieren. Die Schließung sämtlicher Zugänge nach und aus Gaza durch Israel, darunter die gänzliche Schließung von Erez-Übergang seit letzten Freitag, verhindert die Evakuierung von Patienten und Verwundeten und verschärft die humanitäre Tragödie, die das Leben im Gazastreifen bestimmt.

Regierungskrankenhäuser überfüllt

Die Krankenhäuser in Gaza können die Masse von verletzten Menschen, die seit Samstag eintreffen, nicht bewältigen. In den beiden Hauptkrankenhäusern besteht ein Mangel an Betten, obwohl Krankenzimmer geräumt wurden, um Verletzte aufzunehmen. Das führt dazu, dass Verwundete auf den Fluren der Krankenhäuser liegen. Die enden wollende Flut von neuen Verwundeten und der bedarf an Krankenbetten führt dazu, dass andere Patienten, darunter Krebs- und Herzpatienten sowie chronisch Kranke nach Hause geschickt werden müssen, solange die Krise andauert.

Shifaa’ Krankenhaus

Laut Krankenhausdirektor Dr. Hassan Khalaf sind bis Sonntag 13:30 240 Verwundete im Krankenhaus aufgenommen worden, wobei die Zahl der Verletzten stündlich steigt. Die Mehrzahl der Verwundungen wurde durch direkte Angriffe, sowie durch Granatsplitter und Schockwellen verursacht in Folge der Bombardierung durch die israelische Luftwaffe und der dadurch verursachten Zerstörung von Gebäuden. Das Krankenhaus befindet sich seit Samstag in Ausnahmezustand, in den 12 Operationssälen wird von sämtlichen medizinischen Teams 24 Stunden am Tag durchgearbeitet. Die Überlastung durch Eintreffen der Verwundete und der Mangel an OP-Sälen führte dazu, dass 4 Räume der Entbindungsstation zu Operationssälen umfunktioniert wurden und dass das Krankenhaus keine Schwangeren mehr zur Entbindung zulassen kann. Die Ambulanzen der Klinik sowie 4 Intensivstationen in der Brandopferabteilung werden nun zur Unterbringung der durch die israelischen Angriffe verwundeten verwendet.

Das Europäische Krankenhaus in Khan Younis

Laut dem Chefonkologen Dr. Zaki Zakzouk werden hier 30 Schwerverletzte behandelt. Die meisten von ihnen leiden unter Kopf- und Halswirbelverletzungen und benötigen dringend umfassende neurochirurgische Behandlungen. All dies bedarf einer Lungen-Intensiv-Station, aber aufgrund der extremen Reduktion von Krankenbetten in der Abteilung kann nur die eine Hälfte der Patienten an Beatmungsmaschinen angeschlossen werden, die andere muss manuell beatmet werden. Zudem herrscht ein Mangel an 0 minus Blutkonserven, sowie an Kühlräumen und Ambulanzen die Blutkonserven vom Shifaa´ Krankenhaus bringen könnten.

Verstaatlichung der privaten Kliniken

Um die Folgen des Ausnahmezustands zu bewältigen haben private Kliniken wie „Almamdawi“, das Rote Kreuz und Andere ihre sonstigen Behandlungen eingestellt und widmen sich zur Gänze der Versorgung Verwundeter, die ihnen von den öffentlichen Kliniken geschickt werden.

Zerstörung der Lager für medizinische Hilfsmittel

Am Sonntag wurde das größte Lager für Medikamente und medizinische Hilfsmittel des Gesundheitsministeriums in Gaza bombardiert. Es ist der Hauptversorger der Shifaa Klinik. Das Lagerhaus, direkt neben dem Falastin Fußballstadion gelegen, wurde gänzlich zerstört und ein Großteil der medizinischen Hilfsmittel vernichtet.

