Die Zukunft des Konflikts im Zeichen größter Angst

von Ruchama Marton

Anschwellende Angst und Furcht liegen über unserem Alltag in Israel: und die Regierung ist ihr Motor. Jeden Tag meldet sich die Armee mit neuen Nachrichten, die fürchterliche Schrecken beschreiben, die ein bevorstehender Angriff der irakischen Armee oder Saddams Husseins bedeuten könnte. Das alles dient nur zur Rechtfertigung der Position der USA oder von George Bush. Kürzlich hatte ich eine neue Patientin, die mich fragte, ob sie nicht besser nach Kanada auswandern solle, um im Falle eines Krieges mit Irak ihre Tochter und den Enkel in Sicherheit zu bringen. Es ist nicht gerade meine Aufgabe, in solchen Sachen Rat zu erteilen, aufschlußreich ist aber, daß sie damit nicht zu einem Anwalt ging, sondern zu mir kam: einer Psychiaterin. Ich erlebte ihre Angst und ihren Wunsch, diese mit meiner Hilfe beherrschen zu können, wozu sie selbst nicht mehr imstande war. Der Irak-Krieg, al Qaeda, Bio-Waffen – alle diese Geschichten wirken überwältigend auf die Menschen ein – und das ist es genau, was eine so enorme Angst über Israel bringt. Es ist das Gefühl, plötzlich bricht ein ungeheuerliches Unglück aus dem Himmel herein, nicht kalkulierbar, ohne jede Vorwarnung, und wird ich umbringen – das ist das allerärgste Gefühl. Je weniger es durch die Vernunft erfaßbar und erklärbar ist, desto größer die Angst. Dabei verlieren die Menschen das normale Interesse gegenüber den sozialen und alltäglichen Notwendigkeiten, von denen sie sich zurückziehen. Gewiß versuchen sie immer noch das Management ihrer unmittelbaren Probleme zu bewältigen, und erfahren dennoch mehr und mehr, wie unmöglich das ist, – was ihren weiteren Rückzug erklärt und die bewußte Aufmerksamkeit gegenüber den Vorgängen außerhalb des eigenen Selbst zunehmend verschwindet.

Ist das einmal soweit, ist die Furcht übermächtig, ist es sehr leicht geworden, die Menschen zu manipulieren. Die Lage in Israel hat sich schon in den letzten Jahren auf solche Weise sehr verändert, aber nach dem 11. September, ist dieses Lebensgefühl bestimmend geworden. Fast so wie beim Mechanismus einer alten Uhr, wo ein Rad das andere treibt, bis man am Ende nicht mehr weiß, wann und wodurch eigentlich etwas in Gang gekommen ist. Mal in amerikanischem Jargon gesprochen – der mir nicht sehr liegt – dann war die Menschenrechtsarbeit vor einiger Zeit »in« – jetzt ist sie geradezu »out«. Menschenrechtsverletzungen ereignen sich in dem neusten Israel in schlimmerem Maße als in allen 35 Jahre zuvor. Soeben hat das höchste israelische Gericht gebilligt, daß man auch die Familien von verdächtigen palästinensischen Militanten in andere Orte umsiedeln darf – ohne daß dazu ein weiteres Gerichtsurteil mehr nötig ist. Unser Premierminister und sein Armeechef finden es schlicht »OK«, daß unschuldige Kinder getötet werden, wenn unsere Armee ohnehin dabei ist, Leute zu töten, von denen sie nur meint, sie seien verdächtig. Wenn sich Stimmen dagegen erheben, dann eigentlich nur, daß man »unschuldige« Menschen nicht töten soll, gegenüber den extralegalen Tötungen von Verdächtigen gibt man sein »OK« – dabei ist das, was da geschieht, weit vom »OK« entfernt.

Heute rief mich ein palästinensischer Freund aus der West Bank an: er berichtete die Geschichte des Fahrers der einzigen Ambulanz in Nablus, die während der Ausgangssperre operieren darf. Er war den Tränen nahe, als er mir sagte, dass die israelische Armee diesen Mann schwer zusammengeschlagen hat. Die Menschen sterben dann zu Hause an Krankheiten, die im Hospital leicht behandelt werden könnten. Aber am allerschlimmsten, würde ich sagen, ist dieses wirklich infantile Weltbild, alles in Schwarz oder Weiß einzuteilen, in nur Gute und nur Schlechte, ohne jede Differenz. Es gibt Leute in Israel und den USA, die schneiden die Geschichte in Scheiben, die für sie ab dem 11. September begann, vorher gab es nichts Ursächliches.

