Kosovo

Nicht verfolgt, aber diskriminiert

Das Bild zeigt eine junge Roma-Frau im Kosovo.
Als Minderheit sind sie Anfeindungen und Diskriminierung ausgesetzt: Junge Roma-Frau im Kosovo. (Foto: medico)
Die Situation der Roma im Kosovo, dem Armenhaus Europas, treibt viele ins Ausland.

Im Dezember 2014 wunderten sich die Angestellten auf dem Busbahnhof von Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, über die vielen Familien mit Kindern, die schon am frühen Morgen in der Schalterhalle auf bauchigen Plastiktaschen saßen. Am Anfang waren es Roma. Bald sprang der Funke über auf die albanische Mehrheit. Mit dem Bus ging es nach Subotica in Serbien, von dort für 250 Euro mit einem lokalen Schleuser übers Feld nach Ungarn, dann weiter mit dem Bus nach Deutschland.

Der Grund für die Massenflucht liegt auf der Hand: Die Hälfte aller Kosovarinnen und Kosovaren lebt von weniger als 1,42 Euro am Tag, jede und jeder sechste hat gar weniger als 94 Euro-Cent. Eins von sechs Kindern ist unterernährt. Die Arbeitslosigkeit ist mit geschätzten 50 Prozent die höchste in Europa. 35 Prozent der 15- bis 24-Jährigen besuchen weder eine Schule oder Universität noch gehen sie einer Beschäftigung nach. Kosovo ist der Staat mit der jüngsten Bevölkerung in Europa; eine Perspektive im Land sehen nur die wenigsten. Schon als der Kosovo noch zu Jugoslawien gehörte, suchten Menschen von dort in anderen Regionen ihr Glück. Seit dem Zerfall des Vielvölkerstaates nach 1990 haben etwa eine Million Kosovarinnen und Kosovaren ihrer Heimat den Rücken gekehrt – Albanerinnen und Albaner ebenso wie Roma. Und alle suchen sich für den Weg nach Westen das Ticket, das sich gerade anbietet. Wer keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis hat, beantragt eben Asyl. Weil im Land die Einschätzung kursiert, dass Roma als Angehörige einer Minderheit im Kosovo bessere Chancen auf Asyl haben, geben sich manche aus taktischen Gründen als Roma aus.

Tatsächlich ist die Situation für Roma, die größte ethnische Minderheit in Europa, im Kosovo besonders schwierig. Politisch verfolgt werden sie zwar nicht, formal haben sie die gleichen Rechte wie alle. Dennoch sind sie als Minderheit immer wieder Anfeindungen durch die kosovo-albanische Mehrheit ausgesetzt. Vor allem aber sind sie am stärksten von der landesweiten Armut und Arbeitslosigkeit betroffen. Das wirkt sich auch auf die Gesundheitsversorgung aus. Arzneimittel und medizinische Behandlung müssen im Kosovo häufig privat bezahlt werden. Das können Roma sich oft nicht leisten. Diskriminiert werden sie ebenfalls im Bildungsbereich – viele Roma-Kinder gehen nicht zur Schule – und auf dem Wohnungsmarkt. Wenn eine freie Wohnung zu vergeben ist, kommen sie meist als letzte zum Zug. Sie leben daher oft am Rande der Gesellschaft.

Weder solche Formen der Benachteiligung noch Armut werden in Deutschland als legitimer Fluchtgrund anerkannt. Neuerdings gilt der Kosovo sogar wieder als „sicheres Herkunftsland“: Wer von hier kommt, erhält nur in Ausnahmefällen Asyl. Abstellen wird das die Abwanderung vom Balkan allerdings nicht. Auf längere Sicht gibt es auch keinen guten Grund dafür: Es ist beschlossen, dass alle Balkanstaaten der EU beitreten sollen. Damit würden jene, die heute „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt werden, mobile europäische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Statt die Menschen auf das untaugliche Asylrecht zu verweisen, könnte man ihnen also geben, was sie sowieso lieber wollen: eine Arbeitserlaubnis.