Krankentransporte aus dem Gazastreifen unterbunden

Der Erez-Übergang ist seit Freitagmorgen hermetisch abgeriegelt, und die Soldaten wurden von dort evakuiert. Die Ärzte für Menschenrechte – Israel wurden informiert, dass die Verantwortlichen am Übergang von nun an keine Papiere mehr für Krankentransporte aus Gaza heraus ausstellen, das betrifft auch schwer Verwundete und lebensgefährlich Verletzte. Diese Informationen wurden vom palästinensischen Subkomitee für Krankentransporte bestätigt, die uns berichteten, dass ihre Versuche, Krankentransporte zu koordinieren oder mit Grenzposten von Erez-Übergang zu kommunizieren gänzlich gescheitert sind. Hunderte Schwerverletzte, Ärzte für Menschenrechte – Israel haben Detailkenntnisse von 25 Krankenakten, müssten dringend in besser ausgestattete Krankenhäuser überwiesen werden. 14 dieser Verwundeten liegen bewusstlos in der Intensivstation des Shifaa’ Krankenhauses und befinden sich in einer lebensbedrohlichen Situation. 7 Andere leiden unter schweren orthopädischen Verletzungen und laufen Gefahr, Arme oder Beine zu verlieren. 4 Andere leiden unter inneren Verletzungen. Alle Versuche, diese Verletzten aus Gaza herauszutransportieren, scheiterten. Jordanien erklärte seine Bereitschaft, die Verletzten aufzunehmen, aber um nach Jordanien zu gelangen müssten die Patienten eine Ausreisegenehmigung der israelischen Behörden für den Erez-Übergang erhalten.

Rafah-Übergang

Trotz der Erklärung der ägyptischen Regierung, den Übergang für Verwundete zu öffnen, konnte dieser Übergang erst gestern Nacht genutzt werden. Die Gründe hierfür sind:

Fehlende politische Kommunikation zwischen der Hamas-Regierung in Gaza und der ägyptischen Regierung aufgrund der israelischen Angriffe. Ägypten behauptet, dass Hamas den Krankentransport nach Ägypten verhindert

Aufgrund der Schwere der Fälle können viele Verletzte nicht nach Ägypten transportiert werden. Die Mehrheit der Verwundeten haben Kopf- und innere Verletzungen, die meisten von ihnen sind bewusstlos und benötigen künstliche Beatmung, sowie die Begleitung durch ein Ärzteteam in Ambulanzen, die sie in die sechs Stunden entfernten Kairoer Klinken bringen könnten. Ärzte in Gaza befürchten, dass die Verwundeten eine solche Reise nicht überleben würden.

Mangel an Krankenwagen. Nur die Hälfte der 58 Krankenwagen in Gaza ist funktionsfähig. Diese arbeiten seit Samstag rund um die Uhr und sind unabkömmlich.

Das israelische Militär bedroht Zivilisten

Viele Patienten haben die Ärzten für Menschenrechte – Israel in der letzten 24 Stunden telephonisch informiert, dass sie übernacht aufgezeichnete Drohungen per Telefon erhielten. Die erste aufgezeichnete Drohung forderte sie auf, ihre Häuser zu verlassen, da sie geplantermaßen bombardiert würden. Die zweite Drohung warnte davor, Militante zu unterstützen oder Waffen zu verstecken, da sie ansonsten bombardiert würden.

Aufrufe für humanitäre Hilfe

Israel öffnete gestern den Kerem-Shalom-Übergang, um Hilfsgüter durchzulassen. Laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium in Gaza sind diese Hilfsgüter bei weitem nicht ausreichend. Aufgrund des extremen Mangels an medizinischen Hilfsmitteln und Medikamenten (105 Medikamente, 225 medizinische Hilfsmittel und 93 Labormaterialien fehlen im Gazastreifen) erreichte ein dringender Aufruf medico und seine israelischen und palästinensischen Partner Palestinian Medical Relief Society und Ärzte für Menschenrechte – Israel. Der Gesamtwert liegt bei über einer Million Euro.

medico international bittet deshalb um Spenden:

Spendenkonto:
medico international
Frankfurter Sparkasse
Kontonummer 1800
BLZ 500 502 01
Stichwort: „Israel/Palästina“

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