An allen Tagen sollst du ruhn!

Der ewige Sonntag als Chance und Utopie - Thesen zur Kultur der arbeitslosen Gesellschaft

Daß die soziale Kreativität der Menschheit mit dem technischen Fortschritt mithalten könne: Das war einmal die Hoffnung der Visionäre einer automatisierten Arbeitswelt. Die Utopie einer Welt, in der die Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen, stand als Vorwort in jeder Gebrauchsanweisung. Fabriken ohne Arbeiter, Service-Roboter ohne Phlegma und Werktage ohne Wecker: Das klang alles gar nicht so übel, und vor allem auf Englisch hörte sich die Arbeitslosigkeit auch immer wie ein Versprechen an: work less – arbeite weniger! Und auch hierzulande glaubten die Rationalisierer lange daran, daß sich mit Vernunft nicht nur Roboter erfinden ließen, sondern auch Modelle zur effektiven Verteilung der damit produzierten Güter.

Die Vernunft allerdings, sie war wohl zu beschäftigt, und als sie am Anfang des 21. Jahrhunderts bereits mit dem Klonen beginnen wollte, war die Sozialwissenschaft gerade beim Kombi-Lohn angekommen. Wer heute vom verschlafenen Strukturwandel spricht, muß seit der Industrialisierung ganz schön müde gewesen sein, und wenn demnächst die sogenannte magische Vier-Millionen-Grenze erreicht wird, dann werden ein paar Zaubertricks auch nichts mehr helfen. Vielleicht sollte man es einmal als Prämisse begreifen, daß der Menschheit mit der Arbeit keine besonders wertvolle Ressource ausgeht; und das Ziel wäre es, nicht für die Arbeit zu kämpfen, sondern dagegen – auch wenn die Arbeit dann nicht mehr optimal als Schlüssel zur Berechnung des Lebensstandards geeignet ist. Als Thema im Wahlkampf immerhin sind die Arbeitslosen enorm gefragt – doch wie immer ist auch diesmal zu befürchten, daß es darin wieder nur um die Beschaffung jener Art von Arbeit geht, welche abzuschaffen das Projekt von Industrialisierung und Automatisierung überhaupt begonnen wurde.

1. Die Arbeitslosen sind die wahren Adeligen von heute

Unserer Aufmerksamkeitsökonomie ist die protestantische Arbeitsethik unangemessen geworden, und es empfiehlt sich deshalb eine mo­di­fizierte Rückkehr zu jener katholischen Heils­ökonomie, als die sogenannten Reichen die so­ge­nannten Armen brauchten, um sich mit Almosen an ihnen das Himmelreich zu verdienen; als es jenseits der bürgerlichen Erwerbsarbeit ein gesellschaftlich unabdingbares Nichtarbeiten von Bettlern gab, das auf der anderen Seite der Skala mit den langen Fingernägeln des Adels korrespondierte. Während der heutige Adel noch immer als Produzent des wichtigen Kulturgutes Glamour agiert, wäre es an der Zeit, die Arbeitslosenheere endlich als einen Adel von unten zu begreifen und seine Finanzierung durch die Werktätigen nicht als Belastung sondern als Geschäft zu empfinden. Weniger weil die Arbeitslosen der Angestelltenreligiosität eine adäquate Hölle sind, sondern weil nur sie all die Geschichten als Gesprächsstoff liefern können, die selbst zu erleben die Überstundengeiseln gar keine Zeit haben: damit es jenseits der Schreibtische überhaupt eine Welt gibt, über die zu reden lohnt.

2. Die Arbeitslosen von heute sind die Avantgarde von morgen

Wer glaubt, daß man sich mit dieser Beschreibung über ihr Schicksal lustig macht, der sollte für eine zeitgemäße Definition von Spott vielleicht mal selbst einen Tag auf Arbeitssuche verbringen. Daß selbst die vier Millionen Pioniere einer neuen Epoche nicht besonders viel Aufsehen erregen, liegt natürlich daran, daß bisher kaum jemand zu ihnen gehören will. Wie immer wird man darum auch diese Avantgarde erst dann erkennen, wenn ihr Lebensstil zum Mainstream geworden ist. »Ich war schon arbeitslos«, wird diese Vorhut dann sagen, »als das noch gar nicht in war.« Das 20. Jahrhundert hat die Unvereinbarkeit von Arbeit und Arbeitslosigkeit erfunden wie den Dualismus von E- und U-Musik, Coca-Cola und Pepsi, Blur und Oasis. Im 21. Jahrhundert wird das alles irgendwie dasselbe gewesen sein.