 

 

Das kleine Glück

Was die beiden Jungen für ihr Leben gehalten hatten, endete an einem Oktobertag mit ihrer Abschiebung in den Kosovo. (Foto: Norbert Mappes-Niediek)
Was die beiden Jungen für ihr Leben gehalten hatten, endete an einem Oktobertag mit ihrer Abschiebung in den Kosovo. (Foto: Norbert Mappes-Niediek)

Sedat und Nazmir aus Niedersachsen wurden in den Kosovo „zurückgeschickt“ – ein Land, in dem sie nie zuvor gewesen waren.

Der Papa hat sich seinen kleinen Sohn auf die Schultern gesetzt. Beide lachen fröhlich in die Kamera. Der Weihnachtsbaum leuchtet bunt. Die Mama sitzt auf dem Sofa unter der Stehlampe und strahlt. Erinnerung an ein kleines Glück in Hiddestorf, einem Dorf bei Hemmingen in Niedersachsen. Das Album mit dem Weihnachtsbild steckt in einem säuberlich aufgeschichteten Stapel unter Omas Bett in Leposavić, einer Kleinstadt im Norden des Kosovo. Ordnung muss sein, wenn man zu zwölft auf fünfzehn Quadratmetern schläft.

Halime Hasani und ihre beiden Söhne Sedat und Nazmir haben viele Jahre im niedersächsischen Hemmingen gelebt, die Jungen sind dort geboren. Jetzt aber wohnen sie mit ihrer Oma in einer verlassenen Armeegarage im Norden der jungen Republik auf dem Balkan. Notdürftig eingezogene Pappwände trennen die Verschläge, in denen die Familien die Nächte und die meisten Tage verbringen. Sie haben die zugigen Ritzen des Betonschuppens mit knallbunten Decken verhängt. Sedat, der kleine Junge auf dem Foto, ist inzwischen 13, sein Bruder Nazmir zwölf. Sie sitzen im Schneidersitz auf einem Teppich und reden wie alte Männer über ihre Jugend. „Ich war gut in Mathe“, sagt Sedat. „Ich war bei der Freiwilligen Feuerwehr“, sagt Nazmir. Was die beiden Jungen für ihr Leben gehalten hatten, endete an einem Oktobertag. Polizisten kamen in ihre schöne große Wohnung in Hemmingen, nahmen sie mit und schickten sie zurück in ein Land, in dem sie nie gewesen waren.

Was den beiden Jungen widerfuhr, heißt „freiwillige Ausreise“. 1993, lange vor ihrer Geburt, waren Mutter Halime und Vater Mifai aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Weil in ihrer Heimat Krieg herrschte, durften sie bleiben. Aus einem Übergangslager in Braunschweig wurden sie nach Hemmingen geschickt. Zwei Söhne wurden geboren. Die Eltern trennten sich, als beide noch klein waren. Doch irgendwann war der Krieg zu Ende. Vater Mifai, der immer Arbeit hatte und inzwischen mit einer deutschen Partnerin ein Kind hat, fiel unter das neue Bleiberecht. Die Mutter, die bei den Kindern geblieben war, nicht. „Die Behörden haben richtig Druck gemacht“, sagt der Anwalt der Familie. Als die Polizei kam, konnte er schon nichts mehr für sie tun.

Die Leiterin der Grundschule in Hiddestorf kann sich an die beiden Jungen gut erinnern: „Wir haben sie hier sehr gut fördern können“, sagt die Lehrerin, „und sie wären sicher etwas geworden.“ Vor allem Nazmirs Charme hat Eindruck hinterlassen. „Dass sie uns verlassen mussten, hat mir sehr weh getan.“ Beide Jungen gingen regelmäßig zur Schule. In den letzten Wochen allerdings seien sie „sehr still geworden“. Auf die Frage, wie es denn nun weitergehen soll, sagt Sedat: „Na, zurück nach Deutschland wollen wir.“ Diese Perspektive ist für die kleine deutsche Community von Leposavić in jedem Fall realistischer als die Aussicht auf ein gutes Leben im Kosovo. In Hemmingen wartet der Papa mit seiner neuen Familie auf Sedat und Nazmir. Niko, ein Freund, der ein paar Jahre älter ist als die beiden, ist inzwischen wieder zu Hause in Deutschland bei seiner Freundin. Spätestens wenn sie 18 sind, gehen auch Nazmir und Sedat zurück nach Deutschland. Wenn es nicht anders geht, dann im Zweifel illegal.


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