Textilindustrie

KiK am Pranger

Hinterbliebene und Gewerkschafter fordern Entschädigung

Hinterbliebene fordern angemessene Entschädigungen von KiK und dem Zetrifizierungs-Unternehmen RINA, das die abgebrannte Fabrik zuvor als sicher deklariert hatte. Foto: NTUF

Während der Demonstration in Karatschi halten die Familien Fotos ihrer verstorbenen Angehörigen hoch. KiK war der mutmaßlich einzige Auftraggeber der Fabrik Ali Enterprises, die am 11. September 2012 im Industrieviertel Baldia Town abbrannte. In den Flammen starben über 250 Menschen. Für jeden Verstorbenen fordern die Familien 500.000 pakistanische Rupien – etwa 4.000 € - als sofortige Entschädigung. Außerdem fordern sie Entschädigungen für die Langzeitfolgen nach den Standards der internationalen Arbeitsorganisation (IAO).

Die Zahlen wirken grotesk niedrig angesichts des Verlustes und der Trauer um Söhne, Töchter, Väter und Mütter, die Opfer der globalen Textilindustrie geworden sind. Die umgekommenen Familienmitglieder waren oft die einzigen, die die Familien ernährten. Entschädigungszahlungen sind daher für die Familien nicht nur ein symbolischer Akt, sondern überlebenswichtig. Das erklärt die Wut, die die Angehörigen auf die Straße tragen. Über mehr als zwei Jahren ziehen sich die stockenden Verhandlungen über Entschädigungen für Überlebende und Hinterbliebene bereits hin. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob KiK es mit den Gesprächen tatsächlich ernst meint und auf die Forderungen der Familien eingeht.

Kampf um bessere Arbeitsbedingungen

Dabei gehen die Forderungen der Demonstranten über Zahlen hinaus. „Jeder weitere Fabrikunfall trifft wieder Familien“, erklärt Muhammed Jabbir, Präsident der Vereinigung der Hinterbliebenen, der selbst einen Sohn verloren hat, und fügt an: „Ein solcher Unfall darf aber nie wieder passieren! Auch deshalb haben wir uns als Familien zusammengeschlossen und kämpfen dafür, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Nasir Mansoor, Vize-Generalsekretär des medico-Partners National Trade Union Federation (NTUF), eine Gewerkschaft, die auch die Arbeiter und Arbeiterinnen in Baldia Town organisiert, mahnt an, dass sich die Sicherheit in den Fabriken auch nach der Tragödie von Ali Enterprises nicht verbessert habe. „Gewerkschaftsarbeit wird noch immer behindert und die Gewinnmarge für den Verkauf der Produkte auf dem amerikanischen und europäischen Markt bleibt unverändert hoch.“

medico unterstützt die Forderungen der Demonstranten nach Entschädigung. Der Druck auf KiK als mutmaßlich verantwortliches Unternehmen muss aufrechterhalten werden. Gleichzeitig muss sich auch an den mörderischen Strukturen der globalen Textilindustrie etwas ändern. Gemeinsam mit den Vorsitzenden des DGB, der IG Metall und von ver.di initiierte medico den Aufruf [„Wir stehen am Anfang“](/themen/aktion/textil/dokumente/wir-stehen-am-anfang/4703/). Gefordert wird ein massiv verschärftes Haftungsrecht, das deutsche Unternehmen auch im Ausland auf Anerkennung des Arbeitsrechts verpflichtet. Darüber hinaus bittet der Aufruf um Solidarität mit den Hinterbliebenen und Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aller Branchen werden aufgerufen zu spenden: für die medizinische Notversorgung der Überlebenden, für juristische Verfahren gegen die Unternehmen – und für ein Gewerkschaftshaus in Karatschi.

Spendenstichwort: Textil

„Wir alle sind die Öffentlichkeit“, heißt es im gemeinsamen Aufruf für die betrogenen Näherinnen und Näher. Wir können entscheiden, welche Kleidung wir tragen, wir können jenen beistehen, deren Ausbeutung erst die Voraussetzung schafft, dass wir T-Shirts für wenige Euros kaufen können. Jetzt geht es um konkrete Entschädigung und juristischen Einspruch, damit die Ausbeutung zumindest gezähmt wird. Und es geht um Selbstorganisation der Betroffenen. Denn Gewerkschaftsrechte sind Menschenrechte. Spenden Sie mit.

Hendrik Slusarenka


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