Kurdistan/Türkei

Dach über dem Kopf

Die Häuser zerstört, die Menschen vertrieben. Aber in der Nähe von Sirnak bauen sie ein neues Dorf. Seit Mai dieses Jahres konnten schon hundert Häuser begonnen oder fertiggestellt werden, 450 weitere sind in Planung. (Foto: medico)
Wie die 500.000 Vertriebenen in der kurdischen Südosttürkei ihre Lage meistern.

Von Anita Starosta.

Über die systematischen Zerstörungen und den demografischen Austausch in den kurdischen Städten in der Osttürkei hat medico immer wieder berichtet. Nun fahre ich zum ersten Mal in die Region, um mir ein Bild zu machen und mich bei medico-Partnern über deren konkrete Hilfsmöglichkeiten in dieser schwierigen Situation zu informieren.

Informationen über die Lage der Kurden in der Türkei gehen immer wieder unter in den aktuellen Berichten, die sich zu Recht mit der Inhaftierung von Oppositionellen, Politikern und Journalisten beschäftigen, aber häufig außer Acht lassen, dass mit den Kurden eine ganze ethnische Gruppe von Verfolgung betroffen ist. Es gibt fast keine unabhängigen Berichte über die humanitäre Lage in der Südosttürkei. So hat die Türkei Ermittlern der UN die Einreise verweigert. Trotzdem geht das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte davon aus, dass zwischen Juli 2015 und Dezember 2016 rund 2.000 Menschen getötet – 800 Angehörige der Sicherheitskräfte und 1.200 Zivilisten – ganze Gemeinden dem Erdboden gleichgemacht wurden und 500.000 Menschen, überwiegend Kurden, aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben wurden. Laut Erkenntnissen der UN gingen die Zerstörungen ziviler Infrastruktur sogar noch weiter, nachdem die Sicherheitsoperationen offiziell für beendet erklärt worden waren. Als kollektive Strafe gegen die kurdische Zivilbevölkerung, aber auch, um das Kerngebiet der pro-kurdischen HDP nachhaltig zu verändern, werden seit 2016 kontinuierlich kurdische Städte zerstört. Im September 2016 wurden die gewählten HDP-Bürgermeister inhaftiert und durch Beamte der AKP-Regierung ersetzt. Es ist zu vermuten, dass diese großangelegte demografische Veränderung im Zusammenhang mit den Erfolgen der PYD auf der syrischen Seite der Grenze steht und ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet von pro-kurdischen Kräften verhindert werden soll.

Demografie und Geschäft

Neben der Umwandlung der Bevölkerungszusammensetzung in der Südosttürkei spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle bei der Neuverteilung der geräumten Gebiete. Die staatliche Wohnungsbaubehörde Toplu Konut Idaresi Baskanligi (TOKI) ist mit dem Wiederaufbau der Städte genauso beauftragt wie mit dem Bau einer 900 Kilometer langen Mauer an der türkisch-syrischen Grenze. Das ehemalige UNESCO-Weltkulturerbe in Diyarbakir-Sur wird abgerissen und soll durch Hotels und Moscheen ersetzt werden. Seit Jahren halten sich Gerüchte über ein Korruptionsnetzwerk im Zusammenhang mit TOKI und die Involvierung der Familie Erdogans. Die Aufträge gingen an Bau-firmen in Ankara, die ihrerseits Verträge mit AKP-treuen Firmen in den kurdischen Gebieten abgeschlossen haben. Die Notstandsgesetze in der Südosttürkei werden parallel dafür genutzt, staatliche Bauprojekte wie das umstrittene Staudammprojekt Hasankeyf durchzusetzen, was bisher aufgrund des Widerstands der dort lebenden Bevölkerung und internationaler Unterstützung nicht möglich war.

