jubiläums-rundschreiben

Editorial

Katja Maurer leitete 18 Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Heute verantwortet sie die medico-Sprache, das Rundschreiben und bloggt regelmäßig auf der medico-Website. (Foto: Holger Priedemuth)
Liebe Leserinnen und Leser, vor Ihnen liegt das Sonderheft zum 50. Jubiläum von medico international.

Es ist zugleich das reguläre erste Heft im Jahr 2018. Wir haben uns an einem Blick nach vorn versucht. Die neuen Fragen sind viel zu drängend, als dass der „Fünfzigste“ ein Anlass zu freudigem Rückblick und lobenden Worten sein könnte.

Das Heft beginnt deshalb mit dem Kapitel „Neue Fragen“. Wir haben Autorinnen und Autoren und Gesprächspartner angefragt, die uns wichtige Themen auf neue Weise denken und damit einen Rahmen für die künftige Arbeit von medico setzen könnten. Darunter sind der kamerunische Philosoph Achille Mbembe und der deutsche Soziologe Stephan Lessenich, die auch auf den medico-Veranstaltungen in Berlin Vorträge halten werden. Auf ihren Austausch dort darf man getrost gespannt sein. Denn die Überlegungen in ihren neuen Büchern – „Politik der Feindschaft“ (Mbembe) und „Neben uns die Sintflut“ (Lessenich) – müssen unbedingt miteinander ins Gespräch gebracht werden. Lessenich sagt: „Im Prinzip gibt es kein weltgesellschaftliches `Außen´ mehr, in das hinein externalisiert werden könnte.“ Aus der Sicht eines „Externalisierten“ beschreibt Mbembe den fatalen Weg, den die Externalisierungsgesellschaften einschlagen, um dieses „Außen“ trotzdem zu reproduzieren und so den Status quo aufrechtzuerhalten: Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie. Mbembe untermauert, wie das neoliberal gepanzerte Subjekt nun auch noch mit diesen alten, zu wenig bearbeiteten Rassismen, neu aufgerüstet wird.

Wie sich darin Gegenmacht und dagegen Alternativen entfalten können, wird in diesem Heft vielfältig diskutiert. Jean Ziegler redet in seinem Gespräch mit Thomas Gebauer gegen die Ohnmacht an, auch wenn es sich nur um einen „schmalen Grat der Hoffnung“ handelt. Und der südafrikanische Geisteswissenschaftler Premesh Lalu verweist unter Rückgriff auf Frantz Fanon und Leopold Senghor darauf: „afrikanische intellektuelle Traditionen haben mitten im Kampf um Unabhängigkeit ein Bewusstsein für die Welt aufrecht erhalten.“ Der Kosmopolitismus afrikanischer Prägung ist ein Vorschlag, der sich in der Haltung vieler medico-Projektpartner im Bereich der Migration wiederfindet. Es sei in diesem Zusammenhang auf das Portrait von Ousmane Diarra verwiesen, der vieles auf eine unverwechselbare Art verkörpert, was Lalu beschreibt.

Je größer die Probleme und die Katastrophen sind, umso mehr neigt die Hilfe dazu, ihre Lösung im Kleinen zu suchen. Im Internet wird die direkte Hilfe, von Mensch zu Mensch, als neuster Schrei der Barmherzigkeit angepriesen. Die Bereitschaft zur Hilfe, ein so wichtiges Zeichen der Solidarität, wird entkontextualisiert und entpolitisiert. Hilfe reduziert sich auf: „Wenigstens meine Spende hilft, kommt an und tut Gutes.“ medico hat es sich nie so einfach gemacht und seinen Spenderinnen und Spendern stattdessen die von uns erfassbare ganze Wahrheit zugemutet. Die Kontexte und Zusammenhänge waren und sind uns so wichtig wie die Arbeit unserer Partnerinnen und Partner, die sich eben darin bewegen und deren Sicht wir zu vermitteln suchen. Und so ist unser zweites Kapitel zu einer Zumutung geworden. Syrien und die kurdische Frage, ein Text unseres Ex-Kollegen Martin Glasenapp, ist vielleicht eine der sachkundigsten Beschäftigungen mit den Hintergründen, die man heute im deutschsprachigen Raum finden kann. Aber eben auch wenig tröstend. Der Journalist Michael Obert beschreibt in seinem Text die Situation der Flüchtlinge in Libyen und die Warlords, die sie im Auftrag der Europäischen Union von der Flucht abhalten. Seine Reportage ist ein Dokument der „Politik des Äußersten“, wie der afrokaribische Schriftsteller Aimé Césaire, die Form des Lagers einmal beschrieb. Eine der erschütterndsten Formen der Externalisierung.

Und doch wollen wir mit diesem Heft für den schmalen Grat der Hoffnung werben. Wir stellen Ihnen auch die Vagabunden, die Wanderinnen und Wanderer aus unserem Netzwerk vor, die sich darauf bewegen, und auch uns selbst, was wir bekanntlich sonst nie tun. Und wir wollen Sie, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, anregen, sich an diesem Wandeln zu beteiligen. Durch gemeinsames Nachdenken auf den Konferenzen und Veranstaltungen, die medico das gesamte Jahr über durchführt. Durch Teilnahme am gemeinsamen Nachdenken im medico-Laboratorium. Durch Ihre Spende.

Wir haben uns, in diesem Jubiläumsjahr vorgenommen, 500 neue Fördermitglieder zu gewinnen. Sie sind es, die die Arbeit von medico sichern und mit ihrer Dauerhaftigkeit und Regelmäßigkeit dafür sorgen, dass dieser Denk- und Handlungszusammenhang ein Knotenpunkt im Netzwerk für eine andere Welt bleibt und sich weiter entwickelt. Helfen Sie uns dabei. Verschenken oder Werben auch Sie neue Fördermitglieder. 

Herzlichst

Katja Maurer


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