Idomeni

Schlepper sind wieder im Geschäft

Polizeieinsatz am Flüchtlingscamp. Idomeni am 9. Dezember 2015. (Foto: medico)
Interview mit medico-Pressereferent Bernd Eichner über die Flüchtlingssituation an der griechisch-mazedonischen Grenze

Wie ist die aktuelle Situation in Idomeni?

Bernd Eichner: Das Camp der Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze ist ein Elendslager. In den nächsten Stunden soll es geräumt werden. Gestern waren wir noch im Camp  und haben mit unseren Kollegen, die mit dem Moving-Europe–Bus seit mehreren Tagen dort sind, gesprochen. Heute ist alles auf drei Kilometer abgesperrt, weil man das ganze Lager auflösen will. Mehrere Tausend Menschen haben hier ausgeharrt, in der Hoffnung doch noch über die Grenze zu kommen.

Wie funktioniert die Kontrolle an der Grenze zu Mazedonien?

Es gibt ein großes Tor, an dem stehen griechische und mazedonische Grenzbeamte. Man zeigt seine Registrierung oder Ausweispapiere. Syrer, Iraker, Afghanen kommen durch. Alle anderen werden abgewiesen. Die Situation ist gespenstisch. Es kommt einem vor, als würde das Tor zum rettenden Europa bewacht wie von Türstehern an einer zweitklassigen Discothek. Wer nicht durchkommt, wird einfach mit einem „Go, go“ abgewiesen. Das betrifft Somalis, Marokkaner, Bangladeschi und Iraner.

 

 

Wie habt ihr die Situation im Camp erlebt?

Die Selektion der Flüchtlinge hat zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen selbst geführt. Flüchtlingsgruppen, die nicht durchgelassen werden, haben mit Gewalt darauf beharrt: Alle oder keiner. Deshalb hat sich der UNHCR aus der Versorgung des Lagers zurückgezogen. Die Situation war dramatisch. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. Der von medico mitfinanziert Bus „Moving Europe“ ist hilfreich. Die Menschen können am Stromaggregator ihre Handys aufladen. Es gibt heißen Tee für alle. In den letzten Tagen hat die Busbesatzung 10 Tonnen Holz geordert,  weil die Nächte bitterkalt sind.

Was bedeutet die Räumung für die Flüchtlinge?

Überall in den Dörfern sieht man kleine Gruppen von Flüchtlingen, die jetzt wieder versuchen die Grenze auf anderen Wegen zu überschreiten. Die Schlepper sind also wieder im Geschäft. Denn es gibt große Angst vor den mazedonischen Militärs, viele Gerüchte, darunter, dass Flüchtende beim nichtlegalen Grenzübertritt angeschossen wurden. Dann sucht man den Kontakt zu denen, die sich auskennen. Die Räumung wird also das Schleppergeschäft wieder stärken. Sie sind die einzigen, die profitieren.

Diejenigen, die sich räumen lassen, werden mit Bussen nach Athen gebracht. Für die Busfahrt müssen sie 15 Euro zahlen. In Athen werden sie in einer Militärkaserne untergebracht. Sie haben drei Möglichkeiten: Asyl in Griechenland beantragen, freiwillig gehen oder sie werden abgeschoben.

Deshalb haben Flüchtlinge in Thessaloniki ein leerstehendes Waisenhaus besetzt. Da sind sie wenigstens näher an der Grenze.

Das Interview führte Katja Maurer.


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