Die Repression der türkischen Staatsmacht, der andauernde Ausnahmezustand und Notstandsgesetze machen politische Versammlungen quasi unmöglich. Politisch Aktive, linke Abgeordnete und kritische Zivilgesellschaft werden mit Berufsverboten überhäuft und angeklagt, meist mit dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Und trotzdem gibt die kurdische Zivilgesellschaft nicht auf. Wo es nur geht, werden gemeinsam mit den obdachlos gewordenen Bewohnerinnen und Bewohnern neue Wohnmöglichkeiten geschaffen. Während das in Diyabarkir in den noch intakten Stadtteilen geschieht, ist das in der Stadt Sirnak, wo neun von zwölf Stadtteilen zerstört worden sind, unmöglich. Deshalb weichen die Vertriebenen in den ländlichen Raum aus. In einem Dorf in der Nähe von Sirnak konnten wir uns davon überzeugen, wie dabei kollektive Strukturen und Solidarität greifen.

Şirnak
Die ehemalige Innenstadt von Şirnak ist dem Erdboden gleichgemacht, die BewohnerInnen vertrieben, die Grundstücke enteignet. Im Hintergrund drehen sich schon die TOKI-Kräne. (Foto: medico)

Rückzug in den Taurus

Unser Ziel ist ein kleines kurdisches Dorf im östlichen Taurus-Gebirge. Wir haben mehrere Militärkontrollen passiert, um dorthin zu gelangen. Das Militär ist omnipräsent. In den Städten fahren kleine Panzer durch die Straßen, großflächige Kameraüberwachung und Polizeiabsperrungen sind überall. Checkpoints kontrollieren die Hauptstraßen vor den Städten.

Wir biegen kurz vor Sirnak ab. Auf einer unbefestigten Straße fahren wir durch ein kleines Dorf, das an einem Berghang liegt. Dahinter verbirgt sich, von der Straße nicht einsehbar, unser Ziel: etwa fünfzig Häuser, Baustellen und Bauflächen. Baumaterial und Werkzeuge sowie einfache Einfamilienhäuser im Aufbau prägen neben der wunderschönen Berglandschaft das Bild.

In einem der schon bewohnten Häuser werden wir im Wohnzimmer herzlich empfangen.  Wir treffen Mitglieder der Kommission, die sich für den Aufbau der Häuser einsetzen und diesen koordinieren. Sie stammen aus dem nahegelegenen Sirnak . Zunächst kamen die rund 7.000 vertriebenen Familien in Zelten unter, die auch von dem inzwischen verbotenen medico-Partner Rojava-Verein verteilt wurden. In einer Volksversammlung forderten die Familien bald das Ende der Unterbringung in Zelten und so bildete sich die Kommission aus anerkannten sozialen, politischen und religiösen Vertretern, die für den Bau von Häusern zuständig ist. In die Stadt können sie nicht zurück , dort werden Gebäude errichtet, die nichts mit den ehemaligen Strukturen zu tun haben und die sich die bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner auch nicht leisten können. Entschädigungszahlungen gab es nicht, das Angebot der staatlichen Wohnungsbaubehörde TOKI, dort einzuziehen, würde für viele Familien eine hohe Verschuldung bedeuten. Viele Familien besitzen jedoch noch Grundstücke in den umliegenden Dörfern, aus denen sie 1990 in die Stadt vertrieben wurden. Auf diesen Grundstücken können nun Häuser gebaut werden, viele stellen auch Teile ihrer Grundstücke an Familien kostenlos zur Verfügung, die kein eigenes Land besitzen. Es wird zusammengerückt.

Über 1.000 Familien haben bei der Kommission Bedarf angemeldet. Seit Mai 2017 konnten schon hundert Häuser begonnen oder fertiggestellt werden, 450 weitere sind in Planung. Möglich ist dies allein durch die Unterstützung kurdischer Hilfsstrukturen in der Türkei, die den Kauf von Baumaterial organisieren. Es gibt mehr Anfragen als tatsächlich Häuser gebaut werden können. Die Kommission entscheidet nach sozialen Kriterien, wer als erstes Unterstützung erhält.

