Kein Ort mehr für Grenzgänger

Das Freedom Theatre Jenin nach dem Mord an seinem Direktor

 

In einem Land der vielen sichtbaren und unsichtbaren Grenzen war Juliano Mer Khamis eine zutiefst irritierende Erscheinung. Israeli und Palästinenser zugleich, trug er die Grenze in sich. Er ließ sich nicht in das eine oder andere Lager zwängen, sondern zog es vor, auf der Mauer zu sitzen. Ein ungeschützter Ort. Vor seinem Freedom Theatre im Flüchtlingslager Jenin wurde er am 4. April ermordet.

Das Erbe der Mutter

Nach Jenin im besetzten Westjordanland kam er in den Fußstapfen seiner Mutter, Arna Mer. 1987 gründete die überzeugte Kommunistin im Flüchtlingslager ein Kindertheater. Es war nicht leicht für diese ungewöhnliche Frau, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, denn bis dahin hatten Israelis das Lager nur als Soldaten betreten. Juliano begleitete seine Mutter immer wieder mit der Kamera. Arna starb 1994, und mit ihr das Theater. Während der Zweiten Intifada erkannte Juliano einige der Kinder von damals in den Nachrichten wieder. Er machte den Film "Arnas Kinder". Ein bewegendes Porträt seiner Mutter und ihres Lebenswerks. Zugleich dokumentiert er Leben und Tod einiger Jugendlicher, die in Arnas Theater mitgewirkt hatten. Aus den lachenden Heranwachsenden waren hartgesottene Kämpfer geworden, die auch vor Attentaten auf Zivilisten nicht zurückschreckten.

Der Verlust und die Ausweglosigkeit, die "Arnas Kinder" dokumentiert, hinderten Mer Khamis nicht daran, in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten. Das 2006 neugegründete Freedom Theatre war ein geschützter Raum, in dem junge Menschen ihre im Alltag erlebten Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht aufarbeiten konnten. Das so gewonnene Selbstwertgefühl ließ tradierte Hierarchien und reaktionäre Denkmuster hinterfragen. Auf der Bühne konnten die Jugendlichen sprechen, gehört und gewürdigt werden. Es wurde die erste palästinensische Schauspielschule eröffnet, und ihre Produktionen - orchestriert von Mer Khamis, der sich zu einem formidablen Regisseur entwickelte - gehörten zum Besten, was das palästinensische Theater zu bieten hatte.

Im Licht der Theaterscheinwerfer wurde ein Zweifrontenkampf geführt: gegen die Besatzung, die Jenins Bewohner zu Gefangenen macht; und gegen die infolge von Isolation und Besatzung erstarkenden Denk- und Erklärungsmuster reaktionärer Provenienz. Diese doppelte Auseinandersetzung fand ihren Höhepunkt in der skandalumwitterten Inszenierung von George Orwells Parabel "Farm der Tiere", in der junge Palästinenser durch Besatzung (die Menschen) und eigene Obrigkeit (die Schweine) um ihre Lebenschancen gebracht werden.

Im Freedom Theatre herrschte eine ungewöhnliche Atmosphäre; es war eine Mischung aus alternativem Kunstbetrieb, in dem Menschen aus aller Welt durcheinanderwirbeln, und suburbanem Jugendzentrum, zudem ein Hort palästinensischer Gastfreundschaft. Das kam nicht bei allen gut an, obwohl Zakaria Zubeidi, Jenins Held der zweiten Intifada, und andere lokale Akteure ans Theater angebunden waren und sich bemühten, dessen Akzeptanz bei der Bevölkerung zu verbessern. In den letzten zwei Jahren erlebte das Theater bereits zwei Brandanschläge.

Unsichere Zukunft

Und dann wurde Juliano Mer Khamis erschossen. Zur Gedenkfeier im israelischen Haifa kamen zweitausend Menschen, die Creme der israelischen Kulturszene und des Friedenslagers, Juden und Araber. Der Schock stand vielen ins Gesicht geschrieben. Der palästinensische Premierminister Salam Fayyad, die Fatah, die Hamas verurteilten den Mord. Doch an der Gedenkfeier in Jenin beteiligten sich nur wenige. Zurück bleibt der Eindruck, dass Jenin heute ein anderer Ort ist - finsterer als vor über 15 Jahren, als der Tod Arnas die Menschen in "ihrem" Jenin zutiefst berührte. Kann das Freiheitstheater überleben? Abgesehen von der Unmöglichkeit, den Mentor, das künstlerische Gravitationszentrum dieser Institution zu ersetzen, hängt nun ein Damoklesschwert über Jenin: Der kaltblütige Mord und die zaghafte Reaktion vor Ort offenbaren, wie explosiv die Situation geworden ist. Beeinflusst von jahrzehntelanger islamistischer Propaganda aus Saudi-Arabien, scheinen Teile der palästinensischen Bevölkerung in einen Strudel selbstzerstörerischer Gewalt abzudriften.

Es ist keine gute Zeit für Grenzgänger. Doch Julianos Weggefährten wollen das Wagnis fortsetzen. Der Mord soll nicht der Schlusspunkt des Freiheitstheaters sein.

Tsafrir Cohen

Projektstichwort

Die Weggefährten von Juliano Mer Khamis hoffen auch nach seiner Ermordung auf die Ausstrahlungskraft des Theaters. Ihr nächstes Projekt ist das Playback Theatre. Ein interaktives Theatererlebnis in Jenin und Umgebung, in dem das Publikum eigene Geschichten er-zählt, die dann von Schauspielern und Musikern improvisatorisch inszeniert werden. Eine kraftvolle Art, gemeinsamen Kampf und Widerstandskraft zur Sprache zu bringen. Unterstützen Sie das Freiheitstheater in Jenin. Das Stichwort lautet: Israel-Palästina.

 


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