Externalisierung

Worum es geht

Stephan Lessenich. (Foto: privat)
Für eine Politik gegen das Nicht-Wissen-Wollen. Von Stephan Lessenich

Ein Leben auf Kosten anderer...

Machen wir uns nichts vor. Hinter dem Wohlstand der „hochentwickelten“ industriekapitalistischen Gesellschaften verbirgt sich ein peinliches Geheimnis: Wir haben ihn von anderen nicht nur geliehen, sondern ihnen gewaltsam abgepresst – von anderen, denen wir eben solchen Wohlstand wirkungsvoll vorenthalten. Ob es nun Platinminen in Südafrika sind, Textilfabriken in Südostasien oder die Plantagenwirtschaft in Lateinamerika: Es ist immer dasselbe. Anderswo sterben die Leute, damit hier so gelebt werden kann, wie es seit Menschengedenken getan wird.

Das wohlstandskapitalistische Modell wirtschaftlicher Wertschöpfung und – wie auch immer begrenzter und selektiver – sozialer Umverteilung der Wachstumserträge fußt wesentlich auf der hemmungslosen Ausbeutung von Arbeit und Natur in anderen Weltregionen. In Weltregionen, die damit zugleich die ökologischen und sozialen Kosten der hiesigen Produktions- und Konsumweise zu tragen haben. Die hierzulande herrschenden Lebensverhältnisse sind nur möglich geworden und lassen sich nur aufrechterhalten, weil Bevölkerungsmehrheiten in den „unterentwickelten“ Gesellschaften des globalen Kapitalismus unter uns unvorstellbaren Bedingungen arbeiten und leben.

Sicher, auch bei uns ist der Wohlstand äußerst ungleich verteilt, hat die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zuletzt sogar weiter zugenommen. Doch müssen die hiesigen Ungleichheitsverhältnisse als in die Struktur und Dynamik globaler Ungleichheiten eingebettet verstanden werden. Global gesehen aber wird das, was uns als sozial allenfalls akzeptabel, angemessen und erträglich erscheint, durch gesellschaftliche Verhältnisse andernorts ermöglicht, die uns selbst als absolut inakzeptabel, unangemessen und unerträglich gelten würden. Und zwar zu Recht – weil sie genau dies nämlich sind.

Im Weltmaßstab betrachtet vollzieht sich unser Gesellschaftsleben zudem auf einem stofflichen und energetischen Verbrauchsniveau, das nicht nur nicht „nachhaltig“ ist, sondern als irrwitzig, ja nachgerade wahnsinnig gelten muss. Ein Niveau, das sich wiederum nur deswegen halten lässt, weil sich der Umweltverbrauch vieler Milliarden Menschen auf dieser Welt weit unterhalb des hiesigen bewegt.

Machen wir uns also nichts vor: Unser Leben geht auf Kosten anderer.

… und alle wissen es

Aber genau das tun wir: Wir machen uns etwas vor. Wir wissen zwar, was läuft. Aber wir wollen es eigentlich gar nicht wissen. Mehr noch: Wir müssen es auch gar nicht wissen wollen. Niemand zwingt uns dazu, es wissen zu müssen. Und wir nehmen jedes Angebot, nicht wissen zu müssen, nur allzu gerne an.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht nicht darum, im Allgemeinen und Ungefähren des „Wir“ die konkreten Verantwortlichkeiten verschwimmen oder gar verschwinden zu lassen. An ihnen kann ja auch nicht der Hauch eines Zweifels bestehen: Es sind selbstverständlich die großen, weltweit operierenden Konzerne und Kapitaleigner mit ihrer ökonomischen Macht und ihrem politischen Einfluss, die das globale Geschäft mit der Ausbeutung von Arbeit und Natur organisieren und einen geradezu obszönen Profit daraus ziehen. Es sind natürlich die Wohlhabendsten dieser Welt, die Hyper- und Superreichen, die vom herrschenden kapitalistischen Überakkumulationsmodell wunderbar leben können. Und die aus jeder seiner zyklischen Krisen, die für andere die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bedeuten oder sie gar das Leben kosten, mit noch mehr Macht und noch widerwärtigerem Hochmut hervorgehen. Zu Recht stehen sie daher im Fokus der öffentlichen Kritik, zu Recht zeigen kapitalismuskritische und globalisierungspolitische Aktivistinnen und Aktivisten genau auf sie, wenn es darum geht, Ross und Reiter zu benennen.

