Kommentar

Rettung ist überall!

 
Die Hoffnung, durch Abschottung noch einmal davonzukommen, trügt. Von Thomas Gebauer

Die Welt sei aus den Fugen geraten, heißt es heute allenthalben, Gefahren und Risiken überall. Mitunter überschlagen sich die Nachrichten von Kriegen und Terror, von Hunger, Klimawandel und politischer Unvernunft. Für Aufbauendes scheint dann kaum noch Platz zu sein.

Die apokalyptisch anmutende Flut von Katastrophenmeldungen, die uns heute immer wieder entgegenschlägt, könnte ein Weckruf sein; ein Appell zur längst überfälligen Korrektur jener Politik, die für die flagranten Missstände und Schrecken verantwortlich ist. Tatsächlich aber bleibt alles beim Alten. Das „Weiter so!“ dominiert über die Empörung. Verunsicherung macht sich breit; und schließlich das Gefühl, selbst bedroht zu sein. Und aus Ängsten lässt sich bekanntlich Kapital schlagen. Sie sichern nicht nur den Medien die Auflagen, sondern helfen auch Politikern im Kampf um die Gunst der Wählerinnen und Wähler. Wer Bedrohungsszenarien auszumalen und sich darin als zupackender Akteur zu inszenieren versteht, punktet bei denen, die verunsichert sind. Unter der Hand geraten Misstrauen und wehrhafte Abschottung zu gesellschaftspolitischen Zielen.

Das Dispositiv der Sicherheit

Der Sicherheitsindustrie ist das nur recht. „Secu Pedia“, die „Plattform für Sicherheits-Informationen“, beziffert das Volumen der von privater Seite in Deutschland für Sicherheitsdienstleistungen und -produkte ausgegebenen Mittel auf rund 14,5 Mrd. € (Stand 2015). Stolz verweisen einschlägige Fachmessen auf den boomenden Markt. Über 1.000 Anbieter aus 45 Ländern haben zuletzt auf der „Security Essen“, die „Weltleitmesse der zivilen Sicherheit“, ihre Produkte und Innovationen vorgestellt. Darunter intelligente Videoüberwachung, elektronischer Einbruchsschutz, aber auch sog. Smart-Border-Lösungen zur Automatisierung der Einreise an Flughäfen. Unbekümmert werden Gesichtserkennungssysteme beworben, deren Einsatz gegen geltende Datenschutzbestimmungen verstößt.

In den letzten Jahrzehnten ist Sicherheit zu einem alles dominierenden gesellschaftlichen Dispositiv geworden. Es bestimmt den öffentlichen Diskurs, die Ausrichtung der Institutionen, die sozialen Interaktionen, kurzum: die gesamten Lebenswelten. Entsprechend vielfältig sind die Spuren, die das Bemühen um Sicherheit inzwischen im Alltag hinterlassen hat. Sie reichen von überwachten Plätzen, Straßen und Gebäuden, von Kameras in Schulen, satellitengestützter Kontrolle des Verkehrs über chipbewährte Gesundheitsausweise und die erkennungsdienstliche Behandlung beim Grenzübertritt bis hin zur Massenausspähung durch Geheimdienste, die längst in jedem Menschen eine potentielle Sicherheitsgefahr sehen.

Auch in den Köpfen der Ausgespähten hat sich der Sicherheitsdiskurs niedergeschlagen. Aktuelle Umfragen unter Jugendlichen in Deutschland ergaben, dass die Sorge um die innere Sicherheit inzwischen größer ist als die Sorge um die eigene Ausbildung. So erschütternd das Ergebnis, nimmt es angesichts des Elends, das in der Welt herrscht, angesichts all der ungelösten Zukunftsfragen, wachsender sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Auflösungserscheinungen doch nicht wunder. Aber die Hoffnung, durch Abschottung nach außen noch einmal davonkommen zu können, trügt. Denn die Gefahren kommen nicht von außen; sie entstehen im Inneren.

