Vagabunden auf dem Weg nach Norden

200.000 zentralamerikanische Migranten durchqueren das gefährliche Mexico jährlich. Nur in wenigen Herbergen finden sie Schutz. Zwei davon hat der Journalist Klaus Ehringfeld besucht.

TENOSIQUE/HUEHUETOCA. Im ersten Moment wollen nicht mal die Tränen fließen. Im ersten Moment steht er da wie versteinert. Er hat sein bestes Hemd angezogen, auch seine Frau hat sich hübsch gemacht, die beiden kleinen Söhne tragen den Schopf sauber gescheitelt. Die Familie von Cervelio Mateos hält sich fest an den Händen.

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Dann endlich betreten die Eltern die kleine Kapelle der Migrantenherberge von Tenosique, fest eingehakt bei Franziskanerpater Fray Tomás. Die Augen von Cervelio springen von der Mutter zum Vater und wieder zurück, hin und her, so als müsse er sich versichern, dass sie es wirklich sind: der Vater, ein hagerer Campesino, die Mutter, eine kleine runde Frau mit einer warmen Ausstrahlung. Cervelio und seine Familie gehen einen Schritt auf sie zu. Dann drückt er seine Eltern an sich, als müsse er die neun verlorenen Jahre in eine Umarmung pressen. Und dann endlich kann er auch den Tränen freien Lauf lassen. Die Fotografen halten den Moment für die Ewigkeit fest.

Fray Tomás reicht Cervelio ein Mikrofon. Er soll ein paar Worte richten an die Reporter, die anderen Migranten und vor allem die vielen Mütter. Seine Stimme ist so leise, dass man sich trotz Lautsprecher anstrengen muss, seine Worte zu verstehen. Cervelio erzählt von Stolz und Dankbarkeit und wie sehr er seine Eltern all die langen Jahre vermisst habe. „Ich bin so glücklich, sie hier neben mir zu haben.“ Applaus brandet auf, nun fließen auch Tränen bei den drei Dutzend Müttern aus Zentralamerika, die nach Mexiko gekommen sind, um ihre Kinder zu suchen und inständig hoffen, dass ihnen das gleiche Glück zuteil wird wie dem 27-jährigen Cervelio und seinen Eltern.

Vor neun Jahren, er war gerade 18 Jahre alt, ging er den Weg Hunderttausender Migranten. Er entfloh der Armut seines Dorfes San Antonio in der honduranischen Provinz Lempira, wo die Scholle von Vater José die acht Kinder kaum ernährte. Cervelio wollte weg, wollte ein besseres Leben. Er wollte in die USA, „in den Norden“, wie er es nennt. Das scheinbar gelobte Land, wo man in ein paar Tagen das verdient, wofür man in der Heimat einen Monat schuften muss. Cervelio wollte Orangen pflücken oder Bohnen ernten. Hart arbeiten hatte er schon in Kinderjahren gelernt, als er dem Vater auf dem Feld half. Also packte Cervelio den Rucksack, Hemd und Hose und ein paar Groschen, und kam nach tagelangem Fußmarsch und Busfahrt in Mexiko an. Hier sprang er auf den Güterzug, den sie „Die Bestie“ nennen, weil er einen ins Paradies, aber auch viel zu oft in die Hölle bringt.

Doch die Reise des Jungen endete, bevor sie richtig begann. In Lomas Alegres in Tabasco im Süden Mexikos stieg er bei einem Halt vom Zug ab. Er wollte schnell etwas zu essen besorgen. Doch der Zug setzte sich ohne ihn wieder in Bewegung: „Ich lief, aber konnte auf den letzten Waggon nicht mehr aufspringen, so blieb ich zurück.“

Cervelio, so kann man rückblickend sagen, hat großes Glück gehabt. Er traf auf einen Busunternehmer, der ihm einen Job als Kassierer gab, so blieb er erst einmal. Bald darauf lernte er Maria kennen, sie verliebten sich, heirateten und bekamen zwei Söhne. Und so tauschte er den Traum im „Norden“ gegen eine Wirklichkeit in Mexikos Süden.