Aber Ross und Reiter – Amazon und Exxon, Monsanto und Rio Tinto, Kaeser und Schaeffler, Müller und Zetsche und wie sie sonst noch alle heißen mögen – galoppieren auf wohl bereitetem Gelände. Ihr falsches Spiel kann nur aufgehen, weil so viele dabei mitspielen. Und damit ist nicht die vermeintliche Macht der Konsumenten gemeint. Sondern die Entpolitisierung der Leute.

Ein halbes Jahrhundert Wachstum und ein Vierteljahrhundert Neoliberalismus haben ihre Spuren hinterlassen in der wohlstandsgesellschaftlich herrschenden Subjektivität, in den Hirnen und Herzen der Menschen. Der Wille zum Mehr einerseits, die Sorge um sich selbst andererseits sind keine persönlichen Bösartigkeiten Einzelner, auch keine anthropologische Konstante im Sinne des berüchtigten „so ist halt der Mensch“. Keineswegs: Es sind dies die sozialen Prägungen, die gesellschaftliche Subjekte in den wohlstandskapitalistischen Gesellschaften des Westens über eine längere historische Zeit hinweg erfahren und nach und nach verinnerlicht haben.

Der Wille zum Mehr ist nicht einfach individuelle Maßlosigkeit oder triebhafte Gier. Vielmehr ist dieser Wille fundamentaler Bestandteil einer gesellschaftlichen Formung des Handelns, die das Mehr – die kapitalistische Akkumulation – zum ökonomischen Zwang und sozialen Prinzip erhoben hat. Prinzipiell muss im westlichen Wachstumskapitalismus jede und jeder immer mehr wollen – ganz gleich ob er bzw. sie will oder nicht. Der Kapitalismus, so wusste der frühe Soziologe Max Weber, schafft sich die Subjekte, derer er bedarf – und er bedarf vor allem anderen der Wachstumssubjektivität, des endlosen kollektiv-individuellen Wollens nach Mehr.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Sorge um sich selbst. Nicht der Mensch ist egoistisch, missgünstig und auf Konkurrenz gepolt. Das neoliberale Subjekt ist es – bzw. soll es sein. Seit Jahrzehnten ist uns immer und immer wieder eingetrichtert worden, von Wirtschaftsinstituten und Ökonomieprofessoren genauso wie von Parteioberen und Leitmedien, dass individuell vor kollektiv zu gehen habe, privat vor öffentlich, Eigentumsrechte vor Gemeingütern, überhaupt das Eigene vor den Anderen. Auch wenn man es sich nicht wünschen würde: Die entsprechende ideologische Indoktrination ist, in Verbindung mit den politisch institutionalisierten Marktzwängen, leider nicht spurlos an den Leuten vorbeigegangen.