Entfremdung statt Überfremdung

Wer sich von den vielen medial inszenierten Panik- und Crime-Kampagnen nicht den Blick für die Realität verstellen lässt, erkennt die wirklichen Gründe der krisenhaften Entwicklung. Sie wurzelt nicht in vermeintlicher Überfremdung, sondern in realer Entfremdung, mit anderen Worten: in der weit vorangeschrittenen Unterwerfung menschlichen Lebens unter das Diktat einer Ökonomie, die inzwischen auch die Zerstörung des Planeten in Kauf nimmt. Die Krise wird angefeuert durch die Selbstgefälligkeit der Eliten, die den eigenen Vorteil über das Gemeinwohl stellt. Sie wächst mit technologischen Entwicklungen, die Menschen nicht mehr nützen, sondern nur noch „nutzlos“ machen. Sie resultiert aus dem gewalttätigen Wahn von Rassisten und Rechtsextremen, die das „Weltweitwerden“ der Welt, die globale Freizügigkeit, die Begegnung der Kulturen, die geistige Offenheit in der irrationalen Enge überkommener Nationalismen ersticken wollen.

Die Lage wäre hoffnungslos, träfe diese Entwicklung nicht immer noch auf weltweiten Einspruch: einen Einspruch, der allerdings selten lautstark von sich reden macht, sondern zuallererst im Leiden der Leute zum Ausdruck kommt. Einem Leiden, das sich zwar am Widerspruch zu den Verhältnissen entzündet, aber meist nur individuell erlebt wird. Dieses Leiden „beredt werden zu lassen“, wie Adorno gefordert hat, ihm zu einer gesellschaftlichen Virulenz zu verhelfen, ist die Bedingung aller Wahrheit.

Mit einer Instrumentalisierung von Ängsten hat das nichts zu tun. Gefordert ist nicht die Dramatisierung der Schrecken, sondern deren Skandalisierung. Nicht gesellschaftlicher Thrill ist gefragt, sondern Verständnis für das Leiden; nicht Abschottung, sondern Gerechtigkeit. Nicht der aufwendigsten Sicherheitstechnologie wird es jemals gelingen, die Gefahren und Risiken der Gegenwart dauerhaft zu externalisieren, d.h. sie auf andere abzuwälzen und auf diese Weise unsichtbar zu machen. Zu Ende gedachte Abschottung mag sich gut für dystopische Hollywood-Phantasien eignen, im wirklichen Leben aber führt sie in die Irre.

Die Idee einer anderen Globalität

Rettung sieht anders aus, und als Möglichkeit ist sie überall gegeben. Sie zeigt sich dort, wo sich Menschen ihrer selbst bewusst werden und die Dinge selbst in die Hand nehmen. So beispielsweise in São Paulo, wo die brasilianische Bewegung der Wohnungslosen leer stehende Hochhäuser in Wohnraum umwandelt. Sie scheint auf im bewundernswerten Bemühen afghanischer Studierender, die sich inmitten von Krieg und Krise und ohne Rückgriff auf funktionierende Bibliotheken mit Kritischer Theorie auseinandersetzen. Sie lässt sich entdecken in den Gedichten, mit denen geflohene Jugendliche ihr Leid und ihre Wünsche zu Papier bringen. Sie lebt im mutigen Widerstand von Kleinbauern, die ihren Grund und Boden gegen Landraub und Extraktionswirtschaft verteidigen.

Dazu trafen sich Ende Oktober 2017 in Genf mehr als 200 Vertreterinnen und Vertreter von „grassroot“-Organisationen, Selbsthilfegruppen, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen aus aller Welt, deren Lebensumstände von transnationalen Konzernen in Mitleidenschaft gezogen wurden und werden. Gemeinsam drängen sie auf eine regulative Einhegung des Kapitalismus über ein rechtlich bindendes Abkommen, das Unternehmen weltweit dazu verpflichtet, die Rechte der Menschen zu respektieren. Das Verbindende solcher „Inseln der Vernunft“ ist die Idee einer andern Globalität - einer Lebensweise, die sich nicht auf Konkurrenz und Zerstörung stützt, sondern auf Mitgefühl, Neugier und Kreativität.

Aber noch etwas verbindet diese Initiativen: sie finden allesamt so gut wie gar nicht mehr in unseren Medien statt. Die Arbeit an neuen Konzepten, die Mühen des sozialen Engagements, der langsame und von Rückschlägen behaftete Prozess der Umsetzung von Alternativen - all das ist für eine medial gestützte Öffentlichkeit, die auf das Spektakuläre abonniert ist, wenig interessant. Und so muss man genauer hinsehen, um das Rettende in der Welt zu entdecken. Die Welt mag aus den Fugen geraten sein, aber sie ist noch immer bunt, vielfältig und voller Widersprüche. Und in eben diesen Widersprüchen lauert auch die Möglichkeit von Befreiung. Das Rettende ist überall.


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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