Das alles resultiert aus Herrn Bushs »Achse des Bösen«: eine Auffassung, die unsere Regierung regelrecht adoptiert hat. Nach dem 11. September gibt es für sie einen Blankoscheck, die Bösen zu behandeln, wie immer man das will und für richtig hält. Klar, daß wir zu den Guten zählen, während die Palästinenser die Schlechten sind. Doch die Situation verändert sich nicht nur einseitig.

Gewiß, unsere Rechte wurde noch rechter, aber es gibt seitdem auch viele ganz neue Gruppen und Bewegungen mit vielen neuen jungen Menschen an ihrer Seite, viele davon neigen der Linken zu. Sie sind gerade wach geworden – und entstammen nicht der alten Friedensbewegung. Die Frauen mobilisieren sich. Einige Gruppen von Frauen besuchen die Checkpoints jeden Tag, morgens und abends, und beobachten die Situationen. Und selbst unsere kleine Gruppe, die Physicians for Human Rights, ist längst nicht mehr so klein. Neue Kräfte klopfen bei uns an, jeden Tag, und sie fragen und wollen wissen: »Was können wir tun?«

Notiert von : Esther Addley

Ruchama Marton ist Präsidentin der israelischen Sektion der Physicians for Human Rights.


Hilfe im Zeichen paradoxer Hoffnung - medico-Projekte Nah-Ost

Physicians for Human Rights/Ärzte für Menschenrechte (Israel)

1988 gründeten Ärzte in Tel Aviv die Gruppe der Physicians for Human Rights (PHR) als israelische Sektion der US-Hilfsorganisation gleichen Namens. Von den mehr als 300 Mitgliedern der PHR arbeiten ca. 40 in den mobilen Kliniken.

Die Arbeit der PHR umfasst:

  • die mobile Kliniken in der Westbank,
  • Sprechstunden für Arbeitsmigranten und Illegale in Israel,
  • regelmäßige Gefängnisbesuche, insbesondere bei palästinensischen Gefangenen, denen ein adäquater Zugang zur Gesundheitsversorgung verweigert wird. Bekannt wurden die PHR zudem durch ihre Klagen gegen die Beteiligung von Ärzten an der Folter von palästinensischen Gefangenen.

medico unterstützte die Physicians bislang mit 5200 €. Für die Arbeit in der Westbank brauchen ihre Teams ein Allrad-Fahrzeug mit kugelsicheren Scheiben. Dafür benötigen wir 20000 €.

Union of Palestinian Medical Relief Committees/Union Palästinensischer Gesundheitskomitees (UPMRC)

Die UPMRC wurde 1979 von palästinensischen Ärzten gegründet und ist eine gemeindeorientierte Basis-Gesundheitsorganisation. Seit 25 Jahren besuchen ihre medizinischen Teams mit ihren 16 mobilen Kliniken pro Woche ca. 40–60 Dörfer. Ihre Gesundheitsprogramme legen Wert auf Prävention, Erziehung und demokratische Beteiligung der Menschen vor Ort. Dafür arbeiten tausende Freiwillige in:

  • 400 Gemeinden in der Westbank und im Gaza-Streifen
  • 25 Gesundheitszentren und 15 Spezialeinrichtungen für Augenheilkunde, Hautkrankheiten, Zahnversorgung etc.

Der Solidarfonds ermöglichte die Arbeit der UPMRC mit 15000 € zu fördern. Darüber hinaus stellte uns das Auswärtige Amt 260000 € zur Sicherung der medizinischen Nothilfe und der mobile Kliniken in der Westbank und im Gaza-Streifen bereit.

Flüchtlingshilfe im Libanon

medico fördert seit Jahren in den palästinensischen Flüchtlingslagern des Libanon Ausbildungsprogramme für Gesundheitsarbeiterinnen und kulturelle Projekte mit Jugendlichen. Nähere Informationen über unsere Partner im Libanon und unsere weitere Projektarbeit finden Sie unter: www.medico.de

Spenden Sie unter dem Stichwort »Israel-Palästina«.


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