So ist denn auch das ominöse, allgemein-ungefähre „Wir“ gemeint – niemand wird damit persönlich angefeindet, keiner soll moralisch gemaßregelt werden. Aber doch sind damit eben „alle“ angesprochen: Uns neoliberalen Wachstumssubjekten sind in unserem alltäglichen Handeln der Wille zum Mehr und die Sorge um uns selbst eingeschrieben. Und als neoliberale Wachstumssubjekte, die wir nun mal sind bzw. zu denen wir gemacht worden sind, lassen wir uns gerne etwas vormachen. Wir glauben gerne, dass der Strom aus der Steckdose kommt oder jedenfalls das E-Mobil „emissionsfrei“ fährt. Wir hören gerne, was die Konzerne alles unternehmen, um ihre Lieferketten „transparent“ zu gestalten. Wir lassen uns gerne von den Sozialzertifikaten und Nachhaltigkeitspreisen blenden, die noch die übelsten Gesellen des transkontinentalen Ausbeutungsgeschehens reihenweise einheimsen und sich stolz ans Revers heften dürfen. Damit wir alle uns in dem, was wir alltäglich so an Umweltvernichtendem und Lebenszerstörendem treiben bzw. treiben lassen, ein wenig besser fühlen können.

Wir glauben gerne an das Gute im globalen Kapitalismus, an grüne Lügen und bunte Hochglanzbroschüren. Wir wollen gar nicht wissen, was dahinter steckt. Dabei ist es nicht immer nur ein kluger Kopf. Sondern fast immer auch ein zerbrochener Körper und eine geschundene Seele, verwüstete Natur und beschädigtes Leben.

Was jetzt ansteht

Wenn alle darum wissen, aber tunlichst nichts wissen wollen, dann hat es doch vor allem um eines zu gehen bzw. um ein drittes: Nämlich darum, das eine wie das andere zum Politikum zu machen.

Es geht darum, fundiert und pointiert, mutig und gekonnt die Akteure der Ausbeutung beim Namen zu nennen. Und es muss zudem darum gehen, die Potemkinsche Fassadenkommunikation, die um uns herum betrieben wird und an der wir irgendwie alle gemeinsam teilhaben, als solche sichtbar werden zu lassen: Die stillschweigende Übereinkunft zu durchbrechen, der zufolge uns ein schöner Schein präsentiert wird – weil zugleich gewusst wird, dass wir die Wahrheit gar nicht wissen wollen. Es gilt, den ganzen Wachstumskonkurrenzschwindel, in dem wir uns bewegen, auffliegen zu lassen, diesen Alternativenfurcht erregenden Etikettenschwindel, von dem wir uns beherrschen lassen.

Das ist leichter gesagt als getan. Und es ist auch leichter, diesen kritischen Appell an andere zu richten als an sich selbst. Zum Beispiel an die Adresse all jener nicht-staatlichen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich den Kampf gegen das Elend der Welt und die Hilfe für die global Schlechtestgestellten auf die Fahnen geschrieben haben: Tun sie wirklich das Richtige? Sind sie in ihren Forderungen und Schlussfolgerungen, in ihren Initiativen und Aktivitäten radikal genug? Politisieren sie das, was sie tun, und problematisieren sie das, was sie lassen, in einer ausreichenden, den gesellschaftlichen Verhältnissen unserer Zeit angemessenen Weise?

Zugegeben: Derartige Fragen sind hier aus den Innenwelten des großen Schwindels heraus geäußert. Von einer Position aus, die diesen Verhältnissen nicht äußerlich, sondern ihnen selbst verhaftet, in ihnen verfangen ist. Und ja: die von ihnen zehrt, ja von ihnen erst ermöglicht wird. Doch lässt diese Gefangennahme unserer selbst durch die herrschenden Verhältnisse das Richtige keineswegs falsch werden. Ganz im Gegenteil. Und auf eine Weise sollte es den Kampf gegen das Falsche nur umso selbstverständlicher, für uns selbst verständlicher werden lassen. Wenn wir uns nämlich gemeinsam darüber im Klaren würden, was hier eigentlich läuft.

Hinter die Fassaden schauen: Das steht an. Nur so schreiten „wir“ voran.

Stephan Lessenich ist Doktor der Soziologie und leitet das Institut für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Letztes Jahr erschien von ihm „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“. Er ist einer der Hauptredner auf dem medico-Festakt zum 50. Jubiläum in Berlin, am 26.5. 2018 in der Urania. 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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