3. Die Konsumgesellschaft braucht Konsumenten, keine Produzenten

Wenn der Start-up-Heini als Held der Werbung ausgedient hat, hat der Arbeitslose gute Chancen zum neuen Helden der Popkultur zu werden: vom Schmarotzer zum cleveren Nutznießer des Wohlfahrts-Staats, oder was von dem übrig ist. »Heute mache ich, was ich am liebsten tue: nichts«, sagte der Franzose aus der Gauloises-Werbung schon, als es noch Arbeitsplätze für Raucher gab. In New York, wo alleine im Oktober und November vergangenen Jahres 97000 Menschen ihren Job verloren, boomt die Freizeitindustrie; und das Cafe hat den Konferenzraum als Zentrum der Jugendkultur wieder abgelöst. »In Rough Times, the Rich go Yachting«, titelte der Wirtschaftsteil der »New York Times« Anfang Januar. Es kann nicht lange dauern, bis auch der Markt die Arbeitslosen als Zielgruppe entdeckt. Noch längere Tolkien- und Harry-Potter-Hörspiele werden herauskommen, für Menschen, die wieder wissen, was Langeweile ist; Videospiele, die mehrere 35-Stunden-Wochen reine Spielzeit erfordern, wenn einer das höchste Level erreichen will; ungezählte Ratgeber und Kurse zum erfolgreichen Arbeitslosendasein; und wenn sich die Beschäftigungstherapien für die Beschäftigungslosen erst durchgesetzt haben, wird niemand mehr Zeit haben, als Schaumgummi-Kartoffel über die Grüne Woche zu laufen.

4. Deutsche Arbeitslose sollten wie deutsche Angestellte behandelt werden

Deutsche Arbeitslose sind Angestellte und daher unsichtbar. Sie haben zwar keine Arbeit, aber eine Stelle: Sie kennen ihren Ort im Großbetrieb Deutschland, der die Regeln und die Hierarchien festlegt und jedem sein Geld gibt. Auch die herkömmlichen Angestelltenwelten sind ja weniger durch eine bestimmte Tätigkeit als durch Kommunikation geprägt – was nicht bloß die Organisation der vorhandenen Arbeit betrifft, sondern auch die Kreierung von neuer, die Erzeugung von Wirklichkeiten (neue Bedürfnisse, neue Märkte, neue Produkte) durch Suggestion und Vernetzung. Und so kommuniziert die große imaginäre Firma der Arbeitslosen nach innen und außen die Idee, daß der Normalfall des geltenden Wirtschaftssystems Vollbeschäftigung ist. Jeder einzelne Arbeitslose, der sich an die Regeln hält, also ordnungsgemäß aufs Arbeitsamt geht, sich jeglicher Arbeit enthält und alle Umschulungen annimmt, die man ihm nahelegt, leistet seinen Teil zu dieser großen Kommunikation, die ihrerseits das System am Laufen hält. Dafür wird er dann auch bezahlt. Arbeitslose haben daher keine anderen Kategorien, um sich und ihre Lage zu verstehen, als andere Angestellte auch. Der wahre Angestellte ist der, der sich in seiner Firma selbst verwirklicht, der also für die Firma denkt, der also aus Überzeugung sich selbst entläßt, wenn es der Firma nottut; der Arbeitslose ist der, der diesen Schritt schon vollzogen hat. Daher sehen Arbeitslose, solange sie die Arbeitslosenfirma nicht verlassen und nicht etwa ins Elend der Obdachlosigkeit fallen, nicht anders aus als Angestellte, sie sprechen genauso, wählen genauso, ziehen sich genauso an. Bilder wie aus den zwanziger Jahren, als der Arbeitslose eine wiedererkennbare Physiognomie im Stadtbild hatte, wären heute nicht möglich. Arbeitslose sind unsichtbar.

5. Automaten vernichten Arbeitsplätze. Dafür müssen sie besteuert werden

Die Regierungskampagne »Sauft für den Frieden, raucht gegen den Terror!« (gemeint ist natürlich die jüngste Alkohol- und Tabaksteuer) weist den richtigen Weg. Sowohl ethisch als auch politisch wäre zum Beispiel eine Automatensteuer durchaus vertretbar. Schließlich sind es Geld-, Kondom- Fahrschein- und sonstige Automaten, welche die Arbeitsplätze weg nehmen. Daß Maschinen all das machen, was früher Menschen tun mußten, ist begrüßenswert. Nun sollten sie auch Steuer zahlen, um den arbeitslos gewordenen Menschen ein glückliches Dasein zu ermöglichen. Automaten sind die wahren Schwarzarbeiter in diesem Land, und die Polizei schaut weg!