Seiner Familie aber konnte Cervelio nie mitteilen, was aus ihm geworden war. San Antonio in Honduras ist fast von der Außenwelt abgeschnitten: „Und ich hatte immer die falsche Vorwahl.“ So blieb Mutter Silveria daheim allein mit der Angst, was aus ihrem Jungen geworden war.

200.000 bis 300.000 Honduraner, Salvadorianer, Nicaraguaner und Guatemalteken verlassen nach Schätzungen von Hilfsorganisationen jedes Jahr ihre Heimat Richtung Norden. 70.000 sind seit 2006 auf dem 3.000 Kilometer langen Weg durch Mexiko verschwunden. Viele fallen vom Zug, weil sie übermüdet sind oder beim riskanten Aufstieg auf die Waggons in voller Fahrt ausrutschen und unter die Räder kommen. Manche werden von der Polizei aufgegriffen und in den Knast gesteckt. Aber die größte Gefahr droht durch die organisierte Kriminalität, vor allem die „Zetas“, eine paramilitärische Verbrecherbande, gegründet von ehemaligen Elitesoldaten. Sie haben mal als Leibwächter für das „Golf-Kartell“ angefangen, sind dann selbst in den Rauschgifthandel eingestiegen und haben vor fünf Jahren den Menschenhandel als Einnahmequelle entdeckt. Besonders das Migranten-Monopoly ist ein lukrativer Nebenerwerb. Sie verschleppen die Männer und Frauen, nötigen unter Folter die Telefonnummern von Angehörigen und erpressen Lösegeld. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt.

„Diese Banden sind heute für die Migranten die mit Abstand größte Bedrohung“, sagt Fray Tomás, Leiter der Migrantenherberge „La 72“ von Tenosique. 5.000 Dollar Lösegeld würden in der Regel verlangt. „Migranten sind für die Banden eine Ware, mit der sich Geld verdienen lässt.“ Wer kein Lösegeld zahlen kann, muss für die Banden arbeiten. Wer auch das nicht will, dem ist der Tod sicher. Die Zetas ermorden ihre Geiseln meist auf bestialische Weise, sie zerstückeln sie und lösen sie in Säure auf. Andere werden einfach an die Wand gestellt und in Massengräbern verscharrt, so wie im August vor zwei Jahren die 72 Auswanderer im Bundesstaat Tamaulipas.

Das alles blieb Cervelio erspart. Als er vor neun Jahren auswanderte, da gab es noch keine Zetas. Damals waren die größten Gefahren, vom Zug zu fallen und von der „Migra“, den korrupten Schergen der Einwanderungsbehörde, ausgenommen zu werden.

Vor neun Jahren gab es auch noch niemanden, an den sich Mutter Silveria auf der Suche nach ihrem Sohn hätte wenden können. Mittlerweile existieren in fast allen Ländern Zentralamerikas lokale Organisationen, die versuchen, verschollene Migranten aufzuspüren. In Mexiko macht das vor allem das Movimiento Migrante Mesoamericano (Mittelamerikanische Migrationsbewegung, M3). „Wir hatten aus Honduras eine Suchanfrage erhalten“, erzählt Rubén Figueroa vom M3. „Dann suchten wir über kommunale Radios in der Gegend, wo wir ihn vermuteten, nach Cervelio.“ Nach und nach näherte sich Rubén so dem Honduraner an und kreiste seinen Aufenthaltsort ein. Irgendwann fuhr Figueroa in das Dorf, wo er wohnen sollte, ging von Haus zu Haus, bis er eines Tages vor Cervelios Tür stand und seine Frau Maria öffnete.