Zuerst ein sicherer Ort

Es werden Materialgutscheine ausgeteilt: für Zement, Steine, Fenster, Türen, Elektrizität und Sanitärbedarf. Farbe und Starthilfe zur Grundeinrichtung gibt es nur in den nötigsten Fällen. Umgerechnet kostet ein 60 Quadratmeter großes Haus für eine Familie von sechs bis sieben Personen etwa 3.500 Euro.

Stolz klopft der Vater einer Familie, an die Wand seines neuen Hauses. Alles selbstgemacht. Auch wenn das Dach noch provisorisch aus Holzbalken und beschwerter dicker Plastikfolie besteht. "Wir fühlen uns hier wohl", sagt die alte Frau mit einem traurigen Lächeln im Gesicht. Sie wohnen mit ihren sechs, teils erwachsenen Kindern, in diesem Haus. Gebaut ist es wie die meisten der umstehenden Häuser nach traditioneller Architektur: große Zimmer, die Aufenthalts- und Schlafräume zugleich sind. In Sirnak hatte ihr Haus zwei Stockwerke, berichten sie. Sie sind mit vier anderen Familien geflohen und haben fast ein Jahr gemeinsam in einem Haus in diesem Dorf gelebt. Mit gegenseitiger Hilfe haben sie sich dann ihre Häuser gebaut.

Der Hausbau stehe im Vordergrund, sagen die Vertreter der Kommission auf die Frage, ob denn auch zivile Infrastrukturen wie Cafés, Kulturvereine, Schulen oder Lebensmittelläden geplant sind. Vielleicht eröffne jemand einen kleinen Lebensmittelladen und im Sommer gäbe es unten am Berghang Gemüsebeete und man könne Obst ernten. Schwer werde es im Winter. Man denke über eine Kooperative nach. Aber das ist Zukunftsmusik. Erst einmal müssen die Menschen sich wieder in Häusern einrichten können, das Trauma des Krieges, die Vertreibung und Zerstörung ihrer kompletten Lebensstrukturen verarbeiten. Die alten Lebensformen, der Zusammenhalt und die Solidarität sind Grundbedingungen für die Reorganisierung der eigenen Strukturen und des Widerstands gegen die Unterdrückungsmaßnahmen. Die Menschen lassen sich nicht unterkriegen und wollen bleiben. Das Hayir-Votum zum Referendum hatte in diesen Orten die besten Ergebnisse. Ein klares Zeichen an Erdogan.

Was sich so leicht erzählt, findet unter schwierigsten Bedingungen statt. Die Repression des türkischen Staatsapparates ist auch hier präsent. Die Unterlagen und den Laptop mit den Aufzeichnungen des Projekts holen die Mitglieder der Kommission für das Gespräch aus einem Versteck, das regelmäßig gewechselt wird. Recht nüchtern berichten sie nach dem zweiten Tee, dass am Tag zuvor 65 Leute im Dorf festgenommen worden sind. Dies geschehe öfter. Sie kommen, nehmen die Leute für ein bis zwei Tage mit und fragen, wer die Häuser aufbaue. Das diene der Abschreckung und schüre Angst. Aber juristisch ist die Sachlage klar. "Die Grundstücke gehören uns. Niemand kann uns verbieten, hier Häuser hinzubauen", lautet der selbstbewusste Kommentar.


Die kurdische Frage ist in der Türkei keine Nebensache. An ihr entscheidet sich, ob das Land eine demokratische Zukunft hat, jenseits von ethnischen und religiösen Zuschreibungen. Insofern ist das Projekt zur Wiederansiedlung vertriebener kurdischer Bevölkerung, das medico nun mit lokalen Partnern fördert und um dessen dringende Unterstützung wir sie hier bitten, Teil der großen Auseinandersetzung in der Türkei.

Spendenstichwort: Kurdistan/Türkei


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