6. Die Industriearchitektur ist viel zu schön fürs Arbeiten

Die Industrie war eine Amme der Moderne, und ihr hat sie zum Dank frühe Meilensteine gewidmet: Gropius‘ Faguswerke etwa, oder Behrens‘ Turbinenfabrik. Aber selbst zu diesen Überformungen der Arbeit durch eine Ästhetik der Schönheit und Notwendigkeit kann man eigentlich erst aufblicken, wenn man seine Zeit nicht mehr an der Werkbank vertut. Daß mitunter von Kathedralen der Arbeit die Rede ist, hat vielleicht auch damit zu tun, daß in den historischen Industriehallen der Schweiß unserer Vorfahren ähnlich aromatisch nistet wie in gotischen Kirchen eine fremd gewordene Frömmigkeit. Und es ist symptomatisch, daß heute die Kultur so gern in die großartigen alten Fabriken einzieht, daß die hedonistische Clubkultur am liebsten in einer »Alten Soundso-Fabrik« haust und daß Galerien und Künstler das postindustrielle Loftambiente ebenso lieben wie die Werbe- und IT-Branche, von der manche behaupten, sie sei eine Sonderform von Müßiggang und Arbeitslosigkeit, die sich nur noch hinter betriebsamem Phantasie-Englisch und farbigen Sonnenbrillen tarnt. Das zeigt: So richtig schön ist die Arbeit erst, wenn sie vorbei ist. Und da es auch heute Architekten gibt, die für die Industrie nicht nur deprimierende Kisten zimmern, sondern manchmal auch großartige Baukunstwerke, darf man sich, wenn man nicht gerade der Bauherr ist, schon freuen, morgen darin zu tanzen.

7. Das Arbeitsamt wird zum letzten öffentlichen Raum der Kommunikation

Es gibt sehr wohl noch öffentlichen Raum jenseits des Event managements. Einen Raum für eine Öffentlichkeit, die aus den zu Freizeitindustriegeländen zusammenökonomisierten Städten ausgesperrt wird. Einen öffentlichen Raum, wo sich Menschen frei austauschen können: über Biographien und Lebensentwürfe, über das Glück und das Scheitern, über das Wollen, Hoffen und Wünschen. Dieser letzte Raum für ein urbanes Gemeinschaftsleben heißt Arbeitsamt. Wenn man diese leider so total deprimierende Welt zwischen Vermittlungs- und Leistungsabteilung, zwischen Nummernziehen und Kreuzworträtsellangeweile, zwischen sozialer Scham und realsozialistisch-übellauniger Beamtenunkultur einmal selbstbewußt durchlüften, angemessen ausstatten und möblieren würde – dann könnten die Arbeitsämter zu dem werden, was edle Bars und Lounges den Workaholics an ihren kurzen müden Feierabenden immer nur leer versprechen.

8. Statt des Bündnisses für Arbeit kommt ein Bündnis für Simulation

Ein eindeutiger Deal: Ihr tut, als ob ihr Arbeitsplätze schafft, und wir, als ob wir arbeiten. Dabei hofften wir natürlich nicht, den Grundwiderspruch zwischen simulierenden Kräften und Simulationsmitteln zu lösen. Aber ein Recht auf Mitvortäuschung für Teilzeitsimulanten, Scheinbeschäftigte und sonstige Angestellte im fiktiven Sektor ist längst fällig. Nur wollen die rückständigen Gewerkschaften die neue Realität partout nicht erkennen. Das Modell könnte beliebig erweitert werden. Begrüßt ein Arbeitsloser einen Bekannten, dann stellt er eine Rechnung aus und bekommt dafür eine kleine Belohnung, sagen wir 50 Cents. Desgleichen wenn er seine Freundin küßt, jemandem den Weg weist, Feuer gibt und so weiter. Dienstleistung pur! Vier Millionen Selbstbeschäftigte werden miteinander pausenlos Rechnungen und Münzen tauschen und alle werden endlich wieder zufrieden sein. Oder auch nicht.

9. Faulheit muß sich wieder lohnen – vor allem für den, der faul ist

Wer der Arbeitslosigkeit entkommen will, der soll, so geht der Ratschlag, zum ökologischen Sünder werden. Er soll mobil sein, was nur mit dem Auto geht, mobil bleiben, womöglich doppelten Wohnsitz nehmen und in jenen Ballungsgebieten, in denen ohnehin kein Platz mehr ist, den knappen Raum noch knapper machen; und dann soll er noch mehr überflüssige Produkte schaffen, welche den Müllberg der Moderne noch weiter wachsen lassen. Wer dagegen nichts tut, der tut ein gutes Werk: er verpestet die Luft nicht, er beutet keine Ressourcen aus: So einer ist ein Held, verdient Respekt und sollte damit auch Geld verdienen.

Guillaume Paoli, Peter Richter, Mark Siemons, Harald Staun, Claudius Seidl, Berlin, April 2002


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