Seit acht Jahren gibt es inzwischen die Karawanen zentralamerikanischer Angehöriger durch Mexiko. Unermüdlich haben die Mütter, Väter und Geschwister in diesen Jahren die Bilder ihrer Lieben auf Dorfplätzen und in Städten ausgelegt, haben mit Politikern und Polizisten geredet. Und eigentlich immer bekam irgendwer irgendeinen wichtigen Hinweis. So konnte Rubén Figueroa Söhne im Knast aufspüren oder als Prediger bei evangelikalen Sekten. Er konnte Zwillingsschwestern wieder zusammenführen, die sich vor 20 Jahren zuletzt gesehen hatten. 30 Familien hat die Mittelamerikanische Migrationsbewegung mittlerweile wieder zusammengebracht.

La 72 – erste Station

Nun stehen also Cervelio und seine Eltern etwas unbeholfen vor so vielen Menschen in der Herberge in Tenosique und sollen erzählen, wie sie sich fühlen. Vater José nimmt das Mikrofon und sagt einfach nur: „Ich habe von der Wiederbegegnung immer geträumt, aber geglaubt habe ich es erst, als Rubén bei mir in San Antonio vor der Tür meiner Hütte stand und mich hierher nach Mexiko eingeladen hat.“

Hierher – das ist „La 72“, der erste Anlaufpunkt für die Zentralamerikaner, wenn sie nach Gewaltmärschen aus ihrer Heimat die mexikanische Grenze überquert haben. In dem Auffanglager können sie sich nicht nur satt essen, hier haben sie einen Schlafplatz, werden medizinisch versorgt. Und in der „Casa del Migrante“ wird jeder Wanderer registriert, damit man seine Spur besser verfolgen kann, sollte er nicht am Ziel ankommen.

An einem sonnigen Morgen im Oktober treffen in dem Refugium schon morgens die Neuen auf die Alten, die Kommenden auf die Gehenden. Bei Kaffee, einer kräftigen Suppe und Tortillas tauschen die Wanderer Erlebnisse aus, die Erfahrenen warnen die Neuen vor den Gefahren auf dem Weg. Manche beratschlagen eine Route, andere dösen auf ihren Matten. Wieder andere waschen ab und helfen, wo sie können. Edwin zum Beispiel ist schon 14 Tage in Tenosique. Er kocht oft Tamales, die typischen Maispasteten oder hilft beim Spülen der Teller. Er weiß noch nicht, ob er weiter will oder nach Honduras zurück. Es sei zu schwer, zu gefährlich, und schließlich habe der Sohn auch bald Geburtstag. Hausherr Fray Tomás gibt seinen Gästen Zeit, sich zu entscheiden. Weggeschickt wird niemand. Edwin weiß das zu schätzen: „Hier in Mexiko können wir nur auf Menschen wie ihn oder auf Herbergen wie diese hoffen. Alle anderen hier wollen uns nur an den Kragen. Banden oder Behörden, ganz egal.“

Insgesamt 54 solcher Herbergen gibt es in Mexiko. Sie werden getragen von kirchlichen Einrichtungen und engagierten Geistlichen wie Fray Tomás. Und ausländische Organisationen wie medico international engagieren sich finanziell beim Bau von Schlafsälen und Gesundheitsstationen, so wie bei „La72“ in Tenosique.

medico hilft aber auch bei der Suche nach in Mexiko verschollenen Migranten und unterstützt dabei die Arbeit der Mittelamerikanischen Migrationsbewegung (M3), die neben der konkreten Hilfe vor allem Lobbyarbeit für die Wanderer leistet. M3 tritt den Behörden auf die Füße, stellt unangenehme Fragen und verlangt Respekt und Schutz für die Migranten.

Mit der Unterstützung für M3 wolle medico, den „Finger in die Wunde legen und den mexikanischen Politikern und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten“, begründet Dieter Müller, medico-Repräsentant in Mittelamerika, das Engagement. „Wir wollen dafür sorgen, dass Migranten sichtbar werden.“ Die Politiker müssten aufwachen, betont Müller. „Wie kann es angehen, dass jedes Jahr 20.000 Menschen auf ihrem Weg durch Mexiko verschwinden und niemand unternimmt etwas?“

Huehuetoca – Zwischenhalt

Eintausend Kilometer weiter nördlich sind gerade Daniel und Arlin in der Herberge San José in Huehuetoca gestrandet. Vor 16 Tagen brachen sie in Choluteca im Süden von Honduras auf – mit Rucksack und Geld. Hier, zwei Stunden nördlich von Mexiko-Stadt, haben sie nur noch die Klamotten, die sie am Leib tragen, eine gelbe Plastiktüte mit einem geschenkten Pullover und Schuhe mit durchgebrochenen Sohlen. Überfälle, Misshandlungen, Diebstähle liegen hinter ihnen. Gleich hinter der Grenze haben Banditen sie ausgenommen, und die Busfahrer verweigerten ihnen Wechselgeld, nur weil sie Migranten sind und damit rechtlos. Aber am schlimmsten sind die bewaffneten privaten Sicherheitsdienste auf den Bahnhöfen. „Die nehmen uns, was wir noch haben“, sagt Daniel müde. „Hier in Mexiko pressen sie uns aus wie eine Orange. Aber wir haben noch Leben und Gesundheit.“

Die Unterkunft in Huehuetoca ist die erste, die von Basisorganisationen betrieben wird. Noch fehlt es an vielem – an Schlafsälen, Toiletten und einer Gesundheitsstation. „Das Refugium ist aus der Not entstanden, nachdem die Herberge im nahen Lechería auf Druck der dortigen Lokalregierung geschlossen wurde“, sagt Dieter Müller von medico. Huehuetoca ist jetzt der einzige Anlaufpunkt für die Migranten im Nadelöhr nahe der mexikanischen Hauptstadt. „Die Gegend hat sich zu einem der gefährlichsten Orte für sie entwickelt, hier sind sie leichte Beute für Räuber sowie private Sicherheitsdienste, und sie treffen oft auf eine feindliche Bevölkerung, die von den lokalen Regierungen gegen die Migranten aufgebracht wird.

Deshalb haben M3 und studentische Kollektive eilig diesen improvisierten Ort aus der Taufe gehoben, um den ausgelaugten Wanderern wenigstens Essen und ein Obdach anbieten zu können. Leute wie Rubén Figueroa und Marta Sánchez von M3 halten aber weiter Druck auf Kirche und Politik aufrecht, um eine definitive und besser ausgestattete Herberge zu erzwingen. Für Dieter Müller ist das eine „humanitäre und politische Notwendigkeit“, um die Zentralamerikaner vor weiteren Übergriffen zu schützen. Für Marta Sánchez „tragen die Behörden die Verantwortung für die Unversehrtheit der Migranten“.

Wie dringend im Norden von Mexiko-Stadt etwas geschehen muss, kann man jeden Tag in der San-José-Herberge besichtigen. Hier stranden täglich 100 bis 150 Menschen, in die Gesichter aller haben sich Müdigkeit und Anstrengungen eingeschrieben. Die meisten sind bereits zwei bis drei Wochen unterwegs, kaum jemand hat richtig geschlafen, dazu kommt die Angst. „Eine Entführung“, sagt Daniel, „dann hilft uns nur noch Gott.“ Er und sein Kumpel Arlin wollen nach Houston. Der Traum vom Norden, von einem besseren Leben, von besser bezahlter Arbeit ist für alle die Motivation, trotz Schikanen und Schicksalsschlägen weiterzumachen.

Auch Cervelio, der Honduraner, der seine Eltern wiederfand, hat von dem großen Traum noch nicht Abstand genommen. Als Tagelöhner auf den mexikanischen Maisund Bohnenfeldern verdient er kaum fünf Euro am Tag. Besser als daheim, aber auch nicht genug, der Armut zu entrinnen. „Die Illusion vom Norden“, sagt er leise, „die Illusion ist noch lebendig“.

Projektstichwort

Die Arbeit der erwähnten Migrantenherbergen in Mexiko sowie die Öffentlichkeitsarbeit der jährlichen Mütterkarawanen auf der Suche nach ihren verschollenen Kindern können Sie fördern unter dem Stichwort: